Alkoholismus: Ursachen und Therapie bei Alkoholsucht

Dr. Utz Anhalt
Alkoholismus – Wege aus der Sucht
Alkohol ist eine harte Droge, und die Folgen des Alkoholismus sind wesentlich schlimmer als die von Heroin, wenn wir dessen Begleiterscheinungen wie Beschaffungskriminalität, Elendsprostitution und soziale Verwahrlosung ausklammern. Er macht nicht nur psychisch abhängig wie zum Beispiel bisweilen Cannabis, sondern körperlich.

Die Sucht ist keine Charakterschwäche, sondern eine Erkrankung, genauer gesagt, eine chronische und wiederkehrende Krankheit, gekennzeichnet durch zwanghafte Suche nach der Substanz und deren Konsum, obwohl der Kranke um die katastrophalen Folgen weiß.

Eine Alkoholabhängigkeit entsteht meistens nicht von heute auf morgen, sondern ist ein schleichender Prozess. Bild: Axel Bueckert - fotolia
Eine Alkoholabhängigkeit entsteht meistens nicht von heute auf morgen, sondern ist ein schleichender Prozess. Bild: Axel Bueckert – fotolia

Alkoholsucht zerstört soziale Beziehungen, schädigt das Gehirn mit Symptomen, die Geisteskrankheiten gleichen und verursacht schwere organische Krankheiten, die zum frühzeitigen Tod führen.

7,4 % der vorzeitigen Todesfälle in Europa sind Folge des Alkohols. Alkoholkrankheit ist somit die dritthäufigste Ursache für einen frühen Tod nach Tabak und Bluthochdruck. Alkohol ist sogar die häufigste Todesursache für junge Männer in der EU.

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Alkoholmissbrauch

Wir unterscheiden zwischen Abhängigkeit und Missbrauch. Missbrauch bezeichnet einen schädlichen Konsum von Alkohol, bei dem noch keine Abhängigkeit vorliegt, der aber für den Konsumenten massive soziale Folgen hat: Er verliert seinen Job, weil er verkatert nicht zur Arbeit erscheint, er gibt im Rausch Geld aus, das er nicht hat; er beleidigt Freunde, Eltern und Geschwister, bis die sich von ihm abwenden; er bringt Andere in Gefahr, weil er betrunken Auto fährt; er traut sich nicht mehr aus der Wohnung, weil er im Suff Dinge getan hat, die ihm nüchtern peinlich sind; er gibt Geheimnisse preis.

Seine Wohnung verwandelt sich in eine Müllhalde; er provoziert Schlägereien und erhält in Kneipen Hausverbot; er zweifelt wahlweise an sich oder an der Welt, ohne zu merken, dass die miesen Stimmungen Folge des Alkoholmissbrauchs sind; er vergisst oder verdrängt positive Lebensziele; er sucht nach einem Umfeld, in dem sein Verhalten als normal gilt und umgibt sich mit Menschen, die das gleiche Problem haben.

Zunehmend greift er zum Alkohol, um die Probleme zu vergessen, die sich aus seinem Missbrauch ergeben, zunehmend plant er die regelmäßigen Katastrophen in Beziehungen und am Arbeitsplatz durch den Rausch ein; er verschleudert sein Potenzial; er durchlebt Stimmungsschwankungen, wie sie Bipolare kennen und entwickelt Wahnvorstellungen, die denen von paranoid Schizophrenen ähneln.

Wenn diese Symptome ein Jahr oder länger anhalten, dann sprechen wir im klinischen Sinn von Alkoholmissbrauch.

Psychische Abhängigkeit

Nennen wir ihn Karl. Karl wuchs in einem Dorf bei Bremen auf. Das erste Mal trank er Alkohol mit 13 Jahren auf einem Geburtstag; für die Bauernsöhne aus seiner Klasse gehörte das dazu. Feuerwehr, Schützen- und Fußballverein lauteten die Alternativen in der Freizeit. Karl hatte damit wenig am Hut, trat aber bei allen ein, um dabei zu sein.

Die Feuerwehrmänner schütteten sich das Bier in den Körper, beim Schützenverein tranken alle von Runde zu Runde immer mehr, nach dem Fußball ging es zum „Durstigen Mann“. Osterfeuer, Schützenfest oder Feuerwehrball, es fand sich immer ein Anlass zum trinken. Die Dorfjugendlichen waren ihm zu einfach gestrickt, doch wenn er trank, brach er die Distanz auf.

Er hielt sich an Regeln: Karl trank nie tagsüber, und er ging nicht in die beiden Kneipen des Dorfes, wo sich die örtliche Alkoholikerszene traf. Erstens fühlte er sich dort unwohl, zweitens hatten seine Eltern ihn gewarnt: Da trafen sich ein ehemaliger Großbauer, der seinen Hof versoffen hatte, und ein ehemaliger Soldat, der im Suff seinen Nachbarn halbtot geschlagen hatte.

