Eine Kräuterspirale anlegen

Sebastian
Die Kräuterspirale erfand der Australier Bill Mollison 1978 als Permakultur. Sein Vorbild waren die Sandbilder der Aborigines. 1988 veröffentlichte er „Permaculture: A designer´s manual“ und umriss darin die universelle Bedeutung der Spirale in der Natur und als Symbol bei so genannten Naturvölkern. Seine Kräuterspirale machte weltweit Furore und ist heute bei Klein-, Kräuter- und Profigärtnern weit verbreitet. 

Spiralen

Eine Spirale, von lat. Spira ist ein in Schneckenlinie gewundener Körper, eine gekrümmte Linie, die um einen festen Punkt, eine Achse, läuft. Die Spirale findet sich in magischen Tunneln, schamanischen Bildern als zentrales Element, bei den Hopi in Arizona ebenso wie bei Schamanen Sibiriens. In der Natur sind Spiralen in Pflanzen zu finden, bei Schnecken, Windhosen, Wasser wirbeln und die Galaxien des Weltalls sind meist spiralförmig – ebenso die DNA. Schrauben halten durch ihre Spiralform, Wendeltreppen verlaufen in einer Spirale. Die Spirale ist ein Sinnbild für dem Weg vom Diesseits in das Jenseits, von der sichtbaren und die unsichtbare Welt.

So wird eine Kräuterspirale angelegt. Bild: FRÜH - fotolia
So wird eine Kräuterspirale angelegt. Bild: FRÜH – fotolia

In der Naturwissenschaft handelt es sich bei der Spirale um einen Halbstrahl, der sich in einer Ebene um seinen Endpunkt dreht, wobei sich auf dem Halbstrahl ein Punkt mit gleichförmiger Geschwindigkeit bewegt, so Archimedes – eine Kurve aus Windungen um einen festen Punkt.

Die Spirale ist ein Symbol für die Schöpfung, weil der Weg in die Spirale hinein und aus ihr hinaus für den Weg in die Welt, der Geister, der Götter, des Universums steht, vom Leben in den Tod, vom Tod in das Leben. Die Spirale ist das Sinnbild des Irrens und Wiederfindens. Christliche Kathedralen bilden ebenso Spiralen ab wie keltische Ornamente, griechische Säulen wie Schmuck aus der Bronzezeit. Kreis, Einfach- Doppel- Vielfachspiralen prägen die älteste Kunst, Felszeichnungen und Keramik.

Navajos malen Sandbilder in Spiralform. Ihre Pueblo-Nachbarn tanzen zum Beginn des neuen Jahres Spiraltänze. Die Mayas sahen in der Wintersonnenwende den festen Punkt der Spirale. Sie verhalfen der Sonne auf ihrem Weg mit einem Ballspiel, das den Kosmos darstellte. In Indien ist die Spirale das Symbol der Wiedergeburt, psychologisch betrachtet steht sie für Erneuerung dadurch, zu den Wurzeln zurückzukehren.

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Die Ursache der symbolischen Bedeutung mag in der Beobachtung der Spiralen in elementaren Lebensprozessen liegen: Die Windungen des Gehirns sind spiralförmig; die Därme ebenfalls. Nahrung einführen, verdauen und ausscheiden, wobei aus den Ausscheidungen neues Leben entsteht, spiegelt den Lebensprozess.

Die Kräuterspirale

Eine Spirale spricht unser Unbewusstes also auf besondere Weise an. Auch deswegen eignet sie sich als Form für ein Kräuterbeet. Doch eine solche Kräuterspirale hat auch einen praktischen Nutzen: Sie ermöglicht, auf engstem Raum Pflanzen aus verschiedenen Klimazonen zu ziehen.

Eine solche Spirale schlingt sich um einen Steinhaufen von unten nach oben. Ideal ist ein Teich an der Südseite. Das Wasser sorgt für ein feuchtes Mikroklima und reflektiert zusätzlich Licht und Wärme. Dieser „Fuß“ der Spirale ist für Kräuter gedacht, die Feuchtigkeit lieben: Waldmeister, Liebstöckel, Zitronenmelisse und Minze. Direkt am „Teich“ wächst die pikant schmeckende Brunnenkresse, im Teich die leckere Wassernuss.

Ja nach Platz können wir einen „richtigen“ Teich anlegen, mit Teichfolie und Uferbefestigung aus Steinen. Einfacher, und für die Praxis geeigneter, ist aber ein „Balkonteich“. Dafür braucht man zuerst eine alte Tonne; ein Holzfass ist schön, eine Zementwanne erfüllt aber den gleichen Zweck. Wir heben ein Loch in der Tiefe und Größe dieser Tonne aus. Den Rand können wir mit einem Erdwall von circa 20 cm Höhe umgeben und mit Steinen befestigen. Um den Erdwall zu verwurzeln, bietet sich Schnittlauch an. Dann mischt man Sand mit Lehm, füllt bis zur Hälfte auf, gießt Wasser bis unter den Rand und setzt Sumpf-Pflanzen hinein. Dafür eignen sich schwimmende Pflanzen wie Froschbiss oder Laichkraut. Schwertlilien sind ein Augenfang. Man lässt sie am besten im Topf.

