Seuchen – Geschichte, Entwicklung und Folgen

Dr. Utz Anhalt

Seuchen: Medizin gegen Evolution

Bakterien, Viren und Pilze, die Krankheiten auslösen, gehören untrennbar zur biologischen Evolution. Der fehlt jede Wertung, ob etwas grausam ist oder wohl tut. Erreger suchen Wildtiere immer wieder heim, ohne, dass sich diese schützen könnten: Zum Beispiel stirbt jeder zweite Wolfswelpe im ersten Lebensjahr – vor allem an Parasiten im Inneren des Körpers. Beim Menschen forderten Epidemien mehr Todesopfer als alle Kriege zusammen. Allerdings breiteten sie sich oft in den Kriegen aus, wenn die Infrastruktur zusammen brach, die Menschen geschwächt waren, Hunger litten und so auch die körpereigene Abwehr nicht mehr arbeiten konnte.

Mit Technik gegen das Sterben

„Viele der Krankheitskeime, die heute den Homo sapiens befallen, gab es schon, bevor seine Ahnen die Weltbühne betraten. Heute wissen wir, dass Bakterien, Parasiten und Viren einerseits und Wirte andererseits sich im Laufe der Zeiten nebeneinander entwickelten. Diese gemeinsame Evolution muss die meisten der uns bekannten Keime mit einbezogen haben. Typhus, Pest oder Cholera kamen nicht erst mit dem Menschen auf (…)“ (Jacques Ruffié und Jean-Charles Sournia).

Viele Krankheitserreger existierten bereits lange vor der Entwicklung des Homo sapiens. (Bild: Giovanni Cancemi/fotolia.com)

Menschen entwickelten Kultur wie Technik – und so konnten wir uns Schritt für Schritt aus der natürlichen Auslese heraus arbeiten. Mit dem Feuer, Hausbau und Kleidung konnten wir uns künstlich ein Klima schaffen, das uns entsprach.

Zu den wichtigsten und ersten Errungenschaften der Kultur gehört die Medizin. Egal, wie falsch und irrational uns viele Heilmethoden der alten Gesellschaften auch anmuten, immer ging es darum, Mittel gegen die Krankheiten zu finden, die uns dahin rafften.

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Zugleich hatte die Zivilisation einen Preis, und der war sehr hoch. Als die Gemeinschaften der frühen Menschen eine bestimmte Größe überschritten, konnten diese sich nicht mehr als Jäger und Sammler ernähren. Erst der Ackerbau und die Viehzucht ermöglichten, immer mehr Menschen mit Nahrung zu versorgen.

Ein Paradies für Pandemien

Ackerbau und Viehzucht waren zugleich die Voraussetzung für die Gründung von Städten, in denen eine große Menge von Menschen auf dichtem Raum zusammen lebte. Das aber förderte Epidemien, also Infekte, die eine große Zahl von Menschen in kürzester Zeit befallen und sich von Mensch zu Mensch weiter verbreiten.

Die Massen von Menschen auf engem Raum errichteten Berge von Müll im unmittelbaren Lebensumfeld, hinzu kamen Speicher voller Getreide. Beides lockte Tiere an, die für den Menschen schädliche Bakterien übertrugen, allen voran die Ratten. Aber auch das Vieh sorgte für Krankheiten, mit denen die Jäger und Sammler wenig in Berührung gekommen waren.

Zudem konnten sich Krankheitserreger bei den zusammen gedrängten Menschen ideal vermehren. Nomadische Gruppen sind Epidemien in weit geringerem Ausmaß ausgesetzt. Ein letales Virus oder ein Bakterium in einer Sippe von einigen dutzend Jägern töten erst einmal diese Gruppe; die anderen Jägergruppen bleiben aber verschont.

So existierten zum Beispiel Pestbakterien in den Steppen Zentralasiens seit Jahrtausenden, doch die Wanderhirten in den Mongolei und Kasachstan erlitten niemals die apokalyptische Auslöschung ihrer Völker durch die Pest wie die Menschen im Europa des späten Mittelalters.

Die Pest brannte sich zwar als Inbegriff des Weltuntergangs in das Bewusstsein Europas ein, und sie forderte die meisten Todesopfer. Viel alltäglicher aber waren Parasiten und schädliche Mikroben im Verdauungstrakt, Viren und Bakterien, die unsere Vorfahren mit dem Wasser tranken, mit dem Brot aßen oder sie mit einem „harmlosen“ Insektenstich in das Grab beförderten.