Karl ging auf das Gymnasium der nahen Kleinstadt. In einer Freistunde trank er als Mutprobe mit zwei Freunden eine Flasche Korn, auf den Schulfesten schmuggelten sie Whisky in der Jackentasche in die Aula. Abends trafen sie sich jetzt in einer Bar; seine Eltern warnten ihn, denn dort kursierten Drogen, einige der Älteren rauchten Haschisch, andere nahmen Extasy. Karl hielt sich an Bier, Wein und Whisky.

Nach dem Abitur sah er die große Freiheit vor sich; Karl schrieb sich für ein Ingenieursstudium ein und zog nach Berlin-Kreuzberg. Die ersten Monate vergingen wie im Rausch; er trank auch hier, betrunken traute er sich, wildfremde Leute anzusprechen und hielt sich die gesamte Nacht lang wach, immer wieder.

Anfangs genoss er, zu tun, was immer er wollte, doch bald fehlte ihm die Vertrautheit. Er traf zwar jeden Abend neue Menschen, und betrunken führte er mit ihnen endlose Gespräche, doch wenn er aufwachte, war er allein.

Besonders im Winter fühlte er sich einsam. Er ging in die Kneipe ums Eck, trank und diskutierte mit Leuten, die er vom Sehen kannte. Oder er kaufte die Ration für den Abend beim Spätkauf, Chips, Zigaretten und Bier. Nachts trank er hier einen Gin zum Aufwärmen, da einen Whisky, und morgens, wenn die Läden schlossen, fuhr er allein mit der U-Bahn nach Hause, in der Tüte einige Dosen Schultheiß.

Er gewöhnte sich an die Suchtkranken am Cottbuser Tor; einmal sah er einen, der an der U-Bahn seine Hose öffnete und zwischen die Wartenden pinkelte. „Wie tief kann ein Mensch sinken,“ dachte er, während er sein Bier schlürfte.

Er sah den Schneeflocken zu und trank Rotwein. Dann wurde ihm warm ums Herz, und das Alleinsein störte ihn nicht. Er gewöhnte sich daran, allein durch die Straßen zu ziehen, einige Bier an diesem Kiosk zu kaufen, sie zu trinken, und das wiederholte er an jenem.

Doch er fühlte sich genau so „außen vor“ wie bei den Bauern auf dem Dorf, immer mehr ersetzte der Alkohol das fehlende Gefühl von Geborgenheit. Wenn seine Eltern ihn besuchten, räumte er die Flaschen weg, die sich auf dem Küchentisch stapelten.

Er musste zum Gericht, weil er betrunken einen Polizisten beleidigt hatte, er arbeitete jetzt in einer Bar, und nach Dienstschluss betrank sich das Team. Ein Werkvertrag bei einer Baufirma platzte, weil erbetrunken nicht aus dem Bett kam und sich nicht um einen Krankenschein kümmerte.

Er setzte sich zu den Arbeitslosen am Cottbuser Tor, das ging einfach: Er holte ein paar Bier vom Kiosk und gehörte dazu. Jobs und sein Studium rückten in weite Ferne; eines Tages würde er sich darum kümmern, sagte er immer wieder, und seine neuen Kumpane bestärkten ihn, während sie über das schöne Leben fantasierten und darauf warteten, dass sie jemand mit Bier versorgte.

In Karls Tagebuch mehrten sich jetzt Einträge über seine Alkoholexzesse. Bisweilen stand quer über die Seite nur ein Wort: „Idiot.“ Er verfluchte sich selbst dafür, dass er trank und sein Leben nicht im Griff hatte – und wenn die Selbstvorwürfe explodierten, trank er.

Seine Wege im großen Berlin endeten auf der Parkbank und wie zuvor träumte er vom wahren Leben, einem Job, einer harmonischen Beziehung, doch eine unsichtbare Mauer stand zwischen seinem Leben und solchen Träumen. Dann griff er zur Flasche.

Er plante jetzt alkoholfreie Wochenenden ein, einmal trank er sechs Wochen lang nichts; er begann mit Taek-Won-Do, ging zwei Mal hin, dann gönnte er sich zur Belohnung ein Bier, und zwei, und drei.

Er gewöhnte sich an die morgendlichen Kopfschmerzen, er gewöhnte sich an den Reiz im Magen, er gewöhnte sich an den Heißhunger, der ihn dazu trieb, nachts fettige Currywürste zu verschlingen. Er gewöhnte sich an die Flecken auf seiner Jacke, an die Löcher in der Hose und an die Mahnungen von seinem Vermieter. Er lud seine Eltern nicht mehr ein.

Er litt. Seine Poren weiteten sich, seine Augen wurden klein und rot, sein Bauch fetter und fetter. Der Spiegel im Badezimmer zeigte die Wahrheit, deswegen guckte er nicht mehr hinein, und die Flaschen zählte er nicht mehr.

Eines Nachts, nach etlichen Bieren und Whiskys, brach er in der Kneipe zusammen; der Notarzt kam, in der Klinik pumpten sie ihm den Magen aus. Das erzählten ihm die Ärzte jedenfalls später.

