Anorexie – Ursachen, Symptome und Therapie

Falsches Selbstbild: Magersüchtige sehen sich im Spiegel "dick", obwohl sie objektiv stark abgemagert sind. Das Selbstbild ist gestört. Bild: RioPatuca Images - fotolia
Dr. Utz Anhalt
Anorexia Nervosa oder auch Magersucht
Anorexia Nervosa, Magersucht, ist eine Krankheit, die auf einem gestörten Körperbild basiert. Anorektiker/innen haben ein extremes Bedürfnis, Gewicht zu verlieren, indem sie sich überbeanspruchen und Essen verweigern.

Eindeutige Symptome sind:

– Ein ununterbrochenes Kreisen darum Gewicht zu verlieren

– der Zwang zu Entbehrungen

– ein verzerrtes Bild des eigenen Körper

Die Todesrate ist hoch. Nichtsdestotrotz profitieren vielen Erkrankte von Behandlungen in speziellen Kliniken für Ess-Störungen.

Falsches Selbstbild: Magersüchtige sehen sich im Spiegel "dick", obwohl sie objektiv stark abgemagert sind. Das Selbstbild ist gestört. Bild: RioPatuca Images - fotolia
Falsches Selbstbild: Magersüchtige sehen sich im Spiegel „dick“, obwohl sie objektiv stark abgemagert sind. Das Selbstbild ist gestört. Bild: RioPatuca Images – fotolia

Hyperaktivität

Außer Nahrungsentzug ist körperliche Hyperaktivität ein weiteres Stück im Anorexie-Puzzle. Laien nehmen diese Überaktivität oft nicht ernst, oder halten sie sogar für positiv, nach dem Motto: Wer so viel Sport treibt, kann doch nicht krank sein. Dieses Symptom spielt aber eine zentrale Rolle im Krankheitsbild und dem Fortschreiten der Selbstzerstörung.

Nicht alle Magersüchtigen sind hyperaktiv, aber die Hyperaktiven zeigen schlechte Heilungsraten, sie sind länger und häufiger in Kliniken und zehren energetisch aus. Fachleute sehen Hyperaktivität inzwischen als wesentliche Psychopathologie der Anorexie.

Der Grund für die Hyperaktivität ist der gleiche wie für die Nahrungsverweigerung. Betroffene fühlen sich unvollkommen und versuchen, in dieser verzerrten Wahrnehumg ihren Körper zu disziplinieren – auf letztlich tödliche Art.

Ihr Vorstellung, defizitär zu sein, resultiert nicht aus realen körperlichen Mängeln: Die wenigsten Magersüchtigen litten zuvor an schwerem Übergewicht, bei dem weniger zu essen und mehr Sport zu treiben, sinnvoll wäre.

Ihr pathologischer Drang nach Perfektion ist hingegen eine psychische Störung. Nicht reale Gewichtsprobleme, sondern eine falsche Wahrnehmung ihrer selbst ist die Ursache.

Wer besonders viel Sport treibt, statt ordentlich zu frühstücken, erst einmal 10 Kilometer läuft, danach Fahrrad fährt, und abends, statt in der Kneipe zu sitzen, zum Fitness geht, gilt in dieser Gesellschaft nicht als krank – er entspricht im Gegenteil dem Leistungsideal.

Magersüchtige wirken auf Außenstehende oft besonders ehrgeizig und erfolgreich – dabei handelt es sich um verzweifelte Menschen, die Hilfe brauchen.

Ursachen

Die Ursachen der Krankheit unterscheiden sich von Person zu Person; die bekannten Ursachen umfassen genetische Dispositionen ebenso wie eine Kombination von Umwelteinflüssen, sozialen und kulturellen Faktoren.

Die genauen Ursachen sind bis heute unbekannt und Mechanismen, die die Störung hervorrufen, kaum verstanden. Fortschritte in Techniken, die die Nervenreaktionen bildlich darstellen, werden immer wichtiger, um Anorexie zu verstehen.

Eins jedoch ist klar: Anorexia Nervosa breitet sich in den entwickelten Kapitalstaaten aus und viele Betroffene versuchen zwanghaft, den Leitideologien des Turbokapitalismus gerecht zu werden.

