Gendermedizin: Definition, Geschichte und Beispiele

Dr. Utz Anhalt
Geschlecht und Gesundheit – Frauen und Männer werden unterschiedlich krank
Sex und gender, auf deutsch biologisches und soziales Geschlecht, sind kritische Variablen, die Gesundheit und Krankheit beeinflussen. Das Konzept Gender beruht auf einer komplexen Beziehung und Integration von Geschlecht – als einem biologischen und funktionalen Teil des menschlichen Körpers – und kulturellem wie psychologischen Verhalten, das wiederum durch ethnischen, sozialen und religiösen Hintergrund geprägt ist.

Krankheiten unterscheiden sich bei Männern und Frauen

Männer und Frauen unterscheiden sich in ihren gesundheitlichen Problemen. Traditionell galt es in der Medizin als selbstverständlich, dass die Diagnosen und effektiven Behandlungen für den männlichen Teil der Gesellschaft ebenso valide für Frauen waren – wenn es sich nicht um Beschwerden handelte, die biologisch nur Frauen bekommen können wie Schmerzen während der Menstruation oder Entzündungen der Eierstöcke.

Männer erkranken anders als Frauen. Die
Gendermedizin beschäftigt sich mit den geschlechtsspezifischen Unterschieden in Hinblick auf Gesundheitserhaltung, Krankheitsentwicklung und Therapiemöglichkeiten. (Bild: WavebreakMediaMicro

Gendermedizin ist ein neuer Weg, auf die physiologischen und pathophysiologischen Unterschiede von Männern und Frauen zu achten und es braucht große Anstrengung in Forschung und Bildung, um viele Kapitel in der Medizin zu überarbeiten. Es geht darum, wie sich Krankheiten bei Männern und Frauen unterscheiden, um so sinnvoll vorzubeugen, klinische Zeichen zu erkennen, die Therapien anzupassen und Prognosen zu stellen, die die psychologischen und sozialen Hintergründe berücksichtigen.

Psyche und Körper spielen zusammen

Gendermedizin basiert darauf, dass Männer und Frauen Gesundheit und Krankheit auf unterschiedliche Weise erfahren. Die Ursachen, die Risikofaktoren, die Symptome, die Diagnose, die Behandlung, der Verlauf der Behandlung und die Prognose sind Faktoren, die bei Männern und Frauen signifikant auseinander klaffen – und dies bei einer großen Anzahl von individuellen Pathologien.

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Jedes Geschlecht reagiert auf ähnliche Gebrechen auf gänzlich unterschiedliche Art. Diese Unterschiede haben ihren Ursprung in der Kombination biologischer, kultureller und gesellschaftlicher Faktoren.

Die Zellen reagieren anders

Genderunterschiede betreffen nicht nur die sexuellen und reproduktiven Systeme, sondern auch das Herz, die Blutzirkulation, den Knochenmetabolismus und das Immunsystem. Autoimmune Krankheiten betreffen zum Beispiel Frauen mehr als Männer, und Erkrankungen der Herzkranzgefäße erleiden erstens öfter Frauen nach der Menopause und zweitens zeigen sie unterschiedliche Symptome, abhängig vom Geschlecht.

Ungleich sind die Geschlechter auch in den Zellen: Zellen von Frauen reagieren anders auf Stress, zum Beispiel durch Drogen induziert, als die Zellen von Männern. Männer und Frauen reagieren nicht nur unterschiedlich auf Drogen, sondern auch auf natürliche Substanzen, die sie mit der Nahrung aufnehmen.

Das Geschlecht hat Einfluss auf das Immunsystem. (Bild: ag visuell/fotolia.com)

Die Geschichte der Gendermedizin

Gendermedizin ist ein neues Feld mit dem Ziel, die Effekte von Gender auf die menschliche Physiologie und Gesundheit zu studieren. Noch in den 1980ern waren alle Gesundheitsstudien, insofern sie keine reinen Frauen- oder Männerkrankheiten wie Gebärmuttererkrankungen oder Hodenkrebs betrafen, auf Männer ausgerichtet. Den ersten Bericht über Frauengesundheit publizierte das National Institute of Health (NIH) in den USA 1985.