Er kam wieder in seine Wohnung, sinnierte, wann alles seinen Anfang genommen hatte, las seine alten Tagebücher und stieß immer wieder auf das gleiche Problem: Alkohol.

Er recherchierte im Internet zu den Phasen des Alkoholismus und stellt verblüfft fest, dass Alkoholkranke von den gleichen schlechten Stimmungen schrieben wie er – und er hatte immer Berlin, die Gesellschaft oder sein Leben dafür verantwortlich gemacht.

Dann las er das erste Mal klar über die Folgen von Alkoholmissbrauch: Probleme mit der Justiz, Verlust sozialer Kontakte, Probleme bei Studium und Arbeit, zunehmende Gleichgültigkeit, Depressionen. Alles dabei. Und psychische Abhängigkeit, die zweite Stufe der Alkoholsucht: Die Suche nach Alkohol wird zum Zwang und bestimmt immer mehr das Leben; die Kontrolle über Menge, Zeit und Dauer des Alkoholkonsum verschwindet, Hobbys spielen keine Rolle mehr, das Suchtverhalten wird geleugnet, der Alkoholkonsum steigt und steigt; die Persönlichkeit verändert sich.

Seine Hände zitterten zwar nicht, wenn er morgens aufwachte, doch er brauchte mehr und mehr Bier und Schnaps, um betrunken zu werden. Karl war Alkoholiker.

Karls Geschichte ist fiktiv, und doch ist sie wahr, denn sie sie kombiniert Biografien von Alkoholkranken. Karl hatte die Grenze von Missbrauch zu psychischer Abhängigkeit überschritten.

Abhängigkeit

Von Alkoholabhängigkeit sprechen wir, wenn alle oder die meisten der folgenden Symptome vorliegen: Der Betroffene verlangt extrem nach Alkohol; ihm entgleitet die Kontrolle, über die Menge, den Beginn und das Ende des Trinkens; er trinkt immer mehr als geplant, zugleich will er weniger trinken, ohne dass es ihm auf Dauer gelingt.

„Filmrisse“, in denen ihm die Erinnerung an die Zeit des Rausches fehlt, nehmen zu.

Bei körperlicher Abhängigkeit leidet er unter Entzugserscheinungen, wenn er auf Wein und Wodka verzichtet. Bei seelischer Abhängigkeit leidet er (noch) nicht unter körperlichen Entzugserscheinungen, doch der Drang nach Schnaps ist übermächtig; dabei geht Gewohnheitstrinken fließend über in psychische Abhängigkeit, denn Gewohnheiten speichert das Unbewusste als Muster ab und aktiviert sie immer wieder von neuem. Sein Körper gewöhnt sich an den Alkohol, er trinkt mehr, um den Rauschpegel zu erreichen.

Der Abhängige entwickelt einen Tunnelblick: Alle anderen Interessen stehen hinter dem Beschaffen und Konsum der Droge zurück, Hobbys ebenso wie soziale Normen, Geld- und Lebensplanung.

Der Betroffene konsumiert weiter, obwohl seine Gesundheit leidet, und er in sozialen Beziehungen Schaden anrichtet. Er ist sich dieser Schäden dabei bewusst, und / oder verdrängt sie. Er trinkt zum Beispiel weiter, obwohl er den Führerschein verliert, seine Partnerin ihn verlässt, sein Arbeitgeber ihm kündigt, oder seine Freunde nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen.

Heute gilt jemand auch als abhängig, wenn er keine Toleranz gegenüber Alkohol entwickelt und keine körperlichen Entzugserscheinungen vorliegen.

Alkoholismus verläuft nicht in streng abgrenzbaren Stufen, wie die Medizin früher annahm, leichte wie schwere Abhängigkeit, körperliche Sucht oder Gewohnheitstrinken sind kein Domino-Effekt, der linear fortschreitet.

Wesentlich aussagekräftiger als das (nahezu beliebige) Zuordnen von bestimmten „Trinkertypen“ ist der Münchner-Alkoholismus-Test. Er besteht nur aus vier Fragen:

1.) „Haben Sie (erfolglos) versucht, Ihren Konsum einzuschränken?“
2.) „Haben andere Personen Ihr Trinkverhalten kritisiert und Sie damit verärgert?“
3.) „Hatten Sie schon Schuldgefühle wegen Ihres Konsums?“
4.) „Haben Sie jemals schon gleich nach dem Aufstehen getrunken, um ‚in die Gänge zu kommen‘ oder sich zu beruhigen?“

Beantwortet der Betroffene mindestens zwei Fragen mit Ja, liegt vermutlich eine Abhängigkeit vor, bei einem Ja auf alle vier Fragen mit Sicherheit.

