Beriberi – Definition, Geschichte, Ursachen und Symptome

Dr. Utz Anhalt
Die Krankheit Beriberi ist seit über 4500 Jahren bekannt, im antiken China ebenso wie in biblischen Zeiten und im alten Rom und Griechenland. Die alten Ägypter berichteten von Menschen mit gelähmten und verfaulenden Muskeln, die Japaner fürchteten die Seuche, die Menschen in lebende Skelette verwandelt. In China zerstörte Beriberi Herzfunktionen, kurz gesagt: Die Erkrankung führte bei unzähligen Menschen zu einem grausamen Tod.

Beriberi – Definition

Beriberi gilt als klassische Avitaminose, genauer als Vitamin B1-Mangel. Die Krankheit tritt vor allem bei geschältem Reis als Haupternährung auf, allerdings auch bei Alkoholikern. Die Wissenschaftsgeschichte der Krankheit zeigt, dass es sich nicht nur um einen Vitaminmangel handeln könnte.

In Form einer Erkrankung kommt Beriberi vor allem in Ländern vor, wo geschälter bzw. polierter Reis das Hauptnahrungsmittel darstellt. (Bild: Mara Zemgaliete/fotolia.com)

Torkeln wie ein Schaf

Der Niederländer Jacob de Bondt beschrieb 1630 eine in Indonesien verbreitete Krankheit: Die Betroffenen hätten demnach einen Gang “wie Schafe”, also wackelig und mit zitternden Knien. Daher nannten die Einheimischen die Seuche Beriberi – das heißt Schaf.

Es handelte sich um einen Sammelbegriff für vielfältige Symptome: Manche Kranke litten an ausgezehrten Gliedmaßen, andere hatten geschwollene Beine, wieder andere quälte Durchfall oder Verstopfung; Erkrankte lagen gelähmt auf der Erde, und viele starben innerhalb weniger Tage.

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Japans Kampf gegen die Seuche

Im 19. Jahrhundert öffnete sich das zuvor strikt abgeschottete Inselreich dem Austausch mit Europa. Deutschsprachige und japanische Mediziner versuchten mit ihren jeweils unterschiedlichen Methoden, Beriberi zu behandeln. Da beide jedoch nichts über die Ursache der Krankheit wussten, blieben die westlichen Ärzte ebenos erfolglos wie ihre japanischen Kollegen.

Die meisten Ärzte gingen damals davon aus, dass es sich bei Beriberi um ein Virus oder ein Bakterium handelte. Der Japaner Kanehiro Takaki bezweifelte dies jedoch, nachdem er erkrankte Soldaten der japanischen Marine untersucht hatte. Wie bei Skorbut, das seit dem 18. Jahrhunderts als ein durch Mangelernährung verursachtes Leiden bekannt war, vermutete er falsche Nahrung als Verdächtigen.

Wie in vielen asiatischen Ländern bestand die normale Ernährung der einfachen Menschen in Japan damals aus geschältem Reis. Takaki ließ jetzt die Mannschaft eines Schiffes weiter geschälten Reis essen, und die eines zweiten Schiffes erhielt zusätzlich Fleisch, Gemüse, Gerste und Fisch. Nach neun Monaten auf See litten auf dem ersten Schiff 161 von 376 Matrosen an Beriberi, 25 starben daran, und auf dem zweiten Schiff erkrankten nur 14.

Takaki hatte damit belegt, dass Beriberi mit der Ernährung mit geschältem Reis zusammen hing. Doch diese Entdeckung blieb umstritten. Takaki setzte sich aber durch, und die japanische Armee führte seine Diät bei der Marine ein. In sechs Jahren sanken die Erkrankungen von Beriberi bei Marinesoldaten von 40 % auf Null. 1890 erließ die japanische Regierung ein Gesetz, dass Takakis Mischung als Versorgung von Soldaten vorschrieb.