Cholerabakterien gelangen vor allem über mit Fäkalien verunreinigtes Trinkwasser in den Verdauungstrakt des Menschen. (Bild: Riccardo Niels Mayer/fotolia.com)

Heute kennen wir solche Seuchen als Cholera, Typhus oder Fleckfieber, doch bis in die Neuzeit hinein konnten auch Ärzte die Erkrankungen kaum voneinander unterscheiden, und oft traten sie auch gemeinsam auf.

Vor dem 19. Jahrhundert fassten die Mediziner Infekte, die mit Übelkeit und Erbrechen, blutigem Durchfall, Inkontinenz, schnellem Gewichtsverlust und einer stark erhöhten Körpertemperatur verbunden waren, nur sehr vage als „Fieber “, „Pestilenz“ oder „Ausfluss“.

Bis in das 19. Jahrhundert waren Viren und Bakterien als Erreger unbekannt. Zwar erkannten schon Mediziner im Mittelalter einen Zusammenhang zwischen Hygiene und Epidemien, doch erstens setzte sich dieser Ansatz nicht durch, und zweitens fehlten die technischen Möglichkeiten und der Wille, die Situation zu ändern.

„Parasiten-Mutterschiffe“

Es wurde immer schlimmer: In Städten wie Edinburgh lebten die wohl habenden Bürger in den oberen Stadtwerken, und die Armen im Erdgeschoss, weil der Müll auf den Straßen buchstäblich zum Himmel stank. Trittsteine ermöglichten es, in der Stadt voranzukommen, ohne dabei in Exkremente wie verfaulende Lebensmittel zu treten.

Die „Kanalisation“ war oft der jeweilige Fluss, an dem die Stadt lag, und die organischen Abfälle samt Viren und Bakterien konnten sich so flussabwärts weiter verbreiten. Die Armen und Bauern lebten mit den Nutztieren auf engstem Raum zusammen, und dieses Vieh war ohne wirksame tiermedizinische Versorgung, das, was Veterinäre als „Parasiten-Mutterschiff“ bezeichnen.

Flöhe, Läuse, Milben und andere Plagegeister, perfekte Überträger für Infekte, waren so allgegenwärtig, dass die Adligen extra „Flohpelze“ aushängten in der Hoffnung, dass die Bluttrinker diese ansteuerten.

Parasiten wie Flöhe und Läuse waren die idealen Krankheitsüberträger. (Bild: fotoliaxrender/fotolia.com)

Pest und Cholera – Eine tödliche Wahl

Cholera kommt vom griechischen Wort für Galle und bedeutet „Brechdurchfall der Galle“. Es handelt sich um eine bakterielle Infektion durch das Bakterium Vibrio cholerae. Sie betrifft vor allem den Dünndarm. Die Bakterien übertragen sich meist über verschmutztes Wasser und verseuchte Nahrung.

Die Infektion führt zu extremem Durchfall und starkem Erbrechen, auf dem Körper bilden sich bläuliche Flecken, und die Betroffenen verlieren sehr schnell sehr viel Gewicht. Der Verlust an Flüssigkeit ist enorm, so dass der Körper sehr schnell austrocknet. Dies geht einher mit einem gefährlichen Elektrolytverlust: Die Verteilung des Wassers wird durch osmotisch aktive Substanzen organisiert, und das sind vor allem Elektrolyte.

Natrium bestimmt dabei die Menge der extrazellulären Flüssigkeit und das Blutvolumen. Durch den Flüssigkeitsverlust bricht dieses Elektrolytsystem zusammen. Dann wird die Infektion lebensgefährlich, weil der Kreislauf zusammen bricht.

Eine Cholera-Behandlung bedeutet eine permanente Gabe von Mineralwasser, um den Flüssigkeitsverlust zu kompensieren. Unbehandelt führt die Krankheit in 20 % bis 70% aller Fälle zum Tode.

Aus den Sümpfen Südasiens

Die Cholera asiatica grassierte in Indien wahrscheinlich schon seit vielen Jahrhunderten, die Epidemien blieben aber auf einzelne Regionen beschränkt. Arabischen und europäischen Seefahrern war die Krankheit wohl bekannt. Den Indienreisenden aus Großbritannien galt sie als „Tropenfieber“, also als eine typische Krankheit heißer exotischer Länder.

Das änderte sich jedoch, als sie von Kolkata aus zuerst die Sunda-Inseln, dann Indochina und schließlich China erreichte und im Westen Sri Lanka, die Maskarenen und schließlich den Iran.