Mitte der 1980er Jahre wandten sich viele Historiker, Philosophinnen und Soziologinnen in den USA gegen die damals vorausgesetzte Neutralität der Naturwissenschaften bzw. Naturwissenschaftler. In der gleichen Zeit entstand ein neuer medizinischer Forschungsansatz, der die Risiken für die Gesundheit mit Gender in Verbindung brachte. Zuvor hatte das Paradigma “weiß, männlich, jung” für Standarddiagnosen und Behandlungen von diversen Krankheiten gegolten.

Gender beeinflusst auch die sozialen, kulturellen und ökonomischen Rollen. Und die tradierten Therapien gingen davon aus, dass Männer und Frauen im medizinischen Bereich gleich seien, obwohl sie sozial, kulturell und ökonomisch unterschiedlichen Belastungen ausgesetzt sind.

Erst in den späten 1990ern wurden die Nachteile für Frauen medizinisch erkannt wie erklärt – strukturell, sozial und institutionell. Dann entwickelten die World Health Organization und die United Nations Programme, die auf Gender Medizin basierten. Diese Perspektive wurde sogar ein integraler Part des UN-Systems und etablierte sich weltweit: Bei Regierungen ebenso wie bei Nichtregierungsorganisationen (NGOs).

1991 setzte sich das New England Journal of Medicine erstmals mit der “Frauenfrage” in der Medizin auseinander. Bernadine Healy, eine Krebsärztin und Direktorin des National Institutes of Public Health, publizierte einen Bericht über das Yentl Syndrom. Zwei separate Studien fanden statt mit Vergleichen von Männern und Frauen mit der koronaren Arterienkrankheit. Es zeigte sich, dass Ärzte mit ihren Einstellungen und ihrem Verhalten Frauen diskriminierten. Verglichen mit den Männern mussten sich die Frauen signifikant mehr falschen Diagnosen und ineffektiven Operationen unterziehen.

Gendermedizin an der Universität

Obwohl das Genderproblem jetzt in die Diskussion kam, dauerte es nahezu 10 Jahre, bevor daraus praktische Konsequenzen in die ärztliche Ausbildung kamen. Der erste Kurs über Gendermedizin fand sogar erst 2002 in der Columbia University statt, und zwar unter dem Titel ““A new approach to health care with insights on the biological differences between women and men“.

Um die Ziele der Gendergleichheit zu erreichen und in allen Bereichen des Lebens eine Balance zwischen Männern und Frauen herzustellen, suchte der Council of Europe nach neuen Strategien und Methoden, um Arbeitsstandards nach Genderaspekten zu definieren und zu entwickeln. Gendergerechtigkeit wurde mit allgemeinen Prinzipen und Standards entwickelt, um die volle Teilhabe von Männern und Frauen in der Gesellschaft zu gewährleisten. Gender Mainstreaming, eine neue Perspektive auf Gendergerechtigkeit, entwickelte sich seit 1998 auf allen Ebenen.

Warum wirkt Medizin anders auf Männer und Frauen?

1. Physische Größe und Anatomie

Frauen sind häufig kleiner als Männer, bekommen aber die gleiche Dosis an Medikamenten. Damit haben sie eine höhere Konzentration der Mittel in ihrem Körper, was unterschiedliche Reaktionen auf spezifische Substanzen erklären könnte. Anatomische Differenzen zwischen den Geschlechtern können außerdem zu einer höheren Sensitivität bei Frauen auf bestimmte Medikamente führen.

