Abstammungswahn – Symptome, Ursachen und Therapie

Dr. Utz Anhalt
Ein Wahn verzerrt pathologisch die Wirklichkeit, und die Betroffenen halten an ihrer verdrehten Sicht mit absoluter Überzeugung fest, auch wenn ihre Wahrnehmung im Gegensatz zur objektiven Realität, zur eigenen Lebenserfahrung und zu dem Urteil von Freunden und Bekannten steht.

Wahnkranke weigern sich oft, ihre Urteile überhaupt zu prüfen. Sie brauchen und sie wollen keine Begründung und blicken oft verächtlich auf diejenigen herab, die „die Wahrheit“ nicht verstanden haben. „Es ist so“, und wer das mit besten Gründen bezweifelt, gilt dem Wahnhaften entweder als dumm oder als Lügner.

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Bei einem Abstammungswahn glauben die Betroffenen, dass sie z.B. von Adligen abstammen und ihnen diese Tatsache verheimlicht wird. Bild: lassedesignen – fotolia

Die Betroffenen beziehen äußere Vorgänge auf sich selbst, selbst Naturphänomene wie Regen oder Sonnenschein, aber auch Gespräche, deren Gegenstand ein gänzlich anderer ist, Blicke oder Wortfetzen, Texte auf Plakatwänden, Zitate in Fernsehshows etc..

Abstammungswahn bezeichnet eine psychische Störung, in der sich die Kranken als Nachfahren berühmter Figuren der Weltgeschichte ansehen. Irgendjemand manipulierte, den Wahnhaften zufolge, ihren Stammbaum, und setzte ihnen ihre Verwandten in der Realwelt als Täuschung vor. Diese Form des Wahns ist keine eigenständige Klassifikation, sondern ein Ausdruck von Psychosen und erscheint meist bei schizophrenen Patienten.

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Der Wahn hoher Abstammung

Eugen Bleuler beschrieb 1916 den „Wahn hoher Abstammung“. Die Betroffenen glaubten, Bleuler zufolge, von königlicher Herkunft zu sein; und irgend jemand schob sie ihren alltäglichen Eltern unter.

Bleuler erkannte, dass in der Moderne dieser Wahn abnahm, weil die kapitalistische Gesellschaft die Abstammung vom Hochadel weniger erstrebenswert erschienen ließ. Heute gilt diese Form des Wahnes in Deutschland als seltene Erscheinung während einer Schizophrenie, während er in Kulturen, bei denen Abstammung eine Rolle spielt, wesentlich häufiger auftritt.

Ob Fantasien in der Esoterikszene, in einem früheren Leben eine bedeutende Person gewesen zu sein, zum Abstammungswahn zählt, ist nicht hinreichend erforscht.

Außerdem lässt sich der Wahn nur dann als Wahn bezeichnen, wenn er gegen verbreitete Vorstellungen steht, auch wenn diese sich wissenschaftlich nicht halten lassen. Viele Muslime behaupten zum Beispiel fernab historischer Tatsachen, über viele Ecken mit Mohammed verwandt zu sein. Das nimmt aber nicht notwendig wahnhafte Züge an, insbesondere wenn dieses „Wissen“ als „Familiengeheimnis“ weitergegeben wird.

Auch Betrugsversuche fallen nicht unter den Wahn: Politiker zum Beispiel, die, um sich selbst zu erhöhen, auf eine erfundene Abstammung hinweisen, aber wissen, dass sie lügen, sind keine Schizophrenen, sondern Lügner.

Der Abstammungswahn gilt als eine Form des Größenwahns. Er tritt nicht nur bei schizophrenen Patienten auf, sondern auch bei Bipolaren. Diese glauben in ihren manischen Phasen, eine besondere Bedeutung zu haben, und dazu gehört auch, mehr zu sein, als andere Menschen ihnen zu Recht zugestehen: Ein katholisch sozialisierter Bipolarer redete zum Beispiel in einer Manie auf die Bewohner einer norddeutschen Kleinstadt ein, um sie zu bekehren und glaubte, er sei der heilige Franziskus.

Heute noch verbreitet, und in der Esoterikszene als „höhere Erkenntnis“ angesehen, ist der Wahn, nicht von berühmten Figuren der Geschichte abzustammen, sondern einem geheimen Zirkel von Magiern, Hexen oder Priestern anzugehören. „Reinkarnationsseminare“, „Kontakte mit dem Jenseits“ etc. bestätigen sie in diesen Fantasien.