Auch eine Jahrtausende alte Medizin auf einst hohem Niveau rettete die Menschen zwischen Täbriz und Shiraz nicht: In Persien schlug die Epidemie ein wie eine Massenvernichtungswaffe. Unzählige Menschen starben, und die Infrastruktur kollabierte derart, dass die Armee des russischen Zaren weite Teile des Landes ungehindert einnahm. Doch dieser rasche Einmarsch war im Wortsinne verseucht: Zehntausende der siegreichen russischen Soldaten krepierten jetzt selbst an der Darminfektion.

Als Pandemie, die sich über mehrere Kontinente erstreckte, plagte sie weite Teile Asiens, des Nahen Ostens, Ostafrikas, dann Russlands und Europas von 1817-1824. 1830 wütete sie in Moskau, und damit fand sie eine Brücke aus den unermesslichen Weiten Eurasiens ins Herz des alten Kontinents.

In Europa gab es nur selten funktionierende Abwasserleitungen und Toiletten. Die Menschen auf dem Land hielten ihr Vieh im Haus, und die Exkremente der Menschen ebenso wie der Kot von Rindern und Schweinen verschmutzten das Grundwasser, das zugleich als Trinkwasser diente. Die Cholera-Bakterien fanden also perfekte Bedingungen vor und konnten ungehindert in die Därme der Europäer gelangen.

Im der österrieichisch-ungarischen Monarchie starben 250.000. Die mit einer deutschsprachigen Elite besetzte Verwaltungspyramide brach zusammen, und Historiker diskutieren, ob die Cholera den Niedergang der k.uk. Monarchie auslöste.

Von Moskau wanderte das Grauen nach Warschau, 1831 explodierte die Epidemie in Berlin, dann in Hamburg, schiffte sich in England ein, tobte 1832 in Calais und Arras und im März des gleichen Jahres traten die ersten 3 Fälle in Paris auf.

Spott und Sündenböcke

Die französischen Wissenschaftler Ruffié und Sournia arbeiteten diese erste Cholera-Epidemie in Paris akribisch auf und erkannten dabei viele Reaktionen, die für Seuchenwellen typisch sind: Ignoranz, als das Massensterben noch Osteuropa betraf, die Suche nach Sündenböcken, als die Zahl der Toten in die Höhe schoss, eine „Epidemie“ von Wunderheilern, die „alternative Medizin“ verkauften, als die „Schulmedizin“ der Krankheit hilflos gegenüber stand – letztlich der Aufbau einer moderneren medizinischen Versorgung, als es längst zu spät war.

Zwar warnten Ärzte frühzeitig und forderten, mehr Betten in den Krankenhäusern aufzustellen, doch sie fanden kein Gehör. Seit Napoleon währten sich die Pariser als Bürger der Hauptstadt der Welt, und „ihre Stadt“ sahen sie als Zentrum der Moderne und Zivilisation. Manche machten sich deshalb sogar lustig, als die ersten Cholera-Fälle in Frankreich auftraten und hielten die Meldungen der medizinischen Akademie für Panikmache.

Ruffié und Sournia scheiben: „Gewiss, die Cholera mochte ihre Opfer in Polen oder in Russland fordern, in diesen letztlich „unzivilisierten“ fernen Ländern, und vielleicht selbst in England, aber doch nicht in Frankreich.“ Selbst als der Koch des Marschalls Lobau an der Cholera starb, sorgte das lediglich für den Spott, dass er sich an seinem schlechten Essen vergiftet hätte. Sogar, als die Spitäler in Paris täglich Patienten mit identischen Symptomen bekamen, leugnete die Presse, dass es sich um Cholera handelte.

Die ersten Cholera-Fälle in Frankreich wurden von den Pariser Bürgern abgetan und als Panikmache eingestuft. (Bild: Iakov Kalinin/fotolia.com)

Leichenwasser

Das bürgerliche Paris ging seinem eigenen Mythos von Zivilisation und Sauberkeit auf den Leim. Die Realität sah nämlich alles andere als „sauber“ aus: Das Trinkwasser kam aus der Seine, die vor Abfällen überquoll und aus ebenfalls verschmutzten Brunnen. Die französischen Professoren schreiben: „Unrat verseuchte die Bièvre, die sich in einen riesigen Abwasserkanal verwandelt hatte. Durch die Rinnsteine der Straßen floss die Krankheit immer weiter.“

Die Wirklichkeit ließ sich nicht verdrängen, als immer mehr Menschen starben. Bald schon waren 56 Départements betroffen. Nach dem 2. April 1832 gab es täglich um die hundert Tote, am 14. April zählten die Behörden dreizehntausend Erkrankte und siebentausend Tote, Ende April waren zwölftausendachthundert gestorben.

