Narzissmus: Narzisstische Störung – Ursachen, Symptome und Therapie

Dr. Utz Anhalt
„Narzissmus bedeutet eine Stagnation der Persönlichkeit, durch den beharrlichen und fatalerweise erfolgreichen Versuch, in einem Kernbereich der Seele unverändert und kindlich zu bleiben.“ Ingrid Wandel & Fritz Wandel.

Narziss heißt ein junger Mann, der sich in der griechischen Mythologie in sein Spiegelbild verliebt, das er im Wasser sieht. „Selbst verliebte“ Menschen nennen wir deshalb narzisstisch. Sie überhöhen ihre eigenen Leistungen, müssen im Mittelpunkt stehen, sie sind egoistisch und nutzen Andere aus.

Dieses Verhalten ist im Spätkapitalismus die Leitkultur des Westens. Sich durchsetzen, an die Spitze kommen und in Talkshows auftreten, gehört zu den Zielen junger Menschen. Solidarität mit Schwachen, oder im Verborgenen Gutes tun, steht hingegen auf der Skala weit hinten. Seit 1982 geborene Jugendliche in den USA und Deutschland sind laut Studien eine Generation, die immer weniger tragfähige soziale Beziehungen entwickelt und sich selbst in den Mittelpunkt stellt. Skrupel sind dabei hinderlich.

Eine Gesellschaft, in der nur der materielle Erfolg und die Präsenz in der medialen Öffentlichkeit zählen, fördert diesen Alltagsnarzissmus. Spitzenpolitiker, manche Rockstars und Wirtschaftsmagnaten verhalten sich wie typisch derart Gestörte – und sind damit äußerlich erfolgreich. Nimmt das Verhalten pathologische Formen an, wird es deshalb selten als Störung gesehen.

Der pathologische Narzissmus

Für eine narzisstische Störung müssen folgende Kriterien erfüllt sein. Der Betroffene

  • ist von seiner eigenen Grandiosität überzeugt, ohne dafür entsprechende Leistungen zu zeigen
  • fantasiert über grenzenlosen Erfolg, Macht, Ruhm oder vollkommene Liebe
  • hält sich für einzigartig, seiner Zeit voraus, als Genie und Genies
  • giert nach Bewunderung
  • erwartet bevorzugt behandelt zu werden, Wünsche erfüllt zu bekommen und hat kaum erfüllbare Ansprüche
  • beutet andere Menschen in Beziehungen aus, um eigene Ziele zu erreichen
  • ist extrem verletzlich gegenüber Kritik, aber ohne Empathie für die Bedürfnisse anderer Menschen
  • ist neidisch auf Andere und unterstellt Anderen, neidisch auf ihn zu sein
  • verhält sich arrogant und anmaßend
  • zeigt dieses Verhalten dauerhaft und in unterschiedlichen Bereichen des Lebens
  • leidet unter seinem Verhalten
Narzissten drängen sich stets in den Mittelpunkt, verhalten sich egoistisch un nutzen Andere aus. (Bild: Jakub Jirsák/fotolia.com)
Narzissten drängen sich stets in den Mittelpunkt, verhalten sich egoistisch un nutzen Andere aus. (Bild: Jakub Jirsák/fotolia.com)

Gesunder Narzissmus meint die Entwicklung der Liebe zum Selbst und damit eine halbwegs ausgeglichene Balance der Seele. Die narzisstische Störung zeigt sich hingegen als Spannung zwischen abgewehrten existentiellen Selbstzweifeln und Größenwahn. Das aufgeblähte falsche Selbst müssen Betroffenen ständig Mitmenschen bestätigen. Übersteigerter Ehrgeiz, Rücksichtslosigkeit, Rachsucht und Ausbeutung Anderer sind typisch.

Sind die Betroffenen allein, langweilen sie sich und leiden unter Einsamkeit. Alte Erniedrigungen zeigen sich in der Idee, dass „die Welt ihnen etwas schuldig ist.“ Jeder, der mehr hat als sie, muss herab gesetzt werden.

Sie meinen, über andere Menschen ohne Schuldgefühle verfügen zu dürfen, saugen diese aus und lassen sie fallen – im Beruf wie in „Liebes“-Beziehungen.