Zu den Kernmerkmalen gehört ein Zwang zur Perfektion. Viele Magersüchtige streben danach, in jedem Bereich die besten zu sein. Egal, was sie tun, ob sie politisch tätig sind, ein Studium absolvieren, vor dem Abitur stehen oder sich sportlich engagieren: Sie sind diejenigen, die zwei Stunden früher auftstehen, um für die Klausur zu lernen; sie trainieren in ihrer Freizeit, wenn sie beim 1000 Meter Lauf nur zweite wurden; sind sie politisch aktiv, dann verpassen sie keine Veranstaltung.

Auf Außenstehende wirkt dieses Engagement deswegen oft nicht krankhaft, weil es sich auch auf die Freizeit ausdehnt: Magersüchtige tanzen die ganze Nacht auf Parties durch, oder sie gehen auf Extremreisen über die Grenzen ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit.

Junge Magersüchtige wirken oft in einem Ausmaß verantwortungsbewusst, dass ihrem Alter nicht angemessen ist. Laien fällt das Krankhafte in ihrem Verhalten erst auf, wenn die Spuren der Krankheit sich nicht mehr leugnen lassen – die Finger erinnern an Skelette, der Kehlkopf tritt heraus oder die Oberschenkel haben die Dicke von Handgelenken.

Darauf angesprochen, leugnen Betroffene in der Regel ihre Krankheit; sie erzählen dann zum Beispiel von einer Fehlfunktion der Schilddrüse oder einer Übersäuerung des Magens.

Generell werden Magersüchtige perfekt darin, nach außen keine Schwäche zu zeigen, und dieses Verhalten ist sowohl ein Symptom als auch eine Ursache ihrer Krankheit. Oft lernten sie bereits früh, sich als Mangelwesen zu empfinden, wenn sie nicht in jedem Bereich Höchstleistungen brachten.

Sie leiden erstens darunter, sind aber zweitens nicht in der Lage, das menschenfeindliche Leistungsideal zu kritisieren. Statt also für Verhältnisse einzutreten, in denen Menschen ihr Leben entfalten können, ohne einem körperlichen Ideal zu entsprechen, arbeiten sie den Zwang, unter dem sie leiden, pathologisch am eigenen Körper ab.

Unbewusst steckt dahinter oft der Wunsch, sich durch diese de facto Selbstzerstörung von den gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. Eine Magersüchtige sagte zum Beispiel, als sie mit 28 Kilogramm auf der Intensivstation lag: “Ich fühle mich frei wie ein Geist, von den Fesseln des Körpers gelöst.”

Nahrung zu verweigern und den Körper zugleich zu Höchstleistungen zu vergewaltigen, erinnert nicht zufällig an die asketische Praxis in Religionen, also den zum Scheitern vorprogrammierten Versuch, sich der Gesellschaft durch Qualen am eigenen Leib zu entziehen.

Viele Magersüchtige weisen folgerichtig eine sadomasochistische Persönlichkeit auf. Masochistisch, weil sie ihren eigenen Körper foltern, statt ihr Leiden in gesellschaftliches Handeln umzusetzen. Sadistisch, weil sie in ihrer gestörten Wahrnehmung auf die “Normalen” herabblicken, die in ihren “unförmigen Körpern” gefangen sind.

Empirisch kaum nachzuweisen, aber offensichtlich, setzen sie entgrenzt eine Propaganda um, die im Neoliberalismus zum Standard gehört, nämlich das Märchen, das derjenige der “positiv denkt” und immer härter arbeitet, ein “Gewinner” wird.

Dieser Sozialdarwinismus selektiert zwischen “Gewinnern” und “Verlierern” und leugnt die sozialen Verhältnisse, in die jeder Mensch eingebunden ist. Viele Magersüchtige zeigen die Menschenfeindlichkeit dieser Ideologie am eigenen Körper; sie entsolidarisieren sich und versuchen, die “Besten” zu sein bis zum logischen Extrem.

Sich durch das Quälen des eigenen Körpers von den “Normalen” abzugrenzen, führt sie in einen Teufelskreis. Wenn Freund_innen, Verwandte oder Fachleute ihren “Lifetsyle” kritisieren, bestätigt sie das nur darin, sich noch intensiver zu quälen. Da sich die Verhältnisse durch dieses “Selbstopfer” aber nicht ändern, zerstören sie sich immer mehr.

Die Geschichte der Anorexia Nervosa

William Gull, ein Leibarzt von Queen Victoria, gab der Anorexia Nervosa 1868 ihren Namen, und Charles Lasgue beschrieb sie erstmals 1873 als “Lánorexie Hysterique.

