Patienten auf Intensivstationen leiden an Stress und Lautstärke

Sebastian
„Adaptive Healing Room“ soll Stress für Patienten auf Intensivstationen reduzieren
Auf der Intensivstation herrscht häufig eine unangenehme Geräuschkulisse: Es piept und rattert, ständig laufen Schwestern, Pfleger und Ärzte in die Zimmer, um die Patienten zu versorgen. Bei den schwerkranken Betroffenen löst das häufig Stress aus, der sich negativ auf den Krankheitsverlauf auswirken kann. Ein neues intelligentes Raum- und Alarmkonzept für Intensivstationen soll das zukünftig verhindern. In der Berliner Charité und der Uniklinik Münster (UKM) wurden sogenannte „Adaptive Healing Room“ eingerichtet, die eine beruhigende Wirkung auf die Patienten haben sollen.

Im „Adaptive Healing Room“ der Intensivstation wird Sonnenlicht simuliert
Auf Intensivstationen herrscht Hochbetrieb, denn die Schwerkranken müssen rund um die Uhr versorgt werden. Nicht selten brennt auch nachts das Licht, was bei den Patienten häufig dazu zu führt, dass sie einen gestörten Tag-Nacht-Rhythmus entwickeln. Auch die Geräuschkulisse ist mit etwa 85 Dezibel hoch. Das entspricht einer belebten Straße aus fünf Meter Entfernung.

Zu viel Stress und Lärm für Patienten auf der Intensivstation. Das soll sich ändern. (Bild: Tyler Olson - fotolia)
Zu viel Stress und Lärm für Patienten auf der Intensivstation. Das soll sich ändern. (Bild: Tyler Olson – fotolia)

Ein neues Raumkonzept soll den Stress von Intensivpatienten deutlich verringern und einen positiven Effekt auf den Krankheitsverlauf haben. In der Berliner Charité wurde bereits vor rund achtzehn Monaten ein sogenannter „Adaptive Healing Room“ eingerichtet. In der Uniklinik Münster wurden ebenfalls zwei Zimmer der Intensivstation für rund 85.000 Euro entsprechend umgebaut. Die Räume sind freundlich in Orange-Gelb gehalten und alle Anschlüsse für Computer, Sauerstoff und Medikamentenpumpen sind hinter einer Wandvertäfelung versteckt. „Durch Licht einer bestimmten Wellenlänge wird zum Beispiel Sonnenlicht simuliert, sodass im Körper Botenstoffe freigesetzt werden“, erläutert Prof. Björn Ellger, Leiter der operativen Intensivmedizin. „Diese können positiv für den Heilungsverlauf sein.“

Der Patient schaut zudem auf eine Multimedia-Wand, die abhängig von seiner Stimmung Fotos von der Familie des Kranken, vertraute Landschaften oder beruhigende Wellen am Strand zeigt.
„Solche Projektionen geben Orientierung über Zeit, Ort und Tagesplanung. Das vermittelt dem Patienten Sicherheit“, so Ellger. „Außerdem wird durch all diese Maßnahmen die von Patienten und ihren Angehörigen auf Intensivstationen oft als bedrohlich empfundene Atmosphäre verbessert.“

„Adaptive Healing Room“ kann Delir verhindern
Im „Adaptive Healing Room“ steht der Schwerkranke im Vordergrund. „Uns geht es speziell um Patienten, die ein hohes Risiko tragen, ein Delir zu entwickeln“, erläutert Professor Hugo Van Aken gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Das betreffe etwa 20 Prozent aller Patienten, bei den über 65-Jährigen fast die Hälfte, so der Intensivmediziner. Das Delir sei eine Folge von Unruhe und Geräuschkulisse und äußere sich unter anderem dadurch, dass der Betroffene Unsinn rede oder aus dem Bett falle. „Uns ist es deshalb ein großes Anliegen, die delir-auslösenden Faktoren für unsere Patienten weitestgehend zu minimieren“, betont Prof. Norbert Roeder, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des UKM.

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Professor Uwe Janssens von der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin befürwortet die neuen Raum- und Alarmkonzepte des „Adaptive Healing Room“. Es sei zwar noch nicht erwiesen, dass durch ein verbessertes Umfeld die Patienten länger lebten, aber dass Lärm und Stress keinen positiven Effekt hätten, sei klar. „Wer Lärm reduziert, erhöht automatisch die Sicherheit“, so Janssens gegenüber der Nachrichtenagentur. Ökonomische Zwänge führten jedoch insbesondere in kleineren Häusern zu erheblichen Problemen bei der Umsetzung der neuen Modelle.

Intensivmediziner Professor Bernd Böttiger von der Uniklinik Köln betont zudem gegenüber der Agentur, dass es sehr schwer sei, die Stressbelastung zurückzufahren. Große Fenster, durch die Patienten auf Kirschbäume schauen, und Pflegepersonal, das nachts nur mit Taschenlampen in die Zimmer geht, seien Maßnahmen, die in seiner Klinik zur Stressreduktion ergriffen würden. (ag)