Multiple Persönlichkeitsstörung – Symptome und Therapie

Mehrere Persönlichkeiten in einer? Bild: alisseja - fotolia
Dr. Utz Anhalt
Wer an einer multiplen Persönlichkeit leidet, der spaltet seine Identität in verschiedene Personen auf. Meist haben die Betroffenen eine Hauptidentität und können sich an das, was die anderen Teilpersonen tun, kaum erinnern.

Ihre Erinnerung hat vieles mit dem Kater nach einem Alkoholexzess gemeinsam: Lediglich Fragmente des Erlebten sind im Bewusstsein. Die darunter Leidenden dissoziieren, und sie wirken wie weggetreten, wenn sie sich „wandeln“.

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Mehrere Persönlichkeiten in einer? Bild: alisseja – fotolia

Die Teilpersönlichkeiten haben eigene Identitäten. Sophia, eine Betroffene, kennt zum Beispiel eine erwachsene Prostituierte, eine Lehrerin und ein 13jähriges Mädchen. Wenn sie „wandelt“, verändert sich ihre Stimme und ihre Haltung, ebenso ihre Meinungen und Interessen. Ihre Ängste sind andere, ebenso ihre Vorlieben – und sogar ihr Wissen über bestimmte Themen.

Manchmal wachte sie nackt in der Dusche auf, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen war. Ihre letzte bewusste Erinnerung lag viele Stunden zurück. Dann wieder, sie arbeitete gelegentlich als Prostituierte, fand sie sich auf ihrem Sofa in ihrer Berufskleidung als Sexarbeiterin und mit vollem Geldbeutel, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen war.

Traumatisierung

Die multiple Persönlichkeit galt lange entweder als Scharlatanerie, erfundene Krankheit oder faszinierendes Kuriosum. Esoteriker sahen sogar Geistwesen am Werk. Die Traumaforschung erkannte hingegen das Verhalten der multiplen Persönlichkeiten als typische Abspaltungen bei Traumatisierungen.

Inwieweit MPS eine eigene Erkrankung darstellt, und ob die „Teilpersonen“ wirklich so autonom agieren, wie Betroffene und Zeugen berichten, ist in der Wissenschaft umstritten. Nicht wenige „multiple Personen“ leiden auch am Borderline- oder an PostTraumatischenBelastungssyndrom.

Diese beiden Störungen kennzeichnen nicht nur Dissoziationen, sondern die Betroffenen konstruieren auch Wirklichkeiten, an die sie selbst glauben oder sie fantasieren, um um sich verschlüsselt zu vermitteln: Ein Kriegstraumatisierter zum Beispiel erfindet regelmäßig Vorfälle, in denen Unbekannte ihn nachts attackieren, er sich zur Wehr setzt und morgens verletzt im Bett liegt – seine Bekannten wissen derweil, dass er in Wirklichkeit betrunken nach Hause torkelt, ohne irgend jemand zu begegnen.

Ob es sich bei diesen Konstruktionen um bewusste Lügen handelt, um symbolische Geschichten, die ein erlittenes Trauma übersetzen oder in welchem Grad der Betroffene sie selbst glaubt, lässt sich durch Außenstehende kaum beurteilen.

Dieser Vorbehalt gilt auch bei der multiplen Persönlichkeit. Sophia zum Beispiel fantasierte auch mit einer Ex-Partnerin, dass sie beide Engel seien, die auf Erden leiden müssten und einen besonderen Auftrag hätten.

Die Grenze, ob das Andere Ich bei solchen multiplen Persönlichkeitsstörungen bewusst-unbewusst erfunden ist, um als Rollenspiel zeitweise eine andere Identität anzunehmen, oder ob das Unbewusste ein eigenes Muster aufbaut, das tatsächlich unwillkürlich verläuft, lässt sich schwer ziehen und ist durch empirische Studien nicht hinreichend geklärt.

Wenn es sich aber um Folgen eines Traumas handelt, ist zumindest klar, wozu die Teilpersönlichkeiten dienen. Wer eine traumatische Erfahrung macht, teilt das reale Erlebnis oft vom Bewusstsein ab. Der Betroffene muss nämlich in der traumatisierenden Situation weiterleben – sei es, dass er als Soldat im Krieg in der Stellung verharrt, sei es, dass sie als missbrauchtes Kind weiter mit dem vergewaltigenden Vater zusammen lebt.

