Esssucht – Binge Eating: Ursachen, Symptome und Therapie

Dr. Utz Anhalt
Heißhungerattacken und unkontrollierte Fressanfälle
Menschen, die unter einer Esssucht leiden, verschlingen (binge) in Schüben Unmengen an Nahrung. Sie haben so genannte Heißhungeranfälle, ohne dass der Hunger sie dazu treibt. Sie können diese Anfälle nicht kontrollieren. Viele Menschen, bei denen keine akute Störung vorliegt, essen ebenfalls aus Frust, aus Langeweile oder, um sich zu betäuben. Funktioniert es erst einmal, Gefühle von Leere durch Essen zu verdrängen, gewöhnen sich manche Betroffene daran, und das gelegentliche Kompensieren unangenehmer Gefühle durch Essen entwickelt sich zu einer Sucht. Betroffen sind häufig Frauen, aber nicht nur.

Anzeichen und Symptome für Esssucht

Binge Eating kennzeichnet folgende Symptome:

1) Fressanfälle
2) Gestörtes Essverhalten zwischen den Anfällen
3) Wechsel zwischen Nahrungsverbot und unkontrollierten Essschüben
4) Gestörte Wahrnehmung von Apettit, Hunger und Sättigung
5) Gestörte Wahrnehmung des Körpers, negatives Körperkonzept, Hass auf den eigenen Körper

Heimliches Verschlingen von Essen ist ein typisches Anzeichen für eine Esssucht. (Bild: Photographee.eu/fotolia.com)

Wann wird Heißhunger zur Esssucht?

Eine Esssucht ist durch folgenden Symptomkreis gekennzeichnet:

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1) Immer wiederkehrende Fressattacken
2) Mindestens zwei davon pro Woche über sechs Monate hinweg
3) Schuldgefühle nach dem Schlingen, Depressionen und Selbstvorwürfe
4) Bisweilen fehlende Erinnerung an den Zustand vor, während und unmittelbar nach den Attacken (Fressrausch)
5) Schlingen
6) Essen, obwohl der Magen überfüllt ist, bis es weh tut und darüber hinaus
7) Essen ohne Hunger
8) Allein Essen aus Scham, heimlich essen, so wie ein Alkoholiker die Flaschen versteckt
9) Ekel nach dem Essen und Ekel vor der Nahrung

Verbreitung

Bis zu 5 % der Deutschen leiden unter Binge Eating. In der Regel bricht die Störung zwischen dem 20. und 35. Lebensjahr aus, allerdings kommt es bei „Geheilten“ oft zwischen dem 45. und 54. Lebensjahr zu einem zweiten Schub. Frauen sind 1,5 mal häufiger betroffen als Männer, Übergewichtige erkranken häufiger als Normalgewichtige.

Circa 30 % der Betroffenen machten zuvor strukturierte Diäten, um Gewicht zu reduzieren. Zu dieser „Diet-First“ Gruppe gehören vor allem Menschen, die mit circa 25 Jahren ihre erste Fressattacke hatten. Zu der „Binge-First“ Gruppe hingegen zählen Menschen, die bereits mit 12 Jahren das erste Mal einen Fressanfall erlitten.

Ursachen von Esssucht / Binge Eating

Binge-Eating gilt primär als psychisch bedingte Störung, aber auch persönliche, soziolkulturelle und biologische Aspekte spielen eine Rolle. Neigung zu Depressionen, psychosoziale Belastungen und schweres Übergewicht spielen in die Häufigkeit der Essanfälle hinein. Psychische Störungen wie das Borderline-Syndrom begünstigen die Entwicklung einer Esssucht.

Übergewicht

Übergewicht ist ein wichtiger Aspekt für Binge Eating. Hier spielt die Eigenwahrnehmung eine besondere Rolle. So ergaben Studien, dass Übergewichtige mit Esssucht Essen, ihren eigenen Körper und ihr Körperbild als wesentlich negativer einschätzten als Übergewichtige ohne Esssucht. Das Selbstbild spielt wiederum eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der Krankheit.

