Amphetamin und Methamphetamin – Wirkung, Folgen, Therapie

Dr. Utz Anhalt

Eine künstliche Droge

1887 wurde Amphetamin erstmals synthetisiert, 43 Jahre später kam es in einem Mittel gegen Schnupfen in den Handel. 1934 kam erstmals Methedrin in Umlauf, ein Methamphetamin (Meth) mit noch stärkerer Wirkung als Amphetamin. Methamphetamin gilt heute als das den Körper am stärksten schädigende Suchtmittel und macht zudem sehr schnell körperlich abhängig. Methedrin diente seinerzeit als Arznei gegen Leistungsschwäche.

Crystal Meth macht extrem schnell abhängig und richtet massive körperliche und psychische Schäden an. (Bild: Kaesler Media/fotolia.com)

Auch Speed und Crystal Meth sind solche Aufputscher: Sie fördern die Ausschüttung von Neurotransmittern, und diese Botenstoffe sorgen kurzfristig für eine höhere Leistungsfähigkeit. Die Nebenwirkungen können gesteigerte Aggressionen und Psychosen sein.

Synthetische Kopien

Amphetamin und Methamphetamin sind synthetisch hergestellte Substanzen, die natürliche Phenylamine kopieren. Das sind zum Beispiel Hormone wie Adrenalin, Transmitter wie Dopamin, Aminosäuren wie L-Tyrosin oder Alkaloide wie Mescalin. Alle diese Stoffe wirken psychoaktiv, allerdings in verschiedener Richtung.

Mehr zum Thema:

Schnupfen, schlucken und spritzen

Amphetamin kommt in der Regel als weißes Pulver in den Handel. Es lässt sich durch die Nase ziehen, in Flüssigkeit auflösen oder in das Blut spritzen. Methamphetamin besteht aus weißlichen Kristallen (Chrystal Meth). Diese lassen sich rauchen, zu Pulver zerstampft schniefen oder in Wasser gelöst injizieren.

Wie wirkt Amphetamin?

Amphetamin regt das vegetative Nervensystem an, das durch die Substanz Noradrenalin vermehrt ausstößt, und auch Dopamin sowie Norephedrin. Amphetamin gelangt nämlich in die präsynaptischen Nervenzellen, von denen aus Informationen an den Organismus weitergeleitet werden.

Im Inneren dieser Nervenzellen drängt das Amphetamin jetzt dort gespeicherte Botenstoffe (Neurotransmitter) aus ihren Reservoirs, und sie schütten sich jetzt in das Innere der Zellen aus. Das allein hätte noch keine gravierenden Folgen, doch der Stoff dreht außerdem die Richtung der Neurotransmitter um: Sie wandern jetzt direkt in die Synapse, und zwar, im Unterschied zum natürlichen Prozess, unabhängig davon, ob die Zelle „feuert“.

Methamphetamin wirkt im Kern genau so, aber intensiver. So wird durch „Meth“ mehr Dopamin ausgeschüttet, und die Substanz überwindet spielerisch die Blut-Hirn-Schranke – es breitet sich also unmittelbar im Gehirn aus.

Durch Stress wird der Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Unsere Sinne sind geschärft und wir empfinden weder Hungergefühl noch Müdigkeit. (Bild: Bildgigant/fotolia.com)

Künstlicher Stress

Der Zustand, den die Konsumenten anstreben, und den das Amphetamin auslöst, ist keinesfalls gesund – es handelt sich nämlich um künstlich produzierten Stress. Stress ist in der Körperchemie ein Ausnahmezustand, der ermöglicht, in gefährlichen Situationen schneller als gewöhnlich zu reagieren.

Flucht, Angriff oder Tod?

In der Evolution waren das die Situationen, wo wir blitzschnell entscheiden müssten, ob wir vor einem Raubtier oder einem menschlichen Gegner die Flucht ergreifen, uns verstecken oder fliehen. Unsere Sinne sind geschärft, wie hören besser, wir sehen besser; wir sind getrieben und empfinden keine Müdigkeit oder Hunger.

