Hypochondrie – Ursachen und Symptome

Die eingebildete Krankheit: Hypochondrie ist selbst eine Erkrankung. Bild: lenets_tan - fotolia
Dr. Utz Anhalt
Hypochondrie – Die Krankheit, sich krank zu fühlen
Hypochonder glauben ständig krank zu sein, und meist können die Ärzte keine Erkrankung nachweisen. Hypochondrie ist eine Reaktion auf diverse Beschwerden und ein weit verbreitetes Symptom bei emotionalem Stress.

Hypochonder sind keine Simulanten, die bewusst eine Krankheit vortäuschen. Sie sind auch nicht psychosomatisch erkrankt, bei ihnen drückt sich also nicht seelischer Druck körperlich aus. Die Betroffenen beschäftigen sich vielmehr so intensiv mit seelischen oder körperlichen Krankheiten, dass sie damit das eigene Leben einschränken.

Die eingebildete Krankheit: Hypochondrie ist selbst eine Erkrankung. Bild: lenets_tan - fotolia
Die eingebildete Krankheit: Hypochondrie ist selbst eine Erkrankung. Bild: lenets_tan – fotolia

Sie kreisen ihr Leben lang auf Gesundheit und Krankheit, ohne dabei aber zu Dauerpatienten in der Psychiatrie zu werden. Die meisten Hypochonder können nämlich im kapitalistischen Alltag funktionieren, was einen Schlüssel zu ihrer Störung gibt.

Alle Menschen erschrecken sich bisweilen, wenn sie an Krankheiten denken, die sie treffen könnten. Wir denken beim Rauchen an Lungenkrebs oder träumen, einen Herzinfarkt zu erleiden. Oft entstehen solche Ängste durch plötzlich auftretende Schmerzen. Einer Frau tut die Brust weh, und es durchzuckt sie: „Brustkrebs“.

Bei den meisten Menschen vergehen diese Ängste, Hypochonder jedoch fürchten sich permanent vor möglichen Krankheiten.

Berühmte Hypochonder

Künstler und Ärzte, Generäle und Schauspieler litten an eingebildeten Krankheiten. Unter den Wissenschaftlern wurde vor allem Charles Darwin als Hypochonder berühmt. Seit der ersten Schwangerschaft seiner Frau Emma war der Entdecker der Evolution in der Natur ständig krank.

Ein Grund für dieses „krank sein“ liegt wahrscheinlich in seinem Widerspruch zwischen Charakter und Entdeckung. Die Evolutionslehre stellte das damalige christliche Weltbild auf den Kopf – eine Revolution des Geistes. Doch der konfliktscheue Gelehrte war alles andere als ein Revolutionär und fürchtete sich davor, Kollegen, die er schätzte, mit seiner Theorie zu brüskieren. Darum schob er die Veröffentlichung der natürlichen Selektion lange hinaus.

Seine Kinder wurden ebenfalls Hypochonder aus Gewohnheit. Emma Darwin war die „Krankenschwester“ der Familie und kümmerte sich unentwegt um ihre Schützlinge. Eine Enkelin schrieb: „Alle anderen (Kinder) bedienten sich schlechter Gesundheit als akzeptierter Methode, sich der lebendigen Zuwendung der Mutter (später der Ehefrauen – und männer) zu versichern.“

Die Enkelin führt ein wenig spöttisch aus: „Henrietta verbrachte ihr ganzes Leben in Abwehr einer Krankheit, die sich offensichtlich niemals einstellte, George funktionierte unter der ständigen Belastung „angegriffener Gesundheit“, Francis war eindeutig depressiv, Leonard ließ sich aufgrund undiagnostizierter Gesundheitsprobleme mit fündfundvierzig pensionieren und starb erst mit dreiundneunzig.“

Erklärungen für Hypochondrie

Die einfachste Erklärung lautet, dass Hypochonder soziale Belastungen in Bilder von Krankheiten umsetzen: Aus der entfremdeten Fabrikarbeit wird ein wuchernder Tumor.

Ganz so einfach ist es denn doch nicht. Unter Hypochondrie leiden höchst unterschiedliche Menschen mit diversen Beweggründen. Hypochondrie ist nicht nur eine Frage der Medizin, sondern auch der Psychologie, Soziologie, Philosophie, Literatur- und Geschichtswissenschaft.

Die Sorge um die Gesundheit ist eine unbewusste Strategie, um Stress zu vermeiden.

Ein Forschungsansatz betrachtet das „Sich krank fühlen“ als frühkindliche Störung. Demnach wird ein Kind zum Hypochonder, weil es die Konflikte zwischen seinen Bedürfnissen, den Wünschen der Eltern und den Zwängen der Gesellschaft nicht integrieren kann.