Angst trat an die Stelle der Ignoranz, und dazu Hilflosigkeit der Behörden. Ruffié und Sournia erläutern: „(…) vor immerhin nur einem Jahrhundert, in jenem 19. Jahrhundert also, spielen sich Szenen ab, die geradewegs dem finsteren Mittelalter entsprungen schienen: Ohnmächtige Behörden versuchten, die Gefahr herabzuspielen und gaben völlig abwegige Hygieneempfehlungen wie beispielsweise „gesunde Lebensführung“ ohne übertriebenen Nahrungsmittelgenuss oder Mäßigung bei anregenden Getränken. Wie bei den Peststürmen zur Zeit der Renaissance errichtete man in den bevölkerungsreichsten Stadtteilen von Paris provisorische Lazarette.“ Wie zu Pestzeiten verließen viele Würdenträger die Stadt.

Karneval des Grauens

In den Karnevalsumzügen versuchten manche, ihrer Angst Herr zu werden, indem sie die Cholera ins Lächerliche zogen: Als Erkrankte verkleidet, mit den typischen bläulichen Flecken auf der Haut, zogen sie durch die Straßen.

Doch, so schreiben Ruffié und Sournia, kamen ganze Karren voller „Pierrots und Kolombinen“ in die Krankenhäuser, „die die Krankheit mitten während der Feier befallen hatte, so dass sie direkt ins Hospital gebracht wurden, ohne dass sie auch nur die Zeit gehabt hätten, sich zu Hause noch umzuziehen. Einige von ihnen begrub man direkt in ihrer Kostümierung, wie wir aus Heinrich Heines Schilderungen wissen.“

Als die Zahl der Toten immer größer wurde, gab es Probleme, sie zu bestatten. Die Behörden beschlagnahmten Droschken, Pferdebusse, Lastenkarren und alle möglichen anderen Gefährte, und setzte sogar Armeefahrzeuge ein, weil die Leichenwagen nicht ausreichten. Es dauerte nicht lange, und die Toten wurden sogar auf Schubkarren zu den Friedhöfen gebracht. Die Leichenfuhrwerke stauten sich vor den Friedhöfen. Die Behörden ließen Massengräber anlegen, in denen die Toten nur durch Kalk voneinander getrennt waren.

Es starben die Armen. In den Vierteln des reichen Bürgertums ging das Leben weiter wie zuvor. Wie in Edgar Allan Poes „Maske des roten Todes“ feierten die Wohlhabenden oder trafen sich im Theater, doch in den Elendssiedlungen der Arbeiter mit ihren entsetzlichen hygienischen Verhältnissen schieden die Menschen dahin – zu Tausenden.

Quacksalber und Lynchmord

Soziale Unruhe mischte sich mit Verschwörungsfantasien. 1830 hatten die Republikaner in der Juli-Revolution eine demokratische Gesellschaft gefordert. Jetzt sahen immer mehr von ihnen die Cholera als eine Vergiftung durch die Herrschenden, um das Volk zu bestrafen. Es kam zum blutigen Aufstand gegen den König und seine Regierung.

Doch die Giftfantasie blühte auch allgemein. Wie in den nicht weit zurück liegenden Zeiten der Hexenverfolgung geriet jeder in Verdacht, der etwas „ungewöhnliches“ bei sich trug oder tat. Der Präfekt Casimir-Périer selbst verbreitete diese Fabel und ließ Plakate anbringen, die die Bevölkerung zur Wachsamkeit aufriefen. Wie in Zeiten der Judenpogrome ermordete der Mob jetzt unschuldige Menschen.

Die Verschwörungsfantasien konzentrierten sich auf die Ärzte. Wer heilt, kann töten, und seit jeher sind Mediziner auch immer dem Verdacht ausgesetzt, Menschen zu vergiften oder zu verhexen. Eher harmlos waren die Quacksalber, die an jeder Straßenecke standen und das „Versagen“ der akademischen Medizin anprangerten, um den Verzweifelten teuer den eigenen Hokuspokus zu verkaufen.

Gefährlicher war der Mob. Er bedrohte Ärzte, rottete sich vor Ambulanzen zusammen, plünderte Apotheken – dann beging er den ersten Mord: „Wutbürger“ erstachen einen Studenten, der in einer Rettungsstelle half.

Selbst der Unterpräfekt beteiligte sich an der Suche nach Sündenböcken und fragte ernsthaft, ob ein junger Arzt nicht möglicherweise von der Regierung geschickt sei, um Gift zu verbreiten. Außerdem starben immer mehr Ärzte und Krankenschwestern selbst an der Seuche.