Das wahnhafte Element tritt hier oft nicht pur auf, sondern wird durch eine Gruppe von Gleichgesinnten bestätigt. Die Grenze zwischen religiösem Wahn, Größenwahn und Abstammungswahn lässt sich nur in der Theorie ziehen. Wie der Abstammungswahn tritt auch der religiöse Wahn vor allem in der paranoiden Schizophrenie auf.

Identität und Angst

Abstammungswahn lässt sich zum einen kulturell erklären: Abstammung spielt in fast allen Gesellschaften eine wesentliche Rolle für den Status, den ein Mensch genießt. In vielen Kulturen ist es noch heute unmöglich, ohne die entsprechende Herkunft bestimmte Berufe ergreifen zu können.

Die Märchenfigur von der Prinzessin, die unter armen Leuten aufwächst, ist auch deshalb ein klassisches Motiv der Erzählung, weil sie die Hoffnung der Unterpriveligierten auf ein besseres Leben spiegelt.

Für paranoid Schizophrene liegt jedoch eine andere Ursache nahe. Ihre Identität ist gestört, und sie wissen nicht, dass die Stimmen, die sie hören, ihre halluzinierten Gerüche, Geräusche und Bilder aus ihrer eigenen Psyche stammen. Die vermeintliche Abstammung spiegelt abgespaltene Aspekte ihrer seelischen Landschaften wieder.

Zu glauben, einer geheimen Priesterkaste anzugehören, Teil eines inneren Zirkels zu sein oder ein extremes Wissen in sich zu tragen, dient auch dazu, die real empfundene Ohnmacht zu kompensieren und eine entglittene Kontrolle über das eigene Leben wieder zu gewinnen. Heute sind zum Beispiel Vampirsubkulturen weit verbreitet, deren Anhänger sich selbst als mächtige Wesen aus einer anderen Welt imaginieren. Dies geht einher mit in dieser Szene ebenfalls weit verbreiteten psychischen Störungen: Borderline, Traumatisierungen, Bindungsstörungen oder Bipolarität.

Während der Abstammungswahn eines Einzelnen gerade im Widerspruch zu seiner Umwelt steht, kann der gleiche Wahn in einer Gruppe Angst lindern. Die Betroffenen fühlen sich dann als Teil einer Elite, die ihnen Schutz verspricht und sie gleichzeitig nach außen abschottet.

Bei Schizophrenen kommt die Isolation hinzu. Wegen ihrer Krankheit zerbrechen ihre sozialen Kontakte, und die fiktive Abstammung wie (Selbst-) gespräche mit den Ahnen befriedigen das Bedürfnis, Teil einer Gruppe zu sein.

Symptome

Ist jemand total überzeugt, von jemand anders als von seinen Eltern abzustammen, ohne dass es dafür reale Hinweise gibt, liegt der Verdacht nahe, dass er oder sie unter Abstammungswahn leidet. Behaupten die Betroffenen zum Beispiel, ihr Pass sei gefälscht oder finden skurrile „Zeichen“ für ihre „wirkliche Herkunft“, verdichtet sich der Verdacht.

Je mehr ihnen Nahestehende ihren Wahn als Wahn benennen, umso mehr sich die Betroffenen davon überzeugt, richtig zu liegen. Analog zum Verschwörungswahn, in dem alle Kritiker Teil der Verschwörung sind, gelten auch hier diejenigen, die die Kranken auf die Füße stellen wollen, als Feinde oder Unwissende.

Zeigen zum Beispiel die Eltern den Irrsinn der Konstruktion, dann glauben die Betroffenen, sie wollten die wahre Identität geheim halten oder gelten sogar selbst als diejenigen, die das Kind den wahren Eltern entrissen.

Erkrankte vermuten meist, dass ein bestimmtes Geschehnis hinter ihrer „versteckten Identität“ steckt. Mal räumte sie ein Konkurrent um den Königsthron aus dem Weg, traute sich aber nicht, sie umzubringen, mal brachten Vertraute sie als Kind wegen schrecklichen Dingen in Sicherheit – zum Beispiel können Patienten glauben, von der russischen Zarenfamilie abzustammen. Diener hätten ihre Vorfahren dann versteckt, damit die Kommunisten diese nicht ermordeten.

Das Wahnerleben

Abstammungswahn äußert sich auf verschiedene Weise: Meist beginnt es mit einer wahnhaften Stimmung. Die Betroffenen spüren, dass etwas „nicht richtig ist“. Ihre Eltern scheinen ihnen etwas zu verheimlichen, merkwürdige Dinge geschehen, die die Patienten nicht verstehen. Die Erkrankten spüren, dass „etwas“ passiert, sie wissen aber nicht, was es ist.