Der Psychoanalytiker Jürg Will schreibt: „Die Radikalität, Kompromisslosigkeit und Unerschrockenheit, mit der Narzissten ihre Feinde bekämpfen und sich von ihnen absetzen, imponiert vielen Menschen als Festigkeit und Selbständigkeit. Viele sehen in ihnen starke Führer, oft auch Märtyrer, Opfer ihrer Feinde, was ihnen bedingungslose Anhängerschaft derjenigen verschafft, die aus ähnlicher Struktur heraus sich mit einem Narzissten zu identifizieren suchen. Sie nehmen den Narzissten zu ihrem Idol, stellen sich ganz in seinen Dienst, werden ihm hörig und sind zu totaler Hingabe bereit.“

Pathologisch Betroffenen kennen keinen konstruktiven Umgang mit Konflikten. Sobald jemand sie kritisiert oder sich ihrem Einfluss entzieht, hat er -in den Augen des Gestörten- sein Existenzrecht verloren. Der Täter ist von seinen eigenen Gefühlen so entfremdet, dass ihm das Mitgefühl für das Leiden der Opfer fehlt. Die Unfähigkeit zu trauern, zu seinen Ängsten zu stehen und Schwächen zuzugeben, ist Teil der Krankheit.

Die Störung kennzeichnet die Fantasie von Erfolg und Macht ohne Grenzen, das Gefühl von Grandiosität, der Anspruch auf Bewunderung, ohne dafür etwas leisten zu müssen, der Mangel an Empathie, Arroganz und Egomanie – also ein Kreisen um das Ego, das mit einer realistischen Einschätzung der eigenen Rolle nichts zu tun hat. Derart Gestörte beuten andere Menschen aus, empfinden kein Mitleid und helfen Notleidenden nicht; dafür sind sie extrem eifersüchtig in Beziehungen und neidisch auf den Reichtum und Ruhm anderer Menschen. Dabei fällt es ihnen zugleich schwer, sich über Erfolge zu freuen.

Sie nutzen andere Menschen lediglich als Leinwand, um sich selbst darzustellen und führen deshalb keine Beziehungen, die auf einem wirklichen Austausch beruhen. Sie fühlen eine innere Leere in sich, wirken in Kontakten zu anderen Menschen jedoch oft „verführerisch“. Wirklich sozial engagierte Menschen, die in stabilen Beziehungen leben, empfinden Betroffene jedoch als unsympathisch – und als falsch.

Die Patienten verhalten sich charmant indessen nur, um ein Ziel zu erreichen, ansonsten zeigen sie sich emotional kalt. Sie sind arrogant und verletzen Andere. Das ist ihnen durchaus bewusst.

Die Vorstellung, dass ein Narzisst sich selbst liebt, ist falsch. Seine Krankheit ist das Gegenteil von Selbstliebe. Der so Gestörte braucht die äußere Anerkennung, Leistung und Status. Ohne den Ruhm, ohne die Bewunderung, fühlt er sich leer. Er ruht gerade nicht in einem stabilen Ich. Der äußere Schein überdeckt sein Gefühl der Niedergeschlagenheit, seine Schwierigkeiten, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen. Sein Größenwahn entspringt aus Unsicherheit über sich selbst. Sein Selbstwertgefühl ist labil, und deshalb fühlt er sich leicht gekränkt.

Betroffene leiden häufig am Erschöpfungs-Syndrom. Der Grund dafür ist ihr panischer Ehrgeiz, und der unmögliche Versuch, auf allen Gebieten perfekt zu sein. Zur narzisstischen Krankheit gehört dabei, die Verantwortung für diese körperlichen Symptome zu verschieben: Schuld sind der Vorgesetzte,„die Idioten um mich herum“, oder die Gesellschaft, die sein „Genie nicht versteht“. Die Antriebslosigkeit, die mit der Erschöpfung einher geht, erleben Narzissten als extrem belastend, obwohl der Körper hier „die Notbremse zieht“.

Selbst und Selbstwert

Bei den Erkrankten ist das Selbst- und das Selbstwertgefühl gestört. Das Selbstgefühl zeigt uns unsere Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse. Ist es stabil, fühlen wir uns auch wohl, wenn wir allein sind: Wir lesen die Bücher, die uns interessieren, gönnen uns einen Tag im Garten oder gehen im Wald spazieren, ohne jemand anders etwas beweisen zu müssen.

Der Gestörte hat sein Selbstgefühl jedoch kaum ausgebildet. Allein fühlt er sich deswegen ausgebrannt. Er liebt sich also nicht, sondern ist von sich selbst entfremdet. Diese Entfremdung kompensiert er durch Fantasien von Vollkommenheit, durch Überanpassung (streben) oder dadurch, dass er die Leistungen Anderer und das soziale Umfeld entwertet: „Die Stadt ist zu klein für mich“; „die Gesellschaft ist noch nicht reif für meine Gedanken“.

