Kleptomanie – Ursachen, Symptome und Therapie

Wenn Klauen zur Sucht wird. Bild: cunaplus - fotolia
Dr. Utz Anhalt
Kleptomanie bezeichnet eine Sucht, zu stehlen – genauer gesagt, Dinge zu stehlen, die die Betroffenen nicht brauchen und die auch keinen finanziellen Wert haben. Kleptomanen begehen gewöhnlich Ladendiebstahl. In der Regel könnten sie sich die gestohlenen Gegenstände ohne Probleme kaufen, und oft verschenken sie das Diebesgut danach oder schmeißen es weg.

Kleptomanen sind vor dem Diebstahl erregt und fühlen sich befriedigt, wenn sie erfolgreich sind. Das Stehlen dient nicht dazu, Wut oder Rache auszudrücken, und es ist keine Reaktion auf psychische Verwirrung – Kleptomanen befinden sich nicht in der manischen Phase von Bipolaren, und sie leiden in der Regel auch nicht an einer dissozialen Störung.

Wenn Klauen zur Sucht wird. Bild: cunaplus - fotolia
Wenn Klauen zur Sucht wird. Bild: cunaplus – fotolia

Bisweilen horten die Betroffenen die gestohlenen Objekte oder geben sie zurück. Kleptomanen stehen zwar nicht, wenn sofortiger Arrest die wahrscheinliche Folge ist – zum Beispiel unter den Augen eines Polizisten – aber sie planen ihre Raubzüge meist nicht und erkunden auch nicht das Terrain, um das Risiko klein zu halten. Sie agieren allein.

Die Geschichte der Stehlsucht

Ein französisches Buch über psychische Störungen von 1838 erwähnte Kleptomanie – als eine Monomanie, so lautete damals der Begriff für einzelne psychische Störungen, zum Beispiel Sexsucht (Nymphomanie) oder Mordsucht (homizide Monomanie).

Diese Kategorien gelten heute als überholt. Kleptomanie gilt heute als Störung der Impulskontrolle wie Pyromanie, die Sucht, Feuer zu legen, Spielsucht oder Tricotilomanie, die Sucht, sich Haare auszureißen.

Die Störung ist in der Medizin und Justiz seit Jahrhunderten bekannt. Der Schweizer Arzt Andre Matthey schrieb von klope.anie, um Diebe zu kennzeichnen, die impulsiv Dinge ohne jeglichen Wert stahlen. Die französischen Ärzte Jean Etienne Esquirol und C.C. Marc änderten das Wort später in Kleptomanie und charakterisierten das Verhalten als unwiderstehlichen Drang, zu stehlen.

Sie diagnostizierten Kleptomanen als Menschen, die “gezwungen waren, zu stehlen”, also als psychisch Kranke – und nicht, wie im 19. Jh üblich als moralisch Verdorbene. Als Betroffene galten nur Frauen, und viele Ärzte vermuteten, die Krankheit Ende des 19. Jh entstünde aus Erkrankungen der Gebärmutter oder prämenstruellem Stress.

Störungen der Impulskontrolle haben fast immer auch soziale Ursachen. Die damals bekannten Fälle von Kleptomanie unter Frauen lagen deshalb vermutlich an der Unterdrückung von Frauen im damaligen Patriarchat – so wie die zu Freuds Zeiten grassierende Hysterie.

Bürgerliche Frauen lebten in einem Korsett aus Zwängen, wie sich eine “richtige Frau” zu verhalten habe – intellektuelle Entfaltung und Gleichberechtigung im Beruf verweigerte die Gesellschaft ihnen. Zu stehlen, also etwas verbotenes zu tun, lässt sich so als verzweifelter Widerstand gegen die Fremdbestimmung interpretieren.

Auf jeden Fall blieb die Diagnose bis in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts unklar. 1980 galt Kleptomanie offiziell als gestörte Impulskontrolle und bei dieser schwammigen Definition blieb es bis 2000. In den letzten 15 Jahren folgten jedoch umfassende Studien, um die Störung als reguläre psychiatrische Diagnose einzugrenzen.

Ursachen für Kleptomanie

Bis heute ist unklar, wie sich Kleptomanie entwickelt. Einige Wissenschaftler denken, Kleptomanie ist Teil einer Alkohol- oder Drogensucht. Tatsächlich geraten viele Alkohol- und Drogenkranke immer wieder wegen Diebstählen in den Fokus der Polizei.

Wir müssen aber scharf trennen zwischen Beschaffungskriminalität und pathologischem Stehlen. Ein Alkoholiker, der im Supermarkt Whiskyflaschen klaut, um seine Sucht zu befriedigen, ist nicht kleptoman: Ein Kennzeichen der Kleptomanie ist, dass die gestohlenen Dinge für die Betroffenen ohne Wert sind; auch ein Heroinuser, der in eine Gartenhütte einbricht, die Pfandflaschen stiehlt, um sie einzutauschen, weil er Geld für den nächsten Schuss braucht, hat einen rationalen Grund, zu stehlen.