Kräutergärtner sind hoffentlich ökologisch orientiert und sorgen sich auch um die Tierwelt: Wasserflöhe gibt es im Aquarien-Handel, Wasserschnecken ebenso; die Wasserläufer, Käfer, Florfliegen und Libellen kommen von allein. Eine Wurzel, ein Stein oder Rinde können als Einstieg dienen. Molche, die in den Steinen der Spirale Unterschlupf finden, laichen idealerweise vor Ort.

Der Teich gibt Feuchtigkeit, die aufsteigende Steinmauer spendet Schatten. Auf kleinster Fläche wird die Spirale Ansprüchen von feucht-schattig, über halbfeucht-halbschattig bis zu sonnig-trocken gerecht.

Der Mittelteil der Spirale besteht aus Humus, also Komposterde. Der Boden ist durchlässiger als in der Feuchtzone. Er liegt vor allem im Halbschatten. Geeignet sind Koriander, Estragon, Kümmel, Oregano,Schnittlauch, Pimpinelle oder Dill. Aber auch Borretsch (Vorsicht, er wuchert), Fenchel, Wermut, Kerbel, Sauerampfer, Kapuzinerkresse und Rucola wachsen hier bestens.

Den Oberteil der Spirale bildet die Trockenzone. Der Humus wird hier mit Sand durchmischt; der Boden ist durchlässig und mager. Wasser fließt schnell ab. Kräuter sind direkt der Sonne ausgesetzt. Hier gedeihen Kräuter des Mittelmeeres: Salbei, Ysop, Bergbohnenkraut, Thymian, Lavendel, Rosmarin und Currykraut.

Der Aufbau

Für eine Kräuterspirale sucht der Gärtner zuerst einen sonnigen Platz von mindestens 2 qm. Mit Pflöcken stecken wir den Grundriss der Spirale ab – die Windung nicht vergessen. Eine Schnur verbindet die Pflöcke zur Übersicht. Dann heben wir im unteren Bereich die Erde 30 cm ab.

Die Mauer errichten wir als Trockenmauer. Die Steine werden als ohne Mörtel aufeinander gestapelt. Welche Steine wir verwenden, bleibt dem Geschmack überlassen. Feldsteine und Schiefer sehen zwar natürlich aus, Mauer- , Klinker- und Ziegelsteine erfüllen aber den gleichen Zweck. Die Steine stapeln wir versetzt aufeinander; die Mauer sollte unten ungefähr 60 cm hoch sein und sich bis zur Mitte auf einen Meter hoch winden. Die versetzten Steine halten nicht nur die Spirale stabil, sie bieten auch Lebensraum für Insekten, Asseln, Spinnen und Molche.

Für die Spirale ziehen wir die Steine treppenartig nach oben, das heißt, wir beginnen bei der Feuchtzone und lassen bei jeder Außenreihe einen Stein aus. So entsteht eine Steigung. Untern bleicht die Spirale so flach, nach oben hin wird sie steiler.

In die entstehende Spirale füllen wir als Grund Kies oder Schotter, unten nur eine dünne Schicht; den Mittelteil füllen wir zur Hälfte mit kleinen Steinen. Bims, grober Sand und Lava eigent sich bestens. Diese Schicht dient der Drainage: Die Mittelmeerkräuter sind trockene Sommer gewöhnt, bei Staunässe sterben ihre Wurzeln ab. Die Drainage wird von oben nach unter angelegt: Wasser fließt so zu den Pflanzen am Boden, die Nässe lieben.

Auf die Kiesschicht füllen wir Erde. Unten nehmen wir normale Gartenerde und reichern sie mit Kompost an. In der Mitte verwenden wir Gartenerde ohne Kompost, und den „Mittelmeerteil“ füllen wir mit einem Gemisch aus Kies, Kalkstein, Sand und Erde.

Pflanzen und Pflegen

Die Kräuterspirale bietet Platz sowohl für ein- wie auch mehrjährige Pflanzen. Basilikum und Dill müssen wir jedes Jahr neu pflanzen; Lavendel, Minze und Zitronenmelisse hingegen treiben jedes Jahr aufs neue aus und wuchern. Die Pfefferminze pflanzt sich unterirdisch fort und wird schnell zum Fluch – so lecker sie auch schmeckt und so wichtig sie als Heilkraut ist. Das gleiche gilt für Zitronenmelisse. Bei Minze und Zitronenmelisse ist es deshalb ratsam, sie in einem bodenlosen Topf einzusetzen, damit sie den anderen Kräutern nicht den Raum nehmen. Salbei wächst in die Höhe und Breite. Wir pflanzen ihn in Ecken, so dass er nicht ausufert.

Wir pflanzen im Frühjahr, aber bereits spätestens Ende Februar schneiden wir zurück. Lavendel, Thymian und Salbei verholzen. Je mehr von dem Holz wir wegschneiden, um so besser sprießt das Grün.

