Bipolare Störung – Ursachen, Anzeichen und Therapie

Dr. Utz Anhalt
Bipolar bedeutet gegensätzlich. Früher war der Begriff manisch-depressiv verbreitet. Menschen, die unter dieser Krankheit leiden, erleben ihre Stimmungen zwischen Sturmflut und Ebbe. Freudlosigkeit wechselt mit Hochstimmung. In der Euphorie sind sie äußerst aktiv.

Bei jedem wechseln die Gefühle: Ein Mensch hat schlecht geschlafen, raunzt beim Frühstück seinen Partner ab, nach einem Kaffee fühlt er sich wohl und entschuldigt sich. Bipolar gestörte durchleben diese Wechsel jedoch im Extrem.

Die Hypomanie

Hypomane verhalten sich mindestens vier Tage lang hyperaktiv oder gereizt. Sie sind unruhig, sprechen ununterbrochen, ohne zuzuhören, können sich nicht konzentrieren, schlafen, sind lüstern, gehen unkontrolliert Risiken ein und brauchen Gesellschaft. Sie entwickeln einen Überschuss an Ideen und bisweilen leisten sie auch außergewöhnlich viel. Eine Hypomanie führt meistens nicht zu sozialen Problemen.

Kennzeichend ür die Bipolare Störung ist der Wechsel manischer und depressiver Phasen. (Bild: pathdoc/fotolia.com)
Kennzeichend ür die Bipolare Störung ist der Wechsel manischer und depressiver Phasen. (Bild: pathdoc/fotolia.com)

Die Manie

Die Manie verläuft heftiger als die Hypomanie. Mindestens eine Woche lang hält die Hochstimmung an; die Betroffenen bekommen massive Probleme am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit und im Alltag.

In der manischen Phase sind Betroffene vorerst weit leistungsfähiger als gewöhnlich. Das ungewöhnliche Verhalten zeigt sich als Redefluss ohne inhaltlichen Zusammenhang, die Ideen überschlagen sich, die Gedanken rasen, soziale Tabus spielen keine Rolle; Manische überschätzen sich, lassen sich leicht ablenken, ihre Handlungen wechseln ständig; sie verhalten sich rücksichtslos und sexuell getrieben. Sie essen kaum noch und schlafen wenig. Sie verlieren die Distanz zur Umwelt ebenso wie ihre Selbstkritik.

In der reizbaren Variante verhalten sich die Gestörten extrem aggressiv: Sie fühlen sich unentwegt provoziert, beleidigen, und sie greifen andere Menschen an – körperlich wie verbal. Ein Auslöser ist, dass andere ihre Luftschlösser nicht ernst nehmen. Schwere Manien gehen in eine Psychose über: Die Betroffenen haben Wahnvorstellungen.

Die Zukunft schillert in den buntesten Farben. Soziale Normen existieren nicht. Sie reißen alle Grenzen ein und schlittern so in die Katastrophe: Sie zerstören Beziehungen, sie landen im finanziellen Ruin, und sie verlieren ihren Job.

Sie sprechen Fremde ohne jede Distanz an – die Themen liegen oft jenseits der gesellschaftlichen Akzeptanz. Die Bedürfnisse Anderer interessieren Manische nicht. Sie machen sexuelle Avancen im Beisein des Partners, sie stellen die (realen oder vermeintlichen) Probleme Fremder in der Öffentlichkeit bloß, sie nehmen sich, was sie im Moment brauchen. Nicht-Maniker kennen solches Verhalten im Alkohol- oder Kokainrausch.

In einer aufsteigenden Manie lassen sich Andere teils begeistern, teils sind sie verwirrt. Im entsprechenden Milieu findet der Maniker sein Publikum: Jugendliche mögen seine Tabubrüche, in Clubs ist er bisweilen sexuell erfolgreich, Schüchterne staunen ob seiner Gesprächigkeit. Der Maniker lässt sich nicht bremsen. Wenn die unmittelbar Anwesenden ihm Grenzen setzen, beleidigt er sie. Maniker zetteln also fast zwangsläufig Konflikte an.

Manchmal haben sie Glück, weil Außenstehende merken, dass „mit dem etwas nicht stimmt“, und sie deswegen nicht handgreiflich werden, oder Freunde lenken den Maniker ab. Doch oft verwickeln sich Manische auch in Schlägereien. Sie fliegen aus Kneipen, und sie landen auf der Polizeiwache.