Hypochonder sollen an einem Übermutter-Komplex leiden. Überbehütende Mütter sorgen demzufolge dafür, dass ein kleines Kind nicht lernt, sich von anderen abzugrenzen. Der Hypochonder wächst deshalb mit dem Gefühl auf, allein nicht überleben zu können.

Er fühlt sich abhängig von einer Elternfigur und zugleich existentiell unsicher. Das Kind glaubt, nicht unabhängig sein zu können.

Das Kreisen um die eigenen Krankheiten drückt die Hilflosigkeit aus, sich als jemand zu fühlen, um den sich andere kümmern müssen. Dies ist, wohl gemerkt, dem Hypochonder nicht bewusst.

Das abhängige innere Kind im Körper eines Erwachsenen meint, keine eigenen Entscheidungen treffen zu können, und wenn diese anstehen, fühlt es sich krank. Krank sein bedeutet, dass sich andere kümmern.

Krank sein entschuldigt die Hilflosigkeit und zugleich bestraft es den Versorger dafür, dem Kind die Mündigkeit zu nehmen.

Der Hypochonder projiziert ähnlich wie Menschen mit Angststörungen. Er leidet unter Gefühlen der Abhängigkeit, Wut und Schuld und konzentriert sich auf seinen Körper. Damit verleugnet er sein psychisches Defizit an Selbstachtung.

Er rationalisiert seine mangelnde Unabhängigkeit. Schuld ist die Krankheit, ohne die wäre er autonom.

Die Biochemie

Manche Mediziner vermuten auch eine neuronale Ursache für Hypochondrie. Hypochonder, die zugleich unter Manien und Psychosen leiden, sind möglicherweise hypersensibel, das heißt, sie werden von Reizen überflutet, und ihr Nervensystem nimmt Stressreize intensiver wahr als „Normale“.

Die Soziologie

Soziologen gehen davon aus, dass Hypochonder durch die sozialen Verhältnisse übermäßig belastet werden. Sie scheitern also daran, sich an eine Gesellschaft anzupassen, die ihnen psychische Stabilität, entwickelte Identitäten und Liebe verweigert.

Sie sind also nicht im klinischen Sinne krank, können aber nicht gesund werden, in dem Sinn, ihre soziopsychische Balance zu finden.

In einer Ellenbogengesellschaft, in der Menschen mit psychischen Problemen als „Weicheier“ gelten, flüchten sie sich in körperliche Beschwerden.

Viele psychische Störungen sind auch Produkte ihrer Gesellschaft. Ob Hypochonder krank sind, kommt darauf an, wie eine Gesellschaft krank definiert, und im Kapitalismus bedeutet Krankheit tolerierte Nutzlosigkeit.

Wenn sich andere um den Kranken kümmern, gilt er, im Unterschied zu „gesunden“ Erwerbslosen, als respektiert – mit Vorbehalt allerdings.

Mündigkeit bedeutet in der Leistungsgesellschaft, geistig und körperlich auf der Höhe zu sein. Der Kranke wird zwar nicht verachtet, er ist aber auch nicht voll anerkannt.

Krankheit erscheint so, vorübergehend, als Auszeit, in der es erlaubt ist, sich dem Arbeitszwang zu entziehen. Der Kranke steigert jedoch nicht seinen Erfolg.

Der Hypochonder passt sich insofern an die Gesellschaft an, dass er einen anerkannten Grund hat, sich nicht restlos zu verwerten. Er bricht nur insofern die Regeln des Systems, dass der Sinn der Ruhepause im Kapitalismus darin besteht, danach wieder mit voller Kraft an die Arbeit zu gehen.

Beim Hypochonder kommen aber „Anzeichen der Krankheit“ immer wieder. Damit entgeht er zwar knapp dem Vorwurf, ein Faulpelz zu sein, zieht aber doch das Misstrauen der „Schaffenden“ auf sich. Möglicherweise handelt es sich bei Hypochondern also um versteckte Rebellen, die die eigene Integrität bewahren.

Wer aggressiv gegen belastende Verhältnisse angeht, verschleißt seine Kräfte und macht sich selbst angreifbar. Wer hingegen krank ist, bleibt „in der Reserve“, er übt sich in Eskapismus und zieht sich zurück.

Wer leidet, hat verschiedene Formen, sich auszudrücken. Er kann sich mit Drogen betäuben oder in Wut ausbrechen. Wer jedoch krank ist, leidet, ohne den Konflikt offen auszutragen.

Er bewahrt zudem äußerlich seine Selbstachtung. Unter neoliberalen „Winnern“, die weder Schwäche noch Zweifel eingestehen, sagt sich leichter „ich fühle mich (körperlich) unwohl“ als: „Ich habe Angst.“ Die Krankheit sagt indirekt: „Ich bin unglücklich.“

Die Botschaft ist eindeutig, ohne jedoch den Betroffenen darauf festnageln zu können. Zwar weiß jeder im engsten Umfeld, was gemeint ist, nämlich „kümmer dich um mich“, wenn die Angehörigen aber sagten „kümmer dich um dich selbst“, wäre das mit dem schlechten Gewissen verbunden, einen Kranken im Stich zu lassen.

