Münchhausen-Syndrom – Anzeichen und Therapie

Fieber vortäuschen ist ein weit verbreitetes Phänomen beim Münchhausen-Syndrom. Bild: Gina Sanders - fotolia
Dr. Utz Anhalt
Das pathologische Lügen
Das Münchhausen-Syndrom bezeichnet erfundene Krankheiten. Betroffene täuschen eine Krankenrolle vor, schaden dadurch ihrer Gesundheit und zwingen so Ärzte darum sich um sie zu kümmern. Sie provozieren Symptome, die nur im Krankenhaus behandelt werden könnten – wenn sie real wären.

Simulanten?

Etwas vorzutäuschen bezeichnen wir als Simulation. Sind Menschen, die am Syndrom leiden aber Simulanten? Im medizinischen Sinne sind sie es nicht. Ein Simulant weiß, was er tut und ist seelisch gesund; er geht zum Beispiel wegen vermeintlicher Rückenschmerzen zum Arzt, um ein paar Wochen die Arbeit zu schwänzen, oder er manipuliert das Fieberthermometer, um nicht zur Schule zu gehen. Er schädigt sich nicht, sondern er erschleicht sich einen Vorteil.

Fieber vortäuschen ist ein weit verbreitetes Phänomen dieser Erkrankung. Bild: Gina Sanders - fotolia
Fieber vortäuschen ist ein weit verbreitetes Phänomen beim Münchhausen-Syndrom. Bild: Gina Sanders – fotolia

Wer jedoch an dieser Störung leidet, schädigt sich jedoch selbst, er verletzt sich, um die Symptome der erfundenen Krankheit zu zeigen; er ist psychisch krank. Er kontrolliert zwar seine Täuschung, führt sie aber zwanghaft aus – in einem pathologischen Sinn.

Die erfundenen Krankheiten

Betroffene täuschen Erkrankungen in nahezu jedem Körperbereich vor: Blinddarm-Entzündungen ebenso wie Durchfall, Magen-Darm-Geschwüre ebenso wie Herzprobleme. Sie erfinden Beschwerden an der Wirbelsäule, motorische Ausfälle, unkontrollierte Gefühlsausbrüche, Kopfschmerzen, insbesondere aber Erkrankungen der Haut: Abszesse, Furunkel, Ekzeme oder infizierte Wunden.

Blasenentzündungen, Schmerzen im Unterbauch. Störungen der Menstruation, Gelenkschmerzen, Muskelspannungen präsentieren sie ebenso wie Kreislaufbeschwerden und Lungenembolie.

Bisweilen liefern sie die Erklärung für ihr „Leiden“ gleich mit und täuschen so zugleich Drogenentzug, Alkoholsucht, Schwindelanfälle oder Depressionen vor. Allerdings gehört die Darstellung psychischer Symptome selten zum Syndrom; die Patienten wollen ins Krankenhaus und nicht in eine Therapie.

Die Inszenierung

Münchhausen-Patienten kommen besonders gerne zur Zeit des Notdienstes in eine Klinik und schildern ihre „Beschwerden“. Sie haben die entsprechende medizinische Fachliteratur inzensiv studiert und können die Symptome deshalb überzeugend darstellen. Sie wissen auch um den Verlauf „ihrer“ Erkrankung und bringen eine glaubwürdige Erzählung des Krankheitsprozesses.

Der Aufnahmearzt ist von den, meist ernsten Krankheiten, die der Betroffene vorspielt, überfordert. In der Regel untersucht er den Patienten und schickt ihn dann auf die jeweilige Fachstation. Genau darauf legt der Schwindler es an.

Betroffene entwickeln erstens raffiniert ein Krankheitsbild, wenn der Arzt ins Zögern kommt, weil unklar ist, worum es sich handelt, ist er zweitens verpflichtet, die Unklarheit zu klären; drittens manipulieren sich die Gestörten in einem solchen Ausmaß, dass ein Arzt, der mit dem Syndrom nicht vertraut ist, kaum an eine Täuschung denkt.

Sie schütten Säure auf die Haut, reiben und quetschen sie, verdrehen Arme und Beine, bis sie Blutergüsse und Lymphstau vorweisen können; sie spritzen sich Speichel oder Spülwasser unter die Haut, um mit einer realen Infektion beim Arzt zu erscheinen.

Sie erzeugen künstlich Fieber, sie nehmen Antikoagulanzen, um die Blutgerinnung zu hemmen – bei Wunden, die sich selber zuführen. Sie nehmen Schildrüsenhormone, um eine Überfunktion der Schilddrüse vorzuweisen, sie spritzen sich Insulin, um sich zu unterzuckern, sie erhöhen künstlich den Kaliumgehalt im Blut.