Die Mediziner waren hilflos, denn die Ursache der Cholera kannten sie nicht – jetzt gerieten sie auch noch in Lebensgefahr, weil das Volk ein Ventil für Angst, Wut und Hass suchte. Der Mob hatte auch in Polen und Russland zuvor Krankenhäuser geplündert und medizinisches Personal erschlagen.

Fruchtlose Debatten

Die Pariser Ärzte zerstritten sich bei der Diskussion um die Ursachen der Krankheit, vor allem die Frage, ob sie ansteckend sei, sorgte für eine fruchtlose Kontroverse. Viele Ärzte hielten sich an der Tradition fest und vertrauten dem Aderlass.

Der in alter Tradition durchgeführte Aderlass sorgte bei Cholera-Erkrankten für zusätzlichen Blutverlust – und beschleunigte dadurch oft das Ableben. (Bild: Klaus Eppele/fotolia.com)

Der ist zwar nicht immer so schädlich, wie er heute oft dargestellt wird, sondern kann einen Blutstau entspannen und infiziertes Blut abfließen lassen, für die Cholera war er aber fatal: Zusätzlicher Blutverlust bei Betroffenen, die unter extremem Mangel an Körperwasser litten, beschleunigte ihren Weg aus der Welt der Lebenden.

Als ob die Debatten in den medizinischen Akademien nicht schon sinnlos genug gewesen wären, mischte sich auch noch die katholische Kirche ein. Einige aufgeklärte Ärzte forderten, die Leichen zu verbrennen, um die mögliche Ansteckung zu verhindern, bei einer nicht bekannten Ursache eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Katholische Fundamentalisten bastelten jetzt eine neue Verschwörungsfantasie und hetzten gegen die Mediziner als „Freimaurer“.

Der tödliche April

Im April 1832 erreichte die Seuchenwelle ihren Höhepunkt, danach sank die Sterberate. Es blieb nicht bei den Armen. Adlige und Geschäftsleute starben ebenso wie der Regierungschef Casimir-Périer und General Maximilien Lamarque.

Die Beerdigung dieses überzeugten Republikaners eskalierte in einem Volksaufstand: Tausende von Handwerkern und Arbeitern lieferten sich eine Schlacht mit 25.000 Soldaten in Saint-Antoine. Am Ende zählte man 200 Tote.

Derweil sank die Zahl der Cholera-Opfer von Tag zu Tag, und die Behörden ließen die Notkrankenhäuser schließen. Das war ein Fehler: Im Juli erreichte die Zahl der Toten nämlich erneut einen Höhepunkt. Am 18. Juli starben 225 Menschen an einem einzigen Tag. Soldaten in Kasernen und Häftlinge in den Gefängnissen waren am meisten betroffen.

Die Cholera forderte in den Metropolen wesentlich mehr Tote, und das auch proportional, als in den Dörfern. Die französischen Wissenschaftler schreiben: „Die Ansteckungsdichte stand in direkten Zusammenhang zum sozialen Umfeld, zum Lohnaufkommen und zu den hygienischen Verhältnissen in den Wohnungen.“

Zum einen lebten in den Städten die Menschen dicht an dicht, so dass die Bakterien direkt von Mensch zu Mensch überspringen konnten. Zum anderen aber war die Wasserqualität auf dem Land generell besser als in den wuchernden Metropolen wie Paris oder London – insbesondere viel gesünder als in den Quartieren der städtischen Arbeiter.

Zurück an die Brutstätte

Die Pariser Bourgeoisie rümpfte zwar die Nase über die Bauern, die mit ihrem Vieh Wand an Wand zusammen hausten und allgemein als dreckig galten. Doch in den dünner besiedelten Regionen auf dem Land waren die Flüsse sauberer, das Grundwasser weniger verdreckt, und die Cholera-Bakterien gelangten seltener in den menschlichen Körper.

Erst ein Jahr nach Ausbruch der Epidemie, im April 1833, gab es keine Toten mehr. Die Cholera war vorerst verschwunden. Im ländlichen Frankreich wütete sie noch vier Jahre lang. 1849 brach die Infektionskrankheit in Paris erneut aus und fand 20.000 Opfer, und dann wieder 1853, 1865, 1873 und ein letztes Mal 1884.

Die Epidemien führten endlich dazu, Gesundheitskonzepte, die Aufklärer bereits im 18. Jahrhundert entworfen hatten, in die Tat umzusetzen. Frankreich schuf mehrere Behörden für die öffentliche Gesundheitspflege, Vorläufer der heutigen Gesundheitsämter. Die Krankenhäuser wurden mit mehr Betten für Krisensituationen ausgestattet. Und eine breite Öffentlichkeit akzeptierte, dass Krankheiten ansteckend sind – eine Tatsache, die in den Jahrzehnten nach der Entdeckung von Bakterien unter dem Mikroskop noch stark umstritten war. Deren Gegner entwickelten kuriose Theorien wie die Homöopathie, eine Pseudowissenschaft, die auch heute noch viele Anhänger hat.