Vermutlich fördert die versteckte Manipulation in westlichen Gesellschaften die Hypochondrie. Autoritäre Regime mit offenem Arbeitszwang hingegen lösen demnach eher Simulation aus, in der Menschen „krank spielen“, aber wissen, dass sie gesund sind.

Im liberalen Kapitalismus läuft das Spiel: „Wir wollen nur dein Bestes, wenn du zur Arbeit gehst.“ Die Gegenmanipulation lautet: „Ich will ja zur Arbeit, aber leider bin ich krank.“

Die Zwischenwelt

Den Hypochonder als Simulanten zu begreifen, ist trotzdem falsch. Um aufrichtig die Wahrheit zu sagen, bedarf es innerer Stärke, die auch die meisten Menschen, die keine Hypochonder sind, nicht haben.

Wenn Hypochondrie gerade aus der Abhängigkeit eines Kindes im Konflikt mit der Gesellschaft entsteht, ist ihm diese direkte Kommunikation unmöglich. Er hat ja gerade keine klare Position eingenommen, die er vertreten könnte, sondern fühlt sich in einem Zwischenzustand.

Ein Kind, das sich nicht in die Schule traut, weil ihm ältere Jungs das Taschengeld klauen, sagt vermutlich zu seiner Mutter „ich habe Bauchschmerzen“. Das ist nicht nur Scham, meist fehlt die Klarheit, dass die Bauchschmerzen daher kommen, dass die großen Jungs lauern.

Wer als Hypochonder dieses Unwohlsein zur Lebensstruktur ausbaut, weiß nicht (mehr) bewusst, was er will und was er ablehnt. Dann könnte er nämlich sagen: „Mein Problem sind keine eingebildeten Krankheiten meines Körpers, sondern meine gefühlte Abhängigkeit, dass ich so nicht leben will, dass ich diese Arbeit nicht aushalte.“ Wenn er dies so klar ausdrücken könnte, wäre er kein Hypochonder mehr.

Die meisten Menschen üben sich bisweilen in ähnlichen Strategien. Wenn wir zu einer Party eingeladen sind, aber zum Gastgeber nicht mehr den engsten Kontakt haben, fällt es uns leichter zu sagen „ich habe Kopfschmerzen“, als zu sagen „ich habe keine Lust, dich zu treffen“. Umso besser, wenn wir tatsächlich Beschwerden haben, die der Absage einen wahren Kern geben.

Wenn aber unsere Lieblingsband spielt, wären die Kopfschmerzen Nebensache, und selbst bei einer ausgewachsenen Erkältung würden wir uns eher Tag und Nacht mit Minzöl einreiben, als das Konzert zu verpassen. Zwischen Lüge und Wahrheit gibt es also ein großes Spektrum, und in dieser Zwischenwelt richtet sich der Hypochonder unbewusst ein.

Mangelnde persönliche Reife und die Unfähigkeit, Probleme zu artikulieren, bieten Krankheiten als Perspektive an, sich auszudrücken. Je unsicherer ein Mensch ist, umso mehr versucht er, sich durch Körpersprache auszudrücken. Er drückt seine Bedürfnisse indirekt aus, ohne Gefahr zu laufen, direkt abgewiesen zu werden.

Die Kopfschmerzen können bedeuten „ich gehe da heute nicht mit dir hin“, die Schlafanfälle „du gehst mir auf die Nerven“, die Übelkeit „wenn du da bist, fühle ich mich zum…“. Der „Kranke“ übernimmt aber nur die Verantwortung für den Teil „ich fühle mich schlecht“.

Hypochonder können auch entstehen, wenn die Eltern die Hinweise des kleinen Kindes nicht richtig verstehen. Wenn ein Kind zum Beispiel sagt „ich bin einsam“, und die Mutter sagt „das geht vielen so, stell dich nicht so an“, dann ist Bettnässen oder nächtliches „krank sein“ vielleicht die letzte Möglichkeit, das Bedürfnis zu artikulieren. Wenn das Kind damit aufwächst, mit seinen klar ausgedrückten Bedürfnissen nicht ernst genommen zu werden, speichert es dieses „krank sein“, um sich mitzuteilen, vielleicht als unbewusste Strategie ab, und aus dem einsamen Kind wird ein Hypochonder.

Hypochondrie bei Kindern

Kinder leiden häufig unter Hypochondrie, bzw. setzen unbewusst Krankheit ein, um sich zu verständigen. Unerklärliche Bauchschmerzen sind am verbreitetsten, dann folgen Kopfweh und Schmerzen in der Brust.

