Autismus – Ursachen, Symptome und Therapie

Kinder mit Autismus haben erhebliche Schwierigkeiten sich in soziale Beziehungen einzubringen und wirken auf Außenstehenden oft wie Eigenbrödler. (Bild: dubova/fotolia.com)
Dr. Utz Anhalt
Autismus ist eine Entwicklungsstörung. Ihre Kernsymptome umfassen soziale Barrieren, spezielle Interessen und stereotypes Verhalten. Diese Art von Krankheit, die aus einer Dysfunktion der Nerven entsteht, erscheint in der frühen Kindheit, meist im Alter von zwei Jahren. Die Störung gilt als eine lebenslange Verfassung. Rezente Forschungen belegen jedoch, dass einige Patienten mit Hilfe der Therapien im Lauf des Lebens ihre Symptome loswurden und damit auch die Diagnose Autismus. Sich in soziale Beziehungen einzubringen, ist von besonderer – allerdings schwer zu erreichender – Bedeutung für autistische Kinder.

Um die Störung zu verstehen, muss man sie historisch betrachten. Den Zustand beschrieb Leo Kanner zuerst 1943. Er listete eine Nummer von Merkmalen auf, die Kinder mit dieser Störung kennzeichneten. Der von ihm verwendete Begriff „autistic” löste in Fachkreisen Verwirrung aus, weil er damals die Fantasien von Schizophrenen bezeichnete.

Die Geschichte der Autismusdiagnosen begann also 1943. Seitdem gibt es bedeutende Änderungen in den erkannten Symptomen, und heute wird die Störung mit folgenden Kernmerkmalen diagnostiziert: Beeinträchtigte soziale Interaktionen, beeinträchtigte verbale und non-verbale Kommunikation und ebenso eingeschränktes wie sich wiederholendes Verhalten.

Kinder mit Autismus haben erhebliche Schwierigkeiten sich in soziale Beziehungen einzubringen und wirken auf Außenstehenden oft wie Eigenbrödler. (Bild: dubova/fotolia.com)
Kinder mit Autismus haben erhebliche Schwierigkeiten sich in soziale Beziehungen einzubringen und wirken auf Außenstehenden oft wie Eigenbrödler. (Bild: dubova/fotolia.com)

Generelle Merkmale

Kleine autistische Kinder sehen meist nicht nur völlig normal aus, sondern wirken in ihrem Auftreten sogar ausgesprochen attraktiv. Viele dieser Kinder scheinen, als hätten sie eine fast ätherische Qualität, was eine Krankheitsdiagnose vordergründig unfair erscheinen lässt: Sie sprechen nicht viel und sie wirken sehr ruhig.

Ein leerer Gesichtsausdruck oder ein Blick in die Ferne, dazu eine gelegentliche Grimasse, sind zusätzliche Charakteristika, die autistische Kinder auszeichnen. Sie vermeiden insbesondere Augenkontakt.

Autisten unternehmen nicht die Aktionen „normaler” Kinder, um Aufmerksamkeit von anderen zu bekommen oder um Interessen mit ihnen zu teilen. So bemerken Eltern oft „es ist, als ob er in seiner eigenen Welt lebt.” Körpersprache verwenden Autisten kaum.

Sie sind sogar bei geringen Veränderungen, die ihre familiäre Routine durchbrechen, sehr gestresst. Manche dieser Kinder sind so an ihre Routine gebunden, dass dies das Familienleben belastet. Sie bestehen darauf, dass ihre Eltern, Schwestern und Brüder bestimmte Rituale durchführen, bevor sie kooperieren – sogar bei so simplen Handlungen wie sich für eine Mahlzeit hinzusetzen oder einkaufen zu gehen. Viele autistische Kinder verlangen, einen bestimmten Weg zu gehen und werden aggressiv, wenn sie in eine Richtung gehen müssen, die von der vertrauten abweicht.

Eine der größten Schwierigkeiten autistischer Kinder ist die Unfähigkeit, zu verallgemeinern. Obwohl sie vielleicht wissen, was sie tun und wie sie sich in einer Situation verhalten sollten, sind sie unfähig, diese Erfahrung praktisch zu nutzen und sie anzupassen, wenn sich eine neue Situation ergibt.

Das Bewusstsein über Gefahren ist ein lebenslanges Problem. Auch wenn einem autistisches Kind gesagt wurde, dass es eine bestimmte Gefahr in einer bestimmten Situation meiden soll, kann es einer identischen Bedrohung in einer ungewohnten Situation begegnen. Wenn autistische Kinder älter werden, können sie allerdings Strategien lernen, um mit neuen und ungewohnten Situationen umzugehen, besonders, wenn sie nur schwach ausgeprägte Symptome zeigen. Auch dann jedoch bleiben sie verwundbar, weil es ihnen unmöglich ist, Fähigkeiten zu entwickeln, um sich all den Veränderungen und Unterschieden anzupassen, die Teil des Alltags sind.

Autistische Kinder werden oft als verschlossen bezeichnet, so als ob sie eine Entscheidung getroffen hätten, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen. Das zeigt ein Missverständnis der sozialen Schwierigkeiten, die ihrem Zustand eigen sind. Diese Kinder haben sich nicht zurückgezogen, sondern konnten niemals lernen, menschlichen Kontakt zu verstehen und Freude daraus zu ziehen.

Autisten zeigen eine veränderte Verarbeitung der Informationen im Gehirn, was mit kongnitiven un sozialen Einschränkungen aber auch mit besonderen Fähigkeiten verbunden sein kann. (Bild: designua/fotolia.com)
Autisten zeigen eine veränderte Verarbeitung der Informationen im Gehirn, was mit kongnitiven un sozialen Einschränkungen aber auch mit besonderen Fähigkeiten verbunden sein kann. (Bild: designua/fotolia.com)

Autismus – Klassifikation

Autismus bezeichnet allgemein alle Störungen, die unter das Spektrum der Autismus-Störung fallen. Dieses Missverständnis führt oft zu stereotypen Vorstellungen, während Autismus tatsächlich aus fünf Varianten besteht: Der autistischen Störung, dem Asberger Syndrom, der nicht näher bestimmten Entwicklungsstörung, der Desintegrationsstörung in der Kindheit und dem Rett-Syndrom.