Alle Traumatisierten, die derart Erfahrungen abspalten, leiden im späteren Leben darunter, dass sie die Erfahrung nicht integrieren können: Sie geraten in Panik, wenn sie ein (harmloser) Auslöser an das Geschehen erinnert, sie werden aggressiv gegenüber Unschuldigen, die Ähnlichkeiten mit dem Verursacher des Traumas zeigen (Frisur, Geruch, Vornamen, Stimme etc..).

Wenn es stimmt, dass die multiple Persönlichkeit eine eigene Störung darstellt, haben sich diese Abspaltungen bei den Betroffenen verselbstständigt.

Symptome

Menschen mit dieser Störung fällt es schwer, im Alltag zurecht zu kommen. Sie erscheinen nicht zu Terminen, weil sie „wandeln“, ihre Teilpersönlichkeiten treffen Abmachungen, die der „Normalcharakter“ vergisst, sie verlieren einen Großteil ihrer Zeit und können keine stringente Lebensstruktur aufbauen.

Die Diagnose ist nicht nur umstritten, sie ist vielen Betroffenen auch äußerst peinlich. Sie verlieren viel Zeit und Energie durch ihr Springen von einem Zustand in den anderen. Zusätzlich investieren sie Zeit darin, nach außen normal zu erscheinen.

Ihre Zustände lassen sich leicht mit anderen psychischen Problemen verwechseln. In erster Linie wirken sie chaotisch; sie können ihre Gedanken nicht zusammen bringen; sie können sich nicht konzentrieren und vor allem nicht das einhalten, was sie zuvor versprachen. All dies gilt auch für Menschen, die an Aufmerksamkeitsdefiziten, Borderline und teilweise an bipolaren Störungen leiden.

Bei multiplen Persönlichkeiten liegt die vermeintliche Fahrigkeit jedoch darin, dass sie wandeln, und häufig keine der Teilpersonen „pur“ zum Vorschein kommt. Die Betroffenen wirken dann, als hätten sie Sprachstörungen, sie führen „Selbstgespräche“, wenn sie schreiben, brechen ihre Sätze plötzlich ab, und sie schreiben mit anderer Schrift zu einem gänzlich anderen Thema.

Andere Symptome überschneiden sich mit verschiedenen Störungen wie Borderline oder PTBS, denen ebenfalls ein Trauma zugrunde liegt: Multiple leiden unter Flashbacks, in denen das traumatisierende Ereignis ungefiltert wieder auftaucht, die meisten haben klinische Depressionen. Ihre Gefühle brechen aus wie bei Borderlinern, ihr Verhalten wirkt zwanghaft, sie haben Essstörungen wie Anorektikerinnen und Bulemie-Kranke, und viele von ihnen verfallen Alkohol und anderen Drogen.

Multiple Persönlichkeit und Schizophrenie

Wer sich in mehrere Persönlichkeiten gespalten erlebt, gilt im Volksmund als „schizophren“. Das entspricht aber nicht dem Krankheitsbild: Schizophrene leiden unter optischen und akustischen Halluzinationen. Sie hören Stimmen, sie denken, jemand bricht in ihre Wohnung ein, sie glauben, sie wären „verhext“, und sie meinen unsichtbare Kräfte zu sehen, die den anderen verborgen bleiben.

Auch multiple Persönlichkeiten hören Stimmen, die sie zu Handlungen treiben. In ihrer Hauptidentität wissen die Betroffenen aber, dass es sich um Halluzinationen handelt. Hingegen vergessen sie, was sie taten, während sie sich in ihren Teilpersönlichkeiten befanden.

Bei Schizophrenen verhält es sich umgekehrt: Sie glauben fest an ihre Halluzinationen und halten psychisch Gesunde für Teil einer Verschwörung, weil sie bezweifeln, dass zum Beispiel dunkle Magier Zauberstrahlen in den Unterleib der Betroffenen schicken. Dabei erinnern sie sich aber gewöhnlich an das , was sie tun und erleben.