Wesensveränderung

Langfristiger Missbrauch verändert die Persönlichkeit. Motivation, Leistung, Gedächtnis und Antrieb schränken sich immer stärker ein. Die Kranken leiden unter Eifersucht mit wahnhaften Tendenzen, ohne dass „Normale“ einen Auslöser erkennen; diese Eifersucht bezieht sich nicht nur auf ihren Liebespartner, sondern auch auf Freunde, Eltern, Geschwister, ja sogar auf Fremde – und sie kann gefährlich werden.

Wirkt die kognitive Verhaltenstherapie effektiver als Arzneien  gegen Depressionen? (Bild: DBPics/fotolia.com)
Die Alkoholsucht hat Wesensveränderungen zur Folge, die nicht selten mit sozialer Isolation einhergehen. (Bild: DBPics/fotolia.com)

Betroffene verletzten ihre besten Freunde lebensgefährlich, weil sie eifersüchtig auf einen Dritten waren, der mit am Tisch saß und sich mit dem besten Freund gut verstand. Mehr als ein Drittel aller Fälle von häuslicher Gewalt entstehen aus Alkoholmissbrauch.

Der Eifersuchtswahn geht einher mit Paranoia, zum Beispiel der fixen Idee, dass zwei Menschen, die sich am Tresen unterhalten, eine Verschwörung gegen den Betroffenen ausheckten.

Der Eifersuchtswahn der Süchtigen zerstört Familien, bringt die Kranken ins Gefängnis und ihre Opfer in das Krankenhaus – oder auf den Friedhof.

Edgar Allan Poe, der selbst an dem Problem litt, skizzierte eine solche Wesensveränderung meisterhaft in der Geschichte „The Black Cat“: Ein ehrbarer Mann, der Tiere ebenso liebt wie seine Frau verfällt dem Alkohol und entwickelt eine paranoide Abscheu vor seiner Katze. Er bringt das Tier um, doch eine neue Katze erscheint, die aussieht wie eine Kopie der alten. In seinem Wahn geht er mit der Axt auf die Katze los und erschlägt dabei seine Frau, die dazwischen steht.

Der Kranke brüllt den Postboten an, der ein Paket für den Nachbarn abliefern will; er schwankt zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Er weint wegen erfundenen Erinnerungen.

Erst im Rausch, später auch in den Phasen dazwischen, bricht sein sozial austariertes Verhalten zusammen – bei Verwandten, Freunden, Bekannten ebenso wie gegenüber Wildfremden: Er fällt zum Beispiel Fremden um den Hals und behandelt enge Freunde, als wären sie Luft.

Er vernachlässigt Körper- und Wohnungshygiene. Er überschreitet Grenzen, die er zuvor einhielt: Er fährt betrunken Auto, und er uriniert in der Öffentlichkeit.

Psychosen und Depressionen begleiten langjährigen Alkoholmissbrauch. Meist verdrängen die Betroffenen, dass es sich dabei primär um Folgen des Alkohols handelt. Bei fortgeschrittenem Alkoholismus kennzeichnen diese Psychosen auch den „nüchternen“ Zustand.

Beim Korsakow-Syndrom schließlich hat der Alkohol wesentliche Bereiche des Gehirns zerstört. Das Gehirn ersetzt die fehlenden Erinnerungen durch Erfindungen. Freunde fühlen sich „vor den Kopf“ gestoßen, wenn der Kranke ihnen jetzt Dinge vorwirft, die sie nie getan haben, oder diese Freunde nicht erkennt, von Reisen in Länder erzählt, in denen er nie war, und, vor allem, bei jeder Gelegenheit Streit auslöst über Geschehnisse, die nur in seiner Fantasie existieren.

Vor allem aber lügt der Kranke, wenn es um seine Sucht geht. Er entwickelt Strategien, um erstens an den Stoff zu kommen, und dies zweitens zu verheimlichen. Ein böser Witz lautet: „Leute, ich geh mal kurz mit dem Hund raus.“ „Wie, du hast doch gar keinen Hund.“

Er versteckt Schnaps im Aftershave-Flacon. Er projiziert und lamentiert über das angebliche oder reale Suchtproblem anderer. Er plant diverse Stationen ein, um unter allen Umständen an die Substanz zu kommen. Er lädt andere zum gemeinsamen Besäufnis ein, um Normalität vorzugaukeln.

Wenn er wegen seines Problems aus dem Job fliegt, erfindet er andere Gründe. Wenn er Termine wegen dem Rausch verpasst, macht er Andere verantwortlich.

Verwandte und Freunde, die Kontakt zu ihm halten, werden zu Ko-Alkoholikern. Wenn sie ihn massiv mit seinem Problem konfrontieren, bricht er die Beziehung ab. Wenn sie mitspielen, decken sie seine Sucht. Sie erfinden Ausreden, wenn er betrunken im Bett liegt, sie kaufen ihm Schnaps beim Kiosk, und sie beteuern „alles ist in Ordnung“, wenn Dritte nach dem Zustand des Kranken fragen.