Sie inszenieren sogar Herz- und Lungenbeschwerden, indem sie Blut schlucken, um Blut zu husten. Frauen mit dieser Störung täuschen Vaginalblutungen mit Blut her, oder verätzen die Schleimhäute. Männer und Frauen simulieren mit Blut Verletzungen in Enddarm und Harnröhre. Urinproben fälschen sie zum Beispiel durch Kot.

Betroffene fälschen Urinproben, um Krankheiten vorzutäuschen. Bild: tunedin - fotolia
Betroffene fälschen Urinproben, um Krankheiten vorzutäuschen. Bild: tunedin – fotolia

Besonders erfolgreich sind Betroffene, wenn sie eine reale Operation hinter sich haben. Dann manipulieren sie die Wundheilung, indem sie die Narben aufreißen, oder infektiöse Substanzen auf die Wunde tragen.

In Extremfällen schaden sich die Kranken in hohem Ausmaß. Ein Betroffener hatte zum Beispiel eine Wunde nach einer Kniespiegelung, die nicht heilte. Die Ärzte operierten ein weiteres mal, doch noch immer heilte die Wunde nicht. Die Infektion griff auf den Knochen über, und die Ärzte mussten den Unterschenkel amputieren. Erst viel später wurde klar, dass der Patient die Entzündung selbst herbei geführt hatte.

Die Enttarnung

Diese Täuschungen funktionieren meist nur für eine kurze Zeit. Die Ärzte untersuchen erst einmal auf eine Vielzahl von Ursachen hin, bisweilen führen sie sogar medizinische Eingriffe durch. Aber nach einer umfassenden Analyse fliegt die Fälschung auf.

Die Erkrankten entlarven sich oft bereits durch ihr Verhalten: Mit Feuereifer lassen sie Eingriffe nicht nur zu, sondern fordern sie ein, während „normale“ Patienten diese eher fürchten und nur über sich ergehen lassen, weil der Arzt ihnen die Notwendigkeit erklärt. Die Schwindler zeigen sogar meist eine erhöhte Schmerztoleranz.

Während sie aber nach Behandlung ihrer „Krankheit“ geradezu gieren, ist ihnen das Ergebnis und der Heilungsprozess gleichgültig. Bei „normalen“ Kranken verhält es sich umgekehrt: Sie fühlen sich unwohl bei der Behandlung, freuen sich aber, wenn die Wunden heilen und sie nach Hause gehen.

Münchhausen-Patienten zeigen zwar nicht offen, dass sie nicht entlassen werden wollen, es wird aber deutlich, dass sie nicht begeistert sind.

Verhalten und Ursachen

Münchhausen-Patienten brechen ihre Beziehungen ab, reisen ständig umher, vor allem von einem Krankenhaus zum anderen, ihnen fehlen soziale Wurzeln und sie irren oft ziellos umher.

Zu den manipulierten Krankheiten kommen Lügengeschichten über die eigene Biografie, Herkunft und Erkrankung – wie bei Borderlinern. Tatsächlich wird das Münchhausen-Syndrom heute zum Borderline-Formenkreis gezählt. Die Patienten geben falsche Namen und Adressen an und fälschen Krankenakten. Dadurch machen sie sich bei Kliniken und Krankenkassen einen Namen.

Bisweilen zeigen derart Gestörte sogar dissoziales Verhalten oder rutschen in die Kriminalität; viele sind von Medikamenten abhängig. Kindesmissbrauch tritt in ihren Lebensläufen oft auf, dazu Inzest, suchtkranke Eltern, kriminelle Väter und saufende Mütter.

Münchhausen-Erkrankte leiden oft unter weiteren psychischen Störungen, unter anderem an extremen Narzissmus, klassischem Borderline-Syndrom, einige zeigen sogar schizophrene Psychosen.

Die Suizidgefahr ist hoch; die Selbstverletzungen können zudem dauerhafte Schäden nach sich ziehen – von Verstümmelungen über körperliche Behinderungen bis zu Vergiftungen und geistigen Störungen. Sie können sogar zum Tod führen, wenn der Betroffene zum Beispiel eine Sepsis herbei führt, die lebenswichtige Organe betrifft.

Verwechslungsgefahr besteht mit (harmloseren) Simulationen, Neurosen und Psychosen. Auch Hypochonder zeigen ein ähnliches Verhalten, unterscheiden sich aber wesentlich: Sie lügen nicht, sondern glauben fest an eine ominöse Krankheit, die sie im Griff hält.

Das Münchhausen-Syndrom unterscheidet sich außerdem von Störungen, bei denen sich Menschen offen selbst verletzen – Formen von Borderline, dem posttraumatischen Belastungssyndrom, Essstörungen und Drogenkrankheit.

