Biologische Kriegsführung

Die biologische Kriegsführung ist angesichts ihrer katastrophalen Auswirkungen heute allgemein geächtet. (Bild: MamabaB/fotolia.com)
Dr. Utz Anhalt
Biologische Waffen sind natürliche Stoffe, die Krieg führende Mächte gezielt einsetzen, um die Feinde zu vernichten oder zu schwächen. Dazu zählen vor allem Krankheitserreger, aber auch biologische Gifte, Tiere und Pflanzen. Die Biowaffenkonvention von 1972 verbietet den Einsatz dieser Kampfstoffe.

Dazu gehören Viren, Bakterien, Pilze und toxische Substanzen. Biologische Waffen zeichnen sich dadurch aus, dass sie nach kurzer Inkubation tödlich auf Menschen, Nutztiere- oder pflanzen wirken und zugleich weit gehend immun gegen Medikamente oder Prophylaxen sind. Mögliche biologische Waffen sind auch Ratten, Mäuse, Heuschrecken, Zecken, Läuse, Flöhe, Mücken, Wespen, Bandwürmer, Borken- und Kartoffelkäfer.

Die biologische Kriegsführung ist angesichts ihrer katastrophalen Auswirkungen heute allgemein geächtet. (Bild: MamabaB/fotolia.com)
Die biologische Kriegsführung ist angesichts ihrer katastrophalen Auswirkungen heute allgemein geächtet. (Bild: MamabaB/fotolia.com)

Biologische Waffen können sich erstens unmittelbar gegen Menschen richten. Als Massenvernichtungswaffen eignen sich dann Krankheitserreger, die schnell und tödlich wirken, und gegen die es keine Impfung gibt. Unter militärischen Gesichtspunkten perfekt sind Seuchen, gegen die der Gegner keine Mittel hat, während die eigenen Soldaten geschützt sind. Deshalb plante die US-Army zum Beispiel, im Vietnamkrieg Pocken gegen den Vietcong einzusetzen, weil die amerikanischen GIs geimpft waren, und die Sowjetunion entwickelte gar ein modifiziertes Milzbrandvirus, das gegen die bekannten Antibiotika resistent war und stellte zugleich ein neues Antibiotikum her, das die russischen Soldaten schützte.

Langsam wirkende Viren und Bakterien, die nur gelegentlich zum Tod führen und sich gut mit Medikamenten behandeln lassen, sind ungeeignet, um einen Massenmord zu begehen – um einen Kriegsgegner mürbe zu machen, eignen sie sich aber allemal.

Massenvernichtung

Die gefährlichsten Biowaffen töten nicht nur Menschen vor Ort, sondern bedrohen die Einwohner ganzer Staaten. Solche Seuchen sind erstens leicht zu übertragen und zweitens mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tödlich. Zu aller erst gilt dies für Milzbrand (Anthrax), aber auch für das Botulin-Bakterium oder die Lungenpest.

International verboten und als gefährlichste Erreger bekannt sind heute: Milzbrand, Pest, Pocken, Tularämie, Queenslandfieber, Rotz, Enzephaltizide, hämorrhagische Viren, Rizin und Botulinum (von Bakterien produzierte Gift), sowie Staphylokokken. Sie sind entweder in hohem Ausmaß tödlich oder lassen sich leicht verbreiten, sind hoch infektiös oder alles gleichzeitig.

Das Botulismus-Gift produziert das Bakterium Clostridium botulinum. Es führt zu einer Lebensmittelvergiftung. Opfer, die das Gift inhalieren oder essen, leiden Stunden bis Tage danach an Durchfall, Übelkeit, Benommenheit und Atemlähmung. Die Todesrate ist hoch, es gibt allerdings Gegengifte.

Yersinia pestis, das Bakterium der Lungenpest war im Mittelalter die gefürchtetste Epidemie. Wenn die Bakterien in die Bronchien gelangen, kommt es zu Atemnot, Hustenattacken und Fieberwahn; es bilden sich Lungenödeme. Lungenpest ist so gut wie immer tödlich, allerdings gibt es heute Impfungen und Antibiotika.

Besonders als Massenvernichtungswaffe geeignet sind Erreger, die sich mit „Bomben“ oder als Spray über die Luft verteilen lassen. Im Zeitalter der Luftfahrt richteten solche „Pesttöpfe“ und Milzbrandsprays die größten Schäden an; sie töteten hunderttausende von Menschen.

Schutz vor Biowaffen?

