Piercing – Geschichte, Verbreitung und Formen

Dr. Utz Anhalt
Piercing bezeichnet das Durchstechen der Haut, von Fett und Knorpelgewebe, vor allem, um Schmuck hindurch zu stecken. Belege dafür gibt es bereits aus der Steinzeit Europas und Afrikas. Neben Ästhetik ging es dabei vor allem um Abgrenzung zu anderen Gruppen, Stämmen und Ethnien, um religiöse Riten, um Initiation und die Definition des Status in der Gesellschaft. Das heutige Piercing in westlichen Ländern wurde indessen erst seit den 1990er Jahren zur Massenkultur.

Ein globales Phänomen

Indigene in Amerika, Afrika und Eurasien schmückten sich mit Stäben und Ringen in Ohrläppchen, Nasenflügel, Lippen oder Genitalien. Dazu nutzten sie Materialien wie Holz, Perlmutt, Ton oder Knochen, Gold oder Silber. Indios in Südamerika durchstachen Zunge, Wangen, Ohren und die Geschlechtsteile ausdrücklich als Opfergabe an die Götter.

Seit Jahrtausenden von Jahren praktizieren eine Vielzahl Kulturen und Ethnien das gezielte Durchstechen von Haut- und Körperstellen, um z.B. an Nase oder Ohren Schmuck anzubringen. (Bild: erichon/fotolia.com)

Sonnentänzer der Natives in Nordamerika durchstechen die Haut an Brust und Rücken, führen mit Schnüren verknüpfte Holzstäbe hindurch, binden diese an einen Baum und tanzen ohne Nahrung und Wasser, bis sie vor Erschöpfung zusammen brechen. Auch hier handelt es sich um einen religiösen Akt.

Piercing im Westen

In den USA und Europa blieben Piercings, abgesehen von Ohrringen bei Frauen, bis in die 1980er Jahren ein Kennzeichen von Subkulturen. So dienten Ohrringe im rechten Ohrläppchen seit den 1970er Jahre als Merkmal von männlichen Homosexuellen. In Aschaffenburg praktizierte der Tätowierer Horst Heinrich Streckenbach bereits in den 1940er Jahren das Durchstechen von Körperteilen und anschießende Einsetzen von Schmuck.

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In den 1980ern etablierte sich in den USA die Subkultur der Modern Primitives, die sich auf Bräuche der so genannten Naturvölker bezog. Piercing, aber aber auch Ziernarben, Cutting oder Branding, zitierten nicht nur indigene Kulturen, sondern dienten auch ausdrücklich dazu, sich als „Stadtindianer“ von der westlichen Industriekultur abzugrenzen.

Diese Modern Primitives standen in Kontakt mit American Natives, deren Elder Ones sahen die Aneignung traditioneller Aspekte indianischer Kulturen indessen skeptisch. Später zogen sich Anhänger der so genannten Crust Punk Bewegung bewusst von der amerikanischen Mainstreamkultur zurück, gründeten Bauwagensiedlungen an der mexikanischen Grenze, lebten vegan, ließen sich die Haare verfilzen und piercten sich die Haut.

Bei der BDSM-Kultur stand das Motiv der Schmerzen beim Durchstechen von Haut- und Körperstellen im Vordergrund, und bis in die 1990er Jahre fand die Durchführung hier weitgehend im Verborgenen statt, da diese Subkultur den Nimbus des „Perversen“ hatte. In den 1990er Jahren trat BDSM jedoch aus der Nische des Verrufenen hervor und mischte sich mit der Punk-, Metal- und Gothic-Szene. Piercings wurden jetzt eine Mode der Massen.

Anfang der 1990er galten Brustwarzen- und Bachnabelpiercing noch als ungewöhnlich, und auch mehr und mehr „Normalos“ reizte dieser extraordinäre Körperschmuck. Schmuck an den Genitalien und der Zunge blieb hingegen noch weit gehend auf Subkulturen beschränkt.