1855 suchte die Seuche London heim, und hier gelang dem Arzt Dr. John Snow eine revolutionäre Entdeckung. Er belegte, dass die Cholera-Epidemie im Londoner Viertel Soho durch verschmutztes Trinkwasser ausgelöst worden war. Zuvor hatten die Mediziner angenommen, dass die Seuche durch Miasmen, also Ausdünstungen in der Luft, entstand.

Bereits ein Jahr zuvor hatte Filippo Pacini den Erreger entdeckt und als kommaförmiges Bakterium beschrieben. 1884 letztlich züchtete Robert Koch den Erreger aus den Därmen verstorbener Patienten an.

Erreger der Cholera ist das gramnegative Bakterium Vibrio cholerae. (Bild: Kateryna_Kon/fotolia.com)

1898 hatte die Cholera ihren Vernichtungszug durch Asien, Afrika und Europa vorerst beendet und blieb dort, wo sie entstanden war – im Indus-Delta. Die Seuchenwelle seit dem frühen 19. Jahrhundert hatte 30 bis 40 Millionen Menschen das Leben gekostet, fast so viel wie der Zweite Weltkrieg.

Besiegt war sie nicht: 1923 brach sie auf dem Balkan aus, nachdem Muslime sie von ihrer Pilgerfahrt nach Mekka mitgebracht hatten. 1939 kehrte der Horror in den Iran zurück, 1947 ging ihr Tod in Ägypten um, und in den 1970er Jahren siechten Menschen überall in Afrika dahin.

Die Cholera heute

In den westlichen Industrieländern ist die Cholera heute keine Gefahr mehr. Die Krankenhäuser verfügen über ausreichend Betten, der Erreger ist bekannt und lässt sich bekämpfen, die Versorgung mit sauberem Trinkwasser ist weit gehend gewährleistet, die Abwässer werden geklärt und beseitigt. Die Hauptwege, auf denen sich die Krankheit verbreitet, sind also versperrt.

Prophylaktische Impfungen sind in Europa ebenso selbstverständlich wie Rehydratisierung und Antibiotika, so dass auch die ausgebrochene Krankheit kaum zum Tod führt.

In armen Länder Asiens und Afrika ist die Cholera indessen nach wie vor eine tödliche Bedrohung. In Indien, Tansania oder Kambodscha sind Trinkwasser- und Abwassersysteme selten voneinander getrennt, die hygienischen Bedingungen in den Slums ähneln denen der Pariser Arbeiterquartiere des 19. Jahrhunderts und das Trinkwasser ist häufig durch Cholera-Erreger verseucht, die durch Fäkalien in Fluss-, Meer- und Grundwasser gelangen. Auch Fische, die die Einheimischen aus fäkalienverseuchten Gewässern fangen, tragen die Erreger in sich.

Bei Ausbruch der Krankheit fehlt in Ländern der Dritten Welt zudem der ausreichende Ersatz von Wasser, Zucker und Salzen, in der Regel intravenös, um den entzündeten Magen und Darm zu schonen. Diese einfache Hilfe, unterstützt durch Antibiotika senkt die Sterberate von 60 % auf unter 1 %.

Gefiltertes Wasser ist in den heute noch betroffenen Ländern die Vorsorge Nummer 1. Selbst einfache Filter aus Stoff senken die Infektionsrate um die Hälfte, fanden Forscher in Bangladesch heraus.

Typhus

Typhoides Fieber war bis weit in das 19. Jahrhundert hinein eine immer wiederkehrende Qual für die Europäer. Es handelt sich um einen Infektion mit Salmonellen, die sich vor allem als starker Durchfall zeigt, aber auch die Haut und die inneren Organe angreift und mit hohem Fieber einher geht. Typhus ist kein solcher Massenkiller wie die Cholera das 19. Jahrhunderts, die Epidemien bleiben örtlich begrenzt, und gehen vorüber und viele Erkrankte überleben das Fieber.

Die Menschen steckten sich meist mit dem Trinkwasser und der Nahrung an, die Erreger hielten sich vor allem im Kot wie Urin der Infizierten. Wie bei der Cholera war und ist der Nährboden für den Typhus mangelnde Hygiene, vor allem nicht getrenntes Trink- und Abwasser, verdreckte öffentliche Toiletten und verunreinigte Lebensmittel. Heute sind diese Bedingungen in weiten teilen Asiens, Afrikas und Südamerikas immer noch gegeben und damit verbreitet sich auch die Krankheit.