Menschen, die am Borderline-Symptom leiden, bewegen sich ebenfalls in einer fragmentierten Identität, die sich aus Splittern von Persönlichkeiten zusammen setzt, und bisweilen geht die Diagnose Borderline-Syndrom mit den (nicht gesicherten) Diagnose multiple Persönlichkeitsstörung zusammen, wie im Fall von Sophia.

Es gibt zwischen den meisten Borderlinern und den „klassischen“ Mustern multipler Persönlichkeiten jedoch auch gravierende Unterschiede. Zwar wechseln Borderliner aus Unsicherheit über ihre Identität, häufig ihre Meinungen, Positionen und Selbstbilder. Zwar spalten sie ebenfalls traumatisierte Erlebnisse ab, sind felsenfest überzeugt, dass eine neu angenommene Rolle sie selbst sind, und in ihnen spuken so viele Personen herum, dass Therapeuten sich ihnen gegenüber in der Minderheit fühlen.

Borderline kennzeichnet jedoch nicht primär eine Hauptpersönlichkeit mit unkontrollierten Teilpersonen, sondern eine innere Leere und ein Als-Ob-Verhalten. Sie verhalten sich als wären sie ein Popstar, ein Rebell, eine Femme Fatale, irgend etwas besonderes, weil sie tief in sich ihrer Angst entfliehen wollen, ein Nichts zu sein.

In Fällen, wo dies auf multiple Persönlichkeiten zutrifft, würde es sich nicht um mehr oder weniger autonome Teilpersönlichkeiten handeln, sondern um ein pathologisches Theater, um der inneren Leere zu entfliehen. Das wird aber den ganz realen Dissoziationen, die den Betroffenen zu schaffen machen, nicht gerecht.

Die dissoziative Identitätsstörung kennzeichnet nämlich gerade, dass sich die Erkrankten an wesentliche Erlebnisse nicht erinnern können, ohne diesen Gedächtnisschwund zu simulieren. Ihrer Normalidentität ist nicht bewusst, was die anderen Identitäten tun.

Eine erfundene Störung?

Die dissoziative Identitätsstörung war schon im 19. Jahrhundert bekannt; bis vor ungefähr 50 Jahren interessierte sich die Psychologie indessen nicht besonders dafür. In den 1970er Jahren wurden die „Multiplen“ dann ein Thema – vor allem in den USA. In gewissen Patienten sollten angeblich tausende von Personen umher geistern, und Therapeuten klassifizierten diese Heerscharen akribisch.

Die dissoziative Identitätsstörung wurde eine Modediagnose. Inmitten immer häufiger diagnostizierter Vielfachpersönlichkeiten meldeten sich kritische Psychologen massiv zu Wort.

In einigen Fällen zeigte sich, dass die Teilpersönlichkeiten durch suggestive Fragen der Therapeuten zustande kamen, und die Patienten vor der Therapie solche „Anderen Ichs“ überhaupt nicht hatten.

Inszenierungen, in denen „Betroffene“ zum Beispiel die Identität von Tieren annahmen, erinnerten nicht zufällig an Voodou-Rituale, in denen die Gläubigen meinen, dass ein Gott in ihnen wirke oder an „neue Hexen“, die behaupten, mittels Trance zu erkennen, dass sie die Wiedergeburt einer von der Inquisition verfolgten Frau seien.

Gerichtsverfahren, in denen Verbrecher aussagten, sie hätten sich bei der Tat in einer anderen Person befunden, ergaben, dass die Täter die dissoziative Identitätsstörung entdeckten, um sich von der Schuld reinzuwaschen.

Die „multiple Persönlichkeit“ war in diesen Fällen nichts anderes als Betrug, vielleicht verbunden mit der Verdrängung eines Menschen, der etwas Schlimmes getan hat und sagt „das war nicht ich,“ weil sein ethisch bewusster Teil so etwas nicht tun würde.

Die Kritiker fühlten sich durch solche Betrügereien bestätigt. Mehr noch: In vielen Fällen ergaben Prüfungen, dass auch die traumatischen Erfahrungen der Kindheit manipuliert waren – oft ohne Absicht der Therapeuten. Suggestionen der Therapeuten, die Allgegenwart der MPS in den Medien und der Geltungsdrang der „Betroffenen“ produzierte immer mehr und immer aufregendere Personen.