Die WHO errechnete 1970, dass das Versprühen von 50 kg Milzbrandsporen auf einer Stadt mit 500.000 Einwohnern 95.000 Tote und 125.000 Erkrankte zur Folge hätte. Eine solche Biowaffe hat ebenso schlimme Auswirkungen wie eine Atombombe. Dazu ist sie viel preiswerter zu haben, und auch Atomwaffen lassen sich nicht wesentlich besser kontrollieren.

Mögliche Ziele von Biowaffen-Angriffen sind generell Großstädte, dazu Gebiete, in denen sich Mengen von Menschen aufhalten wie Innenstädte, Fußballstadien, Flughäfen oder Bahnhöfe. Besonders geeignet sind U-Bahnstationen, da hier die kontaminierte Luft kaum entweichen kann.

Ein Verdacht auf einen Biowaffenangriff liegt vor, wenn plötzlich ungeklärte Krankheitsfälle in großem Ausmaß auftreten, und die Betroffenen die gleichen Symptome zeigen, diese Erkrankung für das Land untypisch ist oder der Erreger nicht einmal im Land vorkommt, wenn die Krankheiten tödlich verlaufen und ungewöhnlich übertragen werden. Zum Beispiel überträgt sich Milzbrand meist über die Haut; wenn aber Massen von Menschen Milzbrand durch die Luft empfangen, ist das merkwürdig.

Biowaffen verbreiten sich fast immer ohne Geräusche, und ohne, dass sie sich mit bloßem Auge erkennen ließen, zumindest gilt das für Viren und Bakterien, nicht aber für Ratten oder Mäuse. Militärische Wächterprogramme erfassen Krankheitserreger nicht.

Die Biowaffe wird meist erst dann erkannt, wenn sie bereits Erfolg hat, also ungewöhnlich viele Menschen an einer kaum verbreiteten Krankheit sterben.

Die Betroffenen müssen so schnell wie möglich aus dem verseuchten Gebiet entfernt werden. Die Rettungskräfte dürfen sich nur so lange wie nötig im kontaminierten Terrain aufhalten und müssen Schutzkleidung tragen. Wenn sie das Gebiet verlassen, geben sie die Schutzkleidung ab, damit sie vernichtet wird.

Jeder Arzt, Rettungssanitäter und jede Krankenschwester, die mit den Körpern der Kranken in Berührung kommen und in den kontaminierten Bereich eindringen, sind von der Infektion bedroht.

Die Fahrzeuge müssen nach dem Transport desinfiziert werden, die Kranken müssen in geeignete Pflegeeinrichtungen gebracht werden.

Zerstörung der Infrastruktur

Militärisch geht es oft nicht darum, die Zivilbevölkerung eines bekämpften Landes zu vernichten, sondern dessen Führung zur Kapitulation zu zwingen, und dafür eignen sich Biowaffen, die den Betroffenen die Nahrung entziehen, also das Vieh töten oder die Ernte zerstören.

Zu den Tierkrankheiten, die historisch als Kriegswaffe dienten, zählen Rotz, Maul- und Klauenseuche, die Rinder- und Schweinepest. In Zeiten, in denen Hunde eine wichtige Rolle im Krieg spielten, sei es als Spür-, Kampf- oder Botenhunde, bot sich auch Tollwut an. Allerdings gibt es nur sehr wenig Überlieferungen, in denen dieses Virus eingesetzt wurde.

Auf Dauer, das heißt in langwierigen Kriegen, bieten sich auch Pilze an, die Nahrungspflanzen oder „cash crops“ befallen und Insekten, die die Pflanzen fressen.

Dazu kommen Biowaffen, die Material zerstören, also weder den Menschen noch das Nutzvieh schädigen. Diese reichen von Termiten, die Holzbauten zerstören bis zu Bakterien, die die Schutzschicht von militärischen Fahrzeugen zersetzen.

Milzbrand Bakterien zählen zu den besonders gefürchteten biolgischen Waffen. (Bild: royaltystockphoto/fotolia.com)
Milzbrand Bakterien zählen zu den besonders gefürchteten biolgischen Waffen. (Bild: royaltystockphoto/fotolia.com)

Milzbrand

Genauer besprochen werden soll Milzbrand, denn diese bakterielle Infektion forderte in der biologischen Kriegführung die meisten Todesopfer.

Milzbrand ist international unter dem Begriff Anthrax bekannt, nach seinem Erreger, dem Bacillus anthracis. Natürlich befällt es vor allem Tiere, und zwar in Europa, Afrika und Asien.

Anthrax bildet Sporen, und diese lösen auf drei unterschiedliche Arten die Krankheit aus: Als Haut-, Lungen- oder Darmmilzbrand, wobei nur der Lungenmilzbrand für die biologische Kriegsführung geeignet ist.