Der holländische Arzt Christiaan Eijkman erkannte durch eine Untersuchung an Hühnern, dass die Erkrankung mit ungeschältem Reis wieder geheilt werden konnte. (Bild: emuck/fotolia.com)

Küchenreste und kranke Hühner

Es dauerte 200 Jahre, bis ein holländischer Arzt die Krankheit systematisch untersuchte. Christiaan Eijkman (1858-1930) kam 1886 nach Indonesien und vermutete eine Bakterium als Erreger. Er untersuchte Patienten des Militärkrankenhauses in Batavia und beobachtete Hühner auf dem Hof des Hospitals. Die Hühner erkrankten ebenfalls an der Krankheit, nachdem sie geschälten Reis aus Küchenresten gefressen hatten.

Eijkman verwarf seine Bakterientheorie und dachte, die Krankheit würde mit dem Reis in Verbindung stehen. Er machte eine Studie, in der er die Hühner abwechselnd geschälten und ungeschälten Reis fressen ließ und stellte fest: Er konnte mit geschältem Reis die Krankheit bei den Tieren auslösen und mit ungeschältem Reis wieder heilten. Sein Assistent Gerrit Grijns erkannte zusätzlich, dass auch Fleisch und Erbsen die Krankheit besiegten.

Die Hypothese lautete jetzt, dass weißem Reis ein Stoff fehlte, den das Nervensystem existentiell benötigte, der aber in der Schale des Reises vorhanden war.

Die Vitamine

Umetaro Suzuki (1874-1943) entdeckte 1910 den “Anti-Beriberi-Faktor” in der Reisschale. Er nannte ihn Oryzanin. Casimir Funk in London isolierte, unabhängig von Suzuki, 1911 einen vermeintlichen “Anti-Beriberi-Faktor”, der aber tatsächlich unwirksam war. Jedoch führte seine Forschung zur Bezeichnung “vital amine” für solche im Körper vorhandenen Stoffe, die Krankheiten verhinderten. Daraus leitete sich der Begriff Vitamine ab.

Robert Williams synthetisierte 1936 das Vitamin B1 (Thiamin), das B.C.P. Jansen und W. Donath zuvor aus Reiskörnern isoliert hatten. Beriberi gilt als Mangel an Vitamin B1.

Wofür brauchen wir Thiamin?

Für den Körper ist Vitamin B1 notwendig, um Kohlenhydrate und Zucker umzusetzen. Vitamin B1 stützt die Versorgung des Körpers mit Energie.

Der Körper benötigt Vitamin B1, um die Kohlenhydrate aus der Nahrung in Energie umzuwandeln. (Bild: shidlovski/fotolia.com)

Eijkmann lehnt den Nobelpreis ab

Eijkmann erhielt 1929 für seine Entdeckungen über die Ursache von Beriberi den Nobelpreis für Medizin, genauer “for his discovery of the antineuritic vitamin”. Es kam zu einem Eklat: Eijkmann nahm den Preis nicht an. Er sagte, er glaube nicht an einen Vitamin-B1-Mangel als Ursache von Beriberi und hätte dies auch niemals behauptet. Vielmehr sei Beriberi an die gekochte Reisdiät gebunden und käme bei anderer Ernährung nicht vor.

Alte Überlieferungen bestätigten seine Skepsis. So hatte der Chinese Chao-Yünan-Fang bereits im 7. Jahrhundert u.Z. Beriberi so genau beschrieben, dass kein Zweifel bestand, dass es sich um die gleiche Krankheit handelte – und zu dieser Zeit hatte es keinen geschälten Reis gegeben.

Japanische Professoren stützten Eijkmanns Zweifel: Shibayama und Miyamoto berichteten von zahlreichen Minenarbeitern auf der Sunda-Insel Banka, von denen viele an Beriberi erkrankten, obwohl sie nur ungeschälten Reis gegessen hätten. Es gäbe sogar Minen, in denen die Arbeiter ungeschälten Reis essen würden und dennoch häufiger Beriberi hätten als Minenarbeiter, die geschälten Reis essen würden.

Die These, dass Beriberi nicht mit geschältem Reis zusammen hängt, bestätigt auch die Verbreitung der Krankheit in anderen asiatischen Ländern. In Indien zum Beispiel aßen die Menschen viel mehr Parboiled Reis, der sich in China und Japan kaum ausbreitete. Trotz einer genau so hohen Anteils von Reis in der Ernährung erkrankten aber viel weniger Inder an der Krankheit. Umgekehrt grassierte Beriberi ab den 1920er Jahren, als Reis von Japan nach Burma, Thailand und den Philippinen exportiert wurde, auch in diesen Ländern.

