Medizinische Mythen

Es gibt viele medizinische Mythen, die sich hartnäckig halten. Bild: Thomas Reimer - fotolia
Dr. Utz Anhalt

So glauben heute die wenigsten, dass die Mistel gegen Epilepsie hilft, weil sie nicht vom Baum fällt und deswegen der „Fallsüchtige“ ebenfalls stehen bleibt, und wir halten es für lächerlich, wenn Chinesen glauben, dass der Verzehr von Schildkröten die Potenz steigert, weil ihr faltiger Kopf mit dem runden Kopf, den sie aufrichten und einziehen an die Erektion des Penis erinnert.

Doch viele falsche Ideen halten sich hartnäckig, manchmal selbst unter Ärzten, und neue urbane Märchen kommen hinzu.

Die gesunde Natur

In der Naturheilkunde kursiert bisweilen die Vorstellung, dass natürlich gesund bedeutet, und künstlich ungesund. Organische wie anorganische Natur besteht aber mitnichten nur aus Heilmitteln. Knollenblätterpilze sind ebenso natürlich wie Salbeitee; das Tollwutvirus gehört ebenso zur Natur wie das Gift der Klapperschlange.

Es gibt viele medizinische Mythen, die sich hartnäckig halten. Bild: Thomas Reimer - fotolia
Es gibt viele medizinische Mythen, die sich hartnäckig halten. Bild: Thomas Reimer – fotolia

Lebewesen setzen unzählige Methoden ein, um sich gegen Fressfeinde zu verteidigen oder Beute zu erjagen, und Millionen von Toxinen sind eine erfolgreiche Methode, um zu überleben. Natur kann uns ebenso heilen wie töten.

Die Heilkunst des Mittelalter war der modernen Medizin überlegen

Unter Esoterikern und bisweilen auch unter seriösen Naturheilpraktikern grassiert oft eine romantische Vorstellung eines Mittelalters, in dem weise Frauen und Männer mit dem Wissen um die Heilkraft der Natur Krankheiten heilten, denen die „Schulmedizin“ ratlos gegenübersteht.

Wenn Menschen die Verheißungen der Pharmaindustrie kritisieren und die Anonymität heutiger Großkliniken ablehnen, ist das allzu verständlich. Naturheilkunde kann eine ebenso zugängliche wie überlieferte Korrektur zu den „Göttern in Weiß“ sein.

Leider stehen viele Kritiker der „Apparatemedizin“ Mythen über das Mittelalter gänzlich unkritisch gegenüber und ignorieren die Erkenntnisse der Historiographie. Die Lebenserwartung im heutigen Deutschland war im Hochmittelalter nämlich halb so hoch wie heute, oder sogar noch geringer.

Hunger und Kriege trugen zwar ihren Teil dazu bei; die Hauptursachen waren jedoch die katastrophalen hygienischen Verhältnisse, die falschen Deutungen von Krankheiten und die falschen Methoden, sie zu behandeln.

Das bedeutet nicht, dass es keine fähigen Ärzte und Kräuterfrauen gab, und gewisse kurios anmutende Praktiken waren sinnvoll. So behandelten Ärzte offene Wunden mit Schafskot, dessen Schimmel ähnlich wirkt wie Penicillin.

Aber zum Beispiel waren Viren und Bakterien unbekannt, psychische Störungen galten als Besessenheit von Dämonen, und das Denken in Analogien führte zu Therapien, die bestenfalls nutzlos waren.

Wenn heute vergessene Heilkräuter wieder entdeckt werden, ist das eine gute Sache. Leider finden aber auch die falschen Methoden als „Alternative zur Schulmedizin“ wieder ihre Anhänger.

Wir nutzen nur zehn Prozent unseres Gehirns

Kein medizinischer Mythos ist so verbreitet, wie der, dass wir nur 10 % unseres Gehirns nutzen, meist verbunden mit betrügerischen Versprechen, die „stille Reserve“ derjenigen, die auf diese Masche herein fallen, aus der Dunkelheit zu zerren.

In sozialen Netzwerken wird dieses Märchen gerne als Zitat von Albert Einstein ausgegeben, der dies aber niemals gesagt hat.