„Normalerweise“ ist jedoch der Hautmilzbrand am verbreitetsten. Er entsteht bei Menschen primär, wenn ihre Haut in Kontakt mit Sporen kommt, die an verendeten Tieren haften, zum Beispiel im Fell. Dazu muss der Betroffene eine Hautverletzung haben, die aber auch winzig sein kann, damit der Erreger in die Haut eindringt. 95 % aller Menschen, die sich Milzbrand natürlich zuziehen, leiden an Hautmilzbrand. Diese Form des Milzbrandes lässt sich mit Antibiotika bekämpfen.

Selbst ohne Behandlung überleben 7 bis 9 von zehn Patienten die Erkrankung. Tage nach dem Eindringen des Erregers bilden sich Blasen, die sich mit Flüssigkeit füllen, dann entsteht auf den Blasen Schorf und letztlich kann Lymphangiitis folgen, verbunden mit einer Sepsis.

Sehr selten ist der Darmmilzbrand. Er entsteht, wenn Menschen das Fleisch von erkrankten Tieren essen, das außerdem nicht gar ist. Heute betrifft diese Form von Milzbrand fast ausschließlich die Einheimischen in nicht industrialisierten Ländern, in der frühen Neuzeit war diese Infektion aber auch in Deutschland verbreitet, weil die Armen sich vom Abdecker infiziertes Fleisch zu Niedrigpreisen kauften und in Hungerzeiten auch Aas zu sich nahmen.

Für die biologische Kriegsführung interessant ist indessen der auf natürlichem Weg seltene Lungenmilzbrand. Hier atmen die Betroffenen die Sporen ein. Der Lungenanthrax ist die tödlichste Form der Krankheit und lässt sich hervorragend über Aerosole von Flugzeugen verbreiten.

Meist bricht diese Form des Milzbrandes Tage nach dem Einatmen aus, wenn das Aerosol jedoch in großer Menge auftritt, wie bei Kriegseinsätzen, verkürzt sich die Inkubation auf wenige Stunden. Fieber, Kopfschmerzen, Übelkeit und Appetitilosigkeit wie bei einer grippalen Infektion sind die ersten Symptome.

Dann geht es rapide bergab: Das Fieber steigt stark an, der Schweiß bricht aus, der Betroffene wälzt sich in Schüttelfrost-Attacken. Es folgen eine schwere Lungenentzündung verbunden mit blutigem Husten, krankhafte Geräusche beim Atmen, und der Raum zwischen den beiden Lungenhälften verbreitert sich pathologisch. Unbehandelte sterben in wenigen Tagen zu hundert Prozent.

Auch der Lungenmilzbrand lässt sich heute mit Antibiotika behandeln, doch sterben trotzdem viele der Betroffenen.

Ansteckungswege

Nicht alle gefährlichen Erreger eignen sich für biologische Kriegsführung als Massenwaffen. Wesentlich ist nämlich nicht nur die Lethalität, sondern auch die Art der Infektion.

Krankheiten, die sich per Tröpfchen, also durch die Feuchtigkeit beim Ausatmen übertragen, sind militärisch interessant, weil wenige Erreger Massen an Menschen infizieren können, haben dadurch aber zugleich den Nachteil, dass sie sich schlecht kontrollieren lassen, wenn sie sich ausbreiten. Seuchen, die sich per Tröpfcheninfektion verbreiten, sind zum Beispiel Pest, Pocken, Ebola, Grippe und Herpes simplex. Pest und Pocken gehörten zu den am meisten eingesetzten biologischen Waffen der Vergangenheit.

Tiere dienen als Wirte oder Zwischenwirte für Krankheitserreger; so saß das Pestbakterium im Rattenfloh, und dieser auf der Haus- und Wanderratte, während der Anopheles-Moskito den Malaria-Überträger in sich trägt. Folgerichtig lassen sich auch infizierte Tiere als biologische Waffen einsetzen, zum Beispiel, indem an Pest erkrankte Ratten in feindlichen Städten ausgesetzt werden.

Andere Krankheitserreger können nur oral in den Körper gelangen, insbesondere über die Nahrung, Essen und Trinken. Das Botulinum-Bakterium zählt zu dieser Art von Erregern. Solche Seuchen eignen sich ausgezeichnet als biologische Waffen: Wird die Nahrung der Feinde vergiftet, sterben nur die, die sie essen, bei einer Eroberung sind Land und Luft aber ungefährlich.

Viele Erreger übertragen sich durch Körperflüssigkeiten, also über das Blut, Sperma, Vaginalsekret, Tränen, Speichel oder Nasenschleim. Zum Völkermord eignet sich diese Übertragung kaum, allerdings können desaströse Auswirkungen folgen, wenn infiziertes Blut in die Blutspenden gerät.

