Agnosie

Susanne Waschke
Bei dem Vorliegen einer Agnosie, einer sehr seltenen Erkrankung, treten Störungen beim Erkennen oder Deuten von Sinneseindrücken auf. Dabei sind jedoch die Sinnesorgane funktionsfähig und auch die Aufmerksamkeit und die intellektuellen Fähigkeiten nicht beeinträchtigt.

Ursachen

Mögliche Ursachen für das Vorliegen einer Agnosie sind Hirntraumata, Gehirntumoren, Meningitis, Schlaganfall, Gehirnblutungen, Demenz und schwere psychische Erkrankungen. Auch Noxen, wie Alkohol, Drogen und Medikamente zählen zu den Ursachen. Eine Agnosie kann zudem angeboren sein.

Beispiele

Betroffene sehen ein Messer oder eine Gabel, wissen aber nicht, was sie damit anfangen sollen. Nehmen sie jedoch die Gegenstände in die Hand, so können sie über den Tastsinn, die vorher nicht erkannten Dinge zuordnen. Eine andere Ausprägung der Agnosie ist das nicht Erkennen von gesprochenen Wörtern, Sätzen oder Melodien. Manche Betroffene leiden wiederum darunter, dass eine Orientierungslosigkeit im Raum vorhanden ist, oben und unten nicht unterschieden werden können, was sich sogar auf den eigenen Körper überträgt – dabei wird nicht mehr realisiert, wo Beine und Arme sind.

Die räumliche Agnosie führt zur Orientierungslosigkeit der Betroffenen, die so weit reichen kann, dass selbst beim eigenen Körper oben und unten kaum unterschieden werden können. (Bild: pathdoc/fotolia.com)

Verschiedene Arten

Je nachdem, welcher Bereich im Gehirn betroffen ist, wird die Agnosie in verschiedene Arten eingeteilt.

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Visuelle Agnosie

Die visuelle Agnosie, auch optische Agnosie oder Seelenblindheit genannt, ausgelöst durch eine Schädigung des Okzipitallappens, zeigt sich darin, dass die Betroffenen etwas sehen, dies aber nicht erkennen können. Sie können ihre Wahrnehmung nicht mit einer optischen Erinnerung verknüpfen. So sehen sie zum Beispiel einen Schlüssel, wissen aber nicht, was sie damit anfangen sollen.

Von der visuellen Agnosie existieren weitere Unterformen:Die Prosopagnosie, die assoziative Agnosie und die Farbagnosie. Bei der Prosopagnosie, auch Gesichtsblindheit genannt, sind die Patienten nicht in der Lage, Gesichter zu erkennen, beziehungsweise sich diese zu merken. Dies ist eine Teilleistungsschwäche des Gehirns. Sie orientieren sich deshalb an der Stimme, der Kleidung und der Gestik. Bei dem Vorliegen einer Prosopagnosie können die Betroffenen die Menschen sehen, sie aber nicht mit einer bekannten Person verknüpfen.

Diese Erkrankung kann sowohl angeboren als auch erworben sein. Bei der angeborenen Form sind die Betroffenen von Geburt an nicht in der Lage, Gesichter mit Personen in Zusammenhang zu bringen. Sie erkennen die eigenen Eltern an der Stimme, der Figur oder der Kleidung. Sie lernen im Laufe des Lebens damit umzugehen. Diese Form der Agnosie kann weiter vererbt werden. Prosopagnosie wird mitunter aber auch durch ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, einen Kreislaufstillstand oder einen Schlaganfall ausgelöst. Dies kann nur vorübergehend, jedoch auch für immer sein.

Des weiteren können Verletzungen im Gehirn die Farbverarbeitung unterbinden, was zu einer sogenannten Farbagnosie führt. Die Farben werden gesehen, jedoch nicht erkannt. Der Symbolgehalt der Farben ist abhanden gekommen. So existiert zum Beispiel die Bedeutung der Ampelfarben nicht mehr.