Betroffene verstecken dieses brüchige Selbst hinter einer Fassade. Damit beeindrucken sie zwar Andere, sind aber zugleich auf ihre falsche Bewunderung angewiesen; sie bewundern nicht ihn, sondern das Image, das er nach außen trägt. Sein Gefühl für den eigenen Wert hängt also fast ausschließlich von der Umwelt ab. Bewusst oder unbewusst weiß der Narzisst das auch und muss sein Image deshalb immer wieder produzieren. Sein falsches Selbst wirft Größenfantasien auf den Markt, welche die Bewunderer ständig bestätigen müssen.

Der Patient befindet sich in einem Teufelskreis. Seine Größenfantasien resultieren aus Ich-Schwäche. Wie bei einem Drogenabhängigen muss er die Wirkung ständig erhöhen und fühlt sich zugleich immer leerer. Je größer der Ruhm seiner Kunstfigur, um so stärker entfremdet er sich von sich selbst. Je stärker die narzisstische Störung ist, umso mehr kappt er die realen Beziehungen zu Familie oder Freunden. Denn Beziehungen, die auf Respekt basieren, bedeuten Kritik. Wirkliche Freunde, die das beschädigte Selbst des Betroffenen kennen, erscheinen ihm bei seiner Flucht vor sich selbst als Hindernisse.

Der Betroffene vereinnahmt seine Umwelt und erweitert so sein falsches Selbst. Er definiert den Anderen, und der hat so zu sein, wie der Kranke ihn haben will.

Narzisstische Lügen

Alle Menschen lügen. Eltern haben Geheimnisse vor ihren Kindern, Ehefrauen vor ihren Männern. Ohne kleine Lügen könnten wir den Alltag kaum meistern. Bei klassischen Lügen wissen wir, dass wir die Unwahrheit sagen, um einen Vorteil zu erreichen und Ärger zu vermeiden. Klassische Lügner wissen, dass Lügen nicht gut sind. Das amoralische Ich steht im Konflikt mit dem moralischen Ich. Wenn der innere Schweinehund siegt, sagen wir, dass jemand uns die anvertraute Geldbörse gestohlen hat, statt dass wir sie verloren. Dabei haben wir ein schlechtes Gewissen.

Ganz anders die narzisstische Lüge. Der Betroffene baut seinen äußeren Schein auf Lügen auf. Er hat keine feste Bindung an die Wahrheit. Diese fehlende Wahrhaftigkeit gehört zu seinem Leiden, verschafft ihm aber gegenüber „Normalneurotikern“ einen Vorteil. Während klassische Lügner wissen, dass sie etwas falsches sagen, begreift der Narzisst den Unterschied zwischen wirklich und unwirklich nicht.

„Wirklich“ ist das, was ihm in einer konkreten Situation nützlich erscheint. Betroffene sind durch Widersprüche in ihren eigenen Aussagen nicht irritiert; damit überrumpeln sie Menschen mit stabilen Werten und Normen. Sie verstehen Skrupel nicht einmal, die Anderen hingegen setzen unbewusst ein moralisches Gerüst voraus, das der Narzisst nicht hat. Er erfindet die Wahrheit; seine Lügen sind Entwürfe von Wirklichkeit, die die reale Wirklichkeit weg mogeln, um die „Harmonie“ seiner Scheinwelt aufrecht zu erhalten.

Der Schein von Größe, Unabhängigkeit und Kontrolle muss gewahrt bleiben. So imponieren Betroffene am Beginn von Beziehungen damit, dass sie ihrer „neuen Liebe“ das Blaue im Himmel versprechen. Sie gehen selbst in diese Fantasie hinein, ziehen ihren Partner mit und brechen die Beziehung abrupt ab; später verletzen und entwerten sie ihr Gegenüber, wenn die Seifenblase platzt.

Narzisstische Lügen sind Lebenslügen, um ein konstruiertes Selbst gegenüber einer erdrückenden Wirklichkeit zu fantasieren. Zur narzisstischen Lüge zählen subtile Unterstellungen ebenso wie offene Drohungen. Ein Betroffener könnte zum Beispiel seiner Partnerin gegenüber klagen, dass er ständig müde ist. Dabei handelt es sich dann nicht um eine Aussage über seinen Zustand, sondern er suggeriert, dass, wer müde ist, mehr arbeitet. Subtil entwertet er zudem, was der Andere tut.

Der Partner, sprich das Opfer, versteht das Spiel oft nicht. Denn häufig „kritisiert“ der Betroffene ganz reale Punkte, um die es auch in jeder Beziehung geht, die ihren Ursprung in Respekt und Zuneigung hat. Vielleicht bringt der Partner wirklich den Müll selten vor die Tür, duscht nicht täglich oder vergisst Termine. Dem Gestörten geht es jedoch nicht um eine Kritik am Verhalten, sondern um Macht und Kontrolle. Er suggeriert: „Du bist schwach, unfähig und faul. Es ist eine Gnade von mir, das harte Los zu tragen, mit dir zusammen zu sein.“ Wenn der Partner die „Kritik“ annimmt und an seinen „Schwächen“ arbeitet, schnappt die Falle zu. Der Narzisst findet und erfindet immer neue Mängel, das Opfer fühlt sich immer wertloser.