William Gull schrieb über eine Krankheit, die vor allem junge Frauen zwischen 15 und 23 befiel – mit dem Merkmal extremer Unterernährung. Männer tauchten in seiner Untersuchung nicht auf, und er sah die Störung mit der “Hysterie” verbunden, die damals als spezifisch weibliche Störung galt.

Er schlug vor, die Patientinnen von ihren Familien zu trennen, da er die Betroffenen als “Vampir” sah, der das “Blut der gesunden Menschen der sozialen Umwelt” saugte.

Diese frühen Beschreibungen enthalten einen wahren Kern. Die “weibliche Hysterie” im viktorianischen Zeitalter erscheint unter der soziologischen Lupe und aus der historischen Distanz als gesellschaftlich produziert. Bürgerliche und adlige Frauen lebten damals in einem Gefängnis aus rigiden Normen, die das Frauenbild festschrieben, und irrationale Ausbrüche waren eine der wenigen Möglichkeiten, sich diesem Korsett zu entziehen.

In dieses Umfeld lässt sich die damalige Magersucht ebenfalls einordnen: Als zum Scheitern verdammter Versuch, sich der Kontrolle zu entziehen und zugleich auf das psychische Leid aufmerksam zu machen: Wer die Nahrung verweigert, verweigert die Kooperation.

Die Erkrankten als Energievampire zu sehen, deckt sich ebenfalls mit der Erfahrung, die heute Nahestehende oft mit Magersüchtigen machen. Kein Essen anzunehmen, ob von Eltern, Geschwistern oder Freund_innen ist oft ein Signal, um zu zeigen: “Ich gehöre nicht zu euch.” Das eigene Leiden dient oft bewusst-unbewusst dazu, das soziale Umfeld zu bestrafen.

Falsch ist aber die Vorstellung, dass Magersüchtige hungern, um ihre Angehörigen zu zwingen, sich um sie zu kümmern. Im Gegenteil: Sie leugnen ihre Krankheit und schlagen Hilfsangebote aus. Therapeut_innen brechen sich an ihnen die Zähne aus, weil die Betroffenen das Krankheitsbild meist genauer kennen als der behandelnde Arzt und trotzdem weitermachen.

Die Krankheit ist also zu komplex, um die Betroffenen generell in einer moralischen Schuld zu sehen.

Magersucht lässt sich bereits im antiken Griechenland nachweisen und beginnt mit religiösem Fasten, das sich bis in das Mittelalter hinein zieht. Die mittelalterliche Praxis des “sich krank Hungerns” von Frauen im Namen religiöser Reinheit lässt sich ohne Zweifel als Magersucht einordnen. Auch heutige Magersüchtige imaginieren ihre Störung häufig als Dienst für einen höheren Zweck – ob es sich dabei um den “Weg zu Gott” oder die kapitalistische Barbarei handelt, spielt keine Rolle.

Im 19. Jahrhundert galt Anorexie als Form der Melancholie (heute Depression), in der die Selbstaggression die Libido steuert.

Heute gilt Anorexie als ein Resultat unterschiedlicher Faktoren. Die Medien und die westliche Besessenheit von Schlankheit spielen ebenso mit wie dysfunktionale Dynamiken in den Familien. Deshalb diskutieren Fachleute heute insbesondere, wie Eltern Ess-Störungen auf die Kinder übertragen.

Das gilt nicht nur für Magersucht, sondern auch für Ess-Brechsucht und Ess-Sucht. Vereinfacht gesagt: Die Bulemiker/innen fressen das, worunter sie leiden, in sich hinein, machen gute Miene zum bösen Spiel und würgen es heimlich wieder aus; die Ess-Süchtigen fressen sich einen Schutzpanzer an, um ihre Verletzungen mit dieser Rüstung zu umkleiden. Die Magersüchtigen sind die “Konsequenten” unter den Ess-Gestörten. Sie verweigern die Nahrung und damit die Verbindung zur Familie und setzen sich zugleich einem mörderischen Leistungsideal aus, um den Zwängen ihrer Lebenswelt zu entkommen.

Essen ist ein elementares soziales Ritual, und über Essen definiert sich das Familiensystem: Mit wem essen wir wo, was essen wir, wie viel essen wir, wer bekommt was, essen wir Fleisch oder vegetarisch, deutsch-bürgerlich oder international? Damit drücken wir aus, wie wir uns sozial definieren.