Frauen sind meist kleiner und leichter als Männer, erhalten aber die gleichen Medikamente. Dementsprechend sind sie oft überdosiert, was zu gefährlichen Nebenwirkungen führen kann. (Bild: Alfonsodetomas/fotolia.com)

2. Unterschiede in den Körperprozessen

Die Nieren spielen eine wichtige Rolle, um Gifte zu neutralisieren und überschüssige Medikamente aus dem Körper zu transportieren. Bei älteren Frauen lässt die Leistung der Nieren nach, Studien zufolge in höherem Ausmaß als bei Männern.
Deshalb sind manche Frauen höheren Konzentrationen der aktiven Substanzen einer Medikation ausgesetzt. Außerdem verhalten sich spezielle Enzyme in Magen und Leber aus dem System P450 bei Männern und Frauen unterschiedlich. Gerade diese helfen aber, einen Überschuss auf Medizin aus dem Körper zu entfernen.

3. Differenzen im Spiegel der Magensäure

Das Verdauungssystem von Männern und Frauen arbeitet unterschiedlich, und deshalb wirkt Medizin, die Männer und Frauen oral einnehmen, bei den Geschlechtern unterschiedlich. Bei Frauen ist der Spiegel der Magensäure niedriger als bei Männern, und deshalb leert der Magen sich langsamer. Das führt dazu, dass der Magen von Frauen die aktiven Substanzen länger aufnimmt, sich ihre Gesamtdosis also vergrößert.

4. Körperliche Unterschiede

Traditionell galt die Wirkung von Medikamenten als gleich bei Frauen und Männern, wobei Männer in der Regel die Probanden bei Studie stellten. Neue Studien weisen darauf hin, dass Frauen nicht genauso auf bestimmte Substanzen reagieren wie Männer. Verantwortlich dafür sind mit hoher Wahrscheinlichkeit körperliche Unterschiede, die unmittelbar mit der Aufnahme und dem Verarbeiten dieser Stoffe zusammenhängen.

So haben Frauen einen höheren Anteil an Körperfett als Männer, einen Menstruationszyklus und hormonelle Schwankungen. Die Menopause und Hormonbehandlungen im späteren Lebensalter wirken sich zudem auf die Reaktionen auf Medikamente aus.

Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind also ausdrücklich nicht auf die reproduktiven Organe beschränkt, sondern beide Geschlechter reagieren unterschiedlich auf bestimmte Medikationen, sind unterschiedlich anfällig für bestimmte Krankheiten, die sich außerdem unterschiedlich auswirken.

Die folgenden Beispiele zeigen einige Formen, wie Krankheiten und Medikamente Männer und Frauen unterschiedlich betreffen.

Unterschiede zwischen Mann und Frau bei Herzerkrankungen

Die meisten Einschätzungen über Herzkrankheiten bei Frauen kamen in der Vergangenheit von Studien an Männern. Dabei sind die Symptome bei Frauen anders, und für sie ist die Gefahr größer, in einem Jahr nach einem Herzinfarkt zu sterben. Frauen sprechen auch schlechter auf Verfahren an, um mit dem Herzen verbundene medizinische Probleme zu lösen und reagieren schwächer auf Blutverdünner.

Die Symptome bei Frauen sind subtiler und lassen sich deshalb schlechter erkennen. Dazu zählen Unwohlsein im Magen, Nacken, im Kiefer oder dem Rücken und Kurzatmigkeit – allesamt unspezifische Symptome, die auf verschiedene Erkrankungen hindeuten können. Deshalb vermuten Frauen oft nicht, dass es sich bei ihren Wahrnehmungen um einen Herzinfarkt handeln könnte. Sie schieben die Warnsignale beiseite, weil sie eine andere Ursache der Symptome annehmen.

Zusätzlich stellt die Frauenmedizin oft eine Fehldiagnose der Symptome, und am Ende erkennen die Betroffenen ihre Herzerkrankung, wenn es zu spät ist. Männer, auf der anderen Seite, profitieren von gründlicheren Diagnosen und einer aggressiveren Behandlung.

Es handelt sich nicht um einen Nebenschauplatz: In den USA sterben jährlich 500.000 Frauen an Herzerkrankungen, das sind 50.000 mehr als Männer. Verglichen mit Männern haben sie eine höheres Risiko, im Jahr nach dem Infarkt einen zweiten zu erleiden.