Für jeden, der im Leben zu kurz gekommen ist, oder sich zumindest so fühlt, dockt das „ungenutzte Gehirn“ an den Wunsch an, alles erreichen zu können, wenn, ja wenn das wirkliche Potenzial nur aktiviert würde.

Die Neurobiologie widerlegt die Mär vom ungenutzten Gehirn: Die Magnetresononaztomografie zeigt, dass jeder Bereich des Gehirns aktiv ist, und dass das Gehirn auch im Schlaf arbeitet. Alles andere wäre biologisch auch kaum möglich, denn die Evolution kann nichts verschenken.

Das menschliche Gehirn ist ein extrem entwickeltes Organ, vergleichbar dem Hals der Giraffe. Es verbraucht einen Großteil der Energie, die wir dem Körper zuführen. Zwar behalten Lebewesen bisweilen Rudimente von Organen, die keinen Sinn mehr haben, wie wir den Blinddarm oder flugunfähige Vögel die nutzlosen Flügel – es bildeten sich jedoch nicht die Kieferknochen zurück, und es erweiterte sich nicht die Schädeldecke, um ein Gehirn zu fassen, das nicht genutzt wird. Kurz gesagt, wenn wir nur 10 % unseres Gehirns nutzten, hätten sich die anderen 90 % nicht entwickelt.

Das „ungenutzte Gehirn“ ist eine biologisierte Variante der neoliberalen Propaganda, nach der jeder, der es „wirklich will“ auch alles erreichen könnte, ungeachtet der sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse.

Diese Propaganda wirkt besonders effektiv, wenn jeder Bezug zur Gesellschaft ausgeklammert wird, und die ungenutzte Biologie verantwortlich ist: Wer also darunter leidet, von Hartz IV zu leben und seinen Kindern keine Geschenke zu Weihnachten kaufen kann, der nutzt eben 90 % seines Gehirns nicht.

Das Märchen von den ungenutzten 90 % bedeutet indessen nicht, auf Gehirntraining zu verzichten – im Gegenteil. Wenn wir unser Gehirn mit Werbeversprechen, der Sucht nach Statussymbolen oder suggerierten Ängsten beschäftigen, dann fehlt ihm die Energie für Sinnvolles.

Unser Gehirn lässt sich also durchaus psychisch entrümpeln, indem wir nutzlose Dinge wegschmeißen, uns von Bekannten trennen, die unsere Energie rauben, lernen „Nein“ zu sagen, wenn wir „Nein“ meinen, oder unsere Arbeitskraft nicht durch unentgoltene Überstunden verschwenden.

Statt einem „ruhenden Potenzial“ entwickelt unser Gehirn nämlich Muster, auf die es zurück greift. Es trennt dabei weder zwischen realen oder fiktiven Erfahrungen noch zwischen nützlichen und schädlichen Gewohnheiten. Unser Unbewusstes arbeitet im Gegenteil extrem „konservativ“, das heißt es spart Energie. Gewohnte Muster ruft es ab, egal, ob diese uns gut tun oder nicht.

Daher rührt vermutlich auch die falsche Vorstellung, wir würden die Masse unseres Gehirns nicht nutzen. Unser Bewusstsein erkennt, dass wir viel mehr aus unserem Leben machen könnten, und es wehrt sich zum Beispiel dagegen, die Zumutungen des Chefs zu akzeptieren.

Doch hat sich das Unbewusste darauf eingestellt, tun wir weiter Dinge, die wir bewusst ablehnen und hassen uns selbst dafür.

Außerdem gilt: Wer immer das gleiche tut, am gleichen Ort bleibt, an überkommenen Lebensstrukturen kleben bleibt, der hat nicht nur zu Recht das Gefühl, sein Potenzial nicht zu nutzen, er gibt dem Gehirn auch keine Möglichkeit dazu.

Das Gehirn kann und muss neue Muster nämlich erlernen, und das können wir bewusst steuern, bereits bei einfachen Tätigkeiten: Wir können einen anderen Weg zur Arbeit einschlagen, statt dem Auto das Fahrrad benutzen, statt abends Fernsehen zu konsumieren, ein Buch lesen oder in der Natur spazieren gehen, uns mit einem Thema beschäftigen, von dem wir keine Ahnung haben, Museen besuchen oder reisen.