In der Familie kennzeichnet das Essensritual die soziale Rangordnung: Der Teenager, der nach der Schule ein Döner Kebab ist statt mit seiner Mutter am Tisch zu sitzen, demonstriert seine Unabhängigkeit; die Mutter hält ihre abhängige und übergewichtige Tochter in einem Double-Bind, indem sie ihr ständig sagt “guck mal, wie fett du bist” und ihr zugleich das dickste Stück Sahnetorte gibt. Magersüchtige demonstrieren: “Ich gehöre nicht zum System.”

Unter Magersucht leiden nach wie vor in der Mehrheit Frauen im Teenager- und jungen Erwachsenenalter, und viele Studien sehen die Störung als Methode, sich der Sexualität zu verweigern: Als Folge der Magersucht bricht nämlich der weibliche Hormonhaushalt zusammen, und bei vielen Betroffenen setzt die Periode aus. Manche von ihnen bezeichnen dieses Ausbleiben der Blutung als “Erlösung”.

Die Haupttypen der Ess-Störungen

Es gibt drei Hauptformen von Ess-Störungen.

Menschen mit Magersucht haben ein gestörtes Körperbild, das dazu führt, dass sie sich als übergewichtig empfinden, sogar, wenn sie lebensgefährlich unterernährt sind. Sie lehnen es oft ab, in Gegenwart anderer zu essen, sie verlieren extrem viel Gewicht, und einge von ihnen hungern sich sogar zu Tode.

Menschen, die an Bulimie leiden, essen in Mengen, dann nehmen sie Abführmittel ein und erbrechen das Gegessene. Sie handeln meist im Verborgenen, sie verachten sich und schämen sich für ihre Krankheit, dazu kommen negative Gefühle, wenn sie ihren Magen entleert haben. Bulimie geht einher mit einer Besessenheit, das Gewicht und das Selbstbild zu kontrollieren und wird oft von Depressionen begleitet. Da sich die Betroffenen für ihre “mangelnde Konsequenz” verachten, ist in schweren Fällen die Selbstmordgefahr hoch.

So genannte “binge eaters” leiden unter Heißhungeranfällen, in denen sie unkontrolliert Nahrung in sich hinein schlingen. Im Unterschied zu Bulimie-Betroffenen führen sie sich nicht durchgehend exzessiv Kalorien zu. “Binge Eating” ist weniger klar umrissen als Bulimie und Magersucht, deswegen lassen sich wenig allgemeine Charakteristika feststellen.

Regelrechte Essanfälle und das sofortige Ausbrechen der Speisen. Bild: Photographee.eu - fotolia
Regelrechte Essanfälle und das sofortige Ausbrechen der Speisen. Bild: Photographee.eu – fotolia

Betroffene berichten aber häufig von einem Gefühl “innerer Leere”, fühlen sich in sozialen Beziehungen isoliert, meinen, das “Wesentliche im Leben” verpasst zu haben oder “das, was sie im Leben erreichen wollen, niemals erreichen zu können”. Sie leiden oft unter extremen Schuldgefühlen, Stress und Selbstverachtung.

Dazu kommen Ess-Störungen, die sich nicht genau einordnen lassen, aber ebenso schlimme Auswirkungen haben können wie Bulemie oder Anorexie. Sie reichen von Menschen, die zwanghaft schädliche Nahrungsmittel konsumieren wie Süßigkeiten oder Energy-Drinks im Übermaß bis zu Betroffenen, die Nahrung verweigern, die in ihrer Familie eine besondere Rolle spielte.

Bei Magersucht, Bulimie und “binge eating” gilt: Je früher Angehörige die Symptome erkennen, umso besser. Magersucht wie Ess-Brechsucht beginnen sehr häufig in der Pubertät. Die Teenager unterwerfen sich strikten Diäten und achten penibel auf Gewichtsverlust.

Verantwortungsvolle Eltern sollten bei jeder Diät ihrer Kinder darauf achten, ob sie in einem “gesunden Rahmen” verläuft, und ob das Motiv psychische Probleme sind. Verantwortungslos ist es hingegen, eine 14jährige Tochter, die etwas Speck auf den Rippen hat, dafür erstens zu diskriminieren und sie zweitens zu loben, weil sie “so schön schlank geworden ist.”