Patienten verklagten ihre angeblich missbrauchenden Eltern, bis die Gerichte feststellten, dass es nie einen Missbrauch gegeben hatte; andere brachten ihre Therapeuten vor Gericht, weil diese ihnen falsche Erinnerungen einredeten.

1980 wurde die dissoziative Identitätsstörung indessen als psychische Störung international anerkannt.

Das entfremdete Selbst

Die theatralischen Darbietungen verdeckten den wahren Kern: Die „reale“ multiple Persönlichkeitsstörung ist wenig sensationell, aber dafür mit viel Leid verbunden.

Der Begriff „dissoziative Identitätsstörung“ verweist darauf, dass es höchst selten um autonom handelnde Charaktere geht, sondern um Entfremdung von Aspekten der eigenen Biografie. So zeigen sich die Betroffenen kaum als Dr. Jekyll, dessen dunkle Seite eigenständig böse Taten verübt, sondern klagen darüber, ihre unterschiedlichen Erinnerungen nicht in Einklang zu bekommen.

Bruchstücke ihrer Gedächtnismuster erscheinen, ohne dass die Patienten wissen, was geschehen ist. Diese Bewusstseinsinhalte nehmen zwar selten die Form von Personen an, aber sie sind ohne Verbindung zueinander abgespeichert.

Typisch sind zudem mehrfache Traumatisierungen, die die Betroffenen zwanghaft reinszenieren und sich selbst in Situationen bringen, die das Trauma wiederholen. Damit erscheint die dissoziative Identitätsstörung nicht als losgelöst von anderen psychischen Erkrankungen, sondern als Verhalten Traumatisierter.

Die multiple Persönlichkeit verliert also ihren Zauber – vermutlich deshalb, weil es heute effektive Therapien für Traumatisierte gibt, und Missbrauch in der Kindheit aus dem Tabu an die Öffentlichkeit kam.

Die krassen Selbstdarstellungen von multiplen Persönlichkeiten in den 1970er Jahren waren vielleicht auch ein Versuch, traumatische Erfahrungen als Psychodrama abzubilden.

Das Wissen der heutigen Trauma- und Gedächtnisforschung entmystifiziert die dissoziative Identitätsstörung zum einen, zum anderen stellt sie die Kontroverse zwischen „erfundenem Phänomen“ und autonom agierenden Charakteren des Unbewussten vom Kopf auf die Füße.

Ein Mensch, der extremen Stress durchlebt, schaltet nämlich Emotionen, und damit sich selbst, vom systematischen Denken ab. Es handelt sich dabei um einen Überlebensmechanismus des Gehirns: So kann der Betroffene in Situationen funktionieren, in denen seine üblichen Reaktionen eine Handlung unmöglich machen.

Ein Missbrauchter zum Beispiel würde normalerweise vor seinem Peiniger davonlaufen. Ein Kind, das von einem Erwachsenen abhängig ist, kann das aber nicht, deshalb spaltet es ab.

Die multiple Persönlichkeit relativiert sich als gänzlich eigenständiges Phänomen auch dadurch, dass in vielen Fällen die Teilpersonen Beteiligte des Traumas spiegeln wie hilfloses Kind, Täter und ausgleichende Gerechtigkeit.

Das entspricht genau den Bildern, die auch andere Traumatisierte entwickeln, ohne diese Aspekte der Abspaltung als eigenständige Figuren wahrzunehmen.

Betroffene, die hunderte von Personen in sich am Werk sehen, gibt es extrem selten, wenn überhaupt. Höchstwahrscheinlich legten die Therapeuten ihnen diese „Storyline“ suggestiv nahe, ohne es vielleicht zu wollen. Geltungsdrang und Autosuggestion spielten vermutlich ebenfalls mit.

Die Frage zwischen „wirklicher und erfundener Störung“ löst sich jedoch selbst bei solchen Patienten auf: Unser Gehirn unterscheidet nämlich nicht zwischen erlebt und erfunden, auch wer von traumatischen Situationen nur hört, ohne dabei zu sein, kann die Symptome eines Traumatisierten entwickeln.

Unser Gedächtnis ist weniger eine Chronik als ein kreativer Cluster, der sich „Erinnerungen“ so zurecht legt, dass sie sinnvolle Muster entwickeln. Bei einem Traumatisierten kann das Hineingehen in verschiedene Rollen, die nicht integriert sind, ein solches Muster darstellen.