Professorin Annegret Eckhardt-Henn, Leiterin der Abteilung für Psychosomatische Medizin des Klinikums Stuttgart sieht das zwanghafte Lügen zwar als wesentliches Symptom, hält das Etikett vom Lügenbaron aber für verfehlt. Sie täuschten, ihr zufolge, die Krankheiten nicht absichtlich vor wie Simulanten. Eckhardt-Henn schreibt: „Betroffene haben einen inneren Drang, sich diese Verletzungen zuzufügen. Man muss sich das vorstellen, als hätte derjenige eine Sucht.“

Reine Münchhausen-Patienten sind sehr selten. Sie zeichnen sich aus durch Gefühlskälte, Bindungslosigkeit, fehlende Impulskontrolle, und fehlendes Schuldbewusstsein. Sie sind aggressiv und gewalttätig. Eckhardt-Henn sagt: „Sie brechen die Beziehungen zum Arzt ab, sobald er Verdacht schöpft.“

Artefakt-Krankheiten

Viel häufiger verbreitet als das wirkliche Münchhausen-Syndrom sind Artefakt-Krankheiten – eine Art Münchhausen-Syndrom light.

Dieses Verhalten entwickelen häufig Menschen, die in medizinischen Berufen arbeiten: Krankenschwestern, Arzthelferinnen oder Röntigen-Assistentinnen. Außerdem überwiegen hier Frauen, während unter dem Münchhausen-Syndrom vor allem Männer leiden.

Die Symptome sind zwar ähnlich, die Kranken sind aber nicht dissozial veranlagt, selten in Gewaltdelikte verwickelt und auch seltener Opfer von Kindesmissbrauch oder kaputten Familien.

Die Betroffenen sind im Gegenteil meist fest in ihre Familie und ihren Beruf eingebunden. Selbstschädigungen, die das Leben bedrohen, sind die absolute Ausnahme. Artefakt-Patienten können ihre Täuschungen besser steuern, das heißt, sie bleiben in einem Rahmen, der nicht ihre berufliche Existenz gefährdet.

Sie streiten sich nicht auf rohe Art mit den Ärzten der Klinik und wandern weniger von Krankenhaus zu Krankenhaus. Da viele zudem aus medizinischen Berufen kommen, wissen sie genau, ab welchem Punkt ihr Verhalten auffällt. Die Dunkelziffer solcher Patienten dürfte folglich hoch sein.

Trotzdem handelt es sich nicht um Simulanten. Die psychischen Ursachen von Münchhausen-Syndrom und Artefakt-Krankheiten sind noch nicht gänzlich bekannt. Vermutlich handelt es sich um eine Projektion ihrer tatsächlichen seelischen Erkrankung auf das Körperliche; sie suchen den Rahmen des Krankenhauses, weil sie krank sind und Behandlung bedürfen.

Patientinnen mit Artefakt-Störungen erfinden in der Regel keine Fantasie-Biografie. Sie täuschen meist auf ungefährlichere Art, nehmen Abführmittel, Medikamente mit starken Nebenwirkungen oder mischen Blut in den Urin.

Implizit drücken sie also aus: „Helft mir,“ würden aber jede Diagnose einer psychischen Störung rigoros zurückweisen und sind sich dieser auch nicht bewusst.

Wer als Kind missbraucht wurde, dies aber nie aussprechen konnte, ist seelisch schwer verletzt. Dies am eigenen Körper auszudrücken und die Fachleute dazu zu zwingen, sich mit der Krankheit zu beschäftigen, erscheint so als unbewusster Hilferuf. Deutlich wird dies beim „Krankenhauswandern“.

Es lässt sich als das vergebliche Suchen nach Hilfe für real in der der Kindheit erfahrene Verletzungen bewerten; die Betroffenen sind vielleicht wirklich brüskiert, wenn der Arzt ihnen erklärt, er könne nichts finden. Sie leiden nämlich real.

Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom

Dieses erweiterte Münchhausen-Syndrom ist das gefährlichste, weil wehrlose Dritte, nämlich Kinder, in die pathologische Täuschung einbezogen werden. Mütter manipulieren hier ihre minderjährigen Söhne und Töchter und schleppen diese mit erfundenen Krankheiten in die Klinik.

Diese Mütter wirken auf die Ärzte wie Übermütter, also extrem fürsorglich. Selbst, wenn die Mediziner feststellen, dass das Kind keine Krankheit hat, vermuten sie häufig, dass die Mutter sich lediglich zu viel Sorgen macht.

Da es tatsächlich solche Mütter gibt, die Angst haben, dass das Kind sich erkältet, wenn es draußen herum läuft, oder, wenn das Kind sich leicht unwohl fühlt, sofort zum Arzt rennen, liegt dieser Verdacht nahe. Übertriebene Fürsorge kann selbst krankhafte Formen annehmen, oft genug handelt es sich dabei um verlustängste der Mütter, oder aber um versteckte Aggression, nämlich den Wunsch nach Kontrolle.