Die Farbagnosie macht es Betroffenen unmöglich, die symbolische Bedeutung von Farben zuzuordnen. (Bild: fotos4u/fotolia.com)

Bei der assoziativen Agnosie werden zwar die Form und die Gestalt eines Objektes wahrgenommen, jedoch kann dies nicht benannt werden. Meistens sind die Patienten in der Lage, das Objekt richtig nachzuzeichnen. Eventuell werden Assoziationen kreiert. Zum Beispiel ist das Objekt eine Uhr, auf der 12 Uhr angezeigt ist. Der Patient oder die Patientin erkennt nicht die Uhr sondern umschreibt dies mit: „Oh es ist Mittag, das Essen muss für die Kinder fertig sein“.

Taktile Agnosie

Die taktile Agnosie betrifft den Tastsinn. Darunter verbirgt sich die Unfähigkeit durch Tasten Dinge zu erkennen und diese beim Namen zu nennen, obwohl der Tastsinn voll funktionsfähig ist. Durch Sehen werden die Gegenstände erkannt und können auch benannt werden.

Räumliche Agnosie

Bei der räumlichen Agnosie ist die Orientierung im Raum gestört. (siehe Absatz „Beispiele“)

Auditive Agnosie

Umgangssprachlich wird die auditive Agnosie Seelentaubheit genannt. Vertraute Geräusche wie zum Beispiel ein Flugzeug oder bestimmte Musik werden gehört, aber nicht mehr erkannt, obwohl der Hörapparat intakt ist. Diese Art der Agnosie kann angeboren sein. Vor allem am Telefon, wenn das Erkennen der Stimme nötig ist, treten Probleme auf. Hier hilft die Rufnummernanzeige, die ja heute nahezu jeder Telefonanschluss hergibt.

Bei der verbalen auditiven Agnosie, der Worttaubheit, können die Patienten die Worte hören, jedoch diese schwer verstehen – für die Sprache fehlt der Sinn – sie wird nur als Geräusch wahr genommen.

Bei der verbalen auditiven Agnosie haben betroffene Schwierigkeiten, Wörter und Sprache zu erkennen. Sie nehmen die Laute nur als Geräusche ohne weiteren Sinn wahr. (Bild: pathdoc/fotolia.com)

Die Geräuschagnosie lässt normale Alltags- und Umweltgeräusche nicht mehr einordnen und richtig zuordnen. So kann zum Beispiel das Geräusch eines Motors nicht mehr als solches erkannt werden. Zugleich sind Richtung und Entfernung nicht mehr einschätzbar.

Eine weitere Form der auditiven Agnosie ist die affektive, auditive Agnosie. Sie lässt die Wahrnehmung von Alter, Geschlecht und der Befindlichkeit des Gesprächspartners nicht mehr zu. Dabei wird nur der sachliche Inhalt erfasst.

Diagnose

Um eine Agnosie zu diagnostizieren, werden verschiedene neuropsychologische Tests durchgeführt. Weitere Diagnoseverfahren sind CT (Computertomographie) und MRT (Magnetresonanztomographie). Eine körperliche Untersuchung ist ebenso wichtig, um auszuschließen, beziehungsweise zu erkennen, dass eine Seh- oder Gehörstörung vorliegt.

Therapie

Eine spezifische Therapie ist nicht bekannt. Logopädie, Ergotherapie. Gesprächs– oder Beschäftigungstherapie können den Patienten helfen, die durch eine Agnosie aufgetretenen Defizite zu kompensieren. Für die Patienten ist dies in der Regel recht anstrengend. Das, was für gesunde Menschen völlig normal ist und vor allem automatisch abläuft, darauf müssen sich die Betroffenen sehr konzentrieren. Die Prognose hängt von der Art und der Größe der Schädigung und vom Alter der Patienten ab. (sw)

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