Therapie

Die Therapie multipler Persönlichkeiten ist kompliziert. Sie dauert lange, und das zu Grunde liegende Trauma lässt sich nicht heilen wie ein gebrochenes Bein.

Die Traumatherapie bietet einen Ansatz zur Hilfe der Betroffenen. Bild: Photographee.eu - fotolia
Die Traumatherapie bietet einen Ansatz zur Hilfe der Betroffenen. Bild: Photographee.eu – fotolia

Psychologen der 1970er Jahre machten vermutlich den Fehler, dass sie die Patienten im Ausagieren ihrer Teilpersonen bestärkten und so die Spaltung vorantrieben statt sie aufzulösen. Immer neu auftretende Personen waren vermutlich die Folge.

Hingegen geht es darum, den Betroffenen damit vertraut zu machen, dass sein Problem keine „magische Fähigkeit“ ist, sondern die Reaktion auf ein Trauma und die Teilpersonen in Beziehung zu setzen.

Im ersten Schritt sollten die Charaktere im Unbewussten sich kennen lernen, um dann miteinander zu arbeiten. Im zweiten Schritt sollten sie sich Stück für Stück auflösen – im Idealfall verschmelzen sie zu einem Wesen, das heißt, der Betroffene integriert sie in seiner ganzen Person.

Doch genau dagegen sträuben sich viele Patienten. Sie haben sich so an diese unterschiedlichen Personen gewöhnt, dass sie befürchten, sich selbst zu verlieren, wenn ihnen diese Anderen Ichs abhanden kommen.

Das Trauma wurde in der Vergangenheit bei „Multiplen“ oft nicht berücksichtigt oder nicht gefunden. Wenn sich der Patient erst einmal an kein traumatisierendes Erlebnis erinnert, ist der Grund dafür meist, dass er das Trauma verdrängte.

Eine Faustregel könnte sogar lauten: Je ausgefeilter die Teilpersonen sind und handeln, umso größer die Abspaltung, umso kleiner die bewusste Erinnerung an das reale Geschehnis. Dissoziation bedeutet ja gerade, dass verschiedene Bereiche der Erlebnisse sich trennen – und zwar vom Inhalt her. Bestimmte Informationen leitet das Gehirn nicht weiter.

Vieles deutet darauf hin, dass multiple Persönlichkeitsstörungen insbesondere bei wiederholten Traumatisierungen stattfinden: Der durch Missbrauch in der Kindheit Traumatisierte sucht unbewusst Situationen, die an das Trauma erinnern, wird erneut traumatisiert und lernte zugleich Dissoziieren als „Ausweg“ kennen. Das Dissoziieren fällt jetzt immer leichter, die Teilpersonen teilen sich auf und teilen so das Leid, das den Betroffenen in Gänze überrumpeln würde.

Zugleich geht der Betroffene mit seinen „Beschützern“ in Rollenmuster der Realwelt, die das Trauma spiegeln – das missbrauchte Mädchen sucht Sexualpartner, die es verabscheut oder verkauft ihren Körper in der Sexarbeit. Teilpersonen wie das hilflose Kind, die eiskalte Hure oder der Peiniger lassen sich jetzt in einer Struktur aus agieren.

Eine dissoziative Störung hat ihre Wurzeln vor allem deshalb meist in Kindheitstraumatisierungen, weil Kinder weit besser dissoziieren als die meisten Erwachsenen.

Der Betroffene muss sich zuerst auf den Therapeuten einlassen. Erst einmal geht es um eine Struktur für den Alltag, die beide zusammen erarbeiten. Der Kopf des Patienten muss frei sein von Folgeerscheinungen wie finanziellem Chaos oder belastenden Bekannten.

Der Therapeut nimmt dann die Teilpersonen ernst. Er wirft dem Patienten nicht an den Kopf „du bildest dir das nur ein“, sondern erkundigt sich nach Details wie Alter, Vorlieben, Wesen und Geschlecht der „Anderen Ichs“.