Maniker verhalten sich oft völlig fremd von ihrer „Normalpersönlichkeit“. Für ihre Freunde ist das extrem belastend, und die Übergriffe zerstören Bindungen – darunter auch jahrelange Freundschaften. Die Betroffenen rutschen so immer tiefer in die soziale Isolation.

Sexsucht

Die Manie steigert die Lust. Ein Betroffener sagt über sich selbst: „ich bin nicht nur manisch, sondern auch nymphoman.“ Jede Kassiererin im Supermarkt, jede Wartende an der Haltestelle wird für den Maniker zur „Traumfrau“. Grenzen wie Alter oder nicht sexuelle Freundschaft sind außer Kraft gesetzt. Betroffene verhalten sich sexuell anzüglich, sogar übergriffig. Der Größenwahn erstreckt sich auch auf die eigene Attraktivität: Jeder Wunschpartner möchte mit ihm Sex haben – in der Imagination des Manikers. Dabei berechnet er seine Leidenschaft nicht wie der „klassische Gigolo“, denn heimliche Treffen mit frustrierten Ehefrauen sind seine Sache nicht. Der Affront verbindet sich mit der Reizbarkeit: Der Manische macht sich an eine Frau heran, die in einer festen Beziehung lebt; der Partner greift ein, und in der manischen Fantasie bricht ein Bandenkrieg im Viertel aus.

Ihre sexuellen Konstrukte erfinden Betroffene nicht nur während der akuten Manie, sondern verteidigen sie bisweilen über Monate hinweg. Alte Freunde und Therapeuten können am Realitätsgehalt und der Anzahl den Zustand des Betroffenen erkennen: Äußert er nur, dass er die neue Nachbarin erotisch interessant findet, behauptet er, dass sie heute Abend mit ihm ins Bett springt oder rennt er ihr bereits die Tür ein?

Ideenflucht

Maniker jagen von einer Idee in die Andere. Bahnt sich die Manie an, schweifen Betroffene vom Thema ab und haben Probleme, zurück zu finden. In einer „ausgewachsenen“ Manie hingegen laufen die Gedanken Amok. Der Gestörte kann keine weitergehenden Fragen beantworten, weil er den Anfang seiner Ausführungen nicht kennt. Einzelne Gedanken können dabei aber logisch aufeinander folgen. Seine Worte überschlagen sich, so dass Andere kaum verstehen, was er sagt. Der Reizbare sieht dieses Unverständnis als Angriff an und schlägt zu – verbal oder nonverbal.

Diese Ideenflucht zeigt sich auch in den kreativen Leistungen. Manische Maler zum Beispiel steigern sich immer mehr in ihr Bild hinein, übermalen immer wieder von neuem, bis die Strukturen den Gesamtzusammenhang verlieren. Dabei können die Fragmente geordnet sein. Ein Cafe-Betreiber, der einem betroffenen Bekannten dessen Bilder abkauft, sagt: „Ich reiße sie ihm regelrecht aus der Hand, sonst würde er sie zerstören.“

Wahn und Verschwendung

Das Ego durchbricht in der Manie alle Grenzen der Wirklichkeit. Manche Betroffene vertreten Wahnvorstellungen weiter, wenn die manische Phase längst vorbei ist, und sie ansonsten als stabil gelten. Ein Betroffener landete zum Beispiel in einer akuten Phase in die Psychiatrie; er behauptete, dass Verschwörer es auf ihn abgesehen hätten – darunter Mitglieder eines Karateclubs. Jahre später, er hatte keine manischen Schübe mehr gehabt, galt er als gesund, erzählte aber immer noch, „das mit dem Karate-Club hat nichts mit der Manie zu tun. Die waren wirklich hinter mir her.“

Betroffene fixieren sich auf das Angenehme – bis zum Exzess. Körperhygiene steht dabei hintenan, Schlaf stört, und Essen hält sie von ihrem Rausch ab. Sie schmeißen mit Geld um sich, verschenken Wertvolles, „lassen die Puppen tanzen“; manche verschulden sich gar. Ist der Rausch, die Manie, vorbei, schämen sie sich.