Sollen die Kräuter gedeihen, gilt das gleiche wie sonst im Garten auch: Die hohen und robusten nehmen den Sensibelchen die Erde, das Wasser und die Sonne. Schnittlauch und Knoblauchkraut vertragen sich bestens, Schnittlauch und Petersilie ist für die letzte das Todesurteil.

Basilikum, Majoran und Dill harmonieren; Borretsch und Petersilie sind ein Herz und eine Seele. Dill und Salbei können sich nicht leiden, Kümmel und Fenchel hassen sich, Kerbel und Koriander sind wie Feuer und Wasser.

Gießen und Düngen

Die Kräuterspirale ist zwar eine Permakultur, deren Drainage den Regen als Gießkanne nutzt; anfangs müssen wir aber aufmerksam gießen, und zwar ein Mal pro Woche. Wir beginnen von oben und gießen nach unter hin immer mehr. Im zweiten Jahr gießen wir nach Bedarf, also wenn Kräuter schlapp werden und sich verfärben, oder wenn länger der Regen ausbleibt. Ist das „System“ Kräuterspirale aber erst einmal am Laufen, gießen wir nur noch gelegentlich den unteren Bereich – das Wasser zieht sich allein nach oben.

Die Drainage müssen wir im Blick behalten. Wenn der Boden sich verhärtet, dringt nicht genug Wasser zu den Wurzeln. 1 mal pro Monat harken reicht.

Chemischer Dünger ist im Naturgarten No Go und verändert zudem den Geschmack einiger Kräuter. Wir düngen ein Mal im Frühjahr und ein Mal im Herbst mit Kompost.

Winterpflege

Viele Kräuter vom Mittelmeer sind nicht winterhart. Wir können sie in Töpfen in Gartenhütte oder Wintergarten überwintern lassen oder sie mit Kübeln aus Styropor, einem Gartenvlies, Reisig oder Laub schützen.

Auch im Winter brauchen Pflanzen Wasser, und viele vermeintlich erfrorene Kräuter sind in Wirklichkeit verdurstet. An frostfreien Tagen gießen wir also insbesondere in der Feuchtzone.

Trockenmauern und Feldsteinbeet

Wer keinen geeigneten Platz für eine Kräuterspirale findet, kann mit einer Trockenmauer und einem Hochbeet den gleichen Erfolg erziehen. Eine Kräuterspirale ist nämlich nichts anderes als eine spiralförmige Trockenmauer – und wird eine solche Mauer eingesetzt, um den Garten abzugrenzen, nimmt sie keinen Platz weg. In einem Hochbeet können wir Kräuter ziehen, die viel Sonne brauchen.

Wer hingegen viel Platz hat, kann statt einer Kräuterspirale auch ein Feldsteinbeet anlegen. Auf ebener Erde sorgen große Natursteine für das gleiche Wechselspiel von Sonne und Schatten, Kälte und Wärme wie die Schichten der Spirale. Wem die Spirale zu aufwändig ist, kann auch einen Lesesteinhaufen aufschütten. Dazu kippen wir aufgelesene Feldsteine auf einen Haufen und reichern diesen mit den gleichen Erdmischungen wie die Spirale an.

Artenschutz und Apotheke

Für die Spirale gilt das gleiche wie für andere Trockenmauern: Sie sind wichtige Lebensräume für bedrohte Tierarten. Schlingnattern, Eidechsen, Blindschleichen, Erdkröten, Wildbienen, Steinschreckenund Laufkäfer lieben sie. Achten wir darauf, dass Spalten, Ritzen und Hohlräume zwischen den Steinen bleiben, dann können wir Heckenbraunelle, Rotkehlchen und Zaunkönig beim Insekten suchen beobachten.

Außerdem schützen Trockenmauern den Boden, weil ihre Drainage das Wasser bremst und so die Erosion aufhält. Das Wasser versickert langsam und die Wurzeln nehmen es ebenso langsam auf. Die Lücken zwischen den Steinen sorgen dafür, dass das Wasser nicht auf die Mauer drückt.

Trockenmauern waren in der kleinteiligen Landwirtschaft weit verbreitet, heute sind die meisten der Flurbereinigung zum Opfer gefallen. Wer eine Kräuterschnecke mit Natursteinen anlegt, dient also auch dem Natur- und Artenschutz. Dem helfen wir zusätzlich, indem wir unsere Küchenkräüter mit Naturpflanzen ergänzen: Auf der Sonnenschicht sind das zum Beispiel Steintäschel, Hungerblümchen, Pfingst- und Geröllnelke, an der Schattenseite Mauerraute, Gelber Lerchensporn und Farne. Typische Arten sind Weißer Mauerpfeffer, Gewöhnlicher Natternkopf, Fingerkraut, Zimbelkraut und Zypressenwolfsmilch.

Manche Mauerpflanzen sind fast vergessene Heilkräuter: Der Braunstielige Streifenfarn kann zu „Tee“ aufgekocht werden; der Goldlack enthält das Glykosid Cheiranthin und die Dach-Hauswurz hilft gegen Hautwunden, Stiche und Sonnenbrand. Außer den Küchenkräutern können wir unsere Kräuterspirale also noch als Apotheke nutzen. (Dr. Utz Anhalt)