Antike Brunnenvergifter

Biologische Waffen sind „Naturprodukte“ und insofern mit die ältesten Mittel, um Kriege zu führen. Jahrtausende, bevor Wissenschaftler Viren und Bakterien entdeckten, beobachteten unsere Vorfahren, dass die Kontakt mit Menschen und Tieren, die an Krankheiten gestorben waren, die Seuche bei den Lebenden auslöste.

Vermutlich stammen viele Begräbnisrituale und Tabus, den toten Körper zu berühren, aus der Erfahrung von Epidemien, bei denen die Toten, bildlich gesprochen, die Lebenden ins Grab zogen.

Seit der Antike ist das Brunnen vergiften bekannt; am einfachsten war es, Leichen oder Tierkadaver in die Wasserstellen des Gegners zu werfen. Das Leichengift verseuchte dann das Wasser und diejenigen, die davon tranken. Perser, Griechen und Römer kannten das „Brunnen vergiften“ als regulären Teil der Kriegführung.

Überliefert ist, dass die Hethiter schon 1000 v. Chr erkranktes Vieh in das Land des Gegners trieben. Die Assyrer der Antike sollen die Brunnen mit Pilzsporen vergiftet haben, und die Römer warfen menschlichen Kot in die feindlichen Reihen. Die Skythen bestrichen ihre Pfeile mit Kot, dem Blut von Kranken und Innereien von verwesenden Leichen. König Prusias von Bithynien schließlich ließ 184 v. Chr mit Giftschlangen gefüllte Tonkrüge auf die Schiffe von Eumenes II werfen.

Das Mittelalter – Bienen und Pest

Die Herrscher des Mittelalters waren nicht minder einfallsreich, wenn es darum ging, Biologie als Waffe einzusetzen. Richard Löwenherz belagerte im Dritten Kreuzzug die Festung Akkon. Um die Einheimischen zur Kapitulation zu zwingen, warfen seine Soldaten hunderte von Bienenkörben über die Mauern.

Der wirkmächtigste Einsatz von Biowaffen im Mittelalter erfolgte 1346 in der Stadt Kaffa am Schwarzen Meer, einen Handelsposten Genuas. Die Tartaren belagerten die Stadt drei Jahre – ohne Erfolg. Dann brach unter ihnen eine Seuche aus. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelte es sich um die Beulenpest, die die Tartaren aus ihrer Heimat in Zentralasien mitgeschleppt hatten.

Geteiltes Leid ist nicht nur halbes Leid, sondern war in diesem Fall auch eine äußerst effektive Waffe: Die Tartaren katapultierten die Leichen der Infizierten über die Stadtmauern und kurz darauf brach die Pest bei den Belagerten aus. Die Genuesen flohen daraufhin auf ihre Schiffe, um dem „schwarzen Tod“ zu entkommen. Doch es war vergeblich. Sie schleppten den Pesterreger nach Genua ein, und in wenigen Jahren verheerte die bis dahin größte Pestwelle den europäischen Kontinent.

Pockenviren hatten einen wesentlichen Anteil an der Eroberung Südamerikas beziehungsweise der Auslöschung einheimischer Ureinwohner. (Bld: royaltystockphoto/fotolia.com)
Pockenviren hatten einen wesentlichen Anteil an der Eroberung Südamerikas beziehungsweise der Auslöschung einheimischer Ureinwohner. (Bld: royaltystockphoto/fotolia.com)

Die Neuzeit – Pocken und Blattern

In der frühen Neuzeit erreichte der Einsatz biologischer Waffen einen neuen Höhepunkt: Die Ureinwohner Amerikas hatten gegenüber den Viren und Bakterien Europas keine Abwehrstoffe entwickelt, die europäischen Eroberer erkannten das schnell und setzten Krankheitserreger gegen die Einheimischen ein – mit gewaltigem Erfolg.

Fransisco Pizarro, der Conquistador des Inkareiches, schenkte den Indios Wolldecken, die mit Pockenviren infiziert waren, und die Angloamerikaner töteten Indianer, indem sie ihnen ebenfalls Decken gaben, allerdings mit Blatternviren verseucht.

1763 tobte im Osten der heutigen USA ein großer Aufstand von Ureinwohnern unter der Führung von Chief Pontiac. Die Frontlinien verliefen nicht nur zwischen Briten und Indianern, sondern auch unter den aufständischen Stämmen und Indianern, die den Einwanderern gegenüber loyal blieben.