Die Betroffen erwarten mit Angst, dass etwas passiert, sie verhalten sich misstrauisch, sie sind leicht irritiert und ängstlich, sie wirken bedrückt, manche werden aggressiv.

Dann folgen in der Regel die wahnhaften Wahrnehmungen. Die Betroffenen interpretieren Geschehnisse des Alltags auf ihre eigene Art und Weise, die für niemand anders ersichtlich ist. Sie sehen die Wirklichkeit, interpretieren sie aber falsch: Ein Bericht über Hillary Clinton kann zum Beispiel das Gefühl verstärken, mit ihr verwandt zu sein. Nachbarn erzählen sich etwas, und für den Wahnhaften reden sie darüber, wie sie seine wahre Identität geheim hielten.

Der Wahneinfall ist die plötzliche „Erleuchtung“. Jetzt fällt es den Betroffenen wie Schuppen von den Augen, wer sie wirklich sind. Diese Narbe am Kinn, die deutete doch schon immer darauf hin, von Karl, dem Großen abzustammen. Warum war dem Patienten das nicht vorher aufgefallen.

Der Wahneinfall geht einher mit einer zunehmenden Arroganz gegenüber den „Anderen“, die diesen Durchblick eben noch nicht haben, und weiterhin ihr „jämmerliches Leben“ fristen.

Dabei können objektive Wirklichkeit und Wahn auch nebeneinander stehen. An Abstammungswahn erkrankte könnten zum Beispiel ohne weiteres in der Psychiatrie Gartenarbeit leisten und zugleich überzeugt sein, von Napoleon abzustammen.

Besondere Gefahr besteht, wenn Wahn und Wirklichkeit ineinander fließen, die Betroffenen zum Beispiel nachts auf Partys gehen und dabei glauben, ein Nachfahre christlicher Märtyrer zu sein und auch so zu handeln. Wenn der Club zum Beispiel den Hell ’s Angels gehört, kann das böse Folgen haben.

Im Alltag verwirrt es die Patienten. Sie kämpfen darum, was real ist. Mehr noch: Manche erstarren vor Angst, einige verletzen sich sogar selbst.

Dann gibt es Betroffene, die ihren Alltag problemlos meistern, aber dennoch von ihrer grandiosen Abstammung überzeugt sind.

Diagnose

Sind die Betroffenen erst einmal beim Therapeut oder Psychiater erstellen diese die Diagnose, indem sie Wahnsymptomatiken untersuchen und den Abstammungswahn von anderen Wahnformen abgrenzen. Sie sehen dann, welche Basiserkrankung den Symptomen zugrunde liegt. Meist handelt es sich um paranoide Schizophrenie.Selten tritt der Abstammungswahn als isoliertes Symptom auf.

Therapie

Patienten, die unter Abstammungswahn leiden, sind äußerst schwierig zu behandeln. Erstens glauben sie an ihre Fantasien und zweitens wirkt die Idee, von einer höher gestellten Familie abzustammen identitätsbildend.

Eine Psychotherapie kann die dahinterliegende Gründe herausarbeiten und begegnen. Bild: WavebreakmediaMicro - fotolia
Eine Psychotherapie kann die dahinterliegende Gründe herausarbeiten und begegnen. Bild: WavebreakmediaMicro – fotolia

Der Wahn ist für sie subjektiv ein Teil ihrer Persönlichkeit, und ohne den Wahn verlören sie diese. Konventionelle Psychotherapien erweisen sich meist als nutzlos, denn sie setzen die Einsicht der Betroffenen voraus, und deren Eingeständnis, krank zu sein.

Medikamente sind sinnvoll, weil sie die Symptome der Basiserkrankung eindämmen. Dazu dienen vor allem Antipsychotika. Diese dämpfen zwar nur einzelne Symptome, damit verbessert sich aber gleichzeitig das gesamte Krankheitsbild.

Vollkommen heilen lässt sich Abstammungswahn, wenn ihm eine Schizophrenie zugrunde liegt, nicht, denn Schizophrenie hat auch genetische Ursachen.

Therapeuten müssen sich auf die spezifische Wahrnehmung der Wahnkranken einlassen und nie direkt deren Konstruktion von Realität in Frage ziehen. Dann ziehen sich die Betroffenen von jedem Gespräch zurück. (Dr. Utz Anhalt)