Amphibiensterben durch Pilze: Ökologische Folgen und Schutzmaßnahmen

Nina Reese

Die Amphibien-Apokalypse – Pilz verursacht Massensterben

„Die Wirkung der Chytridiomykose auf die Frösche ist der spektakulärste krankheitsbedingte Verlust der Vielfalt von Wirbeltierarten seit Beginn der historischen Aufzeichnungen“ (Lee Berger). Das erste Mal in der Zeit, die der Mensch auf dem Planeten weilt, ist eine gesamte Klasse der Wirbeltiere vom Aussterben bedroht.

Das hätte ökologische Folgen, die wir nicht einmal abschätzen können. Die ungehemmte Vermehrung von Insekten, die gefährliche Krankheiten übertragen, ist nur eine davon, der Verlust einer wesentlichen Nahrungsquelle für unzählige Vogelarten eine andere. Die Apokalyptischen Reiter für die Amphibien sind Verlust der Lebensräume, Umweltgifte wie Pestizide und der Klimawandel. Hinzu kommt ein alter Widersacher, der so tödlich ist wie nie zuvor.

Jeder dritte Frosch ist bedroht

Jede dritte Frosch, Salamander und jede dritte Kröte weltweit stehen auf den Roten Listen der bedrohten Tierarten. Die Bestände der Amphibien sind sowieso tausenden Schäden ausgesetzt – ihre Habitate verschwinden, die Belastung der Umwelt setzt ihnen besonders zu. Auf den Klimawandel reagieren sie sehr empfindlich, da sie, anders als Warmblüter, unmittelbar von einer spezifischen Temperatur und Luftfeuchtigkeit abhängig sind.

Ob Frösche, Kröten oder Salamander: Viele Amphibienarten weltweit sind vom Aussterben bedroht.
(creativenature.nl/fotolia.com)

165 Arten sind bereits ausgestorben

Die größte Gefahr geht jedoch von dem Chytridpilz Batrachochytrium dendrobatidis aus. Er ist seit 1999 diagnostiziert, kommt ursprünglich vermutlich aus Afrika und löst das bisher größte Artensterben der Moderne in der kürzesten Zeit aus: Seit 1980 starben vermutlich 165 Arten von Fröschen, Kröten, Molchen und Salamandern aus, 435 wanderten in eine höhere Kategorie der Gefährdung.

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In Ecuador zum Beispiel, global dem Land mit der größten Biodiversität an Amphibien, sind heute 156 von mehr als 700 Froscharten vom Aussterben bedroht – 16 hat der Pilz bereits dahin gerafft. Betroffen sind bisher vor allem Süd- wie Nordamerika wie Australien.

Am stärksten gefährdet durch den Pilz sind hoch spezialisierte Arten wie die Kihansi-Gischtkröte, die in einem besonderen Biotop in einem kleinen Gebiet leben und von jeher nur wenige Individuen erfassten. Aber der Pilz löscht auch ohne weiteres ehemalige Allerweltsarten aus. Der im Wasser vorkommende Erreger infiziert die obere Hautschicht der Tiere, welche anschließend innerhalb weniger Woche sterben.

Hunderte von Spezies können in ihrem natürlichen Habitat vermutlich nicht überleben und bedürfen kurzfristig Zuchtstationen in menschlicher Obhut, die frei von dem Pilz sind, um nicht das Schicksal der Dinosaurier zu teilen, und um langfristig wieder Freilandpopulationen zu entwickeln.

Die Gischtkröte

Die Kihansi-Gischtkröte elimierte der Pilz in freier Natur im Jahr 2009. Sie lebte in den Kihansi-Wasserfällen in Tansania. An diesem speziellen Ort war sie indessen sehr häufig, Schätzungen gingen von 17.000 erwachsenen Tieren aus.

Ein Staudamm, der die Wassermenge auf ein Zehntel reduzierte, führte zu einem massiven Einbruch des Bestandes. Dann kam der Pilz und mit ihm das Ende für die Kröte. Heute lebt die Gischtkröte nur noch in wenigen Zoos.

Der letzte Rabb-Baumfrosch aus Panama starb 2016 in menschlicher Obhut in den USA. Der Pilz hatte die Art zuvor in wenigen Jahren in der Wildnis ausgelöscht.

Naturschützer fordern für alle stark bedrohten Amphibien die systematische Zucht unter menschlicher Obhut. (Bild: hydebrink/fotolia.com)

Zuchtmanagement

Die globale Naturschutzorganisation IUCN fordert, alle Amphibienarten, die in der Natur stark bedroht sind, in menschlicher Obhut systematisch zu züchten. Dazu sollten Zoos und Aquarien auch mit qualifizierten privaten Haltern zusammen arbeiten.

Tatsächlich lassen sich die meisten Amphibienarten mit den heutigen technischen Möglichkeiten ohne weiteres in menschlicher Obhut züchten, und das auf wesentlich geringerer Fläche als zum Beispiel bedrohte Großsäugerarten.

Zudem produzieren die meisten Amphibien sehr viel Laich, da in der Natur die allermeisten Kaulquappen und Jungtiere Fressfeinden zum Opfer fallen. Ein koordiniertes Netzwerk von Züchtern vorausgesetzt, können Populationen in Gefangenschaft also schnell wachsen, da ein Vielfaches der Jungtiere überlebt.

Die Amphibien-Arche

Der Weltverband der Zoos und Aquarien entwickelt deshalb seit 2005 ein Programm, die Amphibien-Arche.

Die Eckpunkte sind folgende:

Jeder Zoo und jedes Aquarium sollte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten an dem Amphibienschutzprogramm beteiligen. Dies kann folgende Maßnahmen beinhalten:

  1. Information der Besucher über die Gefahren, denen Amphibien heute ausgesetzt sind durch entsprechend gestaltete Ausstellungen und Informationstafeln im Zoo oder im Aquarium.
  2. Thematisieren des Amphibienschutzes im Rahmen des Zoo-Unterrichts.
  3. Information der breiten Öffentlichkeit über Pressemitteilungen, Internet usw.
  4. Schaffen der personellen und räumlichen Voraussetzungen, um Amphibien in größerer Zahl zu halten und im Rahmen langfristiger Programme zu züchten.
  5. Ökologische Aufwertung des Zooareals, um Lebensräume für heimische Amphibien zu schaffen.
  6. Betreuen von Schutzgebieten oder Beteiligung an Aktionen zum Schutz der lokalen Amphibienfauna.
  7. Unterstützen von Zoos, Aquarien und Naturschutzbehörden in Entwicklungsländern mit einer hohen Artenvielfalt an Amphibien durch Wissenstransfer und zur Verfügung stellen von Haltungseinrichtungen und sonstigem Material.
  8. Beteiligung an Forschungs- und Schutzprojekten in Entwicklungsländern.

Spotted Tree Frog wieder in freier Wildbahn

Inzwischen konnten einige extrem bedrohte Arten nicht nur in menschlicher Obhut gezüchtet werden, sondern werden in pilzfreien Gebieten wieder ausgesetzt. So war der Spotted Tree Frog 2001 aus dem zentralen Hochland von Victoria, Australien, in freier Wildbahn ausgestorben.

Dr. David Hunter vom NSW Office of Environment and Heritage führte das Team, das 2001 im Kosciuszko National die letzten Baumfrösche einfing, um