Solche Eltern hadern erstens oft selbst mit ihrem Gewicht und drücken zweitens meist viel schlimmere Anschuldigungen mit ihrer “Kritik” aus. Unterschwellig sagen sie dem Teenager: “So wie du bist, bist du nicht in Ordnung.” Mit dem (vermeintlichen) Übergewicht denunzieren sie eine angeblich fehlende Disziplin oder Faulheit des Kindes.

Diese Anschuldigungen schlagen oft genau dann ein, wenn der Teenager die ersten Schritte einer eigenständigen Entwicklung unternimmt, und die Eltern genau diese blockieren. Die Jugendlichen wissen nicht, wohin sie ihre Schritte führen, bekommen aber suggeriert, das jedes Hinausgehen in die Welt falsch ist.

Strikte Diäten sind so bisweilen ein destruktiver Versuch, “richtig” sein zu wollen. In diesen Fällen trifft die Schuld an der Ess-Störung der Teenager die Eltern. Gerade solche Eltern zeigen sich leider häufig beratungsresistent. Wenn die Erkrankten in eine Therapie kommen, sagen sie häufig: “Ich glaube, sie hat die falschen Freundinnen,” “das war gerade so eine Mode in der Schule”, oder “in der Pubertät wurde sie ganz komisch”… Sie behaupten aber felsenfest, selbst alles richtig gemacht zu haben. Versierte Therapeut_innen erkennen in diesen Fällen den Narzissmus der Eltern als Kern des Problems, und die Störung des Teenagers als Symptom eines Systems, das den Eltern die Herrschaft sichert – auf Kosten des Kindes.

Doch nicht immer ist die Familie schuld. Faschistoide Selektion wie Heidi Klums “Germanyś next topmodel” erklärt Mädchen für “lebensunwert”, die nicht dem Körperideal eines mit Haut bedeckten Skeletts entsprechen. Auf dem Arbeitsmarkt erleben Frauen und zunehmend auch Männer, dass eine zurecht gehungerte Körperform nötig für die Karriere ist – empathische Eltern müssen hart arbeiten, um dieser Barbarei etwas entgegen zu setzen.

Es geht darum, den eigenen Kindern zu zeigen, dass die Eltern sie lieben, egal, ob sie etwas dicker oder dünner sind. Spätestesens, wenn das Ess-Verhalten einen zerstörerischen Einfluss hat, sind trainierte Therapeut_innen gefragt. Viele Psycholog_innen in Deutschland haben sich heute auf Ess-Störungen spezialisiert.

Generell gilt: Eine ausgeformte Anorexie wie Bulimie ist ein Teufelskreis, aus dem die Betroffenen ohne fremde Hilfe so gut wie nie heraus kommen.

Ursachen

Eine genetische Disposition spielt, laut neuesten Studien, nichtsdestotrotz eine wichtige Rolle bei der Genese von Anorexia. Demnach ist ein Gen im Umfeld des Chromosoms 1p am Risiko beteiligt, an Anorexie zu erkranken.

Als weiterer “Verdächtiger” gilt eine Dysfunktion im Hypothalamus, der bestimmte metabolische Prozesse reguliert. Ein Ungleichgewicht der Neurotransmitter zeichnet Menschen, die an Magersucht leiden ebenfalls aus.

Ess-Probleme eines Kindes, einen generelle Biografie der Unterernährung und Depressionen der Mutter gelten als Risikofaktoren. Ein hohes Ausmaß an negativen Gefühlen und Perfektionismus zeichnet die Betroffenen aus.

Soclhe Basisprobleme bieten den Nährboden für eine Störung, die häufig mit dem Druck beginnt, dünn und “attraktiv” zu sein. Ein schlechtes Selbstbild vergrößert das Problem. Dieses Selbstbild kann unterschiedlichste Ursachen haben: Mobbing in der Grundschule, Gewalt durch Mitschüler_innen, spezielle Interessen, die die “Anderen” nicht teilen, oder sexuelle Misserfolge in der frühen Pubertät.

Menschen, die an einer Ess-Störung leiden, sind häufig Opfer von sexuellem Missbrauch in der Kindheit, und Bulemie wie Magersucht drücken so aus, sich sexuellen Erfahrungen zu verweigern.

Der Faktor Familie ist derzeit in der Fachwelt heiß umstritten. Während manche Ärzt/innen nach wie vor dysfunktionale Familien als wesentliche Ursache für alle Ess-Störungen ausmachen, halten andere Experten insbesondere bei Anorexie empirische Ergebnisse dagegen, die zeigen, dass auch Mitglieder harmonischer Familien die Krankheit entwickeln.