Kleine Kinder äußern sich vor allem in diffusen Ängsten und groben Versuchen, die Eltern zu manipulieren; ältere Kinder und Teenager klagen zum Beispiel über Schmerzen im Unterleib oder chronischen Husten. Jungen äußern ihre Probleme insbesondere in „Unfällen“ oder in delinquentem Verhalten.

Die Grenze zu ziehen, ob sich ein 13jähriger vor der Mathearbeit bewusst mit dem Rad hingelegt und dabei den Knöchel verstaucht hat oder „wirklich“ einen Unfall hatte, lässt sich schwer ziehen, da auch den Teenagern selbst meist unklar ist, wo diese Grenze verläuft.

Zwischen 16 und 19 Jahren verbinden sich plötzlich auftretende Erkrankungen mit Panikattacken.

Kinder zeigen zum einen akute Hypochondrie als Reaktion auf Krisen, zum Beispiel, wenn die Großmutter stirbt, zum anderen entwickeln sie chronische Hypochondrie.

Dazu gibt es stellvertretende Hypochonder, also Kinder, bei denen ein Elternteil an Hypochondrie leidet und glaubt, das Kind leide an einer schweren Krankheit. Die Ursache für diese Projektion kann sein, einen Vorwand zu finden, selbst Hilfe einzufordern.

Manche Kinder von Hypochondern werden auch deswegen selbst Hypochonder, weil sie das Verhalten der Eltern kopieren, weil Eltern und Kinder medizinische Informationen missdeuten, oder – als System – um einer instabilen Familie Halt zu geben.

In Eltern-Kind-Beziehungen ist Hypochondrie oft das Ergebnis einer unaufgeklärten Bindung. Das Elternteil hat den unbewussten Wunsch, das heranwachsende Kind als Kind, sprich als Abhängigen, zu behalten, und das Kind gehorcht unbewusst diesem Wunsch, indem es krank wird.

Unausgesprochen lautet die elterliche Drohung: „Bist du nicht krank, dann liebe ich dich nicht.“

Neue Studien zeigen, dass eine kränkliche Kindheit Hypochondrie fördert, ob der Anstoß aber an der Krankheit selbst, der Behandlung oder der Konstitution liegt, ist unklar.

Fälle von Hypochondrie zeigen aber folgendes Profil: Ein Erwachsener, der als Kind häufig oder chronisch krank war, den die Eltern deshalb behüteten, und der viel Zeit in Kliniken verbrachte, gewöhnt sich das „Krank sein“ als Normalzustand an, so wie andere Kinder draußen spielen.

Solche Kinder entwickeln eine berechtigte Angst, krank zu werden, und zugleich haben sie später Probleme mit Situationen, in denen sich niemand permanent um sie kümmert – diese Selbstständigkeit haben sie nämlich nicht trainiert.

Arztbesuche und Hilflosigkeit werden deshalb zu vertrauten Mustern, die sein Unbewusstes später produziert, wenn Krisen anstehen.

Hinzu kommen bisweilen medizinische Fehleinschätzungen durch mangelnde Aufklärung: Kinder fühlen sich dann existentiell bedroht, weil eine Krankheit behandelt werden muss, unabhängig davon, ob diese Krankheit wirklich schwer ist, und dieses Gefühl extremer Hilflosigkeit bleibt.

Eine Trauma nach einer Operation in der Kindheit kann Hypochondrie befördern. Die Schmerzen auf der Intensivstation brennen sich dann in das Unbewusste ein, und der Betroffene spürt später sogar die als Erinnerung abgelagerten Schmerzen. Das Trauma bildet als ein unbewusstes Muster, das das Gehirn immer wieder abruft. Wie auch bei anderen Traumatisierten ist es dabei gleich gültig, ob die objektive Situation gänzlich anders aussieht.

Wenn Kinder einmal sensibilisiert für Krankheiten sind, nehmen sie die Krankenrolle sehr fantasievoll an.

Mehrere Faktoren treffen also zusammen: Ein Kind imitiert erstens einen chronisch kranken Elternteil, der zudem eine verzerrte Vorstellung von Krankheit hat, es lernt zweitens, wie das Krankheitsspiel läuft und welche Vorteile wie Kontrolle oder Wohlbefinden es bringt, die Imitation entwickelt sich drittens zur Kultivierung von Konflikten als Lebensmuster. Das Kind sieht Krankheitssignale bei anderen überdeutlich und interpretiert sie unangemessen.

Allerdings fand die Psychiaterin Esther Richards heraus, dass hypochondrische Kinder zwar von Vorbildern lernen, wie man mit Krankheit andere Schwierigkeiten ersetzt, dass diese Muster sich aber auch aufheben lassen, wenn man sie früh entdeckt.