Auch lassen sich Substanzabhängige im Rausch nicht als Kleptomanen bezeichnen: Wenn sie nicht Herr ihrer Sinne sind, und nicht wissen, was sie tun, gleichen sie eher Psychotikern, die ebenfalls Dinge an sich nehmen, die ihnen nicht gehören, ohne stehlen zu wollen.

Für die Störung ist hingegen der zwar nicht kontrollierte, aber bewusste Impuls, zu stehlen, entscheidend.

Allerdings lässt sich schwer eine Grenze ziehen. Trinkt sich ein Betroffener zum Beispiel Mut an, um auf Diebestour zu gehen und stiehlt dann unnütze Dinge? Die genaue Trennung zwischen den einzelnen Störungen ist kaum möglich, denn Kleptomanen leiden fast immer auch an anderen psychiatrischen Störungen: Borderliner zum Beispiel sind oft auch Kleptomanen im klinischen Sinn.

Depressionen, Angststörungen, Ess-Störungen und Substanzmissbrauch sind weit verbreitet bei Menschen, die unter Kleptomanie leiden.

Weniger als 5% aller identifizierten Ladendiebe sind Kleptomanen oder Kleptomaninnen, die Störung ist unter Frauen weiter verbreitet als unter Männern. Allerdings wird bei Männern die Störung vermutlich oft nicht diagnostiziert – Frauen, die stehlen, werden eher psychiatrisch betreut als Männer, die meist im Gefängnis landen.

Es gibt keine soziale Gruppe, für die Störung typisch ist. Das Durchschnittsalter, wenn Kleptomanen auffällig werden, liegt bei 35, aber einige Betroffenen berichten, dass der Zwang, zu stehlen bei ihnen mit 5 Jahren begann.

Symptome

Anzeichen von Kleptomanie werden häufig missverstanden als normaler Diebtstahl, aber einige Kennzeichen unterscheiden die Störung deutlich davon.

Entscheidend ist, dass Kleptomanen Dinge stehlen, die sie nicht brauchen. Zweitens haben sie einen massiven Drang zu stehlen; stehlen lindert bei ihnen Gefühle von Stress und Angst. Die Tat ähnelt dabei den Stimmungen eines Drogenabhängigen: Der Drang wird immer stärker, wenn die Tat dann vollbracht ist, fühlen sie sich erleichtert. Doch bald plagt sie wieder Nervosität und Angst, und das Verlangen, zu stehlen, wird übermächtig.

Kleptomanen unterscheidet dabei von Dissozialen, dass sie sich für ihre Tat schämen. Auch das ist typisch. Ein Kleptomane ist ein notorischer Dieb, der sich zum Beispiel seinen Lebensunterhalt mit gestohlenen Smartphones bestreitet. Sie fühlen sich schuldig und haben Angst wegen dem, was sie taten, vergleichbar einem Alkoholiker, der sich nicht traut, den Telefonhörer abzunehmen, weil er fürchtete, dass ihn jemand für seine Handlungen im Suff verurteilt. Die Angst wird immer größer, der Stress nimmt zu, und der Kleptomane muss wieder stehlen, um den Stress zu reduzieren: Der Teufelskreis ist geschlossen.

Typisch ist das Fehlen von Motiven und Zielen. Die Betroffenen haben keinen speziellen Shop vor Augen, in dem sie stehlen wollen. Sie klauen triviale Dinge wie Lippenstifte und benutzen sie nicht einmal.

Kleptomanen stehlen auch nicht, um einen Status zu erringen oder als Mutprobe. Das unterscheidet sie zum Beispiel von Teenagern, die unnütze Dinge im Einkaufscenter stehlen, um vor der Clique als Draufgänger da zu stehen.

Stehlsüchtige machen keinen Hype um ihre Taten, und sie testen auch nicht bewusst Risiken aus: Sie stehlen, wenn sie unter Stress stehen, können sich aber so weit kontrollieren, dass sie “auf Entzug” einen anderen Shop aufsuchen, wenn die Chance, erwischt zu werden, zu groß ist.

In der Öffentlichkeit fallen sie nich durch ungewöhnliches Verhalten auf. Sie sind weder gewalttätig noch manisch.

Ein Kennzeichen ist auch das regelmäßige Stehlen: Immer wenn sie unter Stress stehen, gehen sie zur Tat über. Trotz ihrer Schuldgefühle wiederholen sie das Stehlen immer wieder, um sich einen kurzen Kick zu verschaffen.

Familiäre Weichen

Mögliche genetische Ursachen von Kleptomanie sind wenig erforscht. Die einzige historische Studie, die die Familiengeschichten von Betroffenen untersuchte, zeigten eine hohe Anzahl von Alkoholkranken unter den engen Verwandten, außerdem Stimmungsschwankungen in pathologischem Ausmaß.