Beim erweiterten Münchhausen-Syndrom identifizieren sich die Mütter in gleichem Ausmaß mit ihren Kindern wie überbesorgte Mütter, die ihre Ängste auf das Kind projizieren, und so fällt die extrem enge Beziehung zwischen ihnen und ihren Kindern auf. Zusätzlich leiden sie aber am Münchhausen-Syndrom und übertragen auch dieses noch auf ihr Kind.

Ähnlich wie die Erwachsenen mit dieser Störung lässt das Kind auch schmerzhafte Eingriffe routinemäßig über sich ergehen, wenn die Mutter diese einfordert. Die Mütter manipulieren ihre Kinder mit der gleichen Grausamkeit wie andere Betroffene sich selbst: Sie spritzen ihrem Sohn Luft in die Adern, sie halten ihrem Säugling Mund und Nase zu, bis dieser droht, zu ersticken; sie brechen ihrer Tochter Arme und Beine, verschmieren Dreck in den Wunden, fahren ins Krankenhaus, wo sich die Ärzte über die merkwürdigen Entzündungen wundern.

Solche Mütter sind schwer psychisch krank, und sie wehren anscheinend eigene seelische Zusammenbrüche durch die qualvollen Prozeduren an ihrem Kind ab. Die Projektion geht hier vermutlich noch einen Schritt weiter als bei reinen Betroffenen: Während die nämlich ihre erfundenen körperlichen Leiden als symbolischen Ausdruck ihrem Hilferufs für ihr seelisches Leiden einsetzen, gehen die Mütter noch einen Schritt weiter.

Sie sind krank, nämlich psychisch und bedürfen dringend einer Behandlung. Statt sich aber selbst zu schädigen, schaden sie dem Kind, das zu einem erweiterten Teil des eigenen mentalen Raumes wird. Diese Menschen nehmen ihre Kinder nicht als eigenständige Individuen wahr: Das Kind wird zum missbrauchten Objekt, um eine „Therapie“ für die Mutter zu basteln.

Beim Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom werden die Kinder meist durch die Mütter krank gemacht. Bild: Tomsickova - fotolia
Beim Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom werden die Kinder meist durch die Mütter krank gemacht. Bild: Tomsickova – fotolia

Werden solche Mütter enttarnt, dann brechen sie in der Regel psychisch zusammen, geraten in Psychosen und schädigen sich jetzt selbst, bis hin zu Suizidversuchen.

Auch das erweitere Münchhausen-Syndrom gehört zum Borderline-Spektrum, und wie bei klassischen Borderlinern kippt Autoaggression ohne weiteres in Aggressionen gegen andere.

Insgesamt sind Mütter für circa 40 % der Kindesmisshandlungen verantwortlich, bei Münchhausen steigt die Quote auf weit über 90 %. Meist handelt es sich um alleinstehende Frauen, oder um Kinder, deren Väter nur sehr selten zuhause sind.

Im Unterschied zum klassischen Münchhausen-Syndrom sind die missbrauchenden Mütter auffällig-unauffällig, wirken sogar überangepasst. Ständig fragen sie die Ärzte nach den Ergebnissen, häufig handelt es sich um Krankenschwestern oder medizinische Assistentinnen.

Sie rufen Anämien hervor, indem sie Blut abzapfen, sie manipulieren Fieberthermometer oder sie fälschen die Krankenblätter.

Therapie

Die Dunkelziffer ist vermutlich hoch, besonders bei den leichteren Fällen. Beim erweiterten Syndrom gilt es, schwere Schäden, körperlich wie seelisch von Dritten abzuwenden. Ärzte und medizinisches Personal sollten deshalb systematisch geschult werden, um verdächtiges Verhalten zu erkennen.

Mütter, die am Stellvertretersyndrom leiden, müssen unbedingt von ihren Kindern getrennt werden. Alle von den Krankeiten Betroffenen, benötigen eine langwierige Psychotherapie; sie sind aber fast immer beratungsresistent. Liegen bereits schwere Selbst- und Fremdschädigungen vor, führt kaum ein Weg an einer Zwangseinweisung vorbei.

Da es sich um eine Störung handelt, die ihren Ursprung in traumatischen Erfahrungen hat, ist sie nicht heilbar. Die Symptome lassen sich aber lindern, zum Beispiel durch eine Verhaltenstherapie. Bei Betroffenen mit einer dissozialen Persönlichkeit gilt leider, dass sie gegen solche Behandlungen weitgehend „immun“ sind.

Juristisch ist es wichtig, die Betrüger als Kranke zu behandeln, und das bedeutet, sie statt Gefängnisstrafen in eine therapeutische Anstalt zu verweisen. (Dr. Utz Anhalt) 

Advertising