Die autistische Störung ist eine Nerven- und Entwicklungsstörung. Individuen mit dieser Störung manifestieren Entwicklungsdefizite in der Kommunikation und dem sozialen Verhalten. Sie zeigen oft Charakteristika, die sie von anderen absetzen wie die Schwierigkeit, soziale Beziehungen aufzubauen, und sie erstarren in Verhaltensmustern.

Asperger gilt als mildeste aller Störungen des Spektrums. Individuen mit Asperger Syndrom zeigen vor allem keine deutlichen Sprachdefizite, verglichen mit anderen in diesem Spektrum. Sie lernen besser, in sozialen Beziehungen zu interagieren als “klassische Autisten”, aber oft fehlt ihnen die Fähigkeit, selbst Beziehungen aufzubauen. Sie haben außerdem häufig Schwierigkeiten, ihre Bewegungen zu koordinieren, zum Beispiel beim laufen oder gehen.

Die unbestimmte Entwicklungsstörung umfasst Betroffene, die einige, aber nicht alle Symptome des klassischen Spektrums aufweisen. Ihre Symptome sind meistens unzureichend, um sie unter einer spezifischen Störung zu klassifizieren. Einige Symptome können milder ausgeprägt sein, andere wiederum schlimmer als bei anderen Autismus-Patienten.

Die desintegrierte Kindheitsstörung ermöglicht eine normale Entwicklung bis zum Alter von drei oder vier Jahren. Dann bekommen diese Kinder im Verlauf mehrerer Monate eine Vielzahl an Problemen, zum Beispiel entwickeln sie sich sprachlich zurück und verlieren ihre motorischen und sozialen Fähigkeiten.

Das Rett-Syndrom schließlich umfasst ebenfalls Symptome eines Verlust von motorischen und kommunikativen Fähigkeiten nach einer Zeit normaler Entwicklung. Kinder, die von dieser Störung betroffen sind, verlieren zum Beispiel ihre Fähigkeit, zu sprechen, obwohl sie zuvor Sprache normal anwandten. Sie bewegen oft stereotyp ihre Hände, umklammern sie oder klatschen.

Störungen innerhalb des Formenkreises sind nie identisch: Keine zwei Betroffene zeigen die gleichen Symptome zeigen und haben den gleichen Level an Problemen. Allgemeine Schwierigkeiten in Kommunikation, Verhalten und sozialem Verständnis sind bei allen Formen präsent, aber unterscheiden sich in der Art und Weise wie dem Schweregrad.

Chromosome Anomalien bilden die Ursache der autistischen Störungen. (Bild: Sergey Nivens/fotolia.com)
Chromosome Anomalien bilden die Ursache der autistischen Störungen. (Bild: Sergey Nivens/fotolia.com)

Chromosomale Abnormitäten und Autismus

In der Vergangenheit wurden oft die Eltern beschuldigt, sich nicht um das Kind gekümmert zu haben und die Störung galt als emotionale Verwahrlosung. „Kalte intellektuelle Eltern” und „Gefrierschrank-Mütter” wurden als Ursache für die Störung vermutet.

Die Krankheit ist jedoch genetisch bedingt, und autistische Kinder haben bisweilen ein Elternteil, dass ebenfalls unter Symptomen aus dem Autismus-Komplex leidet. Dies könnte zu der Fehleinschätzung „schlechter Erziehung“ beigetragen haben.

Die Ankläger verwechselten hier auffälliges Verhalten, das tatsächlich aus mangelnder Zuwendung entsteht, mit autistischen Symptomen, die organisch bedingt sind. Zwar ist bei leichteren Formen, vor allem für Asperger, Vertrauen und Liebe, wesentlich für den Verlauf, doch der Autist entwickelt seine Störung nicht aus sozialen Ursachen.

Autisten zeigen tatsächlich Parallelen zum „Kasper Hauser Syndrom”, also zu Kindern, die ohne menschlichen Kontakt aufwachsen, oder bei denen die Brutalität von Gefängniswärtern, Heimleitern und Gehirnwäsche an die Stelle elterlicher Fürsorge tritt. Traumatisierungen können zum Beispiel dazu führen, dass die Betroffenen zwanghaft Handlungen wiederholen, die in Verbindung mit ihrem Trauma stehen – ähnlich wie Autisten, die jede Veränderung in ihren Alltagsritualen tief verunsichert. Kinder, die sozial isoliert aufwachsen, leiden zudem in ihrer sprachlichen Entwicklung, lernen motorische Fähigkeiten nicht durch Nachahmung, meiden Augenkontakt, und Begegnungen mit (unbekannten) Menschen lösen bei ihnen Stress aus. Sie ziehen sich ebenso vor anderen Menschen zurück wie Autisten. Die falsche „Diagnose“ führte dazu, dass Angehörige, die teilweise versuchten, alles für ihr Kind zu tun, zusätzlich am Pranger standen. Autismus ist eine Störung in der Entwicklung des Nervensystems und keine psychische Störung, die aus fehlender „Nestwärme“ entsteht.

Die genetischen Ursachen von ASD bleiben indessen unklar, allerdings zeigten 5 bis 12% aller ASD-Patienten Abweichungen in den Strukturen ihrer Chromosome, und mehr als 10 % aller Betroffenen submikroskopische kopierte Nummernvarianten ihrer genomischen DNA, was darauf hinweist, dass genetische Rearrangements bedeutend zu Autismus beitragen.

Autistische Kinder meiden im Gegensatz zu "normalen" Kindern oftmals schon im frühen Lebensalter den Blickkontakt. (Bild: Lucian Milasan/fotolia.com)
Autistische Kinder meiden im Gegensatz zu „normalen“ Kindern oftmals schon im frühen Lebensalter den Blickkontakt. (Bild: Lucian Milasan/fotolia.com)

Symptome von Autismus in der frühen Kindheit

Es ist möglich, Autismus in der Kindheit zu entdecken. Verbreitet sind Einschränkungen im Hören, Blicken und Spielen. Das Vermeiden von Augenkontakt gilt zwar gemeinhin als Charakteristikum autistischer Kinder, aber es ist weniger wichtig als die Qualität des Blicks. Bei Babys mit Autismus scheint der Blick verkürzt und aus dem Augenwinkel.