Pontiacs Truppen verwüsteten die Siedlungen der Kolonisten; sie brannten ein Dorf nach dem anderen nieder, was leicht fiel, denn die Briten bauten ihre Häuser aus Holz, und die Zivilisten hatten kaum Mittel, sich zu verteidigen. Deshalb flohen sie nach Fort Pitt, das bald aus allen Nähten brach. Die Hygiene war katastrophal, die Menschen waren geschwächt, und bald brachen die Pocken aus.

Colonel Henri Louis Bouquet, der Kommandant, stellte die Kranken unter Quarantäne. Am 23. Juni 1763 kamen zwei Delegierte von Pontiacs Armee zum Fort, um die Briten zur Kapitulation aufzufordern. Bouquet lehnte ab, gab den Indianern aber zwei Decken von Pockenkranken.

Bis heute ist ungeklärt, ob diese beiden Decken den Auslöser gaben, jedenfalls brachen unter Pontiacs Leute unmittelbar darauf die Pocken aus und rafften die Aufständischen dahin. Bis heute wissen wir nicht, ob der britische Oberbefehlshaber persönlich den Befehl gab, die Indianer über die Decken mit Pockenviren zu infizieren, er spielte jedoch mit dem Gedanken, denn Jeffrey Amherst schrieb am 7. Juli in einem Brief an Bouquet, ob es nicht möglich sei, „die Pocken zu diesen untreuen Indianern zu schicken“.

Im Amerikanischen Bürgerkrieg sollen ebenfalls Pockenviren zum Einsatz gekommen sein. Die Inokulation ersetzte damals als primitive Form die Schutzimpfung; dabei brachte man den Erreger in offene Wunden, die Infizierten erkrankten daraufhin, jedoch viel weniger schlimm als bei einer „normalen“ Infektion.

Die Amerikaner glaubten, die Briten hätten die Rebellen mit den Pocken infiziert, indem die britische Soldaten inokulierten, wodurch diese immun wurden, um danach die Pocken unter den Amerikanern zu verbreiten.

1781 stießen Rebellen auf mehrere tote afrikanische Sklaven, die an Pocken gestorben waren. Diese Sklaven hatten die Briten tatsächlich losgeschickt, um die Krankheit in amerikanischen Siedlungen zu verbreiten.

Der erste Weltkrieg – Tödliches Tierfutter

Die moderne Medizin vergrößerte das mörderische Potenzial biologischer Kampfstoffe. Bis weit in das 19. Jahrhundert war es nämlich nur möglich, bereits verbreitete Krankheiten gezielt auf den Gegner zu richten – ohne Pockenepidemie hätten zum Beispiel die Briten Pontiacs Krieger nicht verseuchen können.

Im 20. Jahrhundert gelang es jedoch, die Erreger künstlich zu produzieren. Im ersten Weltkrieg konnten die verfeindeten Großmächte bereits verschiedene tödliche Bakterien züchten. Insbesondere Deutschland verfügte über ein großes Arsenal von Biowaffen, darunter Pesterreger, und die deutsche Heeresleitung wollte diese gegen die Engländer einsetzen. Sie entschied sich aber dagegen – aus humanitären Gründen, weil sich die Pest nicht gezielt gegen Soldaten einsetzen ließ.

Diese humanitären Gründe galten indessen nicht für Tiere, und das Deutsche Reich verseuchte gezielt Tiere in den feindlichen Ländern, um die Infrastruktur zu zerstören, die für die Kriegsführung nötig war. Insbesondere Pferde hatten im ersten Weltkrieg noch eine wichtige Bedeutung, wenn auch nicht mehr im Gefecht, denn sie waren notwendig, um die Ausrüstung der Truppen zu transportieren, darunter auch die Artillerie.

Aber auch Schafe und Rinder standen im Fokus dieser geheimen Attacken. Deutsche Agenten schmuggelten Tierfutter, das mit gezüchteten Erregern versehen war, in die Länder der Feinde. Wie viele Tiere welcher Arten diesen Anschlägen zum Opfer fielen, ist unbekannt.

Bekannt wurden solche Viren- und Bakterienattacken in den USA, Norwegen, Spanien, Rumänien, dem Irak und Argentinien. 1918 starben in Argentinien einige hundert Mauleseln nach einem Anthrax-Anschlag, und 1916 fanden die Behörden in Bukarest Erreger der Rotzkrankheit – in der deutschen Botschaft.

In Norwegen nahm die Polizei 1917 Baron Otto Karl von Rosen fest, weil er keinen Pass hatte. Sie staunten nicht schlecht: In seinem Koffer befanden sich Zuckerwürfel, die mit Anthrax infiziert waren. Von Rosen sollte norwegische Rentiere infizieren, die britische Waffen transportierten. Zum Glück für ihn hatte der Baron nicht nur eine deutsche, sondern auch eine finnische und schwedische Staatsbürgerschaft. Die schwedische Regierung setzte das Nachbarland unter Druck, und Norwegen wies den Saboteur aus.