1880 erkannte Karl Joseph Ebert den Erreger, und damit konnte die Medizin Gegenmittel entwickeln. Gegen Typhus kann man sich effektiv impfen lassen. Eine Impfung wirkt zumindest ein Jahr.

Vor einer Reise in Risiko-Gebiete kann eine Impfung gegen Typhus sinnvoll sein. (Bild: jozsitoeroe/fotolia.com)

Die Krankheit war zwar bekannt, trotzdem grassierte sie in den beiden Weltkriegen unter Soldaten aller Parteien. Wo die Soldaten geimpft und die Unterkünfte sauber waren, gab es weniger oder gar keine Infizierten.

Es lässt sich aber unmöglich heraus finden, an welchen Infektionen genau die damals erkrankten Soldaten und Zivilisten starben, denn auch andere Durchfallerkrankungen wie Fleckfieber forderten ihre Opfer.

Fleckfieber

Das Fleckfieber beginnt mit Schüttelfrost, ansteigendem Fieber, Glieder- und Kopfschmerzen sowie zeitweisen Bewusstseinstrübungen. Dann folgt ein blau- und rotfleckiger Hautausschlag, der der Krankheit den Namen gab.

Ruffié und Sournia schreiben: „Nicht alle Epidemien richten derartige Verheerungen an wie die Cholera. Dennoch müssen auch sie erwähnt werden, und sei es nur, um sich der millionenfachen Todesopfer zu erinnern, die sie forderten, und um der Wissenschaftler zu gedenken, die die Seuchen bezwangen.“

Das Fleckfieber griff bereits in der Antike um sich. Bereits im Peloponnesischen Krieg sind Symptome bei Soldaten beschrieben, die auf die Seuche hindeuten, und eindeutig litten darunter die Truppen von Lautrec im 16. Jahrhundert und viele Jahrzehnte später, die Menschen im heutigen Deutschland im Dreißigjährigen Krieg.

Am bekanntesten wurde die Infektion in Napoleons Armee, als diese sich aus Russland zurück zog. Ruffié und Sournia dazu: „Die Grande Armée hinterließ bei ihrem Rückzug aus Moskau mehr todgeweihte Fleckfieberkranke in den Lazaretten als Tote auf den Schlachtfeldern und im Packeis der Beresina.“

Auch die Handelsrouten wie die Seidenstraße in Asien und die Pilgerwege nach Jerusalem oder Mekka verbreiteten die Krankheit.

Verwechslung mit Typhus

Früher wurde Fleckfieber und Typhus häufig verwechselt. Die Symptome ähneln sich zwar, doch ist der Erreger ein anderer. William Jenner erkannte 1847 in London, dass es sich um eine eigene Krankheit handelt. Davor fiel auch Fleckfieber unter „Typhus“, heute heißt Fleckfieber im Englischen immer noch „typhus“, allerdings heißt der deutsche „Typhus“ in Großbritannien „typhoid fever“. Der Biologe Henrique da Rochalima entdeckte 1916 den Erreger und beschrieb ihn erstmals.

Die Laus hüpft von Krieg zu Krieg

Mit den Kriegen breitete sich das Fieber international aus. So infizierten französische Soldaten in Amerika die dortigen Rebellen, und als sie nach Hause zurück kehrten, brachten sie die Seuche mit in die Bretagne, wo sie sich fest einnistete.

Das Fleckfieber begleitete den Krieg auch im 20. Jahrhundert. Zwar war seit 1909 bekannt, dass eine Kleiderlaus den Erreger übertrug, das nutzte nur unter den Verhältnissen der Weltkriege wenig: Im Gegenteil, der ständige Wechsel der Stellungen, die erbärmliche Hygiene in den Feldlagern boten für die Kleiderläuse das, was Zoodirektoren als artgerechte Tierhaltung bezeichnen.

Der Erreger Rickettsia prowazek infizierte die russischen Soldaten 1914 bis 1917 ebenso wie die deutsch-österreichischen. In Russland überfiel das Fieber auch die Zivilbevölkerung, und das große Sterben ging nach dem Krieg weiter. Eine Enquete des Völkerbundes schätzte die Zahl der Fleckfieberinfektionen insgesamt von 1917 bis 1921 auf fünfundzwanzig Millionen – drei Millionen Menschen starben.

Lenin bezeichnete die Kleiderlaus als Feind des Kommunismus, denn im Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution zwischen 1918 und 1922 killte das Fieber in Russland 2,5 Millionen Menschen.