Besonders auffällig sind Einschränkungen beim Hören. Viele autistische Kinder standen in einem frühen Stadium ihres Lebens im Verdacht, taub zu sein. Sehr wenige haben jedoch wirklich eine Hörschwäche, obwohl sie nicht auf ihren Namen reagieren und von hörbaren Veränderungen der Umwelt unbeeinflusst scheinen.

Betroffene Kinder ignorieren selbst sehr laute Geräusche, die die meisten gewöhnlichen Kinder aufregen. Das liegt offensichtlich an einem generellen Desinteresse an ihrem Umfeld. Zugleich sind autistische Kinder jedoch besonders empfindlich für spezielle Geräusche. Zum Beispiel könnte ein Kind mit Autismus eine Faszination für das Geräusch eines elektrisch betriebenen Spielzeugs entwickeln, oder unter extremem Stress leiden, wenn es eine Polizeisirene hört.

Betroffene Babys zeigen wenig Interesse an den Spielen, die die meisten Kinder lieben, insbesondere diejenigen, die soziale Interaktionen mit den Eltern beinhalten. Hier besteht aber die Gefahr einer „Laiendiagnose“: Ein Kind, das Bücher über Mathematik studiert, kein Interesse am Fußball mit Altersgenossen hat oder generell „in seiner eigenen Welt“ lebt, ist in den seltensten Fällen Autist, besonders, wenn es klar kommuniziert, dass es die Anderen „blöd“ findet. Die Kommunikation zu verweigern, also sich bei Ärger mit den Eltern demonstrativ im Zimmer einzuschließen, ist bereits bewusste Kommunikation und deshalb etwas gänzlich anders als die Unfähigkeit autistischer Kinder, solche Signale zu verstehen.

Der Mangel an geteilter Aktivität ist bei Autisten indessen extrem. Babys mit Autismus beteiligen sich nicht aktiv an Babyspielen und wollen keine anderen in ihre Spiele einbeziehen.

Die Bedeutung des frühen Erkennens

Wie bei allen Kindern mit besonderen Bedürfnissen, ist eine Früherkennung nötig, um die Entwicklung positiv zu beeinflussen. Bei Autisten sollten diese Eingriffe beginnen, bevor die Abkapselung von anderen und die Abkehr von normalen Mustern der Entwicklung zu weit fortgeschritten sind.

Kinder mit autistischen Störungen zeigen ein charakteristisches Bedürfnis für Struktur und Unveränderlichkeit. Ihr Widerstand gegen Veränderung erfordert Therapien, weil unangemessenes Verhalten verhindert und angemesseneres Verhalten trainiert werden muss. Da starre Verhaltensmuster aber zu den Symptomen der Kinder gehören, wehren sie sich dagegen, diese zu ändern. Beck Williams, eine Therapeutin, die mit autistischen Kindern arbeitet, glaubt, es ist ein wesentlicher Vorteil, die Krankheit in einem sehr frühen Alter zu erkennen, um zu verhindern, dass das Kind ein neues Verhalten entwickelt, das selbstzerstörerisch und gefährlich werden kann. Früherkennung ermöglicht außerdem Familien, Beratung zu suchen und Unterstützung zu finden, um den Schwierigkeiten des Kindes zu begegnen.

Die Diagnose wird selten vor dem Alter von zwei Jahren und gelegentlich viel später gestellt. Es erfordert Spezialisten, im englischen als „health care workers“ bezeichnet, die mit den Besonderheiten des Zustandes vertraut sind und therapeutisch damit umgehen können. Leider erkennen auch viele Professionelle, die mit kleinen Kindern arbeiten, die Störung nicht. Allerdings gibt es Hoffnung, dass diese Situation sich ändert und Spezialisten auch bei kleinen Kindern zum Einsatz kommen, um früh einzugreifen. Krankenschwestern sind in einer herausgehobenen Position, um Frühzeichen zu erkennen. Es ist zu wünschen, dass diese Fachkräfte eine professionelle Schulung hierfür erhalten. Weil ungefähr zwei Drittel aller betroffenen Kinder auch andere Lernprobleme haben, sind Fachkräfte, die mit lernbehinderten Kindern arbeiten, vielleicht die ersten Professionellen, die Autismus entdecken.

Soziale Kompetenz von Kindern mit Autismus

Obwohl eine Vielzahl von Verhaltens-, Umwelt- und biologischen Variablen mit autistischen Störungen verbunden sind, gelten generell drei Kennzeichen als spezifisch:
1.) Ein tief greifendes Problem in der Entwicklung sozialer Beziehungen.
2.) Schwierigkeiten in der Entwicklung funktionierender und kommunikativer Sprache.
3.) Ritualisiertes und stereotypes Verhalten.
Diese Charakteristika, in Verbindung und unterschiedlichen Graden, zeigen sich bei allen Individuen im autistischen Formenkreis.

Das Versagen eines betroffenen Kindes soziale Beziehungen zu entwickeln beginnt in der frühen Kindheit, wenn die Eltern oft berichten, dass ihr Kind nicht will, was „normale Babys“ wollen. Diese Kinder reagieren auf vertraute Gesichter nicht mit einem Lächeln, sie drücken selten Zuneigung denen gegenüber aus, die sich um sie kümmern, vermeiden direkten Augenkontakt und behandeln andere oft, also ob diese nicht existieren.

Wenn autistische Kinder älter werden, werden diese sozialen Defizite auf andere Weise deutlich: Die Entwicklung von Freundschaften und Gemeinschaftsspielen liegt für autistische Kinder außerhalb ihres Horizontes, und sie drücken kaum Empathie aus.