Stress dient dem nackten Überleben

In der Natur hätte es uns zum Beispiel abgelenkt, wenn wir Stunden lang ein Beutetier verfolgt und den Fokus verloren hätten, weil wir müde geworden wären. Wenn uns ein Löwe gegenüberstand, konnten wir nicht lange die Situation analysieren, sondern mussten sofort entweder den Speer schleudern oder uns in Sicherheit bringen.

Überleben statt Schlaf

Körperlich bedeutet Stress: Der Körper schüttet vermehrt Botenstoffe aus, die uns antreiben und die Gefühle des Hungers oder der Müdigkeit unterdrücken. Das bedeutet indessen nicht, dass der Organismus deshalb weniger Nahrung oder Schlaf braucht – im Gegenteil, Stress verbraucht Energie, und nach den Stress-Phasen benötigen wir deshalb mehr Schlaf und mehr Nahrung, um uns zu regenerieren. Wer aber, im Angesichts des Löwen, erst einmal ein Nickerchen gemacht hätte oder sich den Bauch voll geschlagen, hätte nicht lange überlebt.

In diesen Überlebenssituationen setzt die Körperchemie also Prioritäten: Mittelfristig können wir ohne Nahrung und Schlaf nicht leben, in Augenblicken des nackten Überlebens hat dieses aber Prioritäten.

Ein neurochemischer Trick

Der „Trick“ synthetischer Amphetamine besteht aber darin, dass die Körperchemie nicht weiß, ob eine reale Gefahr, sprich Stress-Situation, vorliegt oder nicht. Vermittelt werden nur die chemischen Botschaften über die Neurotransmitter, und die setzen den Ausnahmezustand in Kraft.

Ob wir uns also in der Natur voll Energie fühlen, uns unbesiegbar wähnen und unsere körperliche Leistung gesteigert ist, weil wir die letzten zehn Kilometer bis zum sicheren Lager schaffen müssen, oder wir uns Amphetamine zuführen, um die ganze Nacht durchzutanzen – das sagen die Neurotransmitter nicht.

Amphetamine putschen auf, sie machen wach und ermöglichen zum Beispiel stundenlanges Tanzen. (Bild: DWP/fotolia.com)

Stress kontra soziales Miteinander

Es hat gute Gründe, warum wir uns natürlich nicht immer im Stress-Zustand befinden: Stress bedeutet nicht nur schnellere Reaktionen, sondern auch unüberlegte, und aus den Strukturen des menschlichen Gehirns lässt sich im Vergleich zu Schimpansen ableiten, dass der Stress-Level mit der Zivilisation ebenso sank wie die Schnelligkeit, mit der der Stress-Prozess einsetzt.

Laut dem Biologen Carl Safina handelt es sich dabei um eine evolutionäre Anpassung an das Zusammenleben in großen Gruppen auf engstem Raum, Hunde durchliefen im Vergleich zu Wölfen eine ähnliche Veränderung des Hormonhaushalts. Im ständigen Zusammenleben mit vielen Artgenossen auf engstem Raum wäre es fatal, wenn wir ständig mit den schnellen Reaktionen von Flucht und Angriff reagieren würden: Stress macht aggressiv, und genau das ist eine Wirkung des Amphetamins.

Euphorie und Aggressivität

Menschen, die „auf Speed“ sind, reden nicht nur ununterbrochen, können nicht still sitzen und tanzen die ganze Nacht, sie beginnen auch schnell Schlägereien, teilen die Welt in Freund und Feind, beleidigen und verletzen andere Menschen auf eine Art und Weise, wie sie es im „Normalzustand“ nicht tun würden. Methamphetamin schüttet zusätzlich erhöht Dopamin aus, und die Betroffenen fühlen sich dadurch zusätzlich euphorisch.