Bis auf einen stellten alle ihrer 20 jugendlichen Patienten ihr hypochondrisches Verhalten nach der Therapie ab.

Da die Hypochondrie ein Verhaltensmuster ist, das an die Stelle von offenem Streit und konstruktiven Umgang mit Konflikten tritt, ist sie jedoch nicht komplett „heilbar“.

Hypochondrie in Familien

Hypochonder bauen durch Zweideutigkeiten ein Netz gegenseitig abhängiger Beziehungen auf. Die Krankheit ist ein Ersatz für tiefere Konflikte und zugleich eine Möglichkeit, sich, den Partner und die Angehörigen zu bestrafen und zugleich persönliche Schuld zu leugnen.

Die komplexeste Form der Hypochondrie ist die Hypochondrie als Familiensystem. Ein oder mehrere Kinder bekommen die Rolle der „Kränklichen“, und sie übernehmen diese Rolle.

In jeder Familie muss jeder eine feste Rolle übernehmen und sie zusammen halten, und die „Kränklichen“ werden folglich nicht ermutigt, ihre gewollte „Schwäche“ zu überwinden.

Dramatisch wird es für ein Kind, wenn ein Elternteil unter starken negativen Emotionen leidet, aber diese nach außen unter einer Fassade übergroßer Fürsorge versteckt. Das „kranke Kind“ ermöglicht dem Elternteil beides: Zum einen präsentiert sich die Mutter / der Vater als besonders fürsorglich und kann zweitens unbeschränkt seine Herrsch- und Kontrollsucht ausleben. Der „Kranke“ ist der Unmündige. Er gleicht einem eingesperrten Tier, das abhängig ist von der Hand, die es füttert.

Solche Elternteile wählen oft soziale Berufe, als Therapeuten oder Pfleger, in denen sie ihre im Kern narzisstischen Bedürfnisse auf Kosten der Patienten austragen. Sie machen Gesunde krank und Kranke noch kränker, um dann für sie „sorgen“ zu können. Sie suchen in ihrem Bekanntenkreis gierig nach Menschen, die ein Alkoholproblem haben oder psychisch labil sind und drängeln sich in die Rolle der versorgenden Übermutter / des Übervaters.

Ein Extremfall war eine Pflegerin, die eine „Liebesbeziehung“ zu einem Patienten mit weit fortgeschrittenem Muskelschwund einging, der als Partner vollkommen von ihr abhängig war. Sie achtete strengstens darauf, dass keine Zugluft in den Raum kam, der „Partner“ bekam eine von ihr verordnete makrobiotische Diät, sie wies die anderen Betreuer zurecht, wenn diese das „falsche Essen“ kauften, oder ihm beim Spaziergang im Park den Schal nicht „richtig“ banden. Die Wohnung des Missbrauchten war ein Paradies für ihre Kontrollsucht, und selbst redend entdeckte sie bei dem Opfer ständig neue „Krankheiten“.

Kinder solcher Mütter sehen sich spätestens in der Pubertät einem Double-Bind ausgesetzt. Die Mutter glaubt selbst, das Beste für ihr „krankes Kind“ zu tun und kann es nicht loslassen, um die Macht nicht zu verlieren.

Später wirft sie dem jungen Erwachsenen vor, wie unselbstständig er ist, suggeriert ihm aber zugleich, „du musst zu Hause bleiben, weil du allein nicht leben kannst“.

Das Kind sieht sich in der Situation, keine Entscheidung nach eigenem Willen treffen zu können, denn ausziehen oder zu Hause bleiben hieße beides die Suggestionen der Mutter zu erfüllen. Wenn es zugleich lernte, dass Krankheit relative psychische Integrität vor mütterlichen Übergriffen bedeutet, reagiert der Körper leicht mit somatischen Symptomen, um sich weder für die eine noch die andere Fremdbestimmung zu entscheiden. Der Mutter-Kind-Konflikt wird also nicht ausgetragen, sondern durch die „Krankheit“ in einem schwebenden Waffenstillstand gehalten.

Falls die Familie Aggressionen des Kindes unterdrückt, erscheint Hypochondrie als plausible Strategie, mit anderen umzugehen.

Besonders Familien, in denen Streit nicht offen ausgetragen wird, sind gefährdet, Hypochondrie als System zu etablieren. Wenn die Probleme auf den Tisch kommen sollten, zieht der Vater sich mit Kopfschmerzen zurück, wenn die pubertierende Tochter bei ihrem Freund schlafen will statt zuhause, bekommt die Mutter Krämpfe im Unterleib, und wenn der 16jährige Sohn mit seinen Freunden zur Party will, bekommt die Mutter einen Schwächeanfall, und er muss dringend in die Notapotheke.