Die Sprachentwicklung ist bei Autismus häufig beeinträchtigt, wobei die Logopädie hier nicht nur bei der Diagnose sonder auch bei der Behandlung hilfreich sein kann. (Bild: photowahn(/fotolia.com)
Die Sprachentwicklung ist bei Autismus häufig beeinträchtigt, wobei die Logopädie hier nicht nur bei der Diagnose sonder auch bei der Behandlung hilfreich sein kann. (Bild: photowahn(/fotolia.com)

Sprache und Sprechen

Austistische Kinder zeigen sichere Charakteristia in der Entwicklung der sprachlichen Fähigkeiten. Normale Kinder eignen sich die Sprache an, weil sie ein Verlagen haben, sich zu verständigen. Daraus folgt, dass bei fehlender Motivation zur Kommunikation die sprachliche Entwicklung leidet, und genau das trifft auf autistische Kinder zu. Eltern berichten häufig am Ende des ersten Jahres, dass das Kind begann, die Sprache zu lernen, aber sie anscheinend wieder verlor. Wenn autistische Kinder gelegentlich sprechen, weicht dies stark ab vom Verhalten anderer Kinder.

Das elementare Problem besteht im Gebrauch der Sprache. Das autistische Kind lernt zum Beispiel linguistische Strukturen, versagt aber dabei, erfolgreich zu kommunizieren. Das Sprachproblem ist dabei nur ein Symptom eines fundamentalen Defizits, mit dem sich alle Beteiligten auseinandersetzen müssen, wenn eine Einmischung das Kind erreichen soll. Die Angehörigen müssen verstehen, dass die Prinzipien der Kommunikation entwickelt sein müssen, bevor ein Mensch Worte überhaupt verstehen oder nutzen kann.

Autisten können jedoch viel besser Geräusche und auch Worte als „Echo“ wiedergeben als mittels Sprache zu kommunizieren. Generell haben sie Probleme mit den meisten Aspekten der Stimme, mit dem richtigen Zeitpunkt ebenso wie der Lautstärke, und ihre Sprache ist der Situation nicht angepasst. Sprachtherapeuten spielen deshalb eine bedeutende Rolle, um die Störung zu diagnostizieren und zu behandeln. Die autistische Natur eines Kleinkindes zu erkennen, kann entscheidend sein für die Familie, um Institutionen aufzusuchen, die die bestmögliche Hilfe anbieten.

Die von autistischen Kindern gelernte Sprache, und wie sie diese Sprache in Situationen einsetzen, bildet ihre allgemeinen Kapazitäten ab, zu kommunizieren. Der Sprachtherapeut ist in der Pflicht, diese Fähigkeiten in ein Verhältnis zu setzen zum generellen Grad des Kindes, Zusammenhänge zu verstehen – beides kann weit auseinander klaffen. Dazwischen etwas erstens zu begreifen und zweitens darüber zu kommunizieren, liegt bei Autisten ein Graben.

Studien indizieren, dass autistische Kinder Sprache nicht in den Entwicklungsmustern lernen wie „normale“ Kinder. Sie eignen sich Sprache vielmehr als „Echo“ an, indem sie wiederholen, was sie hören – das ist sogar ein Charakteristikum autistischer Zustände. Während andere Kinder sich als erstes mit Worten wie „Mama“ ihrer wichtigsten Bezugsperson zuwenden, ist die erste Sprache von autistischen Kindern ein bedeutungsloses Echo von Wörtern und Phrasen.

Ein Schlüssel zur Sprachtherapie liegt darin, den Grad des „Echos“ herauszufinden: Hat er sich aus dem Stadium der Bedeutungslosigkeit entwickelt hin zu einem Level, auf dem das Kind die gespeicherten Phrasen sinnvoll einsetzt? Autistische Kinder verblüffen bisweilen dadurch, dass sie lange gar nicht sprechen, und auf einmal komplexe Sätze formulieren, die „normalen“ Kindern dieses Alters weit voraus sind.

Da autistische Kinder Sprache nur eingeschränkt in der Kommunikation lernen, ist der Sinn ihrer Worte für Außenstehende schwer zu erkennen. So setzen sie Wörter oft in einen Zusammenhang, der für sie logisch ist, nicht aber für andere. Zum Beispiel könnte ein autistisches Kleinkind Plopp sagen und damit Regen meinen, der auf ein Dach prasselt.

Sinnliche Eindrücke bei Autisten

Viele Menschen mit Autismus reagieren ungewöhnlich auf sinnliche Reize, was an ihrer Schwierigkeit liegt, sinnliche Informationen zu integrieren. Sehen, Hören, Geruch, Geschmack, und der Gleichgewichtssinn können betroffen sein. Zwar nehmen sie die Information „normal“ auf, verarbeiten sie aber sehr verschieden von „Normalen“.

Kinder mit einer Dysfunktion in der Verarbeitung von Sinnesreizen erfahren Stimuli, die andere normal finden als schmerzhaft oder verwirrend. Autismus, multiple Sklerose und Sprachstörungen sind meist mit solchen Dysfunktionen verbunden. Viele Autisten reagieren schmerzhaft sensibel auf bestimmte Geräusche, Gerüche und Geschmäcker. Manche solcher Kinder wehren sich dagegen, sich anzuziehen, weil Kleidung, die ihre Haut berührt, für sie unerträglich ist. Oder das Geräusch eines Flugzeugs verwirrt sie, lange bevor andere es überhaupt hören.

Umgekehrt führt diese Andersartigkeit der sinnlichen Verarbeitung manchmal auch zu einer größeren Toleranz für Außenreize. Einige Autisten suchen zum Beispiel extreme Kälte oder Hitze, was bei starken Minusgraden oder in der Nähe eines Feuer gefährlich werden kann. Oder ein Kind mit Autismus bricht sich einen Arm, ohne zu schreien.

Autistische Kinder beantworten die sinnliche Überforderung durch Abschotten, Aggression oder Weglaufen. Ein Siebenjähriger zum Beispiel, der an einer autistischen Störung leidet, schreit laut und ohne Unterbrechung, bis er rot im Gesicht wird, wenn es regnet. Die Sensitivität kann sich bei Autisten im Lauf der Zeit ändern, im positiven wie im negativen.

Das sinnliche Ungleichgewicht ist bei den einzelnen Autisten sehr unterschiedlich gelagert. Zum Beispiel erträgt ein Individuum es, wenn seine Eltern es in den Arm nehmen, wird aber aggressiv, wenn jemand ihn auf die Stirn küsst. Streifen auf Socken oder die Aufschrift eines T-Shirts können ein Kind provozieren, während das Brummen eines Staubsaugers es erschreckt oder das Flackern eines Lichtes es desorientiert.