Deutschland galt als führend in der Entwicklung von Biowaffen, aber die anderen Nationen schliefen nicht. Zwischen 1922 und 1941 starteten diverse andere Staaten Biowaffenprogramme: Frankreich, wohl wegen dem Trauma deutscher Giftgasangriffe bereits 1922, die umzingelte Sowjetunion 1926, Japan 1932, das faschistische Italien 1934, das Vereinigte Königreich 1936 und die USA 1941. Da war Deutschland unter Nazi-Herrschaft aber wieder bereits unter den Global Players, was Massenvernichtung aus dem medizinischen Labor anging.

Der zweite Weltkrieg

Im zweiten Weltkrieg spielten alle Großmächte mit dem Gedanken, biologische Waffen einzusetzen. Flugzeuge, die die Erreger versprühten oder als Bomben abwarfen, verstärkten die Ausbreitung der Seuchen in einem Ausmaß, das es in der Geschichte nie zuvor gegeben hatte. Dazu lief die Forschung auf Hochtouren: Immer mehr Erreger ließen sich im Labor züchten und flächendeckend in ganzen Regionen verbreiten.

Ausgerechnet Hitler verbot jedoch ihren Einsatz und handelte sich damit einen Konflikt mit Heinrich Himmler, dem Führer der SS und zweitem Mann im NS-Staat, ein. Die Oberste Heeresleitung war anfangs gegen Biowaffen, nicht etwa aus humanitären Überlegungen, denn diese lehnte das faschistische Regime konsequent ab; die deutschen Militärs hielten biologische Kampfstoffe hingegen für unkontrollierbar.

1940 übernahm die NS-Regierung jedoch in Paris ein Institut für biologische Kriegsführung und forschte unter dem Mediziner Heinrich Kliewe zu Pest- und Anthraxerregern. 1942 verbot Hitler aber endgültig Forschung zu Biowaffen im Angriffskrieg.

Sein Kalkül dabei war, dass die deutsche Forschung an Biowaffen die Alliierten inspirieren könnte, Biowaffen gegen Deutschland einzusetzen, und so den Krieg zu entscheiden: Deutschland war ein dicht besiedeltes Land, und Seuchen hätten hier voraussichtlich noch schlimmere Folgen gehabt als in den dünnbesiedelten Weiten der Sowjetunion – und 1942 war die Frontlinie noch weit von den deutschen Grenzen entfernt.

Auch das NS-Konzept des „Lebensraums für die Volksgemeinschaft“ mag eine Rolle für Hitlers Entschluss gespielt haben. Die Nazis wollten ein eurasisches Reich schaffen, ein „neues Germanien“, in dem Deutsche als moderne Feudalherren über Millionen von Bürgern Osteuropas und Russlands als Landsklaven verfügten.

Viren trennen aber nicht zwischen den Eliten, die die Nazis ebenso ermorden ließen wie Juden oder Roma und Sinti und den übrigen Osteuropäern, die überleben sollten, um als Sklaven zu dienen; Bakterien hätten auch den SS-Offizier getroffen, der als Großgrundbesitzer sein Raubgut in der Ukraine überwachte.

Himmler jedoch war versessen auf den Einsatz von Biowaffen und unterstützte Heinrich Kliewe, rohe Lebensmittel mit Bakterien zu verseuchen, und diese in den zu erobernden Gebieten in Umlauf zu bringen.

So sehr Hitler auch die offensive Biowaffenforschung ablehnte, so sehr förderte er die defensive. Die „Arbeitsgemeinschaft Blitzableiter“ forschte seit 1943 daran, wie sich Angriffe mit Biowaffen abwenden ließen.

Japan

Kein anderer Staat ermordete in der Moderne Menschen in solchen Massen mit Biowaffen wie Japan im zweiten Weltkrieg. Allein für Testversuche tötete eine spezielle japanischen Einheit über 3500 Menschen.

1932 eroberte Japan die Mandschurei und plante biologische Waffen, um sie gegen die Truppen Chinas und die Rote Armee einzusetzen. Später setzte Japan Milzbrand, Typhus, Pest, Cholera und Dysenterie ein.

1940 probierte das Kaiserreich solche Waffen das erste Mal aus. Japanische Flieger warfen Keramikgefäße mit Pestflöhen über chinesischen Städten ab. 1941 infizierten japanische Soldaten 3000 chinesische Kriegsgefangene mit Typhus und setzten sie danach auf freien Fuß, wo sie das chinesische Militär ebenso mit der Krankheit infizierten wie die Zivilbevölkerung. Die genauen Opferzahlen sind unbekannt. Im gleichen Jahr setzte die japanische Armee Pestflöhe in Changde ein, worauf circa 7.600 Einwohner starben.

