Wiesenkönigin – Mädesüß: Wirkstoffe, Anwendung und eigener Anbau

Dr. Utz Anhalt
Die Wiesenkönigin trägt viele Namen: Wilder Flieder, Sonnwendkraut, Wiesengeißbart oder Rüsterstaude. Der Volksname „Wiesenaspirin“ bezieht sich auf ihre Wirkung als Schmerzmittel und ist nicht nur eine Metapher: Mädesüß enthält Acetylsalicylsäure, den Grundstoff von Aspirin. Mädesüß heißt sie aus altgermanischer Zeit: Unsere Urahnen süßten damit den Met, ein alkoholisches Getränk, das sie ebenso liebten wie Bier – eine kluge Idee, denn so beugten sie bereits während des Zechens dem Kater vor.

Pflanzenaspirin

Die Salicylsäure wurde sogar aus Mädesüß und Silberweide isoliert, und daraus entstand das künstlich synthetisierte Aspirin. Salicylsäure lindert Schmerzen, senkt Fieber, löst Krämpfe und regt den Harnfluss an. Sie kurbelt den Herzschlag an, treibt den Schweiß, heilt äußere Narben und enthält hohe Mengen an Vitamin C und Flavonoiden.

Die Heilpflanze Mädesüß gehört zur Familie der Rosengewächse und ist auch als „Wiesenkönigin“ oder „Rüsterstaude“ bekannt. (Bild: multik79/fotolia.com)

Die Briten würzen Bier und Wein noch heute mit der Wiesenkönigin. Imker rieben ihre Bienenstöcke mit den Blüten ein und glaubten, die Bienen würden dadurch im Stock bleiben. Sich selbst rieben sie mit Mädesüß ein, um die Bienen vom Stechen abzuhalten.

Queen of the meadows

Die Briten nennen sie „queen of the meadows“, die Italiener Olmaria, die Dänen Engdronning, die Polen Tawula und die Russen Tawolga. Früher hieß sie in Skandinavien mjödurt, das Metkraut. Der altgriechische Name Spiraea bedeutet Gewinde und bezieht sich vermutlich auf den Brauch, die Pflanzen zu Girlanden zu flechten. In der frühen Neuzeit hieß sie in Deutschland Geiß- oder Bocksbart (Ziegenbart) – wahrscheinlich erinnerten die cremeweißen Blüten die Zeitgenossen an Ziegenhaare. Oder aber der Name rührte daher, dass Ziegen die Blätter und Blüten fraßen.

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Ein anderer Name, Waldbart, lässt jedoch darauf schließen, dass die fast wie Zuckerwatte wirkenden Blüten an einen Bart erinnerten, Immenkraut daran, dass es sich um eine exzellente Bienenweide handelt. Der wenig romantische Begriff Stopparsch betont hingegen die Wirkung gegen Durchfall.

Volks- und Heilnamen

Einige Volksnamen zeigen, dass die Heilwirkung der Pflanze bekannt war. So hieß sie in Gotha Frauenkraut, im Elsass Krampfkrut, im Böhmerwald Bärmutterstrauß. Allerdings gab es über die Heilwirkungen auch falsche Vorstellungen: So nutzten die Russen die Wurzel gegen den Biss tollwütiger Hunde – eine ebenso nutz- wie sinnlose Idee.

In der frühen Neuzeit galt der „Geißbart“ als Mittel, um die Galle zu reinigen, das Kraut sollte gegen Geschwüre wirken, Dornen aus der Haut treiben, und die Blätter sollten den Harn treiben.

In Bremen hieß sie Brannwiensblome, offensichtlich erinnerte der Geruch der Blüten an Brandwein; in Westfalen Federblume, im Riesengebirge Honigblüte, in der Schweiz Geißleitere.

Mädesüß in der Mythologie

Mädesüß galt als Liebespflanze und diente dazu, böse Geister abzuhalten. Sie wurde in der Nacht der Sonnenwende gesammelt, und in die Balken von Häusern und Ställen gehängt, oder auf den Boden des Hauses gestreut, um einen angenehmen Geruch zu schaffen. Bräute trugen sie im Kleid, um den Schutz der Jungfrau Maria zu erhalten.