Das alles bringt uns im Wortsinn auf andere Gedanken, will heißen, die Synapsen bauen neue Muster auf, auf die wir dann später zurück greifen.

Das ungenutzte Gehirn suggeriert hingegen, wir könnten alles haben und alles erreichen, wenn wir diese Ressource anzapfen. Das stimmt nicht: Auch „Superdenker“ verfügen über keine unendlichen Ressourcen, sondern sie haben gelernt, ihre Ressourcen effektiv zu nutzen.

Obama Barack hat nur graue Jackets im Schrank, um sein Gehirn nicht damit zu beschäftigen, was er anzieht, sondern sich wichtigeren Dingen zu widmen, und Churchill war berüchtigt dafür, dass er vor 12.00 mittags keine Telefonate annahm. Einstein verbreitete zwar nicht die Fabel von dem weitgehend ungenutzten Gehirn, war aber bekannt dafür, dass er auch zu offiziellen Anlässen mit dem gleichen alten Pullover kam; auch er dachte über anderes nach als über seine Garderobe.

Es geht also nicht darum, das „schlafende“ Gehirns zu aktivieren, sondern die ständige Arbeit unseres „Thinktanks“ sinnvoll zu nutzen. Zum Beispiel, indem wir nicht Suggestionen wie den angeblichen ungenutzten 90 % hinterherlaufen, und unser Gehirn so mit Sinnlosigkeiten vollstopfen.

Drogen sind gefährlicher als Alkohol

Der verstorbene Politikwissenschaftler Ingolf Ahlers sagte: „Im Kapitalismus ist jede Droge eine Ware, und jede Ware eine Droge,“ und die kritische Ethnologie fügt hinzu „jeder Krieg gegen eine Droge ist ein Krieg einer Kultur gegen eine andere“.

Legalen Alkohol von illegalen Drogen wie Cannabis, Kokain oder Heroin zu trennen, liegt an der Kulturgeschichte Europas, in der Alkohol als Droge etabliert ist. Mit der realen Gefahr, von der körperlichen Abhängigkeit über schädliches Verhalten bis zu einer verkürzten Lebenserwartung und substanbedingten Krankheiten hat diese Trennung nichts zu tun.

Würden wir an Alkohol die gleiche Messlatte legen wie an illegale Substanzen, dann ist Alkohol eine harte Droge; die illegalen Cannabisprodukte schaden dem Organismus in viel geringerem Ausmaß.

Alkoholsucht ist die dritthäufigste Todesursache in der EU. Alkoholismus zerstört soziale Beziehungen, verursacht finanzielle Probleme bis hin zum Ruin und hat massive körperliche Folgen: Die Alkoholkrankheit zerstört die Leber und die Nieren, ist verantwortlich für schwere Herzkrankheiten, geht einher mit Mangelernährung und spielt sowohl bei psychosomatischen wie psychischen Störungen mit.

Psychische Störungen, die die Alkoholkrankheit auslöst, sind Gedächtnisschwund, Depression, unbegründete Aggressivität, Kontrollverlust, Stimmungsextreme, die Bipolarität ähneln, Wahnvorstellungen wie bei paranoider Schizophrenie, Antriebslosigkeit und Suizidgedanken.

Der Alkoholkranke weiß in der Regel um die katastrophalen Folgen des Alkohols, ist aber zwanghaft getrieben, seinem Körper Alkohol zuzuführen.

Cannabisprodukte haben hingegen solche katastrophalen Folgen nicht. Dauerkonsumenten können zwar psychisch von Haschisch abhängig werden, und zu den Folgen gehören unter Umständen Antriebslosigkeit, Gleichgültigkeit und selten Paranoia.

Cannabis hat aber nicht die körperliche Folgen wie Alkoholismus, auch wenn in Zigarettentabak gedrehte Joints eine hohe Menge Toxine enthalten und somit Lungenkrebs fördern.