Solche Familien betonen oft nach außen, was für eine zivilisierte Kultur sie entwickelt hätten, mit Konflikten umzugehen, die Eltern sagen zum Beispiel stolz „wir haben uns noch nie gestritten“. Die Kinder hassen bisweilen, diese Art, nicht mit Konflikten umzugehen, lernten aber schon früh, sich zu „kontrollieren“; sie übernehmen diese Verhalten und hassen sich dafür zusätzlich.

Beatrice zum Beispiel wuchs mit Eltern auf, die niemals laut stritten, doch ihr Vater sagte ihr mit vierzehn, dass sie und ihr Bruder der einzige Grund wären, dass die Eltern sich nicht scheiden ließen. Zwanzig Jahre später hatten sie sich immer noch nicht geschieden. Beatrice Bruder war vier Jahre älter als sie, und der Vater lebte durch ihn sein Leben.

Alles, was Stefan tat, war toll. Stefan machte mit Ach und Krach sein Abitur, brach mehrere Studien ab, die Eltern nahmen Kredite auf, damit Prinz Sohn sein Leben finanzieren konnte. Immer, wenn Stefan wieder eines seiner grandiosen Projekte versiebt hatte, glaubte der Vater an den „Endsieg“.

Beatrice stand im Schatten. Stefan respektierte ihre Grenzen nicht, er klaute ihr Taschengeld, als sie ein eigenes Auto hatte, fuhr er damit herum, ohne Spritgeld zu bezahlen, und, als sie in ihrer Pubertät unter Bulemie litt, meinte der Bruder „das wäre eine Modeerscheinung“.

Mit 17 hatte sie einen festen Freund, der sich sehr um sie kümmerte. In der Schule galt sie als Märchentante, weil sie immer von der Grundschulzeit erzählte. Ihr Freund hörte sich alles brav an. Er war 20, hatte ein Auto und wollte am Wochenende mit ihr in die nahe gelegene Großstadt in die Disco fahren. Einmal kam sie mit, doch danach litt sie unter mysteriösen Schlafanfällen. Immer dann, wenn die Entscheidung anstand, nachts in die Stadt zu fahren, wurde sie so fürchterlich müde, dass ihr Freund sie nach Hause bringen musste, und auch für ihn war der Abend gelaufen.

Beatrice Freund spielte einige Monate mit, doch die Schlafanfälle kamen ihm mysteriös vor, und er litt darunter, sich wie ein Vater zu fühlen, der sein Kind ins Bett bringt. Eine Bekannte, die ebenfalls Eisenmangel hatte, sagte, dass sie sich zwar bisweilen schlapp fühlte, aber mit Tabletten keineswegs um 21.00 ins Bett gehen müsste.

Eines Abends, Beatrice war wieder „todmüde“ ins Bett gegangen, fragte ihr Partner, was eigentlich los sei. Sie antwortete: „Siehst du, jetzt bin ich wieder so schlapp, dass ich schlafen muss und stellte das Licht aus.“ Er stellte das Licht wieder an und sagte: „Wenn du Probleme in unserer Beziehung hast, dann sag das.“ Sie stellte das Licht wieder aus und sagte: „Es ist nichts. Ich bin müde und muss jetzt schlafen.“ Eine Woche später machte sie Schluss und sagte: „Das mit meinem Eisenmangel hast du ja sowieso nicht geglaubt.“

Hypochonder stehen in Familien nicht isoliert da. Die Symptome des Hypochonders verweben sich in der Regel mit zumindest einem Verwandten, der die Rolle der „Krankenschwester“ übernimmt. Spätestens in einer Liebesbeziehung außerhalb der Familie muss der Partner Taktiken entwickeln, die die Symptome des Hypochonders gleichzeitig auf Abstand halten und fördern – anders ist eine Beziehung nicht möglich.

Ein Vater stöhnte zum Beispiel über seine unbefriedigende Stelle, und immer dann wurde er krank und verschwand für eine Woche in seinem verdunkelten Zimmer.

Seine Tochter kopierte dieses Verhalten, um sich so ebenfalls den Schutz der Mutter zu „erkaufen“ und unangenehmen Situationen zu entfliehen.

Bei dem Vater erklärte die merkwürdige Erschöpfung ihm, warum er keine befriedigende Stelle fand, und das „Herzrasen“ der Tochter versicherte ihr, dass sie nur wegen ihrer Krankheit keine selbstständige Frau war.

Diese Widersprüchlichkeit gilt auch für Hypochondrie in Familien. Das „Krank sein“ stört das Familienleben offen sichtlich, aber es stabilisiert es zugleich. Sind die Familien nämlich mit Problemen belastet (und das sind sie fast immer, sonst würden keine Hypochonder entstehen) reduziert das „krank spielen“ diese Probleme in eine einzige Feedback-Schlaufe: Kranker und Krankenpfleger.

