Adipositas bei Jugendlichen: Wie Teenager Pfunde verlieren

Sebastian
Nie wieder Apfelschorle: Dicke Kinder kämpfen gegen ihr Übergewicht
Es gibt immer weniger dicke Kinder, aber mehr extrem dicke Kinder. Zu diesem Ergebnis kam eine deutsche Studie im vergangenen Jahr. Manche Gesundheitsexperten warnen mittlerweile sogar vor einer regelrechten Adipositas-Epidemie. Ein spezielles Programm am Hannoveraner Kinderkrankenhaus hilft Kindern und Jugendlichen beim Abspecken.
Immer mehr extrem dicke Kinder in Deutschland
Ein internationales Forscherteam berichtete vor wenigen Monaten, dass die Zahl der Kinder mit Fettleibigkeit in vielen Ländern der Welt dramatisch zugenommen hat. In Deutschland machen sich Experten vor allem Sorgen wegen der Zunahme von Adipositas bei Kindern. Viele adipöse Kinder haben Krankheiten, die normalerweise nur Erwachsene haben: Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Gelenkprobleme. Bei Fettleibigkeit kann es bereits im Kindesalter zu Gicht oder Fettleber kommen. Im Erwachsenenalter sind adipöse Kinder zudem gefährdeter einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Um Fettleibigkeit vorzubeugen, wird neben einer Ernährungsumstellung, die mit weniger Fett und Zucker auskommen soll, in der Regel auch zu mehr Sport für Kinder geraten. Am Kinderkrankenhaus Hannover gibt es ein spezielles Programm, das Kindern und Jugendlichen hilft, Pfunde los zu werden.

Wie dicke Kinder auch dünn werden können. Bild: kwanchaichaiudom - fotolia
Wie dicke Kinder auch dünn werden können. Bild: kwanchaichaiudom – fotolia

Gesünderes Ernährungs- und Bewegungsverhalten
Einer der an diesem Programm teilnimmt, ist David. Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet war der Junge schon in der Grundschule pummelig und wurde von Mitschülern manchmal „Rollmops“ genannt. Mit zwölf Jahren entschloss er sich, grundlegend etwas zu ändern: „Man hat es leichter im Leben, wenn man weniger Kilos mit sich herumschleppt.“ Seit dem Frühjahr speckt er mit Hilfe des Programms für stark übergewichtige 8- bis 17-Jährige ab. Allerdings sollen in diesen Kursen am Kinder- und Jugendkrankenhaus Auf der Bult in Hannover nicht nur die Pfunde purzeln. Ein wichtiges Ziel ist, die ganze Familie zu einem gesünderen Ernährungs- und Bewegungsverhalten zu motivieren.

Krankheitsrisiko durch starkes Übergewicht
Die Deutschen werden allgemein immer schwerer. Mehr als die Hälfte der Erwachsenen ist übergewichtig – Tendenz steigend. Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) zufolge waren 2007 etwa 15 Prozent der Drei- bis 17-jährigen zu dick. Rund sechs Prozent litten unter Adipositas; bei den 14- bis 17-Jährigen waren es sogar acht Prozent. Betroffene müssen nicht nur oft Hänseleien ertragen und sind seelisch belastet, sondern haben dadurch ein deutlich höheres Krankheitsrisiko. Folgen können unter anderem Diabetes, Haltungsschäden, nächtliche Atemaussetzer, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder sogar Krebs sein. Beim Übergewicht spielt Studien zufolge die genetische Veranlagung eine große Rolle. Forscher schätzen den Einfluss der Gene auf 50 bis 90 Prozent. Daher haben manche Jugendliche, die massenweise süße Getränke konsumieren, lediglich Zahnprobleme, während andere massiv an Gewicht zulegen.

Wasser statt Apfelschorle
Das Kinderkrankenhaus in Hannover bietet die sogenannten Kick-Kurse für adipöse Jungen und Mädchen bereits seit zehn Jahren an. „Kick“ steht dabei für Kindergewicht intensiv Coaching im Krankenhaus. Das Programm, das über ein Jahr läuft, ist von der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kinder- und Jugendalter zertifiziert. „Leider bieten bisher viel zu wenige Kliniken zertifizierte Programme an“, sagte Chefarzt Thomas Danne. Voraussetzung für die Aufnahme in das Programm ist die aktive Mitgliedschaft in einem Sportverein. Anfangs gibt es jede Woche ein bis zwei Schulungsnachmittage. Einmal wöchentlich steht ein Sporttraining mit den anderen Kursteilnehmern an. David hat dabei enorme Erfolge erzielt. Innerhalb eines halben Jahres hat er fünf Kilo abgenommen und gilt nun nicht mehr als adipös, sondern nur noch als leicht übergewichtig. „Bei uns zu Hause gibt es statt Apfelschorle jetzt Wasser und keinen Süßigkeiten-Teller mehr“, so der Zwölfjährige.

Aufklärung über Zucker- und Fettgehalt von Lebensmitteln
Bei dem Programm werden die Eltern von einer Diätassistentin über den Zucker- und Fettgehalt von Lebensmitteln aufgeklärt. Verbunden ist dies mit praktischen Ratschlägen, wie etwa Apfelschorle durch Wasser oder Mortadella durch fettarmen Kochschinken zu ersetzen. Veranschaulicht wird zudem der Zuckergehalt von Getränken. Mütter und Väter staunen oft, wenn sie hören, wie viel ungesunder Zucker in Eistee steckt: 28 Zuckerstücke sind in einem Liter enthalten. Die Diätassistentin erklärte außerdem: „Milch ist kein Getränk, sondern eine Mahlzeit.“

Experten fordern mehr Schulsport
Beim Thema Adipositas sieht der Ärztliche Leiter des Kick-Programms, Thomas Danne, aber nicht nur die einzelne Familie in der Verantwortung. „Wir müssen gesundes Leben leichter machen“, so der Diabetes-Experte. Dazu gehöre eine verständliche Lebensmittel-Kennzeichnung, zum Beispiel mit Hilfe einer Ampel, bei der die Produkte unter anderem nach ihrem Zucker-, Fett- und Salzgehalt als rot, gelb oder grün eingestuft werden. Manche Experten sprechen bereits von einer Adipositas-Epidemie. Um diese einzudämmen, fordert unter anderem die Deutsche Adipositas-Gesellschaft mehr Sportunterricht in der Schule.

Übergewichtige Kinder scheuen diesen jedoch oft. So auch die 15-jährige Annika aus Hohenhameln im Landkreis Peine: „Joggen im Schulsport habe ich früher gehasst, jetzt geht es viel besser“ sagte die Zehntklässlerin, die den Kick-Kurs bereits beendet und deutlich abgenommen hat. Auch wenn sie niemals „Modelmaße“ haben werde, erklärte sie selbstbewusst: „Ich messe mich nicht mit anderen.“ Auch nach Abschluss ihres Kick-Kurses treibt sie weiter Sport. Vor kurzem hat Annika Stand Up Paddling auf einem schwimmenden Stehpaddel-Brett ausprobiert. „Ich hatte Angst, dass sie beim Abnehmen eine Essstörung entwickeln könnte“ sagte die Mutter der 15-Jährigen. Doch ihre Tochter sei toll psychologisch unterstützt worden. „Sie hat nicht nur abgenommen, vor allem strahlt sie jetzt mehr.“ (ad)