Sogar für die als harte Drogen berüchtigten Morphine wie Morphium und Heroin gilt, dass sie, für sich genommen, den Körper weniger schädigen als Alkoholismus. Alle Morphine führen schnell zu körperlicher Abhängigkeit, doch der körperliche Verfall der User liegt an den Begleiterscheinungen der Sucht, nicht an der Substanz: Verunreinigte Spritzen führen zu Hepatitis und zerstören die Leber, durch Mangelernährung bekommt der Körper nicht die nötigen Vitamine, Mineralien und Nährstoffe, Elendsprostitution, Kriminalität und Gefängnis traumatisieren die Kranken.

Körperliche Abhängigkeit kennzeichnet aber nicht nur Morphine, sondern auch die Alkoholkrankheit; Alkohol ist also nicht minder gefährlich als Substanzen, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen.

Alkohol wärmt

Ein Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, Tee mit Rum beim Angeln? Dass Alkohol von innen wärmt, gehört zum Brauchtum. Tatsächlich fühlt es sich nur so an, denn dieses Gefühl trügt.

Alkohol „wärmt“ uns psychisch, indem er uns angenehme Stimmungen bringt, deshalb nehmen wir auch Kälte weniger wahr. Doch in Wirklichkeit wärmt Alkohol nicht nur nicht, sondern er kühlt den Körper aus; Alkohol erweitert nämlich die Blutgefäße der Haut.

Während wir uns wärmer fühlen, verlieren wir in Wirklichkeit Körperwärme. Diese Fehlwahrnehmung kann fatale Folgen haben. So wurde ein kleines Mädchen zur Halbwaise, weil ihr Vater auf dem Schützenfest im Dorf zu viel über den Durst getrunken hatte.

Immer wieder sterben Obdachlose, da sie zunächst die Kälte durch den übermäßigen Konsum von Alkohol nicht spüren. Bild: Thomas Reimer - fotolia
Immer wieder sterben Obdachlose, da sie zunächst die Kälte durch den übermäßigen Konsum von Alkohol nicht spüren. Bild: Thomas Reimer – fotolia

Es war Ende April, und nachts gab es noch Frost. Offensichtlich hatte der Vater den Schlüssel vergessen und sich mit einem warmen Gefühl im Bauch im Hauseingang schlummern gelegt. Dort fand ihn morgens die Mutter; die Diagnose lautete: Er starb an Unterkühlung.

Wer sich also wirklich aufwärmen will, sollte auf dem Weihnachtsmarkt alkoholfreie Heißgetränke zu sich nehmen, heißer Tee oder alkoholfreier Punsch ist eine gute Wahl. Wenn dieser noch mit Ingwer, Chili oder Zimt gewürzt ist, umso besser, denn diese Gewürze fördern die Durchblutung und der Körper speichert real Wärme statt sich nur so anzufühlen.

Weisheitszähne

Weisheitszähne haben einen schlechten Ruf, und das Gerücht hält sich hartnäckig, man müsste sie prophylaktisch entfernen. Wenn Weisheitszähne jedoch gesund sind, gibt es genau so wenig Gründe, sie zu ziehen wie bei anderen Zähnen. Mehr noch: In seltenen Fällen führt das Ziehen der unteren Weisheitszähne dazu, dass die Nerven in der Zunge gestört bleiben.

Die Eisenbombe Spinat

Wer unter Eisenmangel leidet, der sollte Spinat essen – dieser Mythos hält sich seit über hundert Jahren. 1890 untersuchte der Arzt Gustav von Bunge Spinat und fand einen Eisengehalt von 35 Milligramm pro 100 Gramm des Gemüses, eine Menge, die anderes Gemüse um ein Vielfaches übertrifft.

Der Arzt hatte richtig gemessen, allerdings bezog er sich auf getrockneten Spinat – das Pulver, aus dem wir heute Smoothies anrühren. Der enthält zehnmal so viel Eisen wie frischer Spinat.

Der Comic-Muskelprotz Popeye popularisierte diesen Mythos: Er isst Spinat in Massen, worauf seine Muskeln schwellen.

Spinat ist zwar gesund, wegen seinen Vitaminen, Mineralien und seinem Eiweiß, doch das nicht übermäßig vorhandene Eisen kann der Körper nicht einmal verwerten.