Die Körperwahrnehmung von Menschen mit einer Esssucht ist häufig verzerrt. (Bild: ronstik/fotolia.com)

Ess- und Brechsucht?

Bulimiekranke führen sich ebenfalls in Schüben Nahrung in großem Ausmaß zu. Im Unterschied zu Fresssüchtigen, versuchen sie aber, die aufgenommene Nahrung zu erbrechen. Gemeinsam ist beiden das Schamgefühl wegen ihrem gestörten Essverhalten, das heimliche Essen, und die Tricks, um ihr Essverhalten vor anderen zu verbergen.

Im Unterschied zu Bulimie geht Esssucht meist mit Adipositas einher. Auch wissen Bulimiekranke um den Beginn und das Ende eines Fressanfalls, Esssüchtige nicht.

Therapie

Mediziner betrachten Esssucht als ein typisches Vermeidungsverhalten. Demnach versuchen Betroffene, negative Gefühle wie Stress, Langeweile oder innere Lehre durch die Essattacken zu umgehen.

Zwar geht es bei einer Therapie auch darum, das angefressene Übergewicht zu reduzieren, vor allem ist ein Psychotherapie gefragt. Dabei geht es besonders um Selbstwert und Depressionen. Wichtig ist auch, Rückfälle zu verhindern.

Die Psychotherapie ist deshalb wichtig, da es sich bei einer Esssucht in aller Regel nicht um eine Störung des Hungergefühls handelt, wie zum Beispiel bei Übergewichtigen, die sich im Unterschied zu Normalgewichtigen erst nach großen Mengen satt fühlen. Vielmehr haben Hunger und Genus mit diesen Fressattacken wenig zu tun, sondern die Betroffenen kompensieren negative Stimmungen.

Esssucht nach Diäten

Missglückte Diäten können in eine Esssucht führen. Die Betroffenen verlieren dann zwischen Essensverboten und Hineinschlingen, wenn sie die Restriktionen aufheben, die Kontrolle über die Zustände von hungrig und satt.

Hinzu kommt, dass viele Betroffene die Diäten bereits wegen einem negativen Selbstbild auf sich nahmen, und nach dem wiederkehrenden Zunehmen, weiter frustriert werden, und diese Frustration wiederum mit Essen füllen.

Stress ist häufig der Auslöser für unkontrollierte Heißhungerattacken. (Bild: Boyarkina Marina/fotolia.com)

Auslöser für die Essanfälle

Ein typischer Auslöser sind akuter psychischer Stress, im Beruf oder im Privatleben. Die Betroffenen haben meist nicht gelernt, Belastungen auszuhalten oder Konflikte konfrontativ auszutragen und durchzuhalten. Sie beruhigen sich für eine kurze Zeit mit den Fressattacken und haben danach Schuldgefühle.

Folgen einer Esssucht

Die sichtbarste Folge einer Esssucht ist die konstante Gewichtszunahme. Dazu kommen fehlende Ausdauer, Kurzatmigkeit, schnelle Erschöpfung, starkes Schwitzen und letztlich ein hohes Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen.

Diese Folgen treiben die Betroffenen noch stärker in die Esssucht hinein. Sie fressen sowieso schon, um negative Gefühle zu kompensieren. Durch die fehlende Fähigkeit, sich zu bewegen, gehen sie immer weniger unter Leute, ihre sozialen Kontakte sind gefährdet.

So fühlen sie sich immer einsamer und kompensieren dies durch Essen, was sie wiederum einsamer macht.

Es gibt aber auch akute Folgen: Die übermäßige Nahrung kann erstens dazu führen, dass der Darm verstopft, und zweitens dazu, dass die Speicheldrüsen verstärkt Magensäfte produzieren, die ihrerseits Magenschleimhautentzündungen, Magengeschwüre oder Geschwüre am Zwölffingerdarm auslösen können.