In Russland starben zwischen 1918 und 1922 2,5 Millionen Menschen am Fleckfieber. (Bild: Grispb/fotolia.com)

Menschenversuche im KZ

Auch im zweiten Weltkrieg verbreitete sich das Fleckfieber. Es handelte sich aber nicht um eine unbekannte Seuche, gegen die sich nichts machen ließ, sondern die Ursache war die Menschenverachtung der Nazis.

Sie sperrten Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, politische Gegner, Bürger Osteuropas, jüdische Menschen wie Sinti und Roma in Konzentrationslager. Die hygienischen Bedingungen waren barbarisch. Entlausungsmaßnahmen gegen den Fleckfieber-Erreger waren bekannt, das NS-Personal führte sie aber vollkommen unzureichend aus.

Zwar wurden alle behaarten Körperteile rasiert, und „privilegierte“ Häftlinge duschten, aber die von Hunger, anderen Krankheiten und vernichtender Arbeit Geschwächten boten Infektionen leichtes Spiel. Tausende von KZ-Insassen starben am Fleckfieber.

Der Horror nahm noch drastischere Formen an: In Menschenversuchen spritzten verbrecherische Nazi-Ärzte ihren Opfern Fleckfieber ein, um die Seuche „zu erforschen“ und Behandlungen auszuprobieren. Mehrere hundert Menschen starben am künstlich herbei geführten Infekt.

Doch auch die Soldaten an der Front infizierten sich an der Kleiderlaus. Hinzu kamen diverse andere Wunden und Erkrankungen. So schrieb der Österreicher Johann Wagner, der in einem Totenkommando Massengräber aushob: „Im Vormarsch eine Blinddarmentzündung, vor der Gefangennahme der erste Malariaanfall, bei einem Nachtangriff der Steckschuss im
linken Unterschenkel, bei der Gefangennahme ein Oberarmdurchschuss, in den Gefangenenlagern Ruhr, walinisches Fieber, Fleckfieber, Flecktyphus, Paratyphus und dann 1945 noch eine ganz schwere Lungenentzündung. Da zweifelte ich selbst, ob ich das noch überleben werde.“

Rickettsia prowazekii

Der Erreger Rickettsia prowazekii kann nur im menschlichen Körper leben. Die Läuse übertragen ihn untereinander nicht. Der Keim bleibt über lange Zeit im Körper. Wer also einmal am Fieber erkrankte, oder auch, wer sich infizierte, ohne irgendwelche Symptome zu zeigen, hat den Erreger nach wie vor im Körper. An diesem Menschen kann sich jederzeit eine Laus infizieren und die Krankheit erneut verbreiten.

Verwandte des Erregers leben nicht im Menschen, sondern in Tieren – so befällt Rickettsia mooseri Ratten und löst das Murinen-Fieber aus.

In Afrika besiedelt Rickettsia prowazekii auch Haustiere, und statt Kleiderläusen wird der Erreger dann von Zecken übertragen, die zuerst die Tiere und dann Menschen beißen. Verwandte Fiebererkrankungen sind das amerikanische „Rocky-Mountains-Fever“, das afrikanische „Knopffieber“ und das „japanische Flussfieber“. Das „Q-Fieber“ in Australien, den USA und Afrika löst Rickettsia burnettii aus.

Prophylaxe

Gegen R. prowazekii gibt es seit dem Zweiten Weltkrieg zwar einen Impfstoff, doch die wesentliche Möglichkeit, Fleckfieber zu vermeiden, ist der Schutz vor den Trägern, also vor Läusen, Zecken und anderen Ektoparasiten. In Deutschland sind Infektionen mit diesem Erreger heute äußerst selten.

Dieses epidemische Fleckfieber trat in letzter Zeit bei deutschen Staatsbürgern lediglich bei Mitarbeitern in humanitären Einsätzen auf. Rückschübe des Fieber gab es bei Menschen, die im Zweiten Weltkrieg daran erkrankt waren. (Dr. Utz Anhalt)

Literatur:
Jacques Ruffié; Jean-Charles Sournia: Die Seuche in der Geschichte der Menschheit. München 1992

Referenzen:
Thomas Werther: Fleckfieberforschung im Deutschen Reich 1914–1945. Dissertation. Wiesbaden 2004.
Gerhard Dobler, Roman Wölfel: Fleckfieber und andere Rickettsiosen: Alte und neu auftretende Infektionen in Deutschland. In: Deutsches Ärzteblatt Int. Nr. 106(20), 2009, S. 348–354 (Artikel).
Informationsmaterial der Universität Erlangen zu Fleckfieberversuchen im Konzentrationslager Buchenwald