Esther Richards fand heraus, dass Hypochonder bei ihren Eltern stets einen chronisch Klagenden hatten und einen, der die Arztrolle übernahm.

Der Nutzen der Hypochondrie

Hypochonder haben im Unterschied zu den meisten anderen psychisch Gestörten, den Vorteil, weder rebellisch noch verrückt zu sein und bauen die Illusion einer liebevollen Familie auf. Der Hypochonder ist dabei die Institution, die die Familie zusammen hält.

Auf eine schädliche Art und Weise sichert die Hypochondrie also das Überleben als Familie. Nach außen fallen Familien mit Hypochondern wenig auf – in ihrem sozialen Umfeld, am Arbeitsplatz, in der Großfamilie. Es fehlen die Exzesse und Brüche, die Berg- und Talfahrten, wie sie zum Beispiel Familien mit Borderlinern oder Bipolaren kennen. Alle leiden still.

Bestimmte Hypochondrien erfüllen vielleicht sogar einen therapeutischen Zweck, in dem sie tiefer liegende psychische Konflikte kanalisieren. Das wird besonders deutlich bei Patienten mit anderen psychischen Störungen, die hypochondrische Strategien anwenden: Martina zum Beispiel ist diagnostizierte Borderlinerin und leidet in jedem sozialen Umfeld daran, dass sie Freundschaften regelmäßig durch ihre Gefühlsausbrüche zerstört. Sie wuchs auf mit einer überbehütenden Mutter und einem einsamen Vater, der sie und ihre Geschwister windelweich schlug.

Nach ihren Gefühlsausbrüchen zieht sie sich „in ihre Höhle zurück“, wie sie selbst sagt. In diesen Ruhephasen entdeckt sie an ihrem Körper Symptome von Krankheiten, die, nach ihrem Glauben, auf einen tiefen Sinn hindeuten. Eine kratzende Stelle am Bein, eine Beule am Hinterkopf, oder die „Migräne“, die immer dann auftaucht, wenn sie sich für ihr vorheriges Verhalten schämt. Die „Migräne“ bedrückt auch den Vater. Wenn der in Martinas jungen Jahren „Migräne“ hatte, zog er sich in sein Zimmer zurück und brauchte absolute Ruhe – für die Kinder bedeutete das eine Atempause, in der er nicht zuschlug.

Hypochonder sind in ihren Familien keineswegs nur die Unterdrückten. Wie in SM-Beziehungen können sie die anderen Familienmitglieder zwingen, sich um den „Kranken“ zu kümmern und so als Spinne im Netz sitzen. Es ist kein Zufall, dass die SM-Szene das Rollenspiel Arzt und Patient liebt.

Eine hypochondrische Ehefrau verpflichtet ihren Gatten zum Beispiel, die materiellen Angelegenheiten zu erledigen: Er kauft ein, er bringt die Kinder zur Schule, und er füllt die Steuererklärung aus. Susanne zum Beispiel ist eigentlich Lehrerin, aber als Lehrer arbeitet seit 25 Jahren nur ihr Mann, Richard.

Susanne hingegen rätselt, ebenso wie die Ärzte, seit jeher, an welcher Krankheit sie genau leidet. Ein Arzt diagnostizierte einmal eine Neigung zu Schizoidität, was nur ein Ausdruck war für „ich bin ratlos“. Ihre immer wieder kehrenden „Krankheitsausbrüche“ bekämpft Susanne mit Volkshochschulkursen zu therapeutischem Malen oder Kuraufenthalten an der Nordsee.

„Gesund“ wurde sie dabei nie, doch zuhause kümmerten sich ja Richard und die beiden Kinder um sie. Ihr Sohn und ihre Tochter sind beide inzwischen erfolgreiche Mediziner. Richard gilt als Lehrer alter Schule und als „gute Seele des Dorfes“. Das System funktioniert.

Beziehungen zu Hypochondern müssen nicht immer destruktiv sein, insbesondere zwischen Hypochondern. Berühmt wurden im 19. Jahrhundert die Brüder Edmond und Jules de Goncourt, zwei erfolgreichen Schriftstellern. Ihr Vater starb früh und litt an Kriegsverletzungen, die beiden Brüder wohnten ihr Leben lang im gleichen Haus in einer Art Symbiose. Beide „litten“ unter Krankheiten. Edmond plagten Schmerzen im Magen und Jules tat chronisch die Leber weh. Beide sahen ihre „Krankheiten“ als Quelle ihrer Kreativität. Wäre einer der beiden „gesund“ geworden, hätte dies die Symbiose und damit das literarische Lebenswerk zerstört.