Hände desinfizieren?

Keime scheinen allgegenwärtig zu sein, und deshalb raten besorgte Stimmen, die Hände nach dem Toilettenbesuch nicht nur mit Seife zu waschen, sondern Desinfektionsmittel zu verwenden. Das ist nicht nur unnötig, sondern schädlich.

Desinfektionsmittel trocknen erstens die Haut aus, zweitens machen sie tabula rasa: Sie töten nicht nur die Keime ab, sondern auch alle anderen Bakterien und schaden so der Haut dabei, sich selbst zu schützen.

Drei Liter Wasser am Tag trinken?

Der Körper braucht Wasser, sonst verdursten wir. Nicht nur das, lange vorher leiden wir an Kopfschmerzen, wir werden müde, fühlen uns unwohl und verbreiten schlechte Laune, uns wird schwindlig. Ein Glas Wasser zwischendurch ist auch gut, um abzunehmen, denn häufig ist der Heißhunger eigentlich ein Durstgefühl.

Trinken wir aber alle zu wenig und müssten mindestens drei Liter pro Tag trinken? Ältere Menschen vergessen wirklich oft, zu trinken, ebenso Betroffene, die an Nerven- und Stoffwechselstörungen leiden: Bei ihnen kommt die Information Durst nicht mehr automatisch an.

Wer jedoch einen gesunden Organismus hat, dem sagt der Körper, ob er Wasser braucht: Wir bekommen Durst. Dann sollten wir etwas trinken, und zwar so viel, dass wir nicht mehr durstig sind.

Kälte verursacht Erkältung

Bei der Erkältung liegt der Mythos schon im Namen, denn an sich müsste es „Schleimhautentzündung“ heißen. Es handelt sich um eine Virusinfektion. Richtig ist, dass wir uns diese Infektionen besonders zuziehen, wenn es kalt und feucht ist. Das liegt daran, dass ein norddeutsches Februarwetter das Immunsystem schwächt und wir deshalb anfälliger für den Virus sind.

Der Mythos wird scheinbar dadurch bestätigt, dass kalte Füße mit einer Erkältung einhergehen, und wir meinen, wir müssten dicke Socken tragen, um uns nicht zu „erkälten“. Doch die kalten Füße sind in Wirklichkeit bereits ein Symptom der Virusinfektion.

Frisches Gemüse ist gesünder als tief gefrorenes

Generell sollten wir frisch zubereitete Lebensmittel Fertigprodukten vorziehen, weil die Fertigprodukte zahlreiche Verfahren durchlaufen, bei den Nährstoffe verloren gehen und Zusatzstoffe enthalten, die weder Nährwert haben noch sonderlich gesund sind. Insbesondere haben viele Fertigprodukte einen viel zu hohen Gehalt an Salz und Zucker.

Für frisch gefrorenes Gemüse ohne Fertigwürze gilt das aber nicht. Wenn es mit modernen Methoden schock gefroren wird, bleibt es in der Tiefkühltruhe frischer als das „Frischgemüse“, das bis es auf der Markttheke landet, wesentlich älter ist als es die Tiefkühlkost zum Zeitpunkt des Einfrierens war.

Rohes Gemüse ist gesünder als gekochtes

Diese Regel klingt logisch, weil beim Kochen Vitamine verloren gehen. Das stimmt auch, doch können wir längst nicht alle Vitamine in Rohkost verarbeiten. Die Vitamine E, D, K und A sind nur durch Fett löslich.

Besonders Möhren durchlaufen den Darm ohne Wirkung, wenn wir sie roh zu uns nehmen. Sie dienen höchstens als Ballaststoff. Wir essen Mohrrüben deshalb am besten, wenn wir sie mit etwas Öl dünsten, nicht zerkochen. So bleiben die Vitamine erhalten, stehen dem Körper aber in gelöster Form zur Verfügung.

Einmal jährlich entschlacken?

Müssen wir den Körper jährlich innerlich reinigen, mit speziellen Kuren und Diäten, Abführmitteln und Kräutertee? Falls unser Stoffwechsel, unsere Nieren, Lebern und Därme funktionieren, nicht. Denn die Aufgabe dieser Organe besteht unter anderem darin, den Körper zu reinigen.