Bei den Kelten erschufen Gwydyon und Math aus Eiche, Ginster und Mädesüß Blodeuwedd, das Blumengesicht, ein Mädchen, das den Neffen Gwydyons, Llew Llaw Gyffes heiratete.

Möglicherweise bezieht sich der Name Wiesenkönigin auf die Blütenelfen, Fabelwesen, die in und um die Blüten auf den Wiesen leben sollten, und die vor allem bei den Inselkelten eine wichtige Rolle in der Religion spielten. Bewiesen ist dieser Zusammenhang aber nicht. Diese Feenwesen sollen nachts mit den Blumen spielen und sie versorgen. Die Blüten sind ihre Betten.

Mädesüß enthält unter anderem Salicylsäure und wird daher auch als „Wiesenaspirin“ bezeichnet. (Bild: Heike Rau/fotolia.com)

Chemische Bestandteile

Die Blüten enthalten ätherisches Öl mit Salicylaldehyd, dem wichtigsten Heilstoff der Pflanze, die Pflanze enthält außerdem freie Salicylsäure, Gerbstoffe, und den Farbstoff Spiraein. Der Wurzelstock enthält ätherisches Öl mit Methylsalicylat.

Hinzu kommen Heliotropin und Zitronensäure.

Anwendung der Wiesenkönigin in der Volksmedizin

Seit der Antike diente Mädesüß gegen diverse Leiden: Gicht wie Rheuma, Herzleiden, unregelmäßigen Puls, Erkrankungen der Blase und Nieren, Fieber, Erkältung und Grippe.

Es fand Verwendung gegen Gallenkoliken wie Gallensteine und in der Behandlung von Wunden.

Der britische Wissenschaftler John Gerard empfahl im 16. Jahrhundert einen Wein mit Mädesüßblüten gegen das Viertagefieber.

Wogegen wirkt Mädesüß wirklich?

Die Heilpflanze wirkt belegt gegen Verdauungsprobleme und Übersäuerung, sie lindert Brechreiz wie Übelkeit, Sodbrennen und Magenschleimhautentzündungen. Die Wirkung der Salicylsäure gegen Fieber, Gelenk- und Muskelschmerzen ist unbestritten. Generell bekämpft Mädesüß bakterielle und andere Entzündungen.

Die weit verbreitete Vorstellung, dass die Pflanze Krebs vorbeugt, konnte wissenschaftlich nicht bestätigt werden.

Die Königin liebt es feucht

Die Wiesenkönigin wächst auf feuchten Wiesen, an Flussufern und Wassergräben, in Erlenwäldern und am Fuß von Eschen. Dort finden wir sie zusammen mit Weidenröschen, Blutweiderich, Baldrian und Wasserdost.

Ihren Namen trägt sie nicht ohne Grund: Sie verrät sich schon auf Entfernung durch ihren süßlichen Geruch, und die cremeweißen Blüten des Rosengewächses ragen aus der pflanzlichen Konkurrenz heraus. Aus dem kräftigen Wurzelstock wächst ein kantiger Stängel in rötlicher Farbe, die Blätter sind fein gesägt, ihre Unterseite silbrig. Die Blätter sind unpaarig gefiedert (Federblume) und teilen sich am Oberende in mehrere Lappen.

Die Blüten duften ein wenig nach Vanille und stark nach Mandel. Der Blütenkelch besteht aus fünf dreieckigen Blättern und circa fünf Kronblättern.

Die Heilpflanze bietet reichlich Pollen und ist daher ein Paradies für Bienen und andere Insekten. (Bild: Didi Lavchieva/fotolia.com)

Bienenweide

Wir erleben derzeit ein Hummel- und Bienensterben. Dem lässt sich mit Mädesüß vorbeugen. Die Wiesenkönigin ist eine ausgezeichnete Bienenweide. Sie gibt zwar keinen Nektar, aber Pollen im Überfluss, und Insekten sind geradezu „süchtig“ danach.

Die Raupen des Mädesüß-Perlmuttfalters leben sogar ausschließlich auf und von der Wiesenkönigin.

Die Wiesenkönigin zeigt sich von Juni bis Oktober in ihrer Blütenpracht, und diese erreicht ihren Höhepunkt im Juli und August. Die Blätter sprießen bereits Ende Februar.