Auch die Risikofaktoren unterscheiden sich. Männer sind generell ab einem Alter von 55 zunehmend gefährdet. Bei Frauen besteht ein erhöhtes Risiko während der Menopause, wenn sich ihr Hormonhaushalt ändert.

Bei einem Herzinfarkt treten bei Frauen meist andere Symptome als bei Männer auf. Neben dem typischen Brustschmerz sind dies z.B. Rückenschmerzen und Kurzatmigkeit. (Bild: Adiano/fotolia.com)

Depression

Depressionen treffen Frauen zwei bis drei mal häufiger als Männer. Das liegt zum Teil daran, dass das weibliche Gehirn weniger vom Neurotransmitter Serotonin produziert, der die Emotionen reguliert.

Die Unterschiede bei den Geschlechtern in Ursachen und Verlauf einer Depression bedarf unterschiedlicher Therapien. So erkranken doppelt so viele Mädchen als Teenager, doch sind die heranwachsenden Männer gefährdeter, dass die Depression sich verfestigt, während die Erkrankung bei Mädchen eher episodenhaft auftritt.

Während doppelt so viele weibliche Teenager an Depressionen leiden, ist das Risiko in Folge dessen eine Substanz- bzw. Drogenabhängigkeit zu entwickeln, weit größer – ebenso die Gefahr der Selbsttötung.

Studien zeigen, dass eine depressive Erkrankung unterschiedlich auf das Gehirn von Jungen und Mädchen wirkt, beide Geschlechter die Erkrankung dabei unterschiedlich erleben und folglich eine unterschiedliche Therapie benötigen.

Depression und Rollenbild

Auch auf den Verlauf von psychischen Krankheiten, die wiederum auch organische Ursachen haben, wirken sich soziale Rollen aus. Ein Beispiel ist die Depression: Männer in tradierten Rollen trauen sich häufig nicht, über ihre Krankheit zu sprechen, da diese nicht dem Bild eines “starken Mannes” entspricht; Frauen in traditionellen Frauenrollen entwickeln Schuldgefühle, weil sie ihren “Mutterpflichten” und ihren sonstigen zugesprochenen Arbeiten im Reproduktionsbereich nicht mehr nachkommen können.

Psychosoziales und Biologie

Depression, Ängstlichkeit, negativer Stress, sexuelle Gewalt, häusliche Gewalt und eskalierende Raten von Substanzmissbrauch betreffen Frauen in höherem Ausmaß als Männer – in unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen sozialen Milieus.

Hier zeigt sich die komplexe Aufgabe von Gendermedizin: Biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen verknüpfen sich mit sozialen Rollen, die Gesellschaften Männern und Frauen zuschreiben.

Auch Druck durch die multiplen Rollen, Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und damit verbundene Faktoren wie Armut, Hunger, Mangelernährung, Überarbeitung, häusliche Gewalt und sexueller Missbrauch wirken sich negativ auf die Gesundheit von Frauen auf. Je mehr dieser sozialen Faktoren auftreten, desto häufiger und schwerer sind die Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit bei Frauen, von psychischen Störungen bis zu psychosomatischen Erkrankungen.

Kulturelle Diskriminierung biologischer Eigenarten

Ein Beispiel für diese spezifischen Belastungen von Frauen sind religiös wie kulturell bestimmte Diskriminierungen von Frauen während ihrer Menstruation. Viele Frauen leiden vor und während ihrer Menstruation an Beschwerden wie Schmerzen im Unterleib, Eisenmangel wegen starken Blutungen oder Unwohlsein wegen dem Schwanken des Hormonspiegels.

In Ländern wie Indien oder Nepal gilt die Regelblutung als unrein, und die Frauen müssen sich während dieser Zeit isolieren. In ländlichen Gebieten bedeutet das oft, dass sie in unbeheizte Ställe oder andere unhygienische Gebäude ziehen müssen. Das verschlimmert die Beschwerden.