Die Frage, ob “zuerst das Huhn da war oder das Ei” lässt sich kaum umfassend beantworten. Eine Betroffene verabscheut es zum Beispiel, Essen zu genießen, lebt als Erwachsene ihre Sexualität promiskuitiv, geht aber keine enge Beziehung auf Augenhöhe ein. Ihre Mutter leidet unter einer bipolaren Störung und ihre Eltern wollten sich scheiden lassen, als die Betroffene 14 war. Sind die Ess-Störungen jetzt eine Reaktion auf das Familiensystem, oder war die genetische Disposition ausschlaggebend?

Risikofaktoren

Geschlecht und Alter hängen mit Anorexie zusammen. Nur zehn Prozent aller Betroffenen sind Männer. Am meisten verbreiten sich Ess-Störungen zudem unter Teenagern und jungen Erwachsenen.

Familienstudien ergaben, dass Betroffene mit ebenfalls gestörten Angehörigen weit häufiger ihr Leben lang gefährdet sind als Betroffene ohne familiäre Belastung – besonders deutlich ist das Risiko, wenn Verwandten ersten Grades erkrankt sind.

Der gute Vorsatz, Sport zu treiben und Gewicht zu verlieren schlägt bei Bulimie und Anorexie fehl. Eine systematische Aufklärung über schädliche Extrem-Diäten, insbesondere für Teenager, hat deshalb eine hohe Priorität. Seriöse Experten sind sich heute einig, dass Crash-Diäten fatale Folgen haben. Stattdessen empfehlen sie ein langfristiges Umstellen der Ernährung, was mitnichten bedeutet, zu hungern.

Das Verhalten von Magersüchtigen

Magersüchtige finden permanent Wege, um Gewicht zu verlieren, sogar bis zum Tod. Sie fallen auf durch ein hohes Pflichtgefühl und Moralismus und eine fanatische Vorstellung von Unabhängigkeit.

Am Anfang der Krankheit beschäftigen sie sich intensiv damit, Nahrung mit wenig Kalorien zuzubereiten, wiegen sich bis zu vier mal pro Tag und folgen erschöpfenden Diäten. Nach einer Weile gleiten sie in die nächste Stufe, wo sich ihr Verhalten konstant ändert, und die Familie beginnt, das Problem zu erkennen. Die Betrofffen verweigern aber jedes Gespräch über ihre Krankheit. Streit ist an der Tagesordnung, und oft isolieren sich die Betroffenen jetzt von ihren Angehörigen, was das Problem verschlimmert.

Das Interesse für Hobbies, die nichts mit Gewichtsverlust zu tun haben, schwindet. Die Fähigkeit der Betroffenen, sich zu konzentrieren, geht ebenso verloren wie ihre sexuelle Aktivität.

Die Betroffenen verhalten sich zwar bisweilen hyperaktiv, die körperlichen Folgen der Entbehrungen bedingen aber auch Trägheit, emotionale Instabilität und ein “Neben sich stehen”.

Soziokulturelle Ursachen

Soziokulturelle Theorien betonen die Rolle der Gesellschaft: Demnach leiden die Betroffenen unter den Erwartungen, die an das Aussehen von Frauen gestellt werden. Ein Indiz für diese These ist die Gruppe der Hauptbetroffenen: Nicht Männer, die dem Schlankheitsterror nicht in gleichem Maße ausgesetzt sind, auch nicht alte Frauen, die erstens nicht nur an ihrer Hülle gemessen werden und zweitens aus einer Generation kommen, in der die Frauenbewegung “Schönheits-” Normen attackierte – sondern junge Frauen.

Diese jungen Frauen sind in Internet, Werbung, Boulevard-Presse und TV ständig mit irrealen Bildern von perfekten Körpern konfrontiert, denen kaum ein lebender Mensch gerecht werden kann. Diese Bilder sind zudem per Photoshop bearbeitet, Promis und Pornodarstellerinnen sehen nach Stunden kosmetischer Arbeit völlig anders aus als im wirklichen Leben und haben zudem häufig “Schönheits-” Operationen hinter sich.