Beziehungen mit narzisstisch Gestörten sind für die Partnerinnen beziehungsweise oft sehr belastend. (Bild: Antonioguillem/fotolia.com)
Beziehungen mit narzisstisch Gestörten sind für die Partnerinnen beziehungsweise Partner oft sehr belastend. (Bild: Antonioguillem/fotolia.com)

Narzissten in Beziehungen

Betroffene nutzen diverse Strategien, um in Beziehungen ihre Macht zu sichern. Wahrheit ist für sie das, was ihnen nützt. Deshalb streiten sie ab, wenn sie etwas sagten, das nicht angemessen ist. Sie stellen Aggressivität als Empathie dar, machen den Partner für zugefügte Grausamkeiten verantwortlich, und tarnen psychische Übergriffe als Sorge.

Hat der Partner oder das Kind Erfolg, erzählen sie von Anderen, die erfolgreicher sind. Oder sie werfen in einem Nebensatz eine Stichelei ein. Sie sind erstens neidisch auf Erfolge ihrer Angehörigen, zweitens möchten sie diese klein halten.

Betroffene loben ihre Partner, aber mit einem Unterton, der suggeriert, wie viel sie leiden und würden diesen Unterton jederzeit bestreiten. Narzisstische Mütter terrorisieren ihre Kinder, ohne ein Wort zu sagen – mit Blicken und Gesten, die „töten können“. Irgendwann hat das Kind immer Angst und fühlt sich immer im Unrecht.

Die Gestörten sind Meister darin, ihren Missbrauch zu rationalisieren. Außenstehenden ist es kaum zu erklären. „Selbstverliebte“ kleiden Verletzungen in der Öffentlichkeit in die Masken von Anteilnahme: „Die Arme. Jetzt wird sie ein Sozialfall. Was soll ich bloß tun?“ Der Narzisst entwertet also seine Angehörigen und bemitleidet sich zugleich selbst. In der Regel bekommen Außenstehende ein schlechtes Bild vom Opfer, während der Täter als Altruist erscheint.

Betroffene vereinnahmen. Wird das Kind gefragt, ob es essen will, sagt der Narzisst ja oder nein. Beim Partner spricht er von „wir“, wenn er von seinen Interessen redet. Er breitet Intimitäten seines Partners vor Freunden und Fremden aus, weil er weiß, dass sie erstens den Partner demütigen und zweitens den Gestörten als Märtyrer / in da stehen lassen: „Er hat diese sexuellen Probleme. Ich habe alles versucht.“ Betroffene lesen fremde Tagebücher und Briefe, und sie horchen ihre Partner nach Informationen aus, die sie gegen diese verwenden können.

Bei ihren Kindern greifen sie den Drang nach Selbstständigkeit an. Wenn der Jugendliche zum Beispiel fordert, selbst über seine Zeit zu entscheiden, wäre eine Reaktion: „Dann verreck doch in der Gosse.“

Derart gestörte Eltern teilen ihre Kinder oft auf zwischen „Mamas Liebling“ und „Aschenputtel“. Der Liebling wird idealisiert und das „Aschenputtel“ macht immer alles falsch. So trainiert der Narzisst zugleich seine Strategie des „Teile und herrsche.“

Narzissten honorieren Leistungen ihres Partners nur, wenn sie sich damit in das Zentrum stellen können. Ansonsten ignorieren sie diese Leistungen oder setzen sie gezielt herab. Wenn der Gestörte nicht selbst im Mittelpunkt stehen kann, kommt er zum Beispiel nicht zur Abiturparty des Sohnes, oder er erzählt, wie der Sohn sein Abitur der Aufopferung des Vaters zu verdanken hat.

Erkrankte zerstören ihren Nächsten den Erfolg: Bereitet sich der „beste Freund“ auf eine Prüfung vor, verwickelt der Betroffene ihn in der Nacht zuvor in ein mehrstündiges Telefonat; muss der Partner dringend zu einem Bewerbungsgespräch, zettelt der Kranke rechtzeitig einen Streit an und ist dann „so gekränkt“, dass er ihn nicht mehr pünktlich zum Termin bringen kann. Nach guten Leistungen Anderer verteilen Narzissten Seitenhiebe, die mit diesem Thema scheinbar nichts zu tun haben. Die Opfer merken nur, dass sie sich über den Erfolg nicht freuen.