Akuter Alkoholrausch

Ein akuter Alkoholrausch schränkt das Bewusstsein, die Wahrnehmung und das Verhalten ein. Der Betrunkene ist enthemmt, seine Aufmerksamkeit lässt nach (Benommenheit), er verliert sein Vermögen, Situationen zu beurteilen, seine Leistungsfähigkeit sinkt. Er zettelt Streit an und fühlt sich schnell provoziert, ohne dass ein Anlass vorliegt.

Sein Gang ist unsicher (er torkelt), seine Sprache verschwommen (er lallt), seine Augen zucken, sein Gesicht färbt sich rot, ebenso die Bindehaut. Bei einer Alkoholvergiftung sinkt außerdem der Blutdruck, und der Körper unterkühlt.

Alkoholiker-Typen

In der Vergangenheit klassifizierten Ärzte eine Fülle von Alkoholiker-Typen. Heute stehen stattdessen die Biografien der Individuen im Vordergrund. An der Krankheit leiden Politiker, Lehrer und Journalisten ebenso wie Bauarbeiter und Erwerbslose, Junge wie Alte, Männer wie Frauen.

Cloninger legte 1981 zwei Typen fest. Der Typ-I ist geprägt vom Milieu. Der Kranke wird in einem Umfeld groß, in dem trinken dazu gehört, sei es als Beweis der Männlichkeit, sei es, weil die Kneipe der Ort des sozialen Beisammenseins ist, sei es, weil bei Besuch die Schnapsflasche auf dem Tisch steht. Ein „Herrengedeck“ für ein Bier und einen Korn am Tresen, oder das „Bauarbeiterfrühstück“, sprich ein Kasten Bier, erheben Alkohol zum sozialen Ritual.

Der „Typ-I“ trinkt, um dazu zu gehören. Er verhält sich generell passiv und ist abhängig von Belohnungen. Er flucht zum Beispiel über seinen Job, statt ihn aber zu wechseln, trinkt er in der Mittagspause Schnaps.

Er begibt sich in die Opferrolle: Das System, der Chef, die Eltern sind schuld, dass er nicht das Leben führt, das er führen möchte. Statt aber Schritte zu unternehmen, seine Träume zu verwirklichen, badet er sich in Selbstmitleid: „Ohne Alkohol könnte ich das nicht ertragen.“ Statt an eigenen Zielen zu arbeiten, macht er sein Wohlbefinden vom Lob anderer abhängig, und eine solche „Belohnung“ verspricht auch die Droge.

Je schwieriger die soziale Situation ist, und je weniger Anerkennung der Betroffene erfährt, desto schwerer verläuft der Krankheit. Genetische Dispositionen spielen kaum eine Rolle. Bei Typ-I-Alkoholikern verspricht eine Psychotherapie Erfolg, die den Weg in die Selbstverantwortung ebnet. Der Alkohol ist bei ihnen ein Symptom, der Kern ihres Problems ist die Angst vor einem selbst bestimmten Leben.

Der „Typ-II“ ist fast immer ein Mann. Bereits sein Vater war der D verfrogeallen, und er beginnt sehr früh zu trinken. Die Mutter hat häufig kein Alkoholproblem. Dieser Typ braucht Alkohol und andere Reize, um sich in eine euphorische Stimmung zu bringen – oft lebt er multitoxisch. Er rast mit dem Auto, er balanciert an Brückengeländern, er ist bei jeder fragwürdigen Mutprobe dabei. Mit anderen Worten: Er verhält sich asozial.

Höchstwahrscheinlich liegt bei diesen Kranken eine genetische Disposition vor. Einige dieser Typ-II-Alkoholiker zeigen im klinischen Sinne eine dissoziale Persönlichkeitsstörung, und eine Psychotherapie bringt sehr wenig, da sie selbst unter ihrem Verhalten nicht leiden.

Eine dritte Gruppe hat vermutlich ebenfalls eine genetische Disposition zum Alkohol, verhält sich aber nicht asozial. Auch diese Betroffenen zieht Alkohol magnetisch an, weil er sie in Euphorie bringt.

Biologische Auslöser

Alkohol wirkt entspannend, weil er die NMDA-Rezeptoren hemmt und die GABA-Rezeptoren stimuliert. Der Körper schüttet Dopamine und Endorphine aus. Diese Stimulation schläfert jedoch bei langfristigem Konsum ein, und immer mehr Alkohol ist nötig, um die Entspannung herbei zu führen.

Der Entzug ist deshalb schmerzhaft, weil die zuvor von der Substanz unterdrückten Nervenzellen den Raum besetzen, ohne im Gleichgewicht zu sein. Das bedeutet: Angst bis hin zu blankem Entsetzen, Zittern, Halluzinationen und Krämpfe. Kranke trinken wieder Alkohol, um diese Symptome abzuschalten.

Neue Studien lassen vermuten, dass der Sucht eine genetische Disposition zugrunde liegen kann. Das klingt abstrakt und bedeutet konkret, dass das Gehirn des so Gefährdeten Alkohol mit den Lustzentren verknüpft.