Sammeln für die Hausapotheke

Wir sammeln die Blüten und Sprosspitzen von Juni bis August, die Wurzeln graben wir im November aus.

Anwendung und Zubereitung von Mädesüß

Die Wiesenkönigin eignet sich ausgezeichnet für Tees, die dann keine zusätzliche Süße brauchen. Wir nutzen dafür entweder die Blüten oder die Blätter gleich mit, frisch oder getrocknet. Für einen Tee lassen wir einen Teelöffel Mädesüß in 250 ml heißem Wasser fünf Minuten stehen.

Gegen Kopfschmerzen mischen wir eine Handvoll Mädesüßblüten mit einer Handvoll Frauenmantel, einer Handvoll Gänsefingerkraut und einer halben Handvoll Schlüsselblumenblüten. Diese übergießen wir mit einem Liter heißen Wasser, lassen alles 10 Minuten ziehen und seihen den Tee ab.

Ein Tee mit Mädesüß kann zum Beispiel bei Erkältungen und Fieber helfen. (Bild: Heike Rau/fotolia.com)

Baden mit der Königin

Wir können auch ein Heilbad mit der Königin anrichten. Sie können einige Handvoll Blüten auch einfach in das heiße Vollbad geben. Besser ist es jedoch, circa zwei große Handvoll Blüten in einem Liter Wasser kurz aufkochen, dann von der Platte nehmen, 10 Minuten ziehen lassen und diesen Sud ins Badewasser zu geben.

Alternativ können sie auch Wickel hinein tauchen, die legen sie um Wunden oder frische Narben, oder auf schmerzende Gelenke, die Schläfen bei Kopfschmerzen oder um die Schultern, wenn Sie diese verspannt haben.

Mädesüß in der Nahrung

Im Sommer erfrischt Mädesüß, wenn sie einige Blüten und Zitronenscheiben in eine Kanne mit kaltem Wasser geben. Beides lassen sie 15 Minuten ziehen. Dieses einfache Getränk können sie variieren, wenn sie statt Zitronenscheiben Ingwerstifte und/oder Minzblätter hinzugeben. Die Heilpflanze verträgt sich auch mit Holunderblüten.

Die Blüten passen gut in einen Obstsalat mit Apfel- und Birnenspalten, Him- und Holunderbeeren. Sie können damit eine Marmelade würzen oder sie über Dessert streuen.

Die Wurzeln eignen sich nicht nur gegen Durchfall, sie lösen auch, in größerer Menge gegessen, Verstopfung aus. Überliefert ist ein aus den „Weichteilen“ der Pflanze gekochter Brei, den unsere Vorfahren als Süßspeise verzehrten.

Die meisten Teile der Wiesenkönigin sind essbar, die holzige Struktur macht sie jedoch als in Gänze gekochtes Gemüse ungeeignet. Auch erinnert der Geschmack der roten Wurzel an Arzneimittel, genauer gesagt an Mundwasser. Das ist nicht jedermanns Sache. Die medizinisch wirksamen Stoffe schränken den Gebrauch als Nahrungsmittel ebenfalls ein.

Für Survivalfreaks eignet sich ein Mädesüßeintopf indessen ausgezeichnet, um erstens den Hunger zu stillen und zweitens Infektionen vorzubeugen.

Risiken

Wiesenkönigin enthält den Grundstoff von Aspirin. Der wirkt Blut verdünnend. Es gilt also das gleiche wie bei Aspirintabletten: Bluter sollten Mädesüß meiden; wenn Sie eine frische Operation hinter sich haben, gilt das gleiche, ebenso, wenn innere Blutungen gerade heilen.

Mädesuß selbst anpflanzen

Getrocknetes Mädesüß, Mädesüßtees, Mädesüßpulver und Mädesüßblüten sind in Naturkostläden erhältlich, außerdem Mädesüßkapseln oder Mädesüß-Räucherwerk. Letzteres besteht aus dem getrockneten ganzen Kraut mit Blüten und Samen.

Mädesüßsamen gibt es bei Gärtnereien, insbesondere bei denen, die auf Naturgärten spezialisiert sind. Entwickelte Pflanzen finden sich in Wasserpflanzengärtnereien und wachsen gut in der Sumpfzone des Gartenteichs oder in einem Sumpfbeet. Wir säen von Januar bis März und pflanzen die Wiesenkönigin ab Mitte Mai im Freien ein.