Werbemodels in den 1990er waren im Schnitt 10 Kilo leichter als in den 1950ern und 1960ern. Diesem Ideal versuchen junge Mädchen nachzueifern. Groteskerweise entspricht dies überhaupt nicht dem, was potenzielle Sexualpartner des anderen Geschlechts als attraktiv empfinden. Empirische Studien zeigen, dass Männer weibliche Rundungen gegenüber abgemagerten Körpern bevorzugen.

Magersucht beginnt oft mit der beginnenden sexuellen Identität. Ein virtuelles Schönheitsideal steht hier der sozialen Realität entgegen. Mädchen, die sich sowieso sexuell als unattraktiv empfinden, geraten so in eine Negativ-Schleife, weil sie sich auf ein Ideal konzentrieren, dass die leibhaftigen Jungen gar nicht anspricht.

Weil ihre Wahrnehumg bereits verzerrt ist, geraten die Mädchen zunehmend in die Isolation. Während die unverkrampfte Mitschülerin mit Speck an den Hüften von den Jungs umschwärmt wird, sieht sich die Hungernde allein in der Ecke stehen.

Auswirkungen von Anorexie auf das Gehirn

Unsere physische und psychische Gesundheit, unsere Beziehungen und unser Alltag sind alle betroffen von gestörten Essgewohnheiten im klinischen Sinn. Wenn jemand an einer Ess-Störung leidet, entsteht ein Risiko, sich Hirnschäden zuzuziehen.

Gestörtes Ess-Verhalten beeinflusst negativ die Nahrungsmittelverarbeitung; das Gehirn bekommt nicht die Nährstoffe, die es braucht, um gut zu funktionieren. Das ist besonders wichtig bei Adoleszenten, denn ihr Gehirn entwickelt sich intensiv bis zum frühen Erwachsenenalter – Anorexie kann also elementare Perioden des Hirnwachstums stören.

Gehirne von Menschen, die Anorexie hatten oder haben, antworten nicht auf Essen oder Bilder von Nahrung – im Unterschied zu Nicht-Betroffenen. Wenn sie Zucker zu sich nehmen, zeigen sogar Menschen, die ihre Magersucht überwanden, weniger Hirnaktivität als Menschen, die Zucker mögen und nie eine Ess-Störung haben. Forscher/innen schließen daraus, dass Anorexie-Kranke weniger Genuss aus Essen ziehen als Nicht-Betroffene – und das im biologisch-hirnchemischen Sinn.

Der Grund, warum Anorexie-Erkrankte ihre Diät bis zum Tod fortführen können, liegt darin, dass ihr Gehirn sie nicht zum Essen drängt. Ob das Gehirn der Kranken sensorisch nicht reagiert oder nicht das richtige Signal für Nahrung weiterleitet, bleibt derzeit ungeklärt.

Auswirkungen von Anorexie auf das Herz

Herzkrankheiten sind die am meisten verbreiteten medizinischen Folgeschäden für Menschen mit schwerer Anorexie. Bei Patienten, die langfristig unter Magersucht leiden, sind die Herzwände dünn und geschwächt, die Herzkammern hingegen ausgeweitet. Der Herzschlag sinkt und mit ihm der Blutdruck. Organe, die sehr sensibel auf den Blutdruck und den Blutfluss reagieren wie Nieren und Leber beginnen zu versagen. Zum Glück heilen diese Schäden oft bei Gewichtszunahme und dem Einnehmen wichtiger Vitamine und Mineralien.

Eine Reihe von abnormen Herzrhytmen kann mit Anorexie einher gehen. Zum einen der langsame Herzschlag, in der Fachsprache Bradycardia. Dieses Problem betrifft normalerweise Menschen mit schwachen Herzmuskeln. Wenn die Herzfunktionen schwächeln, steigert das Herz die Anzahl der Schläge pro Minute, um den Blutfluss konstant zu halten. Mit Anorexie sind die Energiespeicher im Herz aber so beschädigt, dass der Herzrhytmus nicht steigen kann, um ein geschwächts Herz zu stärken – der Blutdruck fällt rapide und Organversagen entwickelt sich schnell.

Ein anderers Problem von Anorexie-Kranken sind abnormal schnelle Herzrhytmen. Besonders betroffen von diesem Beschwerden sind Kranke, bei denen sich Heißhunger und Erbrechen abwechseln. Dadurch kommt es zu einem gefährlichen Verlust von Sodium, Potassium und Magnesium. Der Herzschlag ist aber abhängig von diesen Elektrolyten. Wenn ihr Pegel sinkt, entstehen chaotische Muster in den unteren Herzkammern.