Wenn der Partner sich beschwert, dass ihn jemand ungerecht behandelt hat, stellt sich der Betroffene auf die Seite des Gegners, ohne etwas über den Vorfall zu wissen. Egal, was der Partner tut, der Narzisst rückt alles in ein schlechtes Licht.

Dabei klagen die Gestörten beim Partner über dessen „Defizite“: „Mit Anderen ist alles so einfach, mit dir ist immer alles so schwierig;“ „ich weiß nicht, wie ich das mit dir aushalte“. Oder der Narzisst ist mit dem Partner allein im Raum und klagt: „Niemand liebt mich.“

Betroffene schwärmen in Gegenwart ihres Partners von Anderen, damit der Partner merkt, wie wenig Bedeutung er hat. Wenn der Partner Erfahrungen vermittelt, macht der Narzisst sie lächerlich.

Die Gestörten pathologisieren ihre Angehörigen, besonders, wenn diese sie zur Rede stellen. Sie unterstellen eine „blühende Fantasie“ oder raten dem Partner (und nicht etwa sich), eine Psychotherapie aufzusuchen. Sie unterstellen Kritikern, keine Ahnung zu haben, behaupten, sich an konkrete Geschehnisse nicht zu erinnern, selbst wenn es sich zum Beispiel um Beleidigungen in Emails handelt. Der Erkrankte nimmt dem Opfer dessen Wahrnehmung der Realität, bis das Opfer seiner Intuition und Erinnerung nicht mehr traut.

Im nächsten Schritt berichtet der Narzisst dann im sozialen Umfeld des Opfers von dessen „Geisteskrankheit“, stellt sich selbst als hilfloses Opfer dar, das nicht weiß, wo diese „plötzliche Antipathie“ herkommt. Mit dem Opfer „stimmt etwas nicht“, suggeriert der Gestörte, und diese Verleumdung ist häufig erfolgreich.

So zeigen Narzisstinnen ihren jeweils neuen Partnern häufig den Ex, der dank seiner Erfahrung ein psychisches Wrack ist und fragen den Neuen: „Kannst du dir vorstellen, dass ich mit so einem mal zusammen war.“ Der Neue weiß noch nicht, dass er nach einiger Zeit ebenso arm dran sein wird.

„Selbstverliebte“ sind neidisch. Wann immer der Partner oder das Kind etwas haben, was sie nicht haben, reden sie es schlecht oder versuchen, das Gleiche zu bekommen. Sie spannen ihrer Tochter den Liebhaber aus oder verbieten ihr, schöne Kleidung zu tragen. Sie reden ihren Kindern in die Erziehung der Enkel hinein und vergiften die Beziehungen ihrer Geschwister.

Betroffene lügen gegenüber Außenstehenden sehr geschickt. Statt frei zu erfinden, drehen sie Handlungen des Opfers um, oder sie interpretieren Aussagen bewusst falsch. Sie lügen präventiv. Wenn sie gerade schlimme Taten begangen haben, stellen sie das Opfer im Vorfeld als unzurechnungsfähig dar. Oder sie unterbrechen das Opfer, wenn es anfängt, zu erzählen.

Narzissten verwickeln ihr Gegenüber in ein Spiel, in dem der Andere nicht gewinnen kann. Sie widersprechen sich, wenn sich ihre Absicht ändert. Wird der Betroffene auf einen Widerspruch in seiner Aussage hingewiesen, bestreitet er, das jemals gesagt zu haben. Wenn er üble Taten zugeben muss, bindet er das „Eingeständnis“ in „vielleicht“, „könnte“, „ich vermute“ etc.. ein. Lügen sind es, weil der Täter genau weiß, was er tat.

Für Eltern mit dieser Störung haben Kinder den Zweck, sie zu verehren und sich um sie zu kümmern. Deshalb lassen sie die Kinder warten, erteilen ihnen Aufgaben, wenn die Kinder gerade auf dem Sprung sind, verbieten ihnen, mit Freunden zu spielen und beklagen sich zudem, dass ihnen niemand hilft. Wenn die Angehörigen etwas allein unternehmen, schmollt der Erkrankte, wird aggressiv oder „leidet“ an erfundenen Krankheiten. Werden Betroffene alt, jammern sie umso mehr über die Schmerzen des Alters. Hat der Nachbar einen Autounfall, inszeniert der Narzisst sich als so „mitfühlend“, als ob er der Leidende ist.

In der Familie setzt der Erkrankte durch, dass er den besten Platz bekommt. In der neuen WG heult er so lange, bis er das größte Zimmer bekommt. Dabei steht die Dramaturgie oft in keinem Verhältnis zum erreichten Vorteil. Wird dem Betroffenen ausdrücklich gesagt, dass er zu seiner Party seinen Hund nicht mitbringen darf, wird er genau das tun. Dabei geht es nicht um die konkrete Situation, sondern der Narzisst demonstriert, dass ihm niemand etwas zu verbieten hat.

