Cranio Mandibuläre Dysfunktion

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Das Kausystem leistet die komplexesten Gelenkbewegungen im Körper. Das verdankt es seinen 3-dimensional beweglichen Kiefergelenken. Zudem vermag das Kausystem mit bis zu 800 Newton die größte punktuelle Kraft zu mobilisieren. Dazu kommt es z. B. in Stressphasen, wenn der Mensch mit seinen Zähnen presst oder knirscht. Spuren hiervon werden an einem abgeriebenen Gebiss (Abrasion) und einer veränderten Bisshöhe sichtbar. Dies wiederum mündet in ein gestörtes Zusammenspiel von Schädel (lat. Cranium) und Unterkiefer (lat. Mandibula) mit weiteren möglichen Folgen für das neuromuskuläre System. Dann treten jene Symptome auf, die die Medizin unter dem Oberbegriff Cranio Mandibuläre Dysfunktion (CMD) zusammenfasst. Häufig handelt es sich um Schmerzen an Zähnen und Kaumuskeln sowie im Bereich von Kopf, Schultern und Rücken. Auch Schmerzen an Kiefergelenk und Ohren sowie Tinnitus treten als CMD-Symptome auf.

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Bei vielen Menschen ist das Zusammenspiel von Ober- und Unterkiefer gestört. Bild: www.fotolia.com © DragonImages

Verbreitung von CMD
Rund 20 Prozent der Bevölkerung sind von CMD betroffen und therapiebedürftig, so die Hochrechnungen in der Zahnmedizin. Bei der letzten Deutschen Mundgesundheitsstudie (2006) wurde festgestellt, dass „funktionelle Probleme“ zu den häufigsten Problemen zählen. Demnach bezeichneten die Befragten das Kauen, eine der zentralen Funktionen des orofazialen Systems, mit steigendem Lebensalter zunehmend als schwierig.

Erst kürzlich (12/2011) hat die Bundeszahnärztekammer darauf hingewiesen, dass Zähneknirschen (Bruxismus) in der Bevölkerung zunimmt. Grundlage waren Daten des Statistischen Jahrbuchs. Von 1.600 befragten Zahnärzten hatten 80 Prozent diese Entwicklung festgestellt. Von den betroffenen Patienten befanden sich mit 15 Prozent mehr Frauen als Männer (10 Prozent). Die Fälle häuften sich besonders im Lebensalter von 35 bis 45 Jahren.

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Interdisziplinäre Therapie
CMD erfordert eine interdisziplinäre Therapie. Das machen die vielfältigen Symptome deutlich. Erste Anlaufstelle der Patienten sind aufgrund der Symptomatik meist Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Orthopäden, Heilpraktiker, Physiotherapeuten oder Osteopathen. Oft stellen sie Haltungsstörungen wie Schulter- oder Beckenschiefstand oder einen gestörten muskulären Status fest. Für die Interpretation der Bisslage benötigen sie die fachübergreifende Therapie mit einem Zahnarzt. Der sollte zwingend ausreichende Erfahrung mit Funktionsdiagnostik- und therapie aufweisen.

Die zahnärztliche Funktionstherapie mithilfe einer Schiene gehört mit zu den gängigen Behandlungsformen. Diskutiert wird dabei, ob Schienen für den Oberkiefer eher zum Therapieerfolg beitragen als jene für den Unterkiefer. Diese Diskussion setzt sich vereinzelt bei Therapeuten wie beispielsweise den Osteopathen fort, die eine krankhafte Bewegung der Schädelplatten vermeiden wollen. Bei der Bewertung muss berücksichtigt werden, wann und wie lange ein Patient die Schiene zu tragen hat. In jedem Fall sollte der Therapie ein klinischer und instrumenteller Funktionstest voran gehen.

Ein therapeutisches Zwischenziel ist zunächst, mit der Schiene die Fehlkontakte im Biss zu unterbrechen. Das leisten beispielsweise Knirscherschienen, die allerdings wegen der Abnutzung immer wieder erneuert werden müssen und nicht ursächlich, sondern nur symptombezogen wirken. Das eigentliche Therapieziel muss ein gesunder Biss mit einer physiologischen Position der Kiefergelenke sein.

Im Netzwerk der Gesellschaft für Zahngesundheit, Funktion und Ästhetik (GZFA) kommt eine Oberkiefer-Aufbissschiene zum Einsatz, die eine sichere Registrierung der Unterkieferposition gewährleistet. Die Patienten tragen diese grazile, zweiphasige Schiene nur während der Nacht über eine Dauer von sieben bis zehn Wochen. Liegen noch Beschwerden in anderen Körperbereichen vor, binden die Zahnärzte im Netzwerk der GZFA ihre Co-Therapeuten mit ein. Erst im Oktober 2011 hat die GZFA eine Auswertung mit 78 Patientenfällen vorgelegt. Für die weitere Vernetzung führt die GZFA Fortbildungen durch und baut ein bundesweites Netzwerk für Funktionstherapeuten und Co-Therapeuten auf.