Einmal im Jahr entschlacken? Bild: Johanna Mühlbauer - fotolia
Einmal im Jahr entschlacken? Bild: Johanna Mühlbauer – fotolia

Fasten, Gemüsebrühe trinken und einmal im Jahr die Seele baumeln lassen, baut Stress ab, hilft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und hat somit eine positive Wirkung. Um einen gesunden Körper zu „reinigen“, ist es aber sinnlos.

Anders sieht es aus bei Darmproblemen, Erkrankungen der Leber oder Nierenschäden. Dann ist eine spezielle Diät nicht nur hilfreich, sondern notwendig. Eine ärztliche Diagnose und eine genaue Kenntnis des Krankheitsbildes stehen dabei am Anfang.

Früher Schlaf ist gesund?

Zu einem gesunden Leben gehört nicht nur der Verzicht auf Alkohol, Zigaretten und fettem Essen, sondern auch, früh ins Bett zu gehen und früh aufzustehen. Vor einigen Jahrzehnten hätte der Kirchgang am Sonntagmorgen den Lebenswandel abgerundet.

Der Mythos, dass ein Schlaf vor Mitternacht gesünder ist als später, entwickelte sich vermutlich in der protestantischen Ethik: Wer spät ins Bett ging und deshalb morgens lange im Bett blieb, galt als Faulpelz, und da für Luther und Calvin Gottesdienst Arbeit bedeutete, war solcher Müßiggang aller Laster Anfang.

Mehr noch: Die Nacht gehörte den „dunklen Gestalten“, die, wenn „alle Katzen grau sind“ ihren düsteren Gelüsten nachgingen. Es handelte sich also um ein moralisches Urteil über eine Lebensweise.

Noch in der frühen Neuzeit war den meisten Menschen jedoch die Nacht als reine Schlafenszeit fremd. Bauern standen mitten in der Nacht auf, werkelten einige Stunden und legten sich dann wieder zu Bett; Jäger und Sammler gehen ebenso nachts auf die Pirsch wie tagsüber, es sei denn, sie haben handfeste Gründe, die Dunkelheit zu meiden, zum Beispiel, weil sich Löwen herum treiben. Auch dann sitzen sie nachts aber stundenlang zusammen und erzählen sich Geschichten.

Die moderne Schlafforschung erkennt hat keine Verbindung zwischen der Zeit des Zubettgehens und der Gesundheit des Schlafens. Entscheidend ist vielmehr die Regelmäßigkeit und die Dauer des Schlafes.

Wer jede Nacht gegen 2.00 morgens ins Bett geht und dann bis 9.00 schläft, regeneriert sich genau so wie jemand, der generell um 20.00 einschläft und um 4.00 morgens wieder aufwacht.

Wesentlich für den Schlafrhythmus sind die Phasen vom Einschlummern bis zum Rapid Eye Movement, in dem die Dramen unser symbolträchtigen Träume ablaufen, und wir so für den Alltag trainieren.

Werden diese Phasen aber chronisch gestört, durch ständige Unterbrechungen oder Schlaflosigkeit, dann verlieren wir tatsächlich unsere psychische und körperliche Stabilität.

Wechselnde Früh-, Spät- und Nachtschichten führen schnell zu chronischer Übermüdung, weil der Körper Probleme hat, sich an die wechselnden Schlafperioden zu gewöhnen.

Reine Nachtschichten können nur insofern das Wohlbefinden beeinträchtigen, dass sie zu einem Mangel an Sonnenlicht führen, und der wiederum bedingt Depressionen. Mit dem Zeitpunkt des Einschlafens haben diese negativen Gefühle aber nichts zu tun.

Wer nachts isst, wird fett?

Eine Volksweisheit, um abzunehmen, lautet: Nachts essen macht dick, oft verbunden mit der Regel: Morgens reichlich frühstücken, zu Mittag etwas weniger zu sich nehmen, früh und wenig zu Abend essen und am besten mit leerem Magen ins Bett gehen.