Was ist körperlich, was psychisch?

Eine typische Verflechtung von Psyche und Körper zeigt auch die im Zeitalter Freuds vielfach diskutierte “Hysterie” bei Frauen. Diese psychische Symptomatik zeichnete ein irrationales Verhalten aus, in dem die davon Betroffenen keine Selbstkontrolle über ihre Handlungen mehr hatten. Auch wenn sich hier möglicherweise Hormonspiegel im Körper veränderten, befand sich die damalige These, dass Frauen von “Natur aus” zu Gefühlsausbrüchen neigen, auf einem Irrweg.

Die damaligen Patientinnen waren vor allem Frauen aus dem Bürgertum – in ein Korsett aus Zwängen eingesperrt, wie sich eine “richtige Frau” zu verhalten hätte. Die Betroffenen hatten sich in einer patriarchalischen Gesellschaft dem Mann unterzuordnen. Vermeintlich irrationales Verhalten ließ sich nicht kontrollieren und bot so eine unbewusste Möglichkeit, zeitweise aus diesem Gefängnis auszubrechen.

Die Herausforderung für Gendermedizin liegt darin, das Wechselspiel biologischer und sozialer Faktoren in Diagnose und Therapie einzubeziehen und zu kurz gegriffene rein biologische oder rein psychosoziale Schlussfolgerungen zu vermeiden.

Reaktionen auf Substanzen

Frauen und Männer unterscheiden sich in ihren Reaktionen auf Medikamente. Diese Differenzen können sich bei einer Behandlung kritisch auswirken, deswegen müssen sie angepasst werden, um effektive Therapien zu gewährleisten.

Die Mehrheit der Alzheimer-Patienten ist weiblich. (Bild: Photographee.eu/fotolia.com)

Frauen erkranken öfter an Alzheimer als Männer

Zwei Drittel aller Menschen, die an Alzheimer erkranken, sind Frauen. Außerdem sind Frauen meist diejenigen, die privat Alzheimerpatienten pflegen. Sie tragen also sowohl das Risiko, zu erkranken, wie die Bürde, sich um die Kranken zu kümmern.

Ohne dies durch Studien zu untermauern, galt bis vor kurzem die “Weisheit”, dass Frauen deshalb häufiger an Alzheimer erkranken, weil sie länger leben. Neue Studien verweisen hingegen darauf, dass der Hormonwechsel in der Menopause und andere geschlechtliche Unterschiede potenzielle Erklärungen bieten.

Lungenkrebs

Mehr Frauen sterben jedes Jahr an Lungenkrebs als an Brust-, Eierstock- oder Gebärmutterkrebs, die reine Frauenkrankheiten sind. Die Hauptursache für Lungenkrebs ist unbestritten Rauchen. Doch es sterben drei mal mehr Frauen an Lungenkrebs, die niemals rauchten, als Männer.

Forschungen gingen bisher kaum darauf ein, welche Rolle genderspezfische Faktoren wie Hormone beim Ausbruch von Lungenkrebs spielen. Das macht es schwierig, Unterschiede im Entstehen, dem Risiko und der Überlebenschance von Frauen und Männern zu erkennen, und diese Studien zu verifizieren.

Sexuell übertragbare Krankheiten

Die Anatomie von Frauen setzt sie sexuell übertragenen Krankheiten in höherem Maß aus als Männer. Im Unterschied zur relativ dicken Haut des Penis ist die Vagina einer Frau von einer dünnen Membran bedeckt, die es Viren und Bakterien erleichtert, einzudringen. Die Vagina ist außerdem warm und feucht und bietet so die Umgebung, in der Bakterien gedeihen.

Zudem zeigen sich bei einigen der häufigsten Geschlechtskrankheiten die Symptome viel direkter bei Männern als bei Frauen, zum Beispiel bei Pilzinfektionen oder Chlamydien.