Die Depression

Die depressive folgt auf die manische Phase. Die „Glücklicheren“ fühlen sich bedrückt, die schwerer Betroffeneren wertlos. Sie verlieren das Interesse an Hobbys, sind sehr müde, innerlich unruhig und können nicht schlafen. Sie haben Schmerzen in Brust, Magen, Kopf und Herz; sie fühlen sich schwindlig; sie nehmen ab. Die Gedanken kreisen ins negative. Sie können einfachste Entscheidungen nicht treffen. Sie nehmen ab; Sex interessiert nicht mehr. Sie fühlen sich schuldig und schämen sich. Sie bilden sich Krankheiten ein. Sie trauen sich nichts mehr zu. Sie denken an Tod und Selbstmord; viele versuchen, sich umzubringen. Also das exakte Gegenteil der Manie – gemeinsam ist beiden Phasen, dass sie massive Probleme in Beruf und Beziehungen mit sich bringen.

Die Ursachen

Biologische Ursachen wie Störungen in den Botenstoffen des Gehirns oder veränderte Hormone lösen die Krankheit ebenso aus wie soziale Faktoren: Stress, Trennungen, Traumata und Missbrauch. Diese psychischen Belastungen können bei einem einschneidenden Geschehnis den bipolaren Schub entfachen.

Beides greift einher. Die „Chemie“ im Gehirn löst die Störung aus – das ist also körperlich. Das Verhalten der Manisch-Depressiven verweist jedoch auf ihr soziales Umfeld und ihre Erfahrungen. Die Manie ist häufig das Potenzial der unterdrückten Wünsche, die Depression ihr Gefängnis. Die Normalität dazwischen konnten Betroffene nie als erfüllende Struktur entwickeln. Bipolare wirken auf „Durchschnittsmenschen“ auch in weit fortgeschrittenem Lebensalter unreif – wie alt gewordene Teenager, und zwar ausdrücklich auch außerhalb der pathologischen Phasen. Betroffene spielen zum Beispiel den „Geschichtenonkel“ im Jugendzentrum oder machen sich einen „Namen“ als Enfant terrible in einer Kleinstadt.

Ein typischer Fall ist ein Betroffener, der aus einem strikt katholischen Elternhaus kam, mit dreizehn als Messdiener arbeitete, und den Katechismus verinnerlicht hatte; in der Pubertät stieß er in die politische Linke und lernte die freie Sexualität kennen. In genau dieser Zeit hatte er seine ersten manischen Schübe. Zum einen lief er durch seine Heimatstadt und erzählte, er sei der heilige Franziskus, zum anderen stellte er die Kirche in Frage. Mit 40 schrieb er einen Brief darüber, Gott jetzt endlich verlassen zu haben. Seine Störung erscheint wie ein Versuch, sich aus dem Gefängnis seines Dogmas und Umfeldes zu befreien, der als manischer, also bewusstloser Ausbruch jedoch zum Scheitern verurteilt ist und deswegen in der Depression landet.

Ein Psychotherapeut unterhält sich intensiv mit einem Patienten, um zu erkennen, ob eine bipolare Störung vorliegt. Angehörige sollten dabei sein, denn sie haben einen anderen Blick auf das, was der Betroffene schildert.

Blutanalysen (und andere Untersuchungen) schließen aus, dass es sich um eine andere Erkrankung handelt.

Therapien

Bipolarität galt lange als nicht durch den Betroffenen steuerbar. Heute wissen wir es besser; die Patienten können den Ausschlag des Pendels zwischen Himmelsflug und Niedergang durch ihr eigenes Verhalten viel besser austarieren als früher vermutet.

Psychotherapien wirken sehr gut. Die Angehörigen sollten einbezogen werden, die Situation in der Familie muss der Therapeut genau kennen, denn oft ist sie der Auslöser für Manie und Depression. Medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung ergänzen sich.

Leider zeigen viele Betroffene in einer akuten Manie keine Einsicht in das Problem. Dann hilft nur eine Zwangseinweisung in die Psychiatrie auf der Basis einer richterlich bestätigten Eigen- und Fremdgefährdung. Die Psychiatrie soll den Erkrankten vor allem von Reizen abschirmen.

Manche Erkrankte reflektieren aber auch in der Manie ihr Problem und kompensieren es durch extreme Produktivität. Sie brauchen eine entsprechende Medikation und eine ausgeglichene Lebensstruktur – insbesondere ausreichend Schlaf.

In der akuten Phase der Manie wirken Medikamente, die die Stimmung stabilisieren. Antidepressiva werden weniger verwendet als in der reinen Depression. Lithium stabilisiert die Stimmung, da ein Lithium-Mangel die Störung begleitet. Die Betroffenen müssen es oft ein Leben lang zu sich nehmen.