Mädesüß eignet sich hervorragend für einen Bauerngarten und die Feuchtzone einer Kräuterspirale.

Die Wiesenkönigin lässt sich in einem Bauerngarten gut selbst anpflanzen. (Bild: hochfeld/fotolia.com)

Als Sumpfbeet dient auch eine mit Wasser gefüllte Mörtelwanne, ein Holzfass oder sogar ein Eimer, wenn Sie keinen eigenen Garten haben, sondern nur einen Balkon. Besonders gut zur Geltung kommen die cremeweißen Blüten neben Wasserpflanzen wie dem roten Blutweiderich, der gelben Sumpfschwertlilie und Iris. Mädesüß ist ein typisches Uferkraut und gedeiht weder in offenem Wasser noch der ausgetrockneten Ebene. Besuchen Sie einen Auwald, und Sie sehen, wo die weiße Schönheit gedeiht.

Winterharter Sumpfbewohner

Echtes Mädesüß ist hart im Nehmen und absolut winterhart. Im Unterschied zu vielen anderen Heilkräutern liebt es allerdings nährstoffreichen Humus, und sie mag es nicht, wenn dieser zu dicht ist. Als Sumpfpflanze gefällt ihr ein leicht saurer PH-Wert, es kann aber auch neutral sein. Die Lage sollte sonnig bis schatten sein, das Erdreich feucht oder nass ohne Staunässe.

Falls sie die Wiesenkönigin nicht in ein Sumpfbeet oder den Hintergrund eines Gartenteichs pflanzen, dann beachten Sie folgendes: Lassen Sie die Pflanze nicht antrocknen, eine gut gewachsene Pflanze kann dieses Ungleichgewicht im Wasserhaushalt zwar wieder ausgleichen, eine neu gepflanzte aber nicht. Halten Sie das Mädesüß also immer feucht.

Grasschnitt und Pferdeäpfel

In Töpfen gießen Sie bitte im Sommer täglich morgens oder abends. Als Dünger eignet sich Gartenkompost. Da Mädesüß natürlich im Uferbereich siedelt, wo der Humus zum Großteil aus abgestorbenen Pflanzenteilen besteht, ist der zum Kompost gewordene Grünschnitt nahezu ideal. Das gilt auch für Pferdeäpfel oder Kuhfladen als Dünger.

Für den Balkon geben Sie einem Keramiktopf den Vorzug. Der Vorteil von Tongefäßen, dass sie so porös sind, dass die Erde atmen kann und überschüssiges Wasser abdunstet, ist für diese Uferpflanze fatal. Schon ein warmer Sommertag kann den Wurzelballen austrocknen und im Ernstfall den Tod der Pflanze auslösen.

Wir können die Feuchtigkeit sowohl im Garten wie auch im Kübel erhöhen, indem wir Grasschnitt als unterste Schicht einlegen.

Schnitt

Der Schnitt hängt davon ab, was sie wollen. Wollen Sie die Wiesenkönigin als Heilkraut ernten? Dann schneiden Sie gleich nach der Blüte. Wollen Sie sich an einer Zierpflanze erfreuen? Dann schneiden Sie im Oktober/November bis in Bodennähe. Wollen Sie, dass die Samen sich verbreiten? Dann schneiden Sie im März. (Dr. Utz Anhalt)

Quellen:
Bernhard Meier: Lexikon der keltischen Religion und Kultur. Stuttgart 1994
http://dieseifensiederin.blogspot.de/2011/06/das-madesu-das-pflanzliche-aspirin.html
http://www.natur-lexikon.com/Texte/km/001/00008-maedesuess/km00008-maedesuess.html
http://www.gartendialog.de/gartenpflanzen/stauden/maedesuess-pflege.html
http://www.gartenlexikon.de/pflanzen/echtes-maedesuess.html
http://www.nicolai-apotheke-altenbruch.de/leistungen/heilpflanzenlexikon/?hpid=7985&cHash=c8695cb0dac7166f540e33bbd658bca4
http://vivalranger.com/home/wissen/essbare-pflanzen/136-maedesuess
https://www.pressreader.com/germany/allg%C3%A4uer-zeitung-f%C3%BCssener-blatt/20160830/282389808910958