Beriberi durch Schimmelpilz?

Eijkmann führte ein weiteres wichtiges Argument an: Gesunde Soldaten seien nach dem Essen von Reis in 48 Stunden gestorben. Das aber könne nicht an einer Mangelernährung liegen. Tatsächlich sind Erkrankungen aus Mangel an bestimmten Vitaminen und Mineralien langfristiger Natur. Ein rapider Verlauf der Symptome bis zum Tod nach einem Essen und innerhalb weniger Stunden ist vielmehr typisch für eine Vergiftung.

Eijkmann vermutete deshalb ein Nervengift als Ursache von Beriberi. In Frage kämen zum Beispiel Gifte von Schimmelpilzen, die sich auf dem Reis bilden. Diese These fand seinerzeit allerdings wenig Anhänger, weil die Medizin davon ausging, dass Kochen solche Gifte zerstört.

Der japanische Wissenschaftler Kenji Uraguchia stärkte 1969 Eijkmanns Vermutung: Er entdeckte Penicillium citreoviride, einen Schimmelpilz, der auf Reis wächst. Dieser produziert das Nervengift Citreoviridin. Es greift Nervenzellen in Gehirn und Wirbelsäule an und stoppt die Energieversorgung des Gewebes. Das würde auch die extreme Schwäche der Beriberikranken erklären.

Ein japanischer Wissenschaftler entdeckte Ende der 1960er Jahre einen Schimmelpilz, der auf Reis wächst. (Bild: monkeyshishi08/fotolia.com)

Citreoviridin

Der Schimmelpilz entwickelt das Gift verstärkt bei niedrigen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit, wie sie für den Norden Japans typisch sind. Reis aus dieser Region wurde in viele Gegenden exportiert, in denen Beriberi grassierte.

Die verschiedenen Symptome der Erkrankung ließen sich aus den unterschiedlichen Dosierungen von Giften erklären, die dieser Schimmelpilz produziert, abhängig vom jeweiligen Klima.

Schimmelpilz oder Thiaminmangel?

Trotzdem schließen sich ein Schimmelpilz als Ursache und ein Mangel an Vitamin B1 nicht aus. Eine Zufuhr von Vitamin B1 hilft gegen Beriberi. So wie verschiedene Vitamine im Immunsystem eine entscheidende Rolle spielen, könnte Vitamin B1 das körpereigene Gegenmittel gegen das Gift Citreoviridin sein.

Das würde auch erklären, warum Beriberi beim Verzehr von geschältem Reis seltener auftritt, nicht aber völlig verschwindet: Thiamin wäre ein natürlicher Schutz der Reispflanze gegen Schimmelpilze, der einen Befall zwar eindämmen, nicht aber völlig verhindern kann.

Jedenfalls ist Beriberi äußerst selten in Ländern, wo die Menschen sich ausreichend Vitamine zuführen, zum Beispiel über Brot oder Frühstück aus Getreideprodukten. Die Erkrankung tritt zudem heute vor allem bei Menschen auf, die unter Alkoholmissbrauch leiden, und der erschwert es dem Körper, Thiamin aufzunehmen und zu speichern.

Trockene Beriberi

Die trockene Form der Krankheit zeigt sich durch diverse Nervenstörungen wie ausbleibende Reaktion auf Schmerzen, Doppelsehen, Desorientierung, Wahnvorstellungen und Verlust von Erinnerungen. Verwirrtes Denken und Fantasien, die verlorene Erinnerungen ersetzen, sind typisch.

Kurzatmigkeit und Erschöpfung sind typische Symptome der feuchten Form von Beriberi. (Bild: Lydie stock/fotolia.com)

Feuchte Beriberi

Das Leitsymptom einer feuchten Beriberi sind Ödeme, vor allem in den Beinen, aber auch am After, im Gesicht oder am Rumpf. Kurzatmigkeit, Atemnot und ein beschleunigter Puls sind ebenfalls typisch, dazu ausgedehnte Halsadern mit sichtbarem Puls. Das Herz erscheint vergrößert.

Ein Patient mit feuchter Beriberi schwebt in Lebensgefahr, auch wenn er aussieht, als ginge es ihm gut. Er kann an akutem Kreislaufversagen sterben.