Neuroleptika verhindern, dass das Gehirn Dopamin wie Serotonin ausschüttet und unterbinden so die akute Manie. Betroffene beklagen aber, dass die Neuroleptika als „Nebenwirkung“ das Gefühlsleben und die Träume eindämmen. Sie würden zwar nicht mehr manisch, fühlten sich aber wie „Zombies“.

Valproinsäure wirkt der Manie ebenfalls entgegen; Lamotrigin mildert zwar Depressionen, kann aber Manien befördern. In der akuten Manie sind Sedativa hilfreich, um Betroffenen den Schlaf zu bringen. Lithiumsalze, Carbamazepin, Valproat und Lamotrigin verhindern bisweilen sogar neue Ausbrüche der Krankheit.

Freunde und Familie

Manie wie Depression belasten Freunde und Verwandte doppelt. Partner sind in Gefahr, Ko-Bipolare zu werden. Je enger die Bindung an einen Menschen mit dieser Störung ist, desto dringender bedarf es professioneller Information.

Laien wissen nicht, wie sie mit der Krankheit umgehen können. Angehörige werden durch die Übergriffe verletzt und müssen zugleich damit umgehen, dass diese Übergriffe Teil der Krankheit sind. In einer akuten Manie müssen die Angehörigen sicherstellen, dass der Betroffene keine Geldgeschäfte abwickelt, nicht zu „Brennpunkten“ kommt wie Massenveranstaltungen, also im Idealfall eine Woche durch den Wald tobt – unter Aufsicht, versteht sich.

In den stabilen Zeiten können Angehörige und Betroffene Rahmen setzen, um die schlimmsten Folgen der Manie zu verhindern. Zum Beispiel kann der Betroffene bei sich nur eine EC-Karte zu einem Konto mit geringem Guthaben tragen, und die Karte für sein großes Geld bei einem Vertrauten deponieren, der ihm diese in einer manischen Phase verweigert.

Freunde und Verwandte sollten zudem mit Betroffenen Regeln für ihre stabilen Phasen aufstellen. Man kann sie darin unterstützen oder auch ermahnen, in dieser Zeit umzusetzen, was sie während der Berg- und Talfahrt nicht können – sei es Ideen aufgreifen, die sie in der Manie hatten, sei es, Selbstverantwortung zu üben. Manche Bipolare begeben sich in ihre Krankheit als ein „so ist es nun mal“. In der Manie lässt sich niemand zu „banalen Dingen“ überzeugen wie die Stromrechnung zu bezahlen oder die Wäsche zu waschen. In der stabileren Phase kann er das aber.

Andere Menschen müssen in den Phasen der bipolaren Störung lernen, wann sie wie reagieren. Wann ist der Betroffene noch zurechnungsfähig, wann nicht mehr? Wann sich ihm zuwenden, wann abgrenzen? Die Angehörigen sind nicht nur überlastet, sie sind auch wütend. Sie dürfen ihre eigenen Bedürfnisse nicht vernachlässigen, müssen sich Freiräume schaffen und sind gut beraten, Selbsthilfegruppen aufzusuchen.

Freunde sollten dem Betroffenen in seinen stabilen Phasen Grenzen setzen – zur Not rigoros. Menschen mit psychischen Störungen kreisen in Gedanken oft um ihre Probleme. Manche Erkrankte denken einen Großteil ihrer stabilen Phase darüber nach, wie manisch, hypomanisch, depressiv oder „normal“ sie gerade sind. Freundschaften nehmen dann einen therapeutischen Charakter an. Freunde müssen also erstens klarstellen, dass sie den Betroffenen respektieren und ihm bestätigen, dass er momentan zurechnungsfähig ist. Das bedeutet zweitens aber, dass sich jemand, der die Energie anderer in Anspruch nimmt, um um sich selbst zu kreisen, egozentrisch verhält, und seine Freunde damit bitte in Ruhe lässt.

Einige Betroffene schämen sich in stabilen Phase für das, was sie in der Manie anrichten. Dann helfen ihnen Freunde, die ihnen sagen, dass sie an der Manie keine Schuld trifft. Andere sehen die Manie als Potenzial, das sich entwickeln lässt. Das kann sich positiv auswirken, wenn sie diese Kraft zum Beispiel in Kunst umsetzen; viele Künstler sind bipolar.