1942 schließlich zogen sich die japanischen Truppen aus den chinesischen Provinzen Zhejiang und Jiangxi zurück. Ihnen folgten Soldaten genau der Einheit 731, die zuvor an Gefangenen die Krankheitserreger getestet hatten, und sie brachten Milzbranderreger in das Trinkwasser ein; zeitgleich versprühten japanische Flieger den Erreger über chinesischen Städten. Allein bei diesem Massenmord starben über 250.000 Chinesen.

1943 wollte die japanische Armee Changde einnehmen. Die Einheit 731 versprühte Pestviren vin Flugzeugen aus. Insgesamt kamen 50.000 chinesische Soldaten und mindestens 300.000 Zivilisten. Da die Japaner aber auch alle anderen Arten von Waffen einsetzten, darunter chemische Kampfstoffe, ist unmöglich zu sagen, wie viele der Opfer an der Pest starben.

Selten sind Menschen so erfinderisch wie im Krieg, und Japan plante den Angriff auf Amerika. Dazu experimentierte das Kaiserreich mit Ballonbomben. Diese sollten Krankheitserreger mit den Winden in die USA tragen, um dort ihre tödliche Fracht abzulassen.

Japanische Ärzte unternahmen dazu Menschenversuche an Amerikanern, die Mengele zur Ehre gereicht hätten: Sie infizierten die Kriegsgefangenen mit verschiedenen Erregern, um die Seuchenanfälligkeit der „weißen Rasse“ zu testen.

Die Sowjetunion

Die Sowjetunion verstand sich von Anfang an in einem Belagerungszustand der kapitalistischen Staaten, und Stalin gab die Devise aus, binnen von zehn Jahren den industriellen Rückstand Russland gegenüber dem Westen zu überwinden – militärisch wie zivil.

Biologische Waffen hatten folgerichtig für die Sowjetunion einen bedeutenden Wert: Sie waren einfach herzustellen (wenn die Wissenschaftler über das Know How verfügten, sie zu züchten), mittels Flugzeugen leicht zu verbreiten und waren zwar weniger kontrollierbar, aber ebenso vernichtend wie konventionelle Waffen – also eine billige Alternative zu den Flächenbombardierungen der Briten und Amerikaner.

Trotzdem setzte die Sowjetunion Biowaffen mutmaßlich nur einmal ein – bei Stalingrad. Bereits 1926 forschten sowjetische Wissenschaftler im Weißen Meer an gezüchteten Krankheitserregern. Seit 1941 forschte die Sowjetunion nach dem Tularämie-Erreger (Hasenpest).

1942 erkrankten deutsche Soldaten an Tularämie; die Sowjetregierung behauptete, es handle sich um eine natürlich entstandene Krankheit, und immerhin starben in der Folge auch viele Russen an der Seuche. Doch die Russen infizierten sich Wochen später, und mehr als zwei Drittel aller Erkrankten starben an Lungentularämie, und die wird durch die Luft übertragen.

Es sprechen also Indizien dafür, dass die Sowjet-Führung Tularämie als Biowaffe gegen die Nazi-Soldaten ausprobierte. Falls dem so war, ist aber auch klar, warum die Rote Armee auf deren Einsatz verzichtete. Die deutschen Truppen standen mitten in Russland, erst Stalingrad sollte die Wende bringen, und eine Waffe, die erwiesenermaßen die eigene Bevölkerung ebenso dezimierte wie die Feinde, wäre kollektiver Selbstmord gewesen.

Großbritannien

Die britische Medizin war um 1939 weit fortgeschritten, und britische Ärzte erforschten bereits seit Jahrzehnten Viren und Bakterien. Churchill persönlich gab die Entwicklung von Biowaffen in Auftrag, zur Verteidigung ebenso wie zum Angriff auf Deutschland.

Der MI 5 berichtete fälschlich, dass Deutschland England mit Botulin- und Anthraxwaffen angreifen wolle. Die britische Regierung stellte den Bürgern deshalb 1 Million Schutzimpfungen gegen Botulinumgift zur Verfügung.

Am meisten versprach sich die britische Regierung von Milzbrand. Als Testgebiet wählte sie Gruinard Island, eine winzige Insel vor der schottischen Küste ohne Einwohner, also perfekt für Laborbedingungen in freier Natur. 60 Schafe dienten als Versuchstiere. Es dauerte keinen Tag, nachdem die Milzbrandsporen streuten, und kein Tier war mehr am Leben.