Autoimmkrankheiten

Autoimmkrankheiten sind ein Sammelbegriff für Erkrankungen, bei denen das Immunsystem auf die eigene Abwehr bei Beschädigungen oder Dysfunktionen von Gewebe reagiert. Sie können systemisch sein oder nur einzelne Organe betreffen. Drei von vier Menschen mit solchen Erkrankungen sind Frauen. Sie leiden zum Beispiel an multipler Sklerose oder rheumatoider Arthritis.

Die Ursachen, warum solche Erkrankungen besonders Frauen betreffen, sind unbekannt, bekannt ist jedoch, dass sie mit vorhergehenden Infektionen zusammen hängen. Solche Erkrankungen sind in den Top Ten der Todesursachen von Frauen über 65 in den USA.

Da diese Krankheiten erstens oft beginnen, wenn junge Frauen “auf der Höhe ihrer Kräfte” sind und sich außerdem in unspezifischen Symptomen zeigen, bleiben sie anfangs oft unerkannt: Multiple Sklerose zum Beispiel kann sich über Jahrzehnte hinziehen. Da Frauen stark betroffen sind, ist hier Forschung der Gendermedizin dringend vonnöten.

Schmerzen

Frauen leiden stärker unter Schmerzen als Männer. So sind mehr als 70 % der Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden, Frauen. Das Muskel-Skelett-system von Frauen reagiert anderes als das von Männern. Es gibt zwar keine generellen Unterschiede in der Häufigkeit von Muskelschmerzen bei Männern und Frauen, aber Frauen reagieren anders auf Rehabilitationsprogramme.

Hormonschwankungen können bei Frauen eine Migräne auslösen. (Bild: blackday/fotolia.com)

Sind es die Hormone?

Hormone erklären einige dieser Gender-Differenzen. So kann das monatliche Auf und Ab der weiblichen Hormone wie Östrogen eine Migräne auslösen, eine Erkrankung, die bei Frauen dreimal so häufig auftritt wie bei Männern und Frauen besonders während der Periode trifft, wenn der Östrogenlevel niedrig ist.

Studien lassen den Schluss zu, dass Schwankungen des Östrogens sogar mit der Fähigkeit des Körpers zusammen hängen, Schmerzen zu kontrollieren. Während der Periode produzieren Frauen nur geringe Menge an Endorphinen, und das sind die natürlichen Schmerzmittel des Körpers.

Das Gehirn

Das Gehirn spielt eine wesentliche Rolle bei den medizinischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern, aber nicht insofern, dass Frauen dümmer sind als Männer oder umgekehrt. Männer und Frauen nutzen vielmehr jeweils verschiedene Bereiche des Gehirns, um auf Schmerzen zu antworten.

Frauen aktivieren ihr limbisches System, das Emotionszentrum des Gehirns, Männer hingegen den Part, in dem sich die analytischen Fähigkeiten bilden. Forscher spekulieren, dass sich hier alte Geschlechterrollen spiegeln, die wiederum in der biologischen Evolution entstanden.

So mussten Frauen in schmerzhaften Situationen ihre Kinder beschützen, eine extrem emotionale Aufgabe. Verletzte Männer hingegen waren eher damit beschäftigt, die Ursache des Schmerzes zu beseitigen – zum Beispiel ein Raubtier. Dafür wären Emotionen aber schädlich gewesen.

Bei Erkrankungen führt das dazu, dass Frauen häufiger als Männer Angststörungen oder Depressionen entwickeln, während sie unter Schmerzen leiden. Angst und Depression steigern dabei die Gefühle des Schmerzes.

Fett und Östrogen

Vieles ist unerforscht, doch erst der Fokus auf Gender bringt die Fragen auf den Tisch. So steigt das Risiko von Frauen, Diabetes zu entwickeln, mit ihrer Fettleibigkeit an, und die Folgeerkrankungen treffen sie stärker als magere Frauen. Traditionell ließ sich das einfach damit erklären, dass dicke Menschen generell schneller an Diabetes erkranken. Prof. Dr. med Suzanna Hofmann gibt jedoch zu bedenken: Auch Östrogen könnte eine Rolle spielen.