Angehörige, Erzieher und Lehrer sollten berücksichtigen, dass soziale Rituale, die andere Kinder lieben, autistische Kinder zur Weißglut treiben können. Zum Beispiel löst bei vielen dieser Kinder der Song „Happy Birthday to you“ und das anschließende Händeklatschen negativen Stress aus. Mittagessen in der Schule oder Sportunterricht sind einige der Situationen, in denen der Mangel an Struktur, die große Zahl der Schüler, die Unvorhersehbarkeit und der Lärm das autistische Kind überschwemmen können.

Theorie des Geistes

Das englische “theory of mind” (TOM) meint die Fähigkeit, seine eigenen Gemütszustände, Absichten, Wünsche und sein Wissen zu kennen, von denen anderer zu unterscheiden und zu verstehen, dass andere Menschen eigene Glaubensvorstellungen, Wünsche und Ziele haben.

Simon Baron-Cohen fand 1985 heraus, dass autistische Kinder massive Defizite haben, TOM zu entwickeln. Folgerichtig fällt es ihnen schwer, die Intentionen anderer zu deuten, die Reaktionen anderer auf ihr eigenes Verhalten einzuschätzen, und sie bekommen deshalb soziale Probleme. Dieses Defizit wird verursacht von spezifischen kognitiven Defekten in den Funktionen der Stirnlappen des Gehirns bei Autisten und weniger von generellen Lernproblemen.

Autistische Kinder irritiert es zum Beispiel, wenn jemand die Antwort auf eine Frage nicht weiß. Sie sehen andere als Klone von sich selbst, weil ihnen das Bewusstsein über ein unabhängiges Selbst fehlt, das sie von anderen separiert. Sie erwarten unbewusst, dass andere das gleiche denken und spüren wie sie. Wer nicht um die Ursache dieses Denkens weiß, interpretiert es leicht fälschlich als narzisstisch oder egozentrisch, weil Narzissten und Egozentriker sich für die Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse anderer nicht interessieren, sondern sie nur so weit nutzen, wie sie dem eigenen Vorteil dienen.

Beim autistischen Formenkreis verhält es sich aber genau umgekehrt. Der Autist missbraucht nicht andere bewusst, weil er nur um sein Ego kreist, sondern ihm fehlt das Verständnis, dass sich sein Ego von dem der Anderen unterscheidet.

Sogar Autisten, die das Konzept des unterschiedlichen Selbst und die Betroffenen begreifen, verhalten sich unbewusst so, als ob andere Menschen so sind wie sie. Insbesondere gilt das für Themen, die sowohl intellektuell als auch emotional geprägt sind, also nicht nur aus Struktur und Logik bestehen. In Situationen, wo andere eine andere Meinung vertreten, fühlen sie deshalb Ärger und Frustration wegen der „Irrationalität“ der Anderen.

Das Selbst des Autisten ist dabei fragmentiert – sein Körper, seine Gefühle, sein Wille und sein Intellekt arbeiten nicht zusammen. Ohne einen kohärenten Sinn für sein Selbst funktioniert nur der Intellekt vollständig. Das aus diesem Missverhältnis hervorgehende autistische Bewusstsein unterscheidet sich gewaltig vom nicht-autistischen, und damit sind Missverständnisse vorprogrammiert.

Ohne kohärentes Selbst als Basis kann ein Mensch keinen Bezug zu seiner persönlichen Geschichte aufbauen. Unfähig, aus den Erfahrungen der Vergangenheit zu lernen und sie zu nutzen, um das eigene Verhalten zu korrigieren, und so die Reaktionen der anderen positiv zu beeinflussen. Weil sie die natürlichen körperlichen und sozialen Reflexe nicht aktivieren können, werden die Geschehnisse des Alltags zu stressvollen Herausforderungen, die der Intellekt zu händeln versucht.

Autistische Kinder können soziale Fähigkeiten lernen wie ein Computer, dessen Programm läuft. Aber Regeln zu folgen, ohne sie zu verstehen, fühlt sich wie eine Last an und nicht wie ein Genuss. Ohne Instinkte, die sie führen, verlassen sie sich auf Gewohnheit und begrenzte Erfahrung. Weil sie neue Situationen nicht meistern, ziehen sie es vor, sie zu vermeiden. Ohne die Fähigkeit, zu genießen, was das Leben bringt, werden sie unglücklich und vom Leben frustriert.

Bei der Erziehung autistischer Kinder wird auch das Fachpersonal vor erhebliche Herausforderungen gestellt. (Bild: Robert Kneschke/fotolia.com)
Bei der Erziehung autistischer Kinder wird auch das Fachpersonal vor erhebliche Herausforderungen gestellt. (Bild: Robert Kneschke/fotolia.com)

Die Erziehung autistischer Kinder

Autistische Kinder zeigen ein enormes Spektrum in ihren Fähigkeiten, ihrem Verhalten, ihren Familiensituationen, ihren Bedürfnissen und Interessen, was Pauschalisierungen über Intervention und Behandlung fast unmöglich macht.

Außerdem zeigen sie zusätzliche Störungen wie Retardierung oder Sprachprobleme, so dass die Erziehung sich umso mehr auf das jeweilige Individuum konzentrieren muss. Erziehung ist die erste Behandlung von Autismus, das gilt auch für die Erziehung von Lehrern und Eltern. Forschungen indizieren, dass die frühest mögliche Intervention ideal ist.

Kinder des autistischen Spektrums haben oft Probleme, ihre Bedürfnisse zu verstehen und sie an Lehrer oder Mitschüler zu vermitteln. Es fällt ihnen schwierig, Regeln im Klassenraum zu verstehen, die verbunden sind mit Hinweisen in der Stimme und Mimik des Lehrers.

Schwierigkeiten mit imaginativen und kreativen Spielen behindern die Interaktionen mit anderen Kindern, und entsprechende Lernmethoden führen bei Autisten nicht zum Erfolg. Die sinnlichen Besonderheiten führen dazu, dass ein autistischer Schüler mit einer lauten Umwelt ebenso wenig umgehen kann wie damit, dass andere ihn anfassen oder Augenkontakt suchen.