Psychische Abhängigkeit

Der künstlich produzierte psychische Ausnahmezustand führt dazu, dass die Betroffenen den Kick oft immer wieder suchen. Mehr noch: Häufig nehmen gerade solche Menschen Amphetamin, denen diese Zustände im Alltag nicht nur fehlen, sondern die oft das Gegenteil davon spüren.

Sogwirkung auf Labile

Speed zieht besonders Menschen an, die sich gewöhnlich passiv verhalten, die schüchtern sind, „nicht aus sich heraus kommen“ und wenig Selbstwertgefühl haben. Wenn gerade diese Betroffenen „auf Speed“ jetzt die Erfahrung machen, sich für eine Nacht wie der „König der Stadt“ zu benehmen und bisweilen auch auf Außenstehende so zu wirken, dann ist die Gefahr, dieses Gefühl künstlich wiederherzustellen, gewaltig.

Künstliches Hochgefühl

Zudem kommt nach dem Rausch wie bei Kokain die Niedergeschlagenheit. Das exzessive Tanzen, ruhelos Herumlaufen und Dauerreden kostet den Körper Energie, die er mühsam wieder regenerieren muss. Nach den durchtanzten Nächten mit Amphetamin fühlen sich die User genau so, wie sie sich nach durchtanzten Nächten ohne die Droge fühlen würden; Sie sind am Ende ihrer Kräfte. Sie brauchen sehr viel Ruhe.

Zudem sind aber die Ängste und Probleme, wegen denen sie das Amphetamin einnahmen, in verschärfter Form wieder da. Bei Meth ist die Gefahr der psychischen Abhängigkeit sogar extrem, weil es schnell in das Gehirn flutet und es sofort und sehr stark wirkt.

Nach einer exzessiven Party-Nacht mit Aufputschdrogen folgt die totale Erschöpfung. (Bild: pressmaster/fotolia.com)

Innere Unruhe

Der „Abtörn“ beginnt dabei nicht erst, wenn der Rausch aufhört. Nach mehreren Stunden fühlen sich die User nervös, sie sind abgespannt. Der Körper fordert jetzt die notwendige Ruhe ein, die das Amphetamin künstlich gestohlen hat. Die vermeintliche Leistungssteigerung lag ja an einem Raubbau an den Ressourcen.

Das gestörte Gleichgewicht

Viele Betroffene nehmen jetzt Beruhigungsmittel wie Valium, um „wieder runter zu kommen“ oder rauchen Cannabis. Die Folge ist auf Dauer eine psychische Abhängigkeit von verschiedenen Substanzen, die sich die Menschen von außen zuführen, weil die körpereigene Chemie aus dem Ruder läuft.

Dauerkonsumenten leiden häufig darunter, dass sie ihre wirklichen Stimmungen nicht mehr kennen. Zwischen den Ups und Downs durch die Drogen durchleben sie Phasen der inneren Leere und Niedergeschlagenheit.

Tanzen bis zum Umfallen

In Europa verbreitete sich Amphetamin vor allem in der Tekkno-Szene. Diese zeichnete sich im Vergleich zu vorherigen Subkulturen dadurch aus, dass die „Parties“ nicht mehr den tradierten zeitlichen Beschränkungen unterlagen.

Die Raver gingen nicht mehr abends zwei oder drei Stunden zu einem Konzert, danach vielleicht noch in eine Kneipe, und irgendwann nachts schlafen, sondern die digital erzeugte Musik lief und läuft durchgehend bis weit in den nächsten Tag hinein. Die Aufputschdrogen ermöglichen, von Freitagabend bis Sonntagnacht durchzutanzen.

Im Unterschied zu dem Drogenkonsum der Hippie-Generation dienen im Tekkno die Amphetamine nicht dazu, „höhere Einsichten“ zu bekommen, und im Unterschied zum Kneipenbesäufnis sollen sie nicht helfen, sich dem Alltag durch eine „Betäubung auf Zeit“ zu entziehen.

Konformistische Egomanen

Die Amphetamine sollen hingegen die „Werte“ des Turbokapitalismus wie ständige Hochleistung, aggressive Egomanie und eine unangreifbare Fassade in die Freizeit hinein erstrecken. Der Konsum der „Upper“ in der Tekkno-Szene ist keine (hilflose) Flucht aus der neoliberalen Ver- und Entwertung der Menschen wie der Konsum von Heroin in den Zeiten von Christiane F. Die durch den Stoff aufgeputschte Egozentrizität der Raverszene ist im Gegenteil die kapitalistische Leistungsgesellschaft in Reinform.

Amphetamine werden in Europa vor allem in der Rave- und Techno-Szene konsumiert. (Bild: SammyC/fotolia.com)

Folgen

Amphetamin und Methamphetamin machen in hohem Ausmaß körperlich abhängig. Weil sie die Botenstoffe Noradrenalin und Dopamin verdrängen, kehren nur wenige dieser Moleküle wieder in das Innere der Zelle zurück. Von Mal zu Mal stehen jetzt weniger dieser Botenstoffe zur Verfügung, denn der Körper kann sie nicht unbegrenzt produzieren; die Speicher leeren sich.

Die User ersetzen jetzt jedes Mal die ausgeschütteten Botenstoffe durch noch mehr Stoff und nehmen so die letzten Neurotransmitter aus ihrem Speicher. Die Toleranz gegenüber der Droge wächst.

Körperliche Abhängigkeit

Körperliche Abhängigkeit bedeutet konkret: Wenn die User das Amphetamin plötzlich absetzen, fehlen die Botenstoffe in den Zellen. Extreme Erschöpfung ist die Folge. In der biologischen Evolution gaukelt der Stresszustand Lebewesen vor, dass sie keinen Hunger verspüren und viel mehr leisten können als gewöhnlich. Beim Amphetamin bedeutet das: Die Betroffenen gehen weit über die realen Grenzen hinaus: Sie tanzen, bis sie kollabieren.

Überdosierungen

Überdosierungen führen zu Bluthochdruck, Herzrasen, Brustschmerzen und Angstzuständen, die sich zu Angststörungen auswachsen können. Hinzu kommen Schwitzen und Zittern. In schlimmeren Fällen treten Herzstörungen auf, bis hin zum akuten Koronarsyndrom, der ersten Phase eines Herzinfarktes.

Antisoziales Verhalten

Dauerhafter Konsum kann zu Untergewicht führen, weil die Betroffenen subjektiv keinen Hunger empfinden. Ausufernder Gebrauch geht oft einher mit paranoiden Wahnvorstellungen, dauerhaften Halluzinationen und hoher Aggressivität. Alle drei gehen dabei Hand in Hand: Der paranoide Konsument sieht überall um sich herum Feinde, die sich gegen ihn verschwören, sieht diese in seinen Halluzinationen böse Dinge tun und greift sie deswegen an – verbal oder sogar körperlich. Speed gilt nicht von ungefähr als Droge gewalttätiger Hooligans.

Gefahr für Schwangere

Besondere Gefahr entsteht für Schwangere und stillende Mütter: Amphetamin und Methamphetamin durchdringen die Plazentaschranke und gelangt sowohl in die Gebärmutter wie die Muttermilch. Die Neugeborenen von Meth abhängigen Müttern kommen so als körperlich von der Droge Abhängige auf die Welt – mit allen Folgen.

Langfristige Folgen

Langfristige Folgen von Amphetamin, vor allem aber von Methamphetamin, sind Zahnaus- und Zahnverfall, Unterernährung mit daraus resultierendem Vitamin- wie Mineralienmangel sowie Leber- und Nierenschäden. Hinzu kommen Krankheiten der Lunge bzw. des Lungen-Blut-Kreislaufs und Hirnschäden, die sich mit Alzheimer und Epilepsie vergleichen lassen, weiterhin kann es zu einem Herzinfarkt und Schlaganfall kommen. (Dr. Utz Anhalt)