Übergewicht

Schweres Übergewicht als Folge einer Essucht ist mit vielen Gefahren verbunden. Zu den häufigsten Beschwerden gehören: Bluthochdruck, Arterienverkalkung, Verkalkung der Herzkranzgefäße, Herzinfarkt, Krebs und Diabetes.

Durch die Esssucht entstehendes Übergewicht birgt viele gesundheitliche Risiken wie zum Beispiel Bluthochdruck und Diabetes. (Bild: Creativa Images/fotolia.com)

Auch Gallensteine, Gicht, Atemaussetzer beim Schlafen und Gelenkentzündungen können folgen.

Bei Frauen kommen noch mögliche Unfruchtbarkeit, Probleme bei der Schwangerschaft und die spezifisch weiblichen Krebse eine Folge sein. Bei Männern besteht ein erhöhtes Risiko für Prostatakrebs. Bei beiden Geschlechtern steigt die Gefahr, einen Schlaganfall zu erleiden.

Psychische Folgen

Eine Esssucht ist nicht nur eine psychische Erkrankung, sie hat auch enorme psychische Folgen für die Betroffenen. Aus Scham ziehen sie sich häufig zurück und fühlen sich, als ob sie „nicht dazu gehören“.

Ihre Essanfälle sind nicht nur ein Ausdruck von Ohnmachtsgefühlen, sie führen ihrerseits zu einem Gefühl der Machtlosigkeit. Hilflosigkeit, Passivität, Resignation und Selbstaufgabe gehen mit dem gestörten Essverhalten einher.

Typische Folgeerkrankungen einer Essstörung sind auch Angststörungen, zum Beispiel die Angst vor Personen, Putzzwang, Angst vor der Öffentlichkeit. Je länger eine Essstörung anhält, umso mehr fühlen sich die Betroffenen in der Gesellschaft von anderen Menschen unwohl und unvollkommen. Das Selbstwertgefühl bricht zusammen, ebenso die Fähigkeit, sich selbst zu bestimmen.

Oft leiden die Betroffenen bereits seit ihrer Kindheit an einem gestörten Essverhalten, weil sie dies von ihren Eltern lernten oder auch lernten, Essen gegen Frustration einzusetzen.

Viele Betroffene leiden schon seit ihrer Kindheit an einer Essstörung. (Bild: kwanchaichaiudom/fotolia.com)

Risikofaktoren

Bestimmte psychische Merkmale sind typisch für Menschen, die Esssucht entwickeln. Dazu gehört zuerst einmal ein schwaches Selbstwertgefühl. Hinzu kommen Perfektionismus, Schwarz-Weiß-Denken und Impulsivität – alle drei Eigenschaften sind auch mit dem Borderline-Syndrom verbunden, das häufig einhergeht mit einer bestimmten Essstörung: Magersucht, Esssucht oder Bulimie.

Der Perfektionismus sorgt notwendig für Frustrationen, da weder ein Mensch noch eine Situation jemals perfekt ist. Das Schwarz-Weiß Denken verhindert es, die eigene Situation differenziert zu betrachten und alternative Handlungen zu entwickeln. Die Impulsivität schließlich führt zu Handlungen, die die Vernunft nicht kontrolliert.

Da Binge Eating mit einer bestimmten psychischen Struktur verbunden ist, sind Verhaltenstherapien besonders sinnvoll. Hier lernen die Betroffenen, alternative Möglichkeiten, um auf Frustrationen zu reagieren und Strategien, wie sie ihre Handlungen besser kontrollieren können. Vorbild sind hier in der Psychotherapie bei Bulimie entwickelte Konzepte. Interpersonale Therapien und dialektisch-behaviorale Therapien erwiesen sich in Studien als erfolgreich.

Medikamente beeinflussen ebenfalls die Fressanfälle. Erst einmal sind Antidepressiva zu empfehlen wie Fluvoxamin, Fluoxetin oder Sertralin. Diese dämpfen die negativen Stimmungen, die Essattacken auslösen. (Dr. Utz Anhalt)