Hypochondrie kann in einer Beziehung ein höchst wirksames Instrument sein, den Partner zu binden. Wenn zum Beispiel eine Frau einen starken Partner sucht, der sich um sie kümmert, zugleich aber ebenfalls eine starke Position in der Beziehung braucht, damit er sie nicht verlässt, ist es unklug darüber direkt zu verhandeln.

Der Partner würde vermutlich sagen: „Was denn jetzt, entscheide dich bitte.“ Setzt sie jedoch Hypochondrie als Strategie ein, kann sie krank werden, um Hilflosigkeit anzudeuten, zugleich aber ihren Mann an sich binden.

Therapie

Hypochonder, die unter ihrer Störung leiden, lassen sich eher helfen als die, die ihre Symptome genießen.

Das beste Mittel zur Bewältigung ist die Psychologische Gesprächstherapie. Bild: Photographee.eu - fotolia
Das beste Mittel zur Bewältigung ist die Psychologische Gesprächstherapie. Bild: Photographee.eu – fotolia

Der Arzt muss als erstes überhaupt erkennen, dass er es mit einem Hypochonder zu tun hat, also den Trick durchschauen, dass der Patient emotionale als körperliche Probleme ausgibt. Da Hypochonder jedoch meist Ärzte aufsuchen, die körperliche Krankheiten behandeln und keine Psychologen, denkt der Arzt vielleicht erst an eine Erkrankung, die er (!) nicht diagnostizieren kann und verweist den Hypochonder an einen Spezialisten. Da wiederholt sich das Spiel.

Oder der Arzt erkennt, dass keine Krankheit vorliegt und hält den Hypochonder für einen Simulanten, was dieser nicht ist.

Ist die Hypochondrie erkannt, sollte der Arzt erst mit dem Patienten über körperliche, und dann über emotionale und soziale Probleme reden.

Dann nimmt er die erfundenen Symptome in Angriff und berät den Betroffenen, das Grübeln zu unterbrechen, an welchem Leberfleck sich gerade Krebs bilden könnte, oder ob das Sirren im Ohr kein Anzeichen für ein bevor stehenden Schlaganfall ist.

Autosuggestion und körperliche Betätigung helfen, den Fokus des Hypochonders zu ändern.

Lindern sich die Fantasien des Hypochonders nicht, ist ein Psychotherapie nötig. In den USA gibt es allein über 50 verschiedene Therapien, um Hypochonder zu behandeln, freudianische, systemtheoretische, sozialpsychologische oder gestalterische.

Eine Verhaltenstherapie hilft, die Symptome in den Griff zu bekommen. Wenn Hypochonder sich gesund ernähren, verbessert das ihre Konstitution und beeinflusst positiv das biochemische Gleichgewicht im zentralen Nervensystem. Rein körperlich fühlen sie sich dann weniger krank.

Körper, Seele und Gesellschaft gehören bei der Hypochondrie zusammen.

Viele Hypochonder milderten ihre Symptome, indem sie sich um wirklich Hilfsbedürftige kümmerten, um Suizidgefährdete, Arme und einsame Alte.

Das soziale Umfeld gehört zur Therapie: Empfängt der Betroffene Liebe und Anerkennung, ohne „krank“ zu sein? Kann er Zuneigung, Wut oder sexuelle Lust ausdrücken, ohne zurückgewiesen zu werden?

Ist das in der Familie nicht möglich, ist eine Familientherapie angesagt, oder sogar die Trennung von der Familie.

Verbessert sich die soziale und berufliche Umwelt, verlieren die Symptome ihren Sinn, ehrliche Handlungen können jetzt an die Stelle des Eskapismus treten.

Während Kinder und Jugendliche hypochondrisches Verhalten relativ schnell ändern, wenn sie es erkennen und Alternativen probieren, lassen sich erwachsene Hypochonder selten in Gänze heilen.

Mit Hilfe von Verhaltens- und Psychotherapie gewinnen sie jedoch erstens einen besseren Zugang zu ihren realen seelischen Problemen und gehen zum anderen den Alltag konstruktiver an.

Bisweilen zeigt sich der reflektierte Zugang zu den tiefer liegenden seelischen Konflikten darin, dass die körperlichen Symptome von innen nach außen wandern und sich abmildern: Eine Frau, die panische Angst vor Darm-, Leber- und Uteruskrebs hatte, wandelte ihre befürchteten Krankheiten zum Beispiel in Gelenkschmerzen und Angst vor Arthritis.

Für alle anderen, die keine klinischen Hypochonder sind, aber gerne vorschieben, eine Erkältung zu haben oder unerklärliche Kopfschmerzen, weil sie sich nicht trauen, zu sagen: „Ich will nicht“, gilt: Aufrichtigkeit befreit, gibt innere Stärke, bringt Sicherheit und beruhigt.

Literatur

Susan Baur: Die Welt der Hypochonder. Über die älteste Krankheit der Menschen. Zürich 1991