Moralinsaure Therapien bringen hier gar nichts. Den Kranken mit den Folgen seines Alkoholmissbrauchs zu konfrontieren, ihm einen schwachen Willen zu unterstellen, und ihn, salopp gesagt, aufzufordern „die Zähne zusammen zu beißen“ bringt den Betroffenen vielmehr in einen Teufelskreis. Sein Unbewusstes drückt ihn nämlich immer wieder in Richtung Droge, so wie es Unbelastete im Winter an die warme Heizung führt. Das Unbewusste lässt sich nicht willentlich beeinflussen.

Gerade diese Kranken brauchen ein Umfeld, in dem sie mit dem Auslöser Alkohol nicht in Berührung kommen.

Bei Missbrauch und sozialen Auslösern versprechen jedoch Psychotherapien und Wege zur Selbsthilfe den Erfolg. Der Wille, aus der Sucht auszusteigen, muss jedoch vorhanden sein – und damit das Problembewusstsein.

Wege aus der Sucht

Um eine sozial oder psychisch, nicht aber genetisch ausgelöste Alkoholkrankheit in den Griff zu bekommen, entscheidet zuerst der Wille.

Neue Studien zeigen nämlich, dass Menschen in letzter Konsequenz nichts erfolgreich tun, was sie nichttun wollen. Die erste Frage, die der Betroffene sich stellen muss, ist also, ob er überhaupt mit trinken aufhören will.

Als erstes muss er sich bewusst sein, dass er ein Problem hat. Dann gilt es, die Vorteile und die Nachteile der Droge schwarz auf weiß zu fixieren. Verteufelungen bringen hier eben so wenig, wie sich ein Schuldgefühl einzureden. Beides führt höchstens zu einem „schlechten Gewissen“, und ein schlechtes Gewissen bedeutet nur, das gleiche weiter zu tun wie zuvor und sich dabei noch schlechter zu fühlen.

Sich zu entscheiden, ist bereits Selbsthilfe. Alkoholkranke greifen zur Flasche, um sich zu betäuben, sich also nicht bewusst für oder gegen etwas zu entscheiden, Herausforderungen nicht anzugehen und sich unbewusst in eine Opferrolle zu begeben.

Ein Werbemaschinerie, die uns ständig suggeriert, wir könnten alles haben und alles sein, wenn wir nur wollen, verhindert solche klaren Entscheidungen. Denn eine Entscheidung bedeutet immer, sich gegen eine Vielfalt von Alternativen zu entscheiden. Wer sich entscheidet, zahlt einen Preis, und den sollte ervon Anfang an klarstellen.

Es gibt oder gab zumindest positive Reize, zu trinken. Eine Tabelle, auf der der Betroffene die positiven Seiten des Suchtmitttels den negativen gegenüber stellt, ist die Basis, um den Weg aus der Abhängigkeit zu ebnen – oder weiter zu trinken.

Auf der positiven Seite könnte zum Beispiel stehen: Mit Alkohol vergesse ich meine Probleme; ich entspanne mich; ich spreche Leute an, verliere meine Schüchternheit; der Rausch macht trübe Tage bunt; trinken gehört zu meiner Lebensstruktur.

Auf der negativen Seite steht: Saufen zerstört meine Freundschaften; ich schäme mich, für das, was ich tue; ich vertrinke mein berufliches Potenzial; ich werde fett und krank; meine Leistungen nehmen ab; ich genieße den Tag nicht; ich verschwende Geld, das ich sinnvoll einsetzen könnte; mein Charakter verändert sich zu einer Karikatur meiner selbst.

Als nächstes folgt eine schonungslose „Chronik“ positiver und negativer Vorfälle, die die Sucht verursachte: Habe ich alkoholisiert Neues entdeckt? Habe ich im Rausch eine Perspektive entwickelt, die ich sonst nicht hatte? Habe ich meinen Führerschein verloren, welche wichtigen Beziehungen gingen wegen der Trinkerei in die Brüche, etc..

Anhand dieser Chronik kann der Betroffene seine Alkoholiker-Karriere einordnen. Wann folgte der erste Filmriss? Wann verlor er die Kontrolle? Wann spielten Werte, die er sich selbst gesetzt hatte, keine Rolle mehr?

Die Faustregel eines solchen Pro- und Kontradialogs lautet: Je schwerer die Krankheit ist, umso mehr verschwinden die positiven Reize des Konsums. Steht zum Beispiel auf der positiven Seite „ich lerne leichter neue Leute kennen“, bin ich aber schon so tief in der Sucht, dass die neuen wie die alten Leute vor mir davon laufen, so hat sich der positive Aspekt aufgelöst.

Der Betroffene schreibt jetzt auf, welche Situationen bei ihm dazu führen, zur Flasche zu greifen: Stress, oder konkrete Angst, zum Beispiel in einen Club zu gehen? Diese Trigger weisen bereits den Weg zur Heilung, nämlich Gewohnheiten zu ändern.