Herzerkrankungen

Bei einer Herzschwäche wirken diverse Medikamente bei Männern und Frauen unterschiedlich: Digitalis, Antiarrhythmika, Antikoagulantien, Betablocker.

Entscheidend ist dies bei Digitalis, denn es wirkt bei Überdosierung tödlich: Proportional sterben mehr Frauen, deren Herzinsuffizienz mit Digitalis behandelt wird, als Männer. Die Ursachen sind noch unbekannt, als “Verdächtige” kommen jedoch ein höherer Blutspiegel bei Frauen in Frage, ebenso die niedrige Nierenfunktion älterer Frauen. Außerdem beeinflussen das weibliche Östrogen und das männliche Testosteron die Ionenkanäle am Herz.

Weiblich zu sein ist also ausdrücklich ein Risikofaktor bei der Einnahme von Antiarrhythmika, Antidepressiva und Antiallergika.

Der weibliche Körper enthält weniger Wasser als der männliche, daher reagieren Frauen empfindlicher auf Alkohol. (Bild: karelnoppe/fotolia.com)

Alkohol

Männer und Frauen mit gleichem Gewicht und gleicher Größe erfahren den Effekt von Alkohol im Körper unterschiedlich. Frauen sind verletzlicher durch die Konsequenzen des Alkoholge- wie Missbrauchs.

Der Alkohol konzentriert sich stärker in ihrem Blut; sie werden schneller betrunken und erleiden bei geringeren Dosen eine Alkoholvergiftung, die ebenfalls bei weniger Alkohol als bei Männern tödlich verläuft.

Ein Grund dafür liegt darin, dass Frauen weniger Körperflüssigkeit als Männer mit gleichem Gewicht haben und deshalb höhere Konzentrationen von Alkohol im Blut bei einer geringeren Menge an Alkohol erreichen als Männer. Das proportionale Verhältnis von Alkohol zur Körperflüssigkeit verschiebt sich.

Langfristig sind Frauenkörper stärker gefährdet, Schäden durch kontinuierlichen Alkoholkonsum davon zu tragen. Viel trinkende Frauen setzen sich einem hohen Risiko bei folgenden Erkrankungen aus: Bluthochdruck, Lebererkrankungen und Schäden an der Bauchspeicheldrüse. Proportional sterben mehr Frauen an Leberzirrhose als Männer.

Risiken bei Männern

Gendermedizin hilft mitnichten nur Frauen, sondern auch Männern, die auf bestimmte Behandlungen schlechter ansprechen als Frauen. So erläutert Prof. Dr. med Margarethe Hochleitner von der Medizinischen Universität Innsbruck: “Wenn eine Frau und ein Mann die gleiche Krebserkrankung bekommen – gleiches Alter, gleicher Gesundheitszustand – dann hat der Mann das wesentlich höhere Risiko, daran zu sterben. Und wenn beide sterben, stirbt der Mann schneller. Also ein Mann ist in jedem Fall benachteiligt. Die Chemotherapien wirken besser bei Frauen. Und da ist die große spannende Frage: Warum ist das so?“ (Somayeh Ranjbar, übersetzt und ergänzt von Dr. Utz Anhalt)

Referenzen
http://www.istud.it/up_media/pwscienziati13/gender_medicine.pdf
http://www.ba-bamail.com/content.aspx?emailid=21890
http://www.brighamandwomens.org/Departments_and_Services/womenshealth/ConnorsCenter/Policy/ConnorsReportFINAL.pdf
https://www.aarda.org/autoimmune-information/autoimmune-disease-in-women/
https://consumer.healthday.com/encyclopedia/pain-management-30/pain-health-news-520/pain-another-gender-gap-646166.html
https://pubs.niaaa.nih.gov/publications/aa46.htm