Geschenke sind für solche Menschen ein brenzliges Thema. Bekommen sie selbst etwas geschenkt, verlieren sie die Kontrolle. Entweder sie ignorieren es, oder sie machen es schlecht. Oder aber es handelt sich um ein Geschenk, dass ihre eigene „Größe“ bestätigt. Selbst Schenken fällt ihnen schwer. Sie schenken entweder Gegenstände, die sie selbst ehren, zum Beispiel ihr neuestes Buch, oder etwas, was sie nicht mehr brauchen wie ihr altes Fahrrad; oder sie kaufen mit dem Beschenkten zusammen das Geschenk und kaufen sich selbst etwas teureres.

Betroffene zeigen ihrem Partner, wie wichtig ihre Bedürfnisse und wie nichtig die des Partners sind. Wenn jemand sich in einer schwierigen Situation befindet, betont der Narzisst das seine noch viel schlimmer ist. Die Gestörten „kümmern“ sich dabei gerne um die Probleme des Partners; sie suggerieren ihm dann, wie schwach er und wie großzügig sie sind – und sie reden ihm ein, dass er in ihrer Schuld steht.

Die kleinste Kritik führt beim Narzissten zu Hassausbrüchen – bis hin zu physischer Gewalt gegenüber ihrem Partner oder ihren Kindern. Diese Angriffe lassen sich nur vermeiden, wenn die Angehörigen dem Gestörten alles geben, was er will. Kinder lernen durch kaltes Schweigen oder einen scharfen Blick, sich zu fürchten und behalten diese Angst manchmal ein Leben lang.

Betroffene misshandeln ihre Kinder durch Verwahrlosung und oft so geschickt, dass es sich kaum nachweisen lässt.

Erkrankte verhalten sich kindisch, wenn ihre Manipulationen nicht greifen. Wenn der Partner nicht funktioniert, wirft der Betroffene sich zum Beispiel auf den Boden und schreit: „Niemand kümmert sich um mich.“ Ein kindisches „Gleiches mit Gleichem vergelten“ behält der Narzisst als Erwachsener bei.

Sie manipulieren ihre Partner, um an Geld oder Prestige zu kommen. Sie heben Geld ab, das ihnen nicht gehört, sie brechen Absprachen, oder sie stecken das Kindergeld ein.

Sie projizieren. Sie müssen das tun, da Menschen für sie nur als Ausdehnung ihres Egos existieren. Sie verorten ihre Eigenschaften im Kind oder Partner.

Sie geben niemals zu, einen Fehler begangen zu haben. Sie entschuldigen sich nicht wirklich, sondern mischen Entschuldigungen mit Beleidigungen und Schuldzuweisungen: „Es tut mir leid, wenn du denkst, ich hätte dich verletzt;“ „mir hat das mehr weh getan als dir“.

Die Betroffenen sind sehr feinfühlig, wenn die Empfindungen Anderer mit ihren eigenen identisch sind. Ansonsten schalten sie ihre Emotionen ab. Narzissten können die Gefühle ihrer Mitmenschen lesen, und sie damit manipulieren. Sie wissen genau, wie ihre Drohungen und Ausbrüche wirken.

Sie schaffen Situationen, in denen der Partner nur verlieren kann. Entweder er muss etwas tun, das ihn demütigt oder der Erkrankte schwört Rache. Das Opfer bleibt in jedem Fall hilflos.

Sie bitten nicht; sie fordern. Sie diskutieren nicht; sie befehlen. Bei einem Nein bedrängen sie den Partner so lange, bis er einknickt.

Partner, Kinder und Freunde tragen die Schuld für das Missgeschick des Narzissten. Wenn der Betroffene schlägt, hat der Partner ihn provoziert. Wenn er seinen Job verliert, waren die „schwierigen Kinder“ schuld.

Sie zerstören die Beziehungen in ihrem Umfeld. Hat der Ex-Freund eine neue Partnerin, funkt sie so lange dazwischen, bis die Beziehung kaputt ist. Verstehen sich die Kinder untereinander, spaltet er so lange, bis sie sich streiten. Erkrankte haben ein feines Gespür für Risse in den Freundschaften anderer und mogeln sich als Kontrollinstanz hinein.

Ko-Narzissmus

Wie Ko-Alkoholiker gibt es auch Ko-Narzissten. Der Kranke nährt sich von Bewunderung. Er umgibt sich mit Schmeichlern. Partner mit schwachem Selbstwertgefühl und hohem ethischen Anspruch passen zum Narzissten wie ein Schloss zum Schlüssel. Sie erfüllen alle Wünsche des Betroffenen und hoffen auf die Anerkennung, die er ihnen verweigert.