Wenn, so ein Betroffener, er die Leute in einem bestimmten Club nur betrunken erträgt, so könnte jetzt die Erkenntnis dämmern, warum er überhaupt einen Ort aufsucht, der ihm zuwider ist.

Wenn er mit der Droge seine Schüchternheit überwindet, kann er dies nüchtern trainieren, indem er gezielt fremde Menschen anlächelt oder anspricht.

Dieses Schwarz auf Weiß notieren entlarvt auch die ständigen Ausreden. Der Kranke kann zum Beispiel erkennen, dass seine Ausrede, er würde ständig verführt, weil es überall Bier und Wein zu kaufen gibt, hinfällig ist, wenn er nachts kilometerweit läuft, um an seine Dosis zu kommen.

Sind aber die Trigger erst einmal erkannt wie zum Beispiel Angst in fremder Gesellschaft, Einsamkeit oder Stress, bieten sich eine Menge Alternativen: Entspannungsübungen, die Perspektive wechseln, etwas ganz neues ausprobieren, und sei es nur, mit dem Fahrrad durch zuvor unbekannte Straßen zu fahren, oder sich bewusst etwas gutes tun, das nicht Alkohol heißt.

Der Betroffene kann Gruppen aufsuchen, die helfen -wie die Anonymen Alkoholiker – und dort offen über seine Probleme reden, Freunde anrufen, mit denen er wegen der Sucht lange keinen Kontakt hatte, seinen Verwandten sagen, dass er sein Problem begriffen hat. Süchtige wundern sich meist, wie viel Hilfe sie empfangen, wenn sie diese annehmen.

Nützliche Gewohnheiten / Positive Ziele

Spielen biologische Dispositionen keine Rolle, sondern die Gewohnheit oder das Milieu, dann kann der Betroffene nützliche Gewohnheiten entwickeln. Der bewusste Wille muss zwar vorhanden sein, doch das Unbewusste hängt an ihm wie ein Klotz am Bein.

Unser Unbewusstes verhält nämlich „erzkonservativ“. Es speichert vergangene Erfahrungen und ändert funktionierende Systeme nur sehr langsam. Gewohnheiten sind im Unbewussten gespeicherte Muster, und beim Kranken lautet dieses Muster leider Kiosk-Alkohol, Kneipe-Alkohol, Club-Alkohol, Supermarkt-Alkohol.

Diese Gewohnheiten gilt es bewusst zu ändern. Zum Beispiel kann ein Betroffener, der aus Gewohnheit Samstag Nacht „auf die Piste geht“, jeden Sonntag morgen um 7.00 mit dem Fahrrad eine Stunde in den Wald fahren (wo es keinen Kiosk gibt). Dafür muss er Samstag früher ins Bett gehen.

Oder er behält seinen alten Gang zum Kiosk bei, holt sich jetzt aber jedes Mal einen Schokoriegel und eine Flasche Cola. Dazu bietet es sich an, feste Rituale einzuüben und diese mit (positiven) Symbolen aufzuladen.

Einen inneren Kompass während dieser Phase bietet ein Alkoholtagebuch. Der Betroffene beginnt es an dem Tag, an dem er beschließt, aus der Sucht auszusteigen. Er führt es wie ein „normales“ Tagebuch, konzentriert sich dabei aber auf sein Alkoholverhalten.

Erstens kann er, wenn der Drang zur Flasche übermächtig erscheint, zum Füller greifen und genau über diesen Drang schreiben, zweitens schreibt er aber auch über alles andere, was ihm durch den Kopf geht und befreit sich davon, indem er es aufschreibt. Drittens legt er damit einen Schatz seines eigenen Lebens an, denn bereits nach wenigen Wochen belegt das Tagebuch, ob, und in aller Regel, wie er sich verändert.

Dazu empfiehlt es sich, Zeugen zu involvieren, die Eltern oder Freunde, und ihnen zu sagen: „Ich habe mein Problem erkannt und höre (Datum) damit auf, Alkohol zu trinken. Ich treffe mich in nächster Zeit regelmäßig mit dir und du sagst mir ehrlich, wie du meinen Zustand einschätzt.“ Der Betroffene hat jetzt eine Vereinbarung mit sich selbst getroffen, und Zeugen gefunden. Er kann nicht mehr zurück.

Falls der Kranke in der ersten Phase doch wieder trinkt, schreibt er auch das auf, ohne sich zu verurteilen, im Gegenteil versucht er, auch diesen Zustand wie ein teilnehmender Beobachter festzuhalten.

Psychotherapie oder Gruppentherapien: Es gibt viele Wege von der Sucht loszukommen. Bild: Denis Junker - fotolia
Psychotherapie oder Gruppentherapien: Es gibt viele Wege von der Sucht loszukommen. Bild: Denis Junker – fotolia

Alles, sei es das Aufsuchen der anonymen Alkoholiker, eine Psychotherapie, Gespräche mit den Eltern, Reaktionen der Freunde und Versprechen an sich selbst gilt es aufzuschreiben. Wenn die ersten Versuche, von der Sucht loszukommen, scheitern, ist das kein Problem. Erfolgreiche Menschen unterscheidet von nicht Erfolgreichen, dass sie hundert mal scheitern, bevor die Erfolglosen es überhaupt versuchen.