Die Diagnose

Wenn die Symptome vorhanden sind, untersucht der Arzt die Betroffenen körperlich und legt eine Krankengeschichte an. Es gibt keine Tests, um Kleptomanie zu erkennen, allerdings können Tests mögliche physische Ursachen zeigen – zum Beispiel eine Kopfverletzung oder eine Hirnstörung.

Der Arzt verweist die Betroffenen in der Regel an einen Psychiater oder Psychologen; beide verfügen über Interviewtechniken und Testverfahren, um eine gestörte Impulskontrolle zu erkennen.

Psychische Probleme

Kleptomanie ist häufig verbunden mit anderen psychischen Beschwerden. Betroffene leiden regelmäßig an Depressionen und Angstzustörungen, etwas seltener an Ess-Störungen – besonders Bulemie. Auch Persönlichkeitsstörungen gehören zu den gängigen Komorbiditäten. Der rote Faden ist, dass Menschen mit Symptomen von Kleptomanie Hilfe brauchen – nicht nur für diese Störung, sondern auch für andere.

Die meisten Menschen mit dieser Störung werden allerdings nicht von sich aus Hilfe suchen; oft kommen sie erst in psychiatrische Behandlung, nachdem sie wegen ihren Diebstählen vor Gericht standen, oder wenn sie wegen Komorbiditäten wie einer Angststörung eine Psychotherapie aufsuchen.

Die Betroffenen sind in einer gefährlichen und einsamen Situation, bis sie gefasst werden. Häufig brechen sie psychisch zusammen, wenn sie vor Gericht stehen, oder, wenn sie sich schämen, weil ihre Familie und Freunde entdeckt haben, was sie tun – der psychische Zusammenbruch ist oft die Initialzündung, um Hilfe anzunehmen.

Behandlung

Die Betroffenen misstrauen meist denjenigen, die ihnen Hilfe anbieten – doch solche Hilfe ist unverzichtbar. Wie bei jeder Suchtkrankheit können die Betroffenen in den seltensten Fällen allein aus dem Teufelskreis heraus. Ohne Behandlung stehlen die Kranken bisweilen ein Leben lang.

Psychotherapie statt Gefängnis. Bild: Photographee.eu - fotolila
Psychotherapie statt Gefängnis. Bild: Photographee.eu – fotolila

Die Behandlung umfasst gewöhnlich Medikation und Psychotherapie, manchmal auch Selbsthilfegruppen. Es gibt keine Standard-Therapie für diese Störung, und die Forscher versuchen nach wie vor heraus zu finden, was am besten wirkt.

Antidepressiva die bei Kleptomanie eingesetzt werden sind Fluoxetine wie Prozac, Paroxetine wie Paxil und Fluvoxamine. Manche Wissenschaftler meinen aber, dass diese Antidepressiva die Symptome sogar verstärken.

Psychoanalyse und psychodynamische Psychotherapien galten über Jahrzehnte hinweg als gängige Methode. Ihre Auswirkungen sind aber kaum zu fassen, weil kontrollierte Studien fehlen. Fallbeispiele deuten darauf hin, dass einige Patienten mit diesen Psychotherapien ihre Störung meisterten, während andere ihne Fortschritte blieben.

Die kognitive Verhaltenstherapie hat die traditionellen Psychotherapien bei der Behandlung weitgehend verdrängt. Sie setzt darauf, dass die Betroffenen lernen, ihr Verhalten zu ändern. Bei Kleptomanie bedeutet das konkret: Wenn der Stress übermächtig wird, sollen sie sich Mitmenschen offenbaren und um Hilfe bitten, sowie sich andere Strategien zulegen, den Stress abzubauen – von autogenem Training über Yoga, bis zu Fahrrad fahren oder Krafttraining.

Der erste Schritt dazu besteht darin, sich die Folgen, beim Diebtstahl erwischt zu werden, plastisch vorzustellen, und in der Aversionstherapie, den Atem so lange anzuhalten, bis es etwas weh tut, wenn der Betroffene die Situation vor Augen hat.

Eine weitere Strategie ist die systematische Desensibilisierung. Der Patient steigert sich gezielt in einen stressvollen Zustand und entspannteröffentlichung sich durch Muskelübungen. So lernt er, die Situation im Ernstfall unter Kontrolle zu halten.

Noch fehlen kontrollierte Studien zur kognitiven Verhaltenstherapie, aber die Erfahrungen damit versprechen, Kleptomanie aktiv unter Kontrolle zu bekommen. Allerdings gibt es zu wenig klinische Psychologen, die speziell für diese Störung geschult sind, und bis jetzt gibt es auch keine Veröffentlichungen, die als Handbuch dienen. (Somayeh Khaleseh Ranjbar, übersetzt von Dr. Utz Anhalt)  

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