Narzissten schrecken vor starken Charakteren in Beziehungen zurück, denn die lassen sich selten von der Fassade täuschen. Stattdessen suchen sie sich Menschen, die sich zugleich anpassen und gelernt haben, Anderen zu dienen. Die idealisieren dann ein Gegenüber, um sich selbst ganz zu fühlen. Sie vergöttern ihren Partner; der Betroffene erweitert mit ihnen sein falsches Selbst. Ideale Partner der Gestörten lassen sich leicht verunsichern. Sie suchen, die Harmonie herzustellen, auch wenn der Narzisst sie schwer beleidigt.

Solche Beziehungen ähneln einer Drogensucht: Der Partner strengt sich mehr und mehr an, um den Kranken zu befriedigen. Doch dessen innere Leere ist ein schwarzes Loch. Irgendwann bricht der Partner zusammen.

Diese Ko-Narzissten sind selbst narzisstisch gestört, nur kompensieren sie ihr beschädigtes Selbst, indem sie Andere bewundern und ihr Selbst ebenfalls in diese erweitern. Die Beziehung wird zur Symbiose.

Eine starke Persönlichkeit wird kaum mit derart Erkrankten eine Beziehung eingehen. Sie durchschaut dessen Seifenblasen und bringt die Hochstapeleien auf ihren wahren Kern zurück. Der Betroffene wird mit seinen Manipulationen nicht weiter kommen, und zudem fehlt ihm die Bewunderung.

Ein Mensch, der mit sich im Gleichgewicht ist, könnte dem Narzissten helfen und ihm zeigen, dass ein sozialer Status nicht bedeutet, andere zu verletzen. Doch dem Betroffenen wird dadurch seine Hilflosigkeit bewusst, und deshalb läuft er vor einer solchen Beziehung vermutlich davon.

Der maligne Narzissmus

Der maligne Narzissmus ist die gefährlichste Form dieser psychischen Störung. Der Psychologe Otto Kernberg bezeichnet damit eine narzisstische Störung, die sich mit antisozialem Verhalten und aggressivem Sadismus verbindet. Maligne Sadisten empfinden Lust, wenn sie andere quälen.

Der Serienmörder Ted Bundy entsprach dem malignen Typus. Er war äußerst charmant und konnte Frauen um den Finger wickeln. Dann ermordete er sie. Auch weniger gefährliche Narzissten entwerten Andere, bei dem malignen Patienten geht diese Entwürdigung aber bis zur Kontrolle über Leben und Tod des Opfers.

Das antisoziale Verhalten zeigt sich als Gewalt in rohen Formen, aber auch in extremer Ausbeutung. Derart Gestörte sind zum Beispiel als Zuhälter prädestiniert.

Maligne sind deshalb so gefährlich, weil sie anderen Menschen grundsätzlich misstrauen. Sie erfuhren selbst als Kinder Gewalt und töteten ihre Emotionen ab.

Ursachen

Narzissmus ist eine normale Entwicklung in der Kindheit. Das Kind braucht die Spiegelung von den Erziehern. Wenn es sich als Person entdeckt, braucht es die Bestätigung, einzigartig zu sein und mit seiner Eigenart zugleich geliebt zu werden. Erst dann kann es seine Grenzen erkennen.

Wenn ein Kind jedoch ehrgeizige Eltern hat, versuchen diese, aus einem Individuum ein Wunschbild zu formen. Der reale Mensch gerät dabei in den Schatten. Das Kind lernt, dass nur der äußere Erfolg zählt; innerlich bleibt es einsam und kapselt seine Gefühle ab.

Auch das Gegenteil fördert die narzisstische Persönlichkeit. Wenn die Eltern die narzisstischen Bedürfnisse zu lange unterstützen, das Kind in den Himmel loben, ohne einen Grund in der Realität dafür zu haben, sorgen sie dafür, dass der spätere Erwachsene sich nicht an die Frustrationen des Lebens anpasst. Versagen und verwöhnen fördern beide einen Menschen mit unsicherem Selbstgefühl, der die Bestätigung seines falschen Selbst durch Andere braucht.

Oft fällt auch beides zusammen: Eltern vergöttern begabte Kinder und entwerten sie später, wenn sie nicht in allen Bereichen Höchstleistungen erbringen. Das Kind begreift, dass es nicht für sich selbst geliebt wird. Der kindliche Größenwahn bleibt erhalten und verbindet sich mit der Angst, zu versagen. Streben nach Perfektion mischt sich mit oberflächlicher Verachtung der „Normalmenschen“. Lieber grandios scheitern, als ein unbeachtetes Leben führen. Auch Schulverweigerer und Kriminelle können an der Störung leiden. Negative Anerkennung ist für das beschädigte Selbst besser als gar keine.