Eine schwedische Studie schien dies zu belegen: Übergewichtige Frauen aßen demnach deutlich öfter nachts als normalgewichtige. Doch dieser Studie fehlten wichtige Parameter: Sie untersuchte nicht, was diese Frauen tagsüber und nachts taten, und sie klärte auch nicht darüber aus, was und wie viel die übergewichtigen Frauen ansonsten aßen.

Vielleicht aßen sie nämlich insgesamt mehr, öfter, fett-, kohlenhydrat- und zuckerreicher und bewegten sich außerdem zu wenig.

Generell gilt: Wenn der Körper mehr Energie zugeführt bekommt und speichert, als er verbraucht, setzen Menschen Fett an. Wer sich also nachts mit fettem, zuckerreichem Essen den Bauch vollschlägt und danach direkt ins Bett fällt, der nimmt zu. Wer sich aber morgens mit solchem Essen den Bauch vollschlägt und danach im Bett herum liegt, nimmt ebenfalls zu.

Wer aber nach einer späten Mahlzeit in der Nachtschicht Steine schleppt oder sich im Club die Hacken wund tanzt, nimmt vermutlich eben so wenig an Gewicht zu wie derjenige, der nach einem üppigen Frühstück einen Dauerlauf unternimmt.

Sport verbrennt Kalorien?

Sport macht schlank, das weiß jeder, und wer abnehmen will, nimmt sich oft vor, nach den Mahlzeiten Fahrrad zu fahren, zu joggen, oder anderweitig seinen Körper zu beschäftigen.

Sport hilft zwar, Gewicht abzunehmen, aber nicht dadurch, dass wir die beim Essen angesammelten Kalorien direkt verbrauchen. 1 zu 1 übertragen, müssten wir für eine leichte Mahlzeit mit Brötchen, Schinken und gezuckertem Kaffee mehrere Kilometer laufen, um sie wieder los zu werden.

Um dauerhaft sein Gewicht zu reduzieren, hilft nur, seine Ernährung ebenso dauerhaft umzustellen. Ebenso verhält es sich mit dem Sport: Nur regelmäßiger Sport fördert die Gewichtsabnahme, das allerdings sogar im Schlaf.

Sport selbst verbrennt wenig Kalorien im Vergleich zu denen, die wir aufnehmen. Regelmäßiger Sport treibt dennoch eine Diät voran: Muskeln verbrauchen nämlich bis zu dreimal so viel Energie, sprich Kalorien, als Fett.

Wenn wir durch Sport also unsere Muskeln trainieren, verbrennen wir mehr Kalorien, und das sogar im Ruhezustand: Sogar, wenn wir schlafen, brauchen die Muskeln die Energie. Wer durchtrainiert ist, kann also mehr essen als jemand, der an Überfettung leidet, ohne dabei zuzunehmen.

Der Zehnkämpfer Thorsten zum Beispiel isst jeden Morgen mindestens sechs belegte Brötchen, damit er sich überhaupt die Energie zuführt, die seine Muskeln brauchen.

Kohlenhydrate machen dick?

Lifestyle-Magazine überschlagen sich mit immer neuen Diätmoden. Dass Fett fett macht, ist ein Allgemeinplatz – seit Jahren stehen hingegen auch die Kohlenhydrate als Verdächtige im Zielfernrohr der Stoffe, die es unbedingt zu vermeiden gibt.

Mal soll, wer Gewicht verlieren will, abends keine Kohlenhydrate zu sich nehmen, dann sogar überhaupt keine. Richtig ist, dass die Menschen in den Industriestaaten viel zu viel Zucker zu sich nehmen, den gerade Fertigprodukte in hohen Dosen enthalten.

Falsch ist, dass Kohlenhydrate generell schaden. Im Gegenteil: Kohlenhydrate, Fette und Eiweiß sind die drei Kernelemente, die der Organismus unbedingt braucht. Die Kohlenhydrate sind dabei gewissermaßen das Benzin, ohne das der Motor nicht läuft; wir brauchen die Energie aus den Kohlenhydraten, um überhaupt körperliche Leistungen bringen zu können; manche Profisportler essen deshalb vor Wettkämpfen Pasta in rauen Mengen.