Diese Unfähigkeit, umfassend auf die Umwelt einzugehen, besetzt Erziehung für autistische Kinder mit Stress für Betroffene wie Lehrkräfte. Lehrer berichten oft, dass sie es schwierig finden, die Bedürfnisse solcher Kinder zu erkennen. Lehrer sollten eine psychische Störung von Schülern kennen, und im Idealfall absolvieren sie ein spezifisches Training für den Umgang mit Autisten, um solchen Schülern zu helfen, das beste aus ihren Erfahrungen im Klassenraum zu machen.

Manche Schüler lernen besser mit visuellen Hilfen, weil sie Material, das sie sehen können, besser verstehen. Deshalb erfinden viele Lehrer visuellen Lernstoff für autistische Schüler. Das erlaubt ihnen, konkret zu sehen, was über den Tag geschieht, so wissen sie, wie sie sich vorbereiten müssen und welche Aufgabe als nächstes kommt. Viele autistische Kinder versetzt es in Stress, von einer Aktivität zur nächsten zu kommen, und solches visuelle Material hilft ihnen, den Stress zu reduzieren.

Studenten mit autistischen Störungen können gewöhnlich mit einer chaotischen Umgebung nicht umgehen. Lehrer können sie unterstützen, indem sie dem Kind Zeitpläne zur Verfügung stellen und die Schritte für die nächsten Handlungen erläutern.

Die Arbeit in Paaren kann das Unterrichten von Autisten fördern. Sie haben nicht nur Probleme mit Sprache und Kommunikation, sondern auch mit Sozialisation. Wenn sie die Interaktion fördern, helfen Lehrer solchen Schülern, Freunde zu finden, was umgekehrt dazu beiträgt, mit den Schulproblemen umzugehen. Dadurch werden autistische Schüler mehr in den Mainstream der Klasse integriert.

Eine Schulbegleitung hilft dem autistischen Kind ebenfalls. Dieser Helfer gibt umfassendere Erklärungen als der Lehrer, der nicht die Zeit dazu hat und hilft dem Kind, auf dem Level der Klasse zu bleiben – durch eine spezielle 1 zu 1 Unterweisung. Allerdings bemerken Kritiker, dass Schüler mit einer 1 zu 1 Betreuung zu abhängig von dieser Hilfe werden, was später zu Schwierigkeiten führe, unabhängig zu lernen.

Es gibt also viele Techniken, wie Lehrer autistischen Schülern beistehen können. Ein Lehrer muss mit der Störung des Kindes vertraut sein, um zu wissen, was mit dem jeweiligen Individuum am besten funktioniert. Jedes autistische Kind ist unterschiedlich, und Lehrer müssen sich mit jedem von ihnen spezifisch auseinandersetzen.

Schüler mit Störungen aus dem autistischen Spektrum leiden manchmal in hohem Ausmaß an Angst und Stress, besonders in sozialen Einrichtungen wie Schulen. Wenn ein Schüler sich aggressiv oder explosiv zeigt, ist es wichtig für die Lehrkräfte, zu erkennen, was der Auslöser ist für seinen Stress und seine Angst.

Schüler für neue Situationen zu trainieren, zum Beispiel durch das Schreiben sozialer Geschichten, kann die Angst lindern. Soziale und emotionale Konzepte oder kognitive Verhaltensstrategien fördern die Fähigkeit des Kindes, Gefühlsausbrüche zu kontrollieren.

Lehrerfortbildung zu Autismus

Wenige Lehrer haben ein spezielles Training über Autismus absolviert. Drei von 1000 Schülern leiden unter autistischen Störungen, was bedeutet, dass die meisten Lehrer in ihrer Karriere mit einigen dieser Kinder zu tun haben. Ein spezielles Problem für die Lehrkräfte in normalen Schulen sind die wiederauftretenden Besonderheiten eines autistischen Kindes.

In der Klasse immer wieder korrigiert zu werden, oder sich mit direkter Ablehnungen von Zusammenarbeit konfrontiert zu sehen, ist für keinen Lehrer einfach. Das Wissen beruhigt jedoch, dass das Kind sich nicht aus Boshaftigkeit derart verhält, sondern aus einem Versagen, die Wirkung seines Verhaltens auf andere zu verstehen.

Entscheidend für Schule und Beruf ist heute, dass die üblichen „skills“ Autisten fehlen. Dafür haben sie aber andere Fähigkeiten weit entwickelt. Viele Autisten verfügen nämlich über Spezialbegabungen, manche haben ein fotografisches Gedächtnis, andere zeichnen schon mit sechs Jahren exakte Baupläne für Wohnungen. Ein Jobcoaching, das Teamfähigkeit, Flexibilität oder psychische Stabilität als Schlüsselfaktoren setzt, ist allerdings nicht für Autisten geeignet. Sie brauchen vielmehr einen speziellen Arbeitsplatz, an dem sie allein werkeln können, und dann leisten sie oft Unglaubliches, weil sie sich viel stärker als emotional beeinflusste „Normale“ in die reine Struktur ihrer Arbeit hinein denken.

Für Tätigkeiten, die mit „kaltherziger“ Abstraktion verbunden sind, eignen sich viele Autisten, wenn sie die spezifischen Fähigkeiten haben, sogar besser als „Normale“ – für die Kontrolle eines Computersystems ebenso wie für die Berechnungen der Statik eines Wolkenkratzers.
In Justin Cronins Roman „Der Übergang“ bringt ein autistischer Busfahrer die Fahrgäste sicher durch ein von Monstern heimgesuchtes Amerika, und Cronin setzte hier die Fähigkeiten von Autisten meisterhaft in Literatur um. Für Autismus gilt vielleicht noch mehr als für die meisten anderen psychischen Störungen, dass Schwächen zu Stärken werden, wenn die Betroffenen das Umfeld bekommen, sie zu nutzen.

Therapien für Autisten

Das Training sozialer Fähigkeiten ist wichtig, um die sozialen Defizite von autistischen Kindern zu mindern, dazu gehören Strategien, die auf die Integration in Peer-Gruppen zielen und Gruppen, die soziale Fähigkeiten üben.