Erkrankte haben häufig gleichartig gestörte Eltern. Väter, die sich im Beruf profilieren, aber zu Hause nur körperlich anwesend sind, oder umgekehrt, im Beruf scheitern und als Kompensation die Familie terrorisieren. Allgemein wachsen Narzissten heran, wenn ein Kind seine natürlichen Bedürfnisse nicht entwickeln kann.

Diese Störungen sind aber auch ein gesellschaftliches Phänomen. Junge Menschen werden überschwemmt mit künstlichen Bedürfnissen und dem manipulativen Versprechen, diese ohne Probleme erfüllen zu können. „Deutschland sucht den Superstar“ und schlanke Topmodels in Kleidern, die tausende von Euros kosten, suggerieren jungen Menschen, ohne Luxusapartment, Sportwagen und Auftritten bei RTL nichts wert zu sein. Für Eltern ist es schwer, ihren Kindern genug Selbstwertgefühl auf den Weg zu geben, um nicht in die Gier nach immer neuen Ansprüchen hinein zu rutschen.

Die Therapie

„Eine elementare Regel im Umgang mit Narzissten ist, dessen Grenzen zu achten und ihn in keinem Fall mit unbedingter Zuwendung bzw. Liebe zu bedrängen. Es ist wichtig, sich das aufgrund der Einsicht in das narzisstische System klarzumachen und nicht der Versuchung zu erliegen, im Überschwang des Helfens zu versuchen, „einfach so“ den tiefen Hunger zu stillen, der so oft bei Narzissten spürbar ist.“ Ingrid Wandel & Fritz Wandel

Gestörte sind schwer zu therapieren. Sie suchen zwar häufig Therapien auf, doch in der Regel versuchen sie, ihre Strategie der Leugnung zu perfektionieren. Der Therapeut spielt für sie dann die gleiche Rolle wie Partner und Publikum: Er bringt ihnen die Anerkennung, von der sie sich nähren.

Ein ernsthaftes Bedürfnis nach Veränderung setzt meist einen hohen Leidensdruck voraus, wie ihn zum Beispiel Borderliner und Depressive haben. Narzisstisch Gestörte haben jedoch eine Lebenslüge gebastelt, die dazu dient, Leid zu vermeiden; Andere leiden mehr unter ihnen, als dass der Narzisst sein eigenes Leiden zugibt. Zudem verspricht ihre Störung Vorteile: Charismatiker, Politiker und Popstars zeugen vom Erfolg. Eine narzisstische Lebensgestaltung funktioniert.

Ein Patient muss also bereit sein, auf die Vorteile seines falschen Selbst zu verzichten und sich mit der „Normalität“ eines authentischen Selbst zufrieden geben. Er muss erst lernen, dass innige Beziehungen zu anderen Menschen auf Dauer glücklicher machen als der „Kick“. Der Betroffene muss sich selbst misstrauen und seine Strategien ablehnen; dieser Wille muss so stark werden, dass er dem Sog seines destruktiven Kind-Selbst widersteht.

Der Behandelnde muss psychisch stabil sein: „Was Narzissten brauchen, sind wirkliche Erfahrungen mit Menschen, die ohne verborgene Absichten und heimliches Eigeninteresse Authentizität vorleben.“ Ingrid & Fritz Wandel

Der Therapeut muss äußerst umsichtig vorgehen. Erkrankte haben schlimme Erfahrungen gemacht, sonst hätten sie die Störung nicht entwickelt. Die Versuchung ist groß, ihnen mit Herzenswärme zu begegnen. Das wird der Adressat in seinem Gehäuse jedoch als Schwäche auslegen und versuchen, den Therapeuten zu manipulieren – und häufig gelingt ihm das. Die verständnisvolle Spiegelung, in der er sein wahres Gesicht zeigt, fürchtet der Betroffene gerade.

Stattdessen sollte der Therapeut dem Patienten zwar wohl wollend, aber mit Distanz begegnen und seine Ausführungen analytisch begleiten. Als erstes sollte er mit dem Patienten das Selbstmitleid und die Fantasie von Grandiosität bearbeiten. Der Helfer kann dem Betroffenen die Muster der Selbsttäuschung aufzeigen. Wenn der Narzisst der Versuchung widersteht, sich selbst zu belügen, lernt er das versteckte Selbst kennen und baut es Schritt für Schritt auf. (Dr. Utz Anhalt)

Literatur:
Ingrid Wandel und Fritz Wandel: Alltagsnarzissten. Destruktive Selbstverwirklichung im Licht der Transaktionsanalyse. Paderborn 2012