Wenn Kohlenhydrate ansetzen, liegt das daran, dass der Körper sie nicht umsetzen kann. Das gilt zum einen für einfache Kohlenhydrate, also vor allem für weißes Mehl und Zucker, zum anderen aber, wenn wir uns körperlich und geistig nicht anstrengen.

Damit der Körper die Energie der Kohlenhydrate effizient umsetzt, muss er sie erstens verarbeiten können. Das gelingt am besten bei komplexen Kohlenhydraten, zum Beispiel im Vollkornbrot. Hier braucht der Organismus circa einen Tag, bis sie ihm zur Verfügung stehen und er sie dann für körperliche Tätigkeiten nutzen kann. Einfache Kohlenhydrate setzen sich jedoch sofort „fest“ und werden gespeichert.

Zweitens muss der Mensch die Energie des „Treibstoffs“ auch verbrauchen, sonst bleibt sie im Tank, sprich im Körperspeicher. Auch für komplexe Kohlenhydrate gilt dann: Wenn ich den ganzen Tag Vollkornbrot esse, aber nur auf dem Sofa döse, nehme ich bestimmt nicht ab.

Testosteron macht aggressiv

Junge Männer sind in höherem Ausmaß als alte Frauen in Gewaltdelikte verwickelt. Sie kommen durch riskante Autofahrten ums Leben, sie prügeln sich auf Dorffesten und landen nach Alkoholexzessen im Krankenhaus.

Aggressiv durch zu viel Testosteron? Bild: klickerminth - fotolia
Aggressiv durch zu viel Testosteron? Bild: klickerminth – fotolia

Jeder Küchenpsychologe weiß warum: „Da kannst du nichts machen, die sind testosterongesteuert.“ Richtig ist, dass das Sexualhormon Testosteron bei Männern zehnmal häufiger vorkommt als bei Frauen.

Doch bisher gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Testosteron und Aggressivität zusammen hängen.

Cholesterin ist Gift

In den USA gilt der Aufdruck „No Cholesterol“ als Beleg für gesunde Nahrung wie hierzulande Bio-Zertifikate, und auch in Deutschland gilt Cholesterin als schädlich. Dabei handelt es sich um eine Halbwahrheit.

Der menschliche Körper produziert Cholesterin nämlich selbst und transportiert ihn mit Proteinen, vor allem mit HDL und LDL. HDL braucht der Körper nicht nur, umso mehr davon er hat, umso besser. Studien ergaben, dass zu viel LDL hingegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen befördert.

Butter und Eier standen fortan auf der Liste der gefährlichen Lebensmittel.

Doch neue Studien belegen, dass der Zusammenhang zwischen LDL-Cholesterin und Herzerkrankungen nicht eindeutig ist, und in jedem Fall viel schwächer als angenommen.

Nase hochziehen ist schädlich

In Gesellschaft sollten wir besser nicht die Nase hochziehen und danach auf den Boden spucken, das wird nicht gerne gesehen. Ist es aber auch gesünder, in ein Taschentuch zu schnauben?

Mediziner bezweifeln, dass die Nase hochziehen der Gesundheit schadet. Wenn der Verschnupfte ordentlich hochzieht, erzeugt er einen Unterdruck in der Nase und zieht so den Schleim sogar aus den Nasennebenhöhlen. Den Schleim kann man sogar herunter schlucken, und die Magensäure zerstört dann die Keime.

Fingernägel und Haare wachsen nach dem Tod weiter

Was für unsere Vorfahren ein Beleg für die Existenz von Vampiren war, ist in modernen Zeiten nicht tot zu kriegen. Leichen wachsen anscheinend die Nägel und Haare nach dem Tod weiter. Geöffnete Gräber zeigen Tote mit klauenartigen Nägeln.

In Wirklichkeit wächst nach dem Tod gar nichts. Das Fleisch zersetzt sich aber schneller als Nägel und Haare, so dass die Nägel aus Haut und Knochen hervor ragen. (Dr. Utz Anhalt)

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Literatur:

Nancy L. Snyderman: Medical Myths that can kill you: And the 101 truths that will save, extend and improve your life. 2009.