Wieder Andere basteln sich aus ihrer Störung einen besonderen Status der Narrenfreiheit. Da müssen ihnen Freunde klare Grenzen zeigen. Ein Betroffener schrammte zum Beispiel drei Mal an einem Abend nur deswegen haarscharf an einer Schlägerei vorbei, weil die von ihm Beleidigten ihn als psychisch krank ansahen. Am nächsten Tag, als er wieder „runter kam“, erzählte er, wie von einer Heldentat, dass er die Leute verwirre, und dass auf dieser Straße Idioten herum liefen. Seine Freunde verhielten sich richtig: Statt das Publikum für sein „aufregendes Erlebnis“ zu geben, sagten sie ihm, dass es keine Ehre sei, selbst provozierten Schlägereien nur zu entrinnen, weil Mitmenschen sich besonnen verhalten, und weil man als jemand gilt „der einen Knall“ hat. Der Bipolare, inzwischen in einer abschwellenden Manie, brüllte: „Wollt ihr mich pathologisieren?“ Seine Freunde antworteten: „Entweder, Andere behandeln dich als normal und somit zurechnungsfähig, oder sie sehen dich als unzurechnungsfähig an. Wenn sie dich aber als normal behandeln, hättest du wegen asozialem Verhalten jetzt zu Recht ein blaues Auge. Die Vorteile von beidem zusammen bekommst du nicht.“

Für Freunde und Familienangehörige ist der Umgang mit bipolar Gestörten oft extrem schwierig. (Bild: Photographee.eu/fotolia.com)
Für Freunde und Familienangehörige ist der Umgang mit bipolar Gestörten oft extrem schwierig. (Bild: Photographee.eu/fotolia.com)

Freunde sind zudem gefordert, die Patienten nicht aus Freundschaft bei ihren falschen Ideen zu unterstützen. Das fällt oft schwer, wenn die Betroffenen noch weitgehend zurechnungsfähig sind. Ein Betroffener klingelte in einer sich anbahnenden Manie einen befreundeten Wissenschaftler morgens um 6.00 Uhr am Sonntag aus dem Bett, und brüllte Minuten lang herum, bis der Geweckte verstand, dass er dem Bipolaren ein positives Gutachten für eine Bewerbung schreiben sollte. Es ging um die Stelle eines Team-Gruppenleiters in einem Entwicklungshilfe-Projekt. Der Wissenschaftler las laut die Anforderung vor: „Erhöhte Selbstdisziplin auch in extremen Situationen“, und sagte: „Ich kann dir dazu kein Gutachten schreiben.“ Sein Freund brüllte, noch lauter als zuvor: „Wozu habe ich Freunde?“ Es klingelte, die Nachbarin stand vor der Tür und beschwerte sich über den Lärm.“ Der Manische brüllte ihr ins Gesicht: „Ja, sie auch. Sie auch“ und lieferte den Beweis, dass die Ablehnung des Gutachtens richtig war.

In der Depression sollten Angehörige den Kranken nicht überfordern. Er kann nichts tun – es geht nicht um Wollen. Wenn der Betroffene sagt „ich will nicht mehr leben“, sollten die Angehörigen einen Arzt informieren. Die Selbstmordrate bei Bipolaren in einer Depression ist 20-30 mal höher als bei der Gesamtbevölkerung.

Was können Betroffene tun?

Viele Bipolare führen ein geregeltes Leben- Dazu gehört jedoch die Einsicht, dass es sich um eine Störung handelt, das Einnehmen von Medikamenten und eine langfristige Psychotherapie. Bipolare bleiben fast immer ihr Leben lang eingeschränkt.

Bipolare können Auslöser reduzieren, indem sie zu festen Zeiten einschlafen und aufstehen, die Hände von Alkohol und anderen Drogen lassen, insbesondere von Kokain. Cannabis stabilisiert hingegen die Stimmungen – nach Berichten von Betroffenen. Stimmungstagebücher helfen dem Bipolaren, sich selbst zu managen.

Wenn Betroffene sich selbst nämlich immer besser kennen, können sie bei den ersten Anzeichen einer Manie ihren Facharzt aufsuchen, die Medikamente erhöhen, viel schlafen und Stress bzw. Reize vermeiden, um den Ausbruch zu verhindern.

Das klappt aber nur, wenn sie die Manie als Störung begreifen. Die Manie ist nämlich eine Krankheitsphase, die die Betroffenen positiv erleben. Manche sprechen von ihrer ersten manischen Erfahrung wie von einer religiösen Erweckung; sie „verlieben“ sich geradezu in sie wie in einen Heroinrausch. Das gilt besonders für Bipolare, die sich vor der Depression fürchten.