Piercings im Bauchnabel etablierten sich bei uns erst im Laufe der 1990er Jahre. (Bild: Yolanda Di Mambro/fotolia.com)

Piercings, Cuttings, Brandings

In den USA war die Entwicklung hingegen weiter fortgeschritten, und in dortigen Subkulturen ging die Entwicklung auch wegen der Verbreitung von Piercings im Mainstream in eine immer extremere Richtung: Wer als „Gothic“, „SM-Freak“ oder „Vampir“ etwas auf sich hielt, versuchte sich jetzt mit Cuttings, Brandings, unter der Haut eingeführten Kugeln oder zumindest mit Schmuck, der Eichel oder Klitoris durchstach. Spätestens, als Tekkno Millionen von Jugendlichen erreichte, waren Piercings und Tätowierungen ein Must-have.

Heute ist diese Form von Körperschmuck in Deutschland weit verbreitet. Umfragen zufolge tragen 9 % der Frauen mindestens eins am Körper und immerhin 3 % der Männer, von den Männern dabei 9,3 % aller 25 bis 34 Jährigen. Das häufigste Piercing ist nach wie vor der Ohrring, danach folgen Ringe, Stäbchen, Kugeln etc. im Bauchnabel und Nasenflügel.

Differenzen unter den Gepiercten

Die Auswahl, Menge und Form ist dabei innerhalb der generellen Piercingsmode wiederum Trends unterworfen. Zum einen gibt es große Unterschiede zwischen den Individuen. Diese reichen von der Sachbearbeiterin beim Ordnungsamt, die ein Bauchnabelpiercing trägt, von dem nur ihr Intimpartner weiß, bis zum Straßenpunk, der der dutzende von Metallstücken im Gesicht trägt und damit von vorneherein signalisiert, dass er für eine bürgerliche Erwerbslaufbahn nicht zur Verfügung steht.

Während indessen in den 1990er das Durchstechen von Augenbrauen-, Bauchnabel- und Zunge modern wurde, wobei letzteres eine besondere „Härte“ ausdrückt, sind Brauen- und Zungenpiercings derzeit nicht allzu gefragt. Auch entfernten viele Träger und Trägerinnen die Schmuckstücke an diesen Stellen, da sie auf Dauer störten. Hingegen sind heute erweiterte Ohrläppchen Fashion, außerdem der Labret und das Septumpiercing. Vor allem Intimpiercings nehmen zu.

Heute liegen vor allem geweitete Ohrlöcher („Flesh Tunnel“) und Septum-Piercings im Trend. (Bild: Sinuswelle/fotolia.com)

Virtuelle Nacktheit

Intimpiercings gehen einher mit der weit verbreiteten Mode, sich nicht nur die Achsel-, sondern auch die Schamhaare abzurasieren. Soziologen erklären dies unter anderem mit der Allgegenwart der Pornografie im Internet.

Die Genitalien gelten deshalb im Unterschied noch zu den 1990er nicht mehr als ein vor der Öffentlichkeit verborgener Bereich, sondern als ein Blicken zugänglicher, der deshalb auch ästhetisiert wird. Genitalpiercings gehören zum öffentlichen Auftreten ebenso dazu wie Makeup oder Frisur. So sind bei Frauen Piercings am Venushügel beliebt, die in den 1990er Jahren noch vor allem zur BDSM-Szene gehörten.

Das Paradoxe daran ist, dass das Piercing dabei auf eine gewisse Art die Nacktheit bekleidet: So dienen die Schmuckstücke bei Indigenen, die nur wenig Kleidung tragen, genau dazu, ihren Körper im Wortsinne zu kultivieren, also zum Objekt der kulturellen Gestaltung zu erheben und gerade nicht „wie die Tiere“ nackt zu sein.

Massenkultur und Abgrenzung

Piercings fehlt heute das wesentliche Element für das Durchstechen der Körperhaut bei Punks, Crust Punks oder Modern Primitives: Sie sind kein Teil der Gegenkultur, sondern der „Normalkultur“.

Die Gegenkultur verbindet vieles mit indigenen Kulturen: Auch hier grenzen sich die Mitglieder einer Subkultur von anderen ab; auch hier ist das Durchstechen von Haut- und Körperstellen und Anbringen von Schmuck ein Initiationsritus; bei beiden definieren Piercings den gesellschaftlichen Status. Im Mainstream angekommen, sind sie hingegen „nur noch“: Schmuck. Nur in Kombination mit anderen Symbolen und/oder durch Extremformen ermöglichen sie Abgrenzung wie Selbstausdruck. (Dr. Utz Anhalt)