Die kognitive Verhaltenstherapie, besonders „Selbstmanagement“-Programme, die für sozial entwickeltere Autisten entworfen sind, unterstützen die Organisation von Angst, Wutkontrolle und verfeinern die sozialen Fähigkeiten. Der Vorteil der kognitiven Verhaltenstherapie besteht darin, dass sie nicht die Ursache der Störung behebt, sondern ein Verhalten, das daraus entsteht, ändert. Die genetische Ursache der Störung lässt sich nämlich nicht ändern, doch Verhalten können Autisten im Rahmen ihrer eigenen Muster korrigieren.

Medikation kann Autismus ebensowenig „heilen“, aber sie hilft, Aggression, Stimmungsschwankungen, krasses Verhalten und Aufmerksamkeitsdefizite in den Griff zu bekommen.

Zielgerichtete Therapien wie Sprachtrainings unterstützen die kommunikativen Fähigkeiten und fördern die Unabhängigkeit im Alltag. Übungen, die die Sinne reizen, helfen manchen Kindern, mehr sinnliche Erfahrungen zu sammeln. Gerade, weil Autisten aus Veranlagung in ihrer sinnlichen Verarbeitung eingeschränkt sind, hilft hier ein spezielles Training.

Für Erwachsene mit autistischen Störungen ist Rhetoriktraining, Jobcoaching und Sozialtraining bedeutend, um Unabhängigkeit in Beruf und Leben zu ermöglichen.

Fehleinschätzungen

Viele psychische Störungen sind in die Alltagssprache eingegangen, was den Umgang mit denjenigen, die im klinischen Sinn darunter leiden, erschwert. „Schizophren“ sagen wir, wenn jemand ein ambivalentes Verhalten zeigt und sich nicht entscheiden kann. Wer Patienten erlebt hat, die an paranoider Schizophrenie leiden und sich von unsichtbaren Mächten verfolgt fühlen, wird diesen Begriff vorsichtiger verwenden.

„Der verhält sich autistisch“ ist zum Synonym geworden für Eigenbrödler, die „in ihrer eigenen Welt leben“. Ein Wissenschaftler, der so in seine Bücher vertieft ist, dass er vergisst, sich die Schuhe zuzubinden, verhält sich zwar für Außenstehende, die seinen Forschungsdrang nicht teilen, ungewöhnlich, er leidet aber in aller Regel nicht an einer autistischen Störung.

Hochbegabte, die sich im Unterricht langweilen, Halbwissen nicht ertragen können und sich selbst absondern, zeigen bisweilen, oberflächlich betrachtet, ein Verhalten, das sich mit leichten Formen des Autismus deckt, insbesondere, weil die Störung oft mit Spezialbegabungen einhergeht. Die Ursache ist indessen eine andere. Sowohl wissenschaftliche Eigenbrödler wie Hochbegabte kommunizieren nämlich fast immer intensiv, wenn es ihr Fachgebiet betrifft. Wenn die „Normalen“ dabei nicht folgen können, handelt es sich also um eine intellektuelle Asymmetrie, nicht um eine generelle Unfähigkeit des Senders.

Klinisch Depressive erinnern an Autisten, weil sie ihre Fähigkeit verlieren, sich zu verständigen. Zwischen ihnen und der Außenwelt scheint eine Glaswand zu stehen, die sie nicht einreißen können. Ihr Blick stiert in ein Nichts, Augenkontakt wird für sie zur Bedrohung, und manche reagieren aggressiv auf Berührungen. Doch diese Symptome sind die Folgen der Depression, während beim Autisten seine genetische Veranlagung die Ursache ist.

Innerhalb der Familie bringt die Autismus-Erkrankung eines Kindes zahlreiche Probleme mit sich, die auch die Geschwister betreffen. Oft fühlen sich diese angesichts der hohen Aufmerksamkeit für das betroffene Kind vernachlässigt. (Bild: JackF/fotolia.com)
Innerhalb der Familie bringt die Autismus-Erkrankung eines Kindes zahlreiche Probleme mit sich, die auch die Geschwister betreffen. Oft fühlen sich diese angesichts der hohen Aufmerksamkeit für das betroffene Kind vernachlässigt. (Bild: JackF/fotolia.com)

Autismus zu Hause

Ein autistisches Kind bedeutet eine Bürde für die Eltern und den Rest der Familie. Die Eltern, Geschwister, und sogar die Großeltern müssen die Verantwortung teilen, ein Kind mit besonderen Bedürfnissen zu fördern. Das bedeutet nicht nur finanzielle Belastungen und körperliche Erschöpfung, sondern oft auch emotionalen Stress bei allen Beteiligten. Das größte Päckchen tragen dabei die Eltern. Zuallererst müssen sie mit den Defiziten und Exzessen im Verhalten des Kindes zurechtkommen. Die meisten autistischen Kindern können nicht mit Wörtern oder Gesten ausdrücken, was sie wollen, was die Eltern in ein permanentes Ratespiel verwickelt.

Das soziale Leben schränkt sich außerdem ein, denn da Außenstehende ein autistisches Kind oft weder akzeptieren noch verstehen, ist ein Elternteil gezwungen, mit dem Kind zu Hause zu bleiben. Hinzu kommen Sorgen um die Zukunft des Kindes. Es zerbricht Eltern das Herz, sich vorzustellen, wer sich um ihr Kind kümmert, wenn sie nicht mehr sind. Die Eltern müssen mit einer Welle von Gefühlen wie Trauer und Schmerz umgehen, die mit der Diagnose einhergehen. Sie müssen dann die Zukunftspläne ihres Kindes ebenso neu überdenken wie ihre eigenen. Zwar bindet ein solcher Einschnitt manche Paare enger aneinander, ebenso kann er aber auch Stress und Streit zwischen ihnen verursachen – bis hin zur Trennung.