Dann untersuchen Therapeut und Betroffener gemeinsam, in welchem Verhältnis die einzelnen Alter Egos stehen. Kennen sie sich, verfolgt er eine den anderen, beschützen sie sich. Bilden sie Beziehungen wie „gute Freunde“, „Mutter und Kind“, „großer Bruder, kleine Schwester“, sind sie Rivalen, Täter und Opfer oder haben sie gar keine Beziehung?

Wie in der Traumarbeit begegnet der Betroffene langsam auch den „bösen“ Figuren, die in ihm wirken. Diese verweisen nämlich auf die ungelösten Konflikte und bieten oft den Schlüssel, der zum Umgang mit dem Trauma hilft.

Der Therapeut bezieht das Trauma also ein, aber nur vorsichtig und zwar, indem er die Handlungen der Teilperson an das traumatisierende Erlebnis annähert.

Am Ende soll der Betroffene die traumatisierenden Erinnerungen annehmen und erkennen, dass er derjenige ist, der in die Dissoziationen hinein geht, aber sinnvollere Wege hat, mit dem Erlebten zu leben.

Je nach Schwere der Traumatisierung und sonstigem Verhalten des Betroffenen verläuft die Behandlung mehr oder weniger erfolgreich. Drogen- und Alkoholmissbrauch können die Abspaltung verstärken, Alkoholsucht allein kann zu Wahrnehmungen führen, die einer dissoziativen Störung ähneln.

Multiple erkennen?

Multiple Persönlichkeiten mit schwachen Symptomen wissen oft selbst nicht um ihre Störung. Sie kennen es nicht anders, als zeitweise die Kontrolle über ihre Vielheit zu verlieren, und oft denken sie, die Alter Egos wären völlig normal, denn immerhin leben sie damit 24 Stunden am Tag.

Die meisten Betroffenen haben eine Hauptpersönlichkeit; Außenstehende finden ihr Verhalten zwar bisweilen komisch, wissen aber nichts von der Störung. Wenn Multiple auffallen, dann oft durch Begleitphänomene: Sie laufen ziellos umher, sie haben unbegründete Ängste, sie wirken „wie weggetreten“, und viele wandeln im Schlaf.

Sie sind in ihrem Umfeld oft als „Chaoten“ bekannt, Beruf und Partnerschaft laufen im Zickzack, ihre Gefühle wechseln sprunghaft, und vielen anderen fällt es schwer, die Betroffenen zu respektieren.

Normale Multiple?

Alle Menschen dissoziieren. „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“ fragte der Philosoph Richard David Precht. Der Charakter, den wir im Beruf einnehmen, unterscheidet sich von unseren Seiten als Ehemann, Familienvater oder Liebhaber, gegenüber Freunden verhalte ich mich anders als gegenüber Fremden, wenn ich meinem Hobby nachgehe anders, als wenn ich einen Vertrag mit der Bank abschließe.

Im Unterschied zu den „multipel Gestörten“ bringen wir diese unterschiedlichen Aspekte unserer Persönlichkeit aber zusammen: Wir drücken Aspekte aus, aber keine Teilpersonen. Wir können trennen, wenn es nötig ist, und dann wieder zusammen fügen.

Wer jedoch sexuellem Missbrauch in der Kindheit ausgesetzt war, der hat diese Möglichkeit nicht.

Während „Normal-Neurotiker“ also meist wissen, dass sie eine Rolle spielen und als eine (!) Person ihre Hobbys und Abneigungen pflegen, haben die Teilpersonen der multiplen Persönlichkeit meist sehr verschiedene Talente, Interessen, Kleidung oder Stimmen. Bisweilen entsprechen sie den Charakteren einer Kurzgeschichte und repräsentieren eine bestimmte Facette: Trauer, Wut, Hass, Naivität oder Vertraulichkeit.

Im Gegensatz zu den „Normalen“ haben multiple Persönlichkeiten häufig unterschiedliche Handschriften, und sogar verschiedene Erkrankungen.

Doch in ihren Abspaltungen verraten die dissoziativen Störungen viel darüber, wie unser „normales“ Gehirn arbeitet, und wie wir täglich von neuem unsere Identität konstruieren. (Dr. Utz Anhalt)

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http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051-001.html

Bettina Overkamp: http://edoc.ub.uni-muenchen.de/archive/00004409/01/Overkamp_Bettina.pdf