Betroffene müssen also „Durchschnittlichkeit“ als etwas positives begreifen. Dazu hilft ihnen, ihr manisches Potenzial als Teil von sich zu verstehen. Die Begeisterung haben die Betroffenen nämlich meist schon vor Ausbruch der ersten Manie.

Grandiose Bipolare

„Ohne die manisch-depressive Komponente in der Bevölkerung wäre unsere Kultur sehr arm. Es wäre geradezu trostlos.“ Jules Angst

Bipolar heißt nicht notwendig Sozialfall. Inklusion bedeutet hier, Menschen mit psychischen Störungen einzubeziehen statt sie auszugrenzen. Allerdings sind die Betroffenen für viele Berufe nicht oder nur bedingt geeignet; ihnen dies klar zu machen bedeutet ebenso wenig, sie zu diskriminieren wie jemand diskriminiert wird, der kein Auto fahren kann, weil er für eine Stelle einen Führerschein braucht.

Jemand, der in einem manischen Hoch Lokalrunden schmeißt, eignet sich nicht als Schatzmeister, und jemand, dessen Struktur sich ständig ändert, nicht als Verwaltungsbeamter. 3-Schicht-Dienste sind problematisch, weil sie Trigger für die Manie bieten; Stressberufe sollten vermieden werden, zum Beispiel in der Gastronomie.

Manche Menschen, die großes leisteten, waren bipolar: Elias Canetti litt ebenso unter darunter wie seine Frau Veza; über Hermann Melville, den Verfasser von Moby Dick schrieb Andrew Delbanco: „Seinen Glücksmomenten folgten häufig Depressionen“. Konnte er daher den Kapitän Ahab entwickeln, der manisch den weißen Wal verfolgt – bis am Ende das Schiff untergeht (wie die Seele in der Depression).

Oder der manisch-depressive Ernest Hemmingway, der sich, vermutlich in einer Depression, erschoss? Sein „alter Mann und das Meer“ ist gerade zu das Muster einer literarischen Umsetzung der bipolaren Störung. Ein alter Mann fährt noch einmal auf See, fängt in einem übermenschlichen Ringen einen Fischgiganten, bringt ihn unter Hindernissen an den Strand. Dort angekommen, haben Haie den Fang bis auf das Skelett abgefressen – nichts bleibt über, nach der Manie kommt die Depression.

Lord Byron war ebenso betroffen wie Virginia Woolf. Die brachte sich um und schrieb in ihrem Abschiedsbrief an ihren Mann: „Liebster, ich habe das sichere Gefühl, dass ich wieder verrückt werde. Ich fühle, dass wir nicht noch einmal diese schrecklichen Zeiten durchleben können. Und dieses Mal werde ich mich nicht wieder erholen. Ich beginne, Stimmen zu hören und kann mich nicht konzentrieren. So werde ich tun, was das Beste zu tun scheint. Du hast mir das größtmögliche Glück gegeben.“

Der erkrankte Kurt Cobain nahm sich ebenfalls in einer Depression das Leben. Seine Krankheit teilte er mit Marilyn Monroe und dem Sänger Falco. Gauguin litt ebenso daran wie sein Mitbewohner Van Gogh, der sich in einer Manie das Ohr abschnitt – und später Pablo Picasso. Brahms, Mozart und Tschaikowsky litten daran, Churchill ebenso wie Nixon.

Edgar Allan Poe, der Meister der Geschichten der Todesangst litt an der Störung. Poes Hauptmotiv ist – wohl nicht zufällig – die Doppelseite der Wahrnehmung. Einbildungen, Gedanken und Gefühle schlagen in ihr Gegenteil um. Im Unbewussten lauert ein Doppelgänger. Poes Charaktere sind oft normale Menschen, die dem Wahnsinn verfallen, so in „Spirit of Perversity“ oder „Black Cat“, wo ein anständiger Ehemann der Trunksucht verfällt, seine Katze tötet und später seine Frau mit der Axt erschlägt.

Friedrich Nietzsche kämpfte ebenfalls gegen diese schwankenden Stimmungen. Niezsches wichtigstes Zitat lautet: „Wer immer gegen Monster kämpft, sollte aufpassen, nicht selbst zum Monster zu werden. Denn wann immer du in einen Abgrund blickst, blickt auch der Abgrund in dich hinein.“ Er wusste, wovon er schrieb. (Dr. Utz Anhalt)