Britische Wissenschaftler stellten Milzbrandsporen im Krieg in großer Menge her; sie sollten in Tierfutter verarbeitet und über deutschen Weidegebieten abgeworfen werden. Die Produktion lief über die USA, denn Großbritannien galt als gefährdet, falls Deutschland es angegriffen hätte, hätten sich die Sporen womöglich in England verbreitet.

Die USA planten 1944 eine Million Milzbrandbomben. Sie sollten Stuttgart, Wilhelmshaven, Hamburg, Frankfurt und Aachen treffen. Zum Glück für die deutsche Zivilbevölkerung kapitulierte Nazi-Deutschland, bevor die Sporen zur Anwendung kamen. Schätzungen zufolge wäre mehr als die Hälfte der betroffenen Einheimischen an der Krankheit gestorben.

Trotz der internationalen Abkommen besteht auch in Zukunft die Gefahr, dass neue biologische Waffen entwickelt werden und zum Einsatz kommen. (Bild: Black Mamba/fotolia.com)
Trotz der internationalen Abkommen besteht auch in Zukunft die Gefahr, dass neue biologische Waffen entwickelt werden und zum Einsatz kommen. (Bild: Black Mamba/fotolia.com)

Biowaffen unserer Zeit

Nach 1945 lieferten sich die USA und die Sowjetunion einen heimlichen Biorüstungswettlauf. Das sowjetische Programm wurde vor allem deshalb bekannt, weil 1979 in einem geheimen Labor in Swerdlowsk ein Leck entstand, und 66 Menschen an Milzbrand starben. Die Sowjetregierung vertuschte den Unfall und erklärte, es handle sich um eine Lebensmittelvergiftung durch kontaminiertes Fleisch. Erst 1992 unter Boris Jelzin kam die ganze Wahrheit ans Licht.

Die Amerikaner forschten 1950 an infizierten Mücken, um sie in feindlichem Terrain frei zu lassen. Die US-Army entwickelte spezielle Düsen und Geschosse, um Erreger einzusetzen. In den 1960er stellten die USA offiziell ihre Biowaffenprogramme ein, heute forschen US-Militärs jedoch an Genmutationen, was nichts anderes ist als biologische Kriegsplanung.

Saddam Hussein ließ Milzbrand- und Botulinumkulturen züchten, setzte diese aber nie ein. Das lag vermutlich weniger an ethischen Motiven, sondern daran, dass der Irak keine geeigneten Trägersysteme entwickelt hatte, um diese Erreger einzusetzen.

In den entwickelten Kapitalstaaten besteht die Gefahr heute in neuen Biowaffen, die in die Genetik eingreifen. Die klassischen Erreger wie Milzbrand oder Pest sind aus moderner militärischer Sicht unzureichend, da sie sich schwer auf ein Ziel fokussieren lassen, von der Umwelt, zum Beispiel der Windrichtung abhängen und zu langsam wirken.

Die Fortschritte in der synthetischen Biologie machen es heute bereits theoretisch möglich, ethnisch selektive Biowaffen herzustellen und damit dem Traum rassistischer Regime näher zu kommen.

Das J. Craig Venter Institute warnte bereits 2007, dass es schon 2017 leicht fallen könnte, fast jedes pathogene Virus künstlich herzustellen. Auch bakterielle Genome lassen sich inzwischen synthetisch erzeugen.

Eine Schwemme von biologischen Kampfstoffen müssen wir trotzdem nicht befürchten. „Allein schon an einen Erregerstamm zu kommen ist ausgeschlossen, und den zu modifizieren nahezu unmöglich sofern man kein Hightech Labor und fähige Personen hat,“ so der Shell-Mitarbeiter Michael Behrens.

Stehen uns als terroristische Anschläge mit synthetischem Milzbrand bevor? Theoretisch ausgeschlossen ist das zwar nicht, weltweit gibt es allerdings kaum Labore, die in der Lage sind, Biowaffen zu modifizieren und zu entwickeln. (Dr. Utz Anhalt)

Advertising

Quellen:

http://www.gifte.de/B-%20und%20C-Waffen/biologische_waffen.htm

http://www.kas.de/wf/doc/kas_21391-544-1-30.pdf&110104111342

The History of biological warfare auf:
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1326439/

http://sicherheitspolitik.bpb.de/massenvernichtungswaffen/hintergrundtexte-m6/Biologische-Waffen-und-biologischer-Krieg-eine-kurze-Geschichte

http://www.spektrum.de/lexikon/biologie/biologische-waffen/8704

http://www.spektrum.de/magazin/biologische-waffen/823655