Ursachen von Beriberi

Egal, ob durch einen Schimmelpilz verursacht oder nicht, die Hauptursache dafür, dass Beriberi ausbricht, ist ein Mangel an Vitamin B1. Thiamin findet sich natürlich in frischen Früchten, Milch, grünen Gemüsen, Fleisch und Vollkornbrot. Eine Ernährung, die vor allem auf geschältem Reis basiert, versorgt den Körper nicht mit Vitamin B1.

Genetische Ursachen sind unwahrscheinlich. Beriberi tritt bei Menschen auf, die keine Familiengeschichte der Krankheit haben. Allerdings kann die Erkrankung bei Menschen auftreten, die von Natur aus kein Vitamin B1 absorbieren können. Hier verläuft die Krankheit tatsächlich anders, und es ist die Frage, ob es sich um das in Japan und Indonesien untersuchte Syndrom handelt: Menschen, die nämlich genetische Probleme haben, Vitamin B1 aufzunehmen, entwickeln Mangelsymptome im Laufe der Jahre, und sie siechen nicht innerhalb weniger Tage an Beriberi dahin.

Säuglinge können unter einem Vitamin B1-Mangel leiden, wenn die Mutter zu wenig davon in ihrem Körper speichert, und die Milchquelle das Babys die Muttermilich ist. Chronischer Durchfall kann ebenfalls zu einem Thiaminmangel führen.

Neben ungeschältem Reis liefern z.B. Hülsenfrüchte, Sonnenblumenkerne und Eier reichlich Vitamin B1. (Bild: ratmaner/fotolia.com)

Wann zum Arzt?

Bei einer möglichen Beriberi-Erkrankung sollten Sie unbedingt zum Arzt, allein deshalb, weil die Symptome sowohl bei der trockenen wie der feuchten Form der Krankheit unspezifisch sind. Nervenstörungen und Herzrhythmusprobleme können eine Menge Ursachen haben.

Ein Arzt kann auch andere Probleme, die mit einem Thiaminmangel einher gehen, beheben. Sie sollten einen Verdacht auf Beriberi bei folgenden Risiken hegen, wenn Sie entsprechende Symptome zeigen: Bei einseitiger Ernährung mit geschältem Reis, bei wiederholten Diäten, die mit mangelhafter Vitaminversorgung einher gingen, bei schwerem Alkoholmissbrauch.

Sich ohne ärztlichen Rat einfach Vitamin B1-Präparate zuzuführen, ist keinesfalls zu empfehlen. Falls Sie nämlich nicht an einem Thiaminmangel leiden, können Sie so zu viel Vitamin B1 zu sich nehmen. Überdosen erhöhen jedoch den Blutzucker und können Herz wie Leber schaden.

Behandlung von Beriberi

Beriberi zu behandeln oder vorzubeugen bedeutet nach wie vor, die Patienten mit Vitamin B1 zu versorgen. Zum Beispiel muss der Anteil an Reis in der Ernährung reduziert werden, und wenn die Menschen sehr viel Reis essen, sollten sie auf ungeschälten und/oder Parboiled Reise zurück greifen. Auch ene ausgebrochene Beriberi muss heute keine tödliche Krankheit sein.

Eine Diät mit Fisch und Reis sollte zumindest mit anderen Nahrungsmitteln ergänzt werden. Muscheln, Schrimps und das rohe Fleisch von Tieren enthält Thiaminase, ein Enzym, das Vitamin B1 bricht. Wer bereits unter einem Mangel an Vitamin B1 leidet, sollte zeitweise auf Fisch verzichten.

Im Norden Japans bestand, als Beriberi grassierte, die Ernährung der Menschen vor allem aus Reis und Fisch. Der Fisch hätte somit zusätzlich für einen Thiaminmangel gesorgt. (Somayeh Ranjbar)

Referenzen:
http://www.who.int/nutrition/publications/en/thiamine_in_emergencies_eng.pdf
http://www.wiredhealthresources.net/resources/docs/79_16BeriberiThiamineDeficiency.pdf
http://www.medilexicon.com/dictionary/10005
https://medlineplus.gov/ency/article/000339.htm
https://scilogs.spektrum.de