Das Tagebuch sollte unbedingt positive Entwürfe einer Zukunft ohne Alkohol enthalten und der Betroffene sich jeden Tag mindestens zehn schöne (nüchterne) Erlebnisse notieren und fünf Erfolge aufschreiben. Außerdem kann er ein Bild von sich entwerfen, wie er sich vorstellt, wenn der Alkohol nicht mehr sein Leben bestimmt. Er kann auch eine tägliche Liste führen, wie viel Geld er heute gespart hat, weil er kein Geld für Alkohol ausgab und dieses für sinnvolle Projekte einsetzen. Oder er stellt dem Tagesgeschehen gegenüber, was ihm mit Alkohol entgangen wäre.

Erfolge und Erlebnisse müssen nicht grandios sein: „Ich bin um 8.00 aufgestanden, habe als erstes das Geschirr gewaschen und meine Miete überwiesen“ ist ebenso ein Erfolg wie „ein Buchfink landete auf der Fensterbank“ ein schönes Erlebnis. Der Trick an solchen Aufzeichnungen ist, dass es unser Unbewusstes neu fokussiert.

Das Unbewusste löst sich zwar nur langsam von eingespeicherten Mustern, wenn es aber neue Muster hinzufügt, sprudeln auch bei diesen die Assoziationen. Betroffene, die solche neuen und für sie positiven Gewohnheiten entwickeln, berichten übereinstimmend von verschiedenen Phasen. Zuerst ist der Drang extrem, und die neuen Gewohnheiten wie zum Beispiel im Wand zu wandern, erscheinen ihnen wie eine zwanghafte Selbstdisziplinierung, dann aber entstehen neue Bewusstseinsinhalte, Kindheitswünsche tauchen im Alltag wieder auf, der Blick richtet sich auf Dinge, die nichts mit Alkohol zu tun haben.

Im besten Fall wird das Alkoholtagebuch zu einem kostbaren Abenteuer der Selbsterkenntnis.

Wer „nur“ unter Alkoholmissbrauch leidet, kann es auch mit kontrolliertem Trinken versuchen, indem er sich Regeln aufstellt wie: „Ich fahre nicht mit dem Auto auf Partys“; „ich trinke zwischen jedem Glas Alkohol drei Softdrinks“; „ich bitte meine Freunde, mir zu sagen, wenn ich ausfällig werde“; „ich suche nach Alternativen wie Yoga, Fahrrad fahren oder einer warmen Badewanne, wenn ich überreizt oder im Stress bin.“ Falls dieses kontrollierte Trinken aber nach mehrfachen Versuchen nicht funktioniert, ist es ratsam, den Konsum ganz einzustellen.

Wesentlich, um das Suchtproblem zu lösen, ist, sich nicht zu viel vorzunehmen. Es geht erst einmal nur um den Alkohol. Wenn ich, möglicherweise durch die Droge, unter Übergewicht leide, mich ungesund ernähre, zu viel rauche, zu wenig Sport treibe oder ein Messie-Syndrom habe, sollte ich nicht alles zugleich lösen wollen – dann ist das Scheitern vorprogrammiert. In aller Regel nehmen auch diese anderen Probleme ab, wenn ich mein Leben ohne Abhängigkeit neu ordne.

Suchterinnerung

Ob Missbrauch, psychische oder körperliche Abhängigkeit: Wer sich von der Droge befreit, behält die Erinnerung an „Lady Whisky“ ein Leben lang. Alle Lebenserfahrungen, die wir mit dem Alkohol verbinden, sind im Unbewussten gespeichert.

Gerade trockene Alkoholiker, die körperlich abhängig waren, kennen die Nostalgie bei allem, was mit dem Rausch zu tun hat. Die beste Vorbereitung auf dieses „Wehmutsgefühl“ ist, die Entscheidung für ein Leben ohne die Droge bewusst zu treffen, sich also vorher klar zu machen, dass vertraute Lebenswelten nicht mehr da sein werden.

So paradox es klingt; es geht, wie bei allen Alternativen, darum, das Leben mit der Sucht zu würdigen. Trockene Betroffene, die sich als radikale Alkoholfeinde inszenieren, sind meist keine glücklichen Menschen. Sie verleugnen, dass die Weinflasche ihnen Trost versprach und schmeißen so einen wichtigen Teil ihres eigenen Lebens weg, an das ihr Unbewusstes sie immer wieder erinnert.

Besser ist es, den Alkohol wie eine verflossene Liebschaft zu behandeln, oder wie einen alten Freund, der auf die schiefe Bahn geriet, und zu dem wir deshalb keinen Kontakt mehr haben, dessen gemeinsame Zeit wir aber nicht missen wollen – eine Beziehung, die ihren Sinn hatte, aber Vergangenheit ist. (Dr Utz Anhalt)