Eine gewaltige Herausforderung ist die Einschränkung des Alltags: Durch das schwierige Verhalten des Kindes und seine besonderen Bedürfnisse verschlingen Routinetätigkeiten Zeit und Energie. Sich fertig machen, um nach draußen zu gehen, erfordert zum Beispiel mehr Aufwand als gewöhnlich; das gleiche gilt für Mahlzeiten und zu Bett gehen. Oft braucht das Kind eine Reihe von Ritualen, bevor es zu Bett geht. Oder es ist überaktiv, bleibt nicht im Bett, versteht den Sinn des Schlafens nicht und schläft zu kurz. Darunter leidet dann ebenso der Schlaf der Eltern.

Geschwister von Autisten sind ebenfalls gestresst. Oft werden sie die Zielscheibe von Aggressionen des Autisten, oder sie fühlen sich vernachlässigt, weil das autistische Kind die Aufmerksamkeit der Eltern so beansprucht, dass für sie kein Platz mehr zu sein scheint. Zudem sind die Geschwister überfordert, wenn sie die Rolle von Hilfstherapeuten einnehmen müssen. Während sie selbst mitten in der Entwicklung stehen, müssen sie zugleich die besonderen Bedürfnisse ihres Bruders oder ihrer Schwester berücksichtigen. Pauschale Konzepte für solche Familienbeziehungen gibt es nicht, denn jede Familie ist anders, und die psychische Integrität der Geschwister ist ebenso wichtig wie die sozialen Fähigkeiten des Autisten.

Die größten Probleme entstehen, wenn die Familie bereits dissozial ist, die Eltern zum Beispiel Alkohol- oder Drogenprobleme haben, und die anderen Kinder in ihrem Alltag bereits mit Schwierigkeiten umgehen. Kommt in eine solche Familie ein autistisches Kind, das extreme Defizite in der sozialen Kommunikation hat, und das die Geschwister zudem ablehnen, ist das Fiasko vorprogrammiert.

Bisweilen werden Geschwister von Autisten ebenfalls sozial auffällig. In einem Fall zum Beispiel trennten sich die Eltern eines autistischen Kleinkindes, weil die Mutter die Bürde der Erziehung nicht auf sich nehmen wollte; der Vater fand eine neue Partnerin, die bereits drei Kinder zwischen 3 und 8 Jahren hatte.
Das autistische Kind ging auf eine spezielle Schule und erhielt Betreuung durch eine Sprachtherapeutin, einen Ergotherapeuten und Zivildienstleistende. Die anderen Kinder sahen, dass sich das Leben im Haushalt scheinbar nur noch um den „Neuen“ drehte, nicht nur das des neuen Freundes ihrer Mutter, sondern auch das ihrer eigenen Mutter. Der Achtjährige machte deshalb durch selbstzerstörerische Aktionen auf sich aufmerksam, autoritäre Lehrer sahen in ihm jetzt einen „Störenfried“ und drangsalierten ihn mit Strafaufgaben, was ihn zusätzlich darin bestätigte, dass er nicht erwünscht wäre. Zwei Jahre später ging der nichtaustistische Stiefbruder in eine Psychotherapie.

Das Gegenstück wäre eine sozial funktionierende Familie, in der die Geschwister sich aufgehoben fühlen und das besondere Kind von Anfang an akzeptieren. Solche Kinder haben, wenn sie mit Autisten (ebenso wie Blinden, Taubstummen oder Geschwistern mit Downsyndrom) aufwachsen, oft weniger Probleme als Eltern oder Lehrer. Ohne medizinische Diagnosen lernen sie die Eigenarten ihres Bruders oder ihrer Schwester von der Wiege auf kennen, und das Besondere wird für sie normal. Solche Geschwister helfen einem autistischen Kind im Alltag ungemein – vielleicht mehr als jede Therapie. Sie können mit seiner speziellen Kommunikation umgehen, sie nehmen es in Schutz, wenn Altersgenossen sich von seinem Verhalten brüskiert fühlen, sie zeigen ihm die Welt, die das Kind auf sich gestellt nicht kennen lernt.

Ein autistisches Kind zu haben ist zwar hart und voller Herausforderungen. Aber ein solches Leben muss nicht nur aus Stress bestehen. Es gibt Wege, den Stress zu reduzieren und ein liebevolles Familienleben zu führen. Eltern müssen sich auch mit Autisten von Zeit zu Zeit eine Pause gönnen. Eltern fühlen sich vielleicht schuldig, wenn sie ein so spezielles Kind allein lassen, aber einige Stunden Ruhe geben die Chance, sich zu entspannen und für die tägliche Herausforderung gerüstet zu sein. Sie sollten deshalb nicht davor zurückschrecken, andere Familienmitglieder „einzuspannen“, Tanten, Onkel oder Großeltern. Sie können sich einige Stunden in der Woche um das Kind kümmern und den Eltern damit Zeit für sich selbst geben. Das bewahrt die Eltern vor einem Burnout und ist entscheidend, um die Familienbeziehung stabil zu halten.

Eltern brauchen außerdem Zeit, die sie allein mit ihren nichtautistischen Kindern verbringen. Das zeigt den anderen, dass ihre Eltern sie ebenso lieben, auch wenn das Kind mit besonderen Bedürfnissen „von Natur aus“ besondere Aufmerksamkeit braucht.

Die gesellschaftliche Aufgabe, autistische Kinder zu integrieren, ist aber nicht allein Sache der Eltern. In Kitas, Kindergärten, in Schule und in der Jugendarbeit sind hier die Institutionen gefragt, professionelle Fachkräfte zu stellen, die die Eltern von einer Aufgabe entlasten, die sie nicht leisten können: Noch so engagierte Eltern helfen autistischen Erwachsenen nicht, sich in einer Gesellschaft zurechtzufinden, in der für ihre speziellen Bedürfnisse ebenso wenig Platz ist wie für ihre speziellen Fähigkeiten.

In Deutschland arbeiten inzwischen zwar professionelle Therapeuten, geschulte Lehrer und Heilpädagogen, und die Inklusion von Menschen mit besonderen Bedürfnissen steht im internationalen Vergleich gut da – damit Menschen mit autistischen Besonderheiten sich entfalten können, ist es jedoch noch ein langer Weg. (Somayeh Ranjbar, ins Deutsche übersetzt von Dr. Utz Anhalt)

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Quellen:

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