Weitere Folgen von Anorexie sind kognitive Schäden. Bei der Bulemie leiden die Zähne durch den ständigen Kontakt mit Säure beim Erbrechen, die Haare werden bei Ess-Störungen durch Mineralienmangel spröde, Eisenmangel führt zu Schläfrigkeit, Bulemie- wie Anorexiekranke leiden unter Benommenheit und Irritationen.

Die Behandlung von Anorexie

Anorexie ist schwer zu behandeln. Betroffene leugnen die Krankheit, schämen sich, oder sehen sich umgekehrt als Herausragende, die über den “Bedürfnissen der fleischlichen Welt stehen”. Dann spielen manche von ihnen mit ihren Therapeut_innen; sie kennen die Symptome ihrer Krankheit besser als Pychiater_innen und tricksen sie aus.

Einzel- oder Gruppentherapien haben sich nachweislich als heilend erwiesen. Bild: Photographee.eu - fotolia
Einzel- oder Gruppentherapien haben sich nachweislich als heilend erwiesen. Bild: Photographee.eu – fotolia

Zum Beispiel gaukeln sie einen Therapieerfolg vor, tun gegenüber Angehörigen sogar so, als würden sie essen und hungern in Wahrheit weiter. Normale Essgewohnheiten wieder einzuführen, ist aber notwendig, um die Gesundheit der Patienten wieder her zu stellen.

Zwei Ziele stehen im Vordergrund der Therapie: Erstens eine stabile Ernährung zu gewährleisten und ein normales Körpergewicht zu erreichen. Zweitens gilt es, das pathologische Ess-Verhalten zu ändern, damit das Körpergewicht auf einem gesunden Level bleiben kann.

Die meiste Zeit verläuft die Therapie außeralb von Kliniken. Doch bei klinischen Beschwerden wie gefährlichem Untergewicht, Herzproblemen, Suizidgefahr oder Psychosen ist ein Krankenhausaufenthalt unvermeidlich.

Meist verspricht eine Mischung aus Verhaltens- und unterstützender Psychotherapie die besten Erfolge. Betroffene können so lernen, ihr Verhalten anzupassen und so die lebensbedrohenden Muster aufbrechen. Der Vorteil der Verhaltentherapie liegt darin, dass sie die Kranken nicht zwingt. Ihre “gestörte Persönlichkeit” zu analysieren – sondern “lediglich” ihr Verhalten zu kontrollieren mit dem Ziel, ein normalen Umgang mit Essen wiederherzustellen.

Medikamente zeigen keine Erfolge gegen Anorexie.

Die verbreitetste Behandlung von Anorexie ist eine Psychotherapie, die in der Regel lange dauert – fast immer müssen hier auch Themen aufgearbeitet werden wie: sexueller Missbrauch, Missbrauch von Substanzen, Beziehungsprobleme oder Selbstmordgefahr. Im Unterschied zur Verhaltentherapie kann und soll eine Psychotherapie nicht nur das Symptom des gestörten Essens, sondern auch das emotionale Wohlbefinden angehen. Der Fokus liegt darin, die emotionalen und kognitiven Ursachen hinter dem gestörten Ess-Verhalten zu besprechen.

Oft helfen Familientherapien. Die Ess-Störung gilt hier als Ausdruck eines gestörten Familiensystems, an der wiederum alle nahen Angehörigen beteiligt sind. Ihr Erfolg hängt maßgeblich davon ab, ob die Familie bereit ist, mitzumachen und die Mitglieder ihr Verhalten ändern.

Wenn die Familien sich beteiligen und lernen, wie sie die Betroffenen unterstützen und auffangen können, verspricht diese Therapie auf Dauer die größte Chance, dass die Kranken nicht in die Selbstzerstörung zurück fallen.

Advertising

Referenzen:

http://www.medicinenet.com/anorexia_nervosa/page3.htm

https://www.emilyprogram.com/blog/how-eating-disorders-affect-the-neurobiology-of-the-brain

http://www.everydayhealth.com/columns/jared-bunch-rhythm-of-life/for-both-men-and-women-anorexia-nervosa-is-increasing-and-the-effects-on-the-heart-can-be-severe/

http://www.hsj.gr/medicine/contribution-of-social-and-family-factors-in-anorexia-nervosa.pdf

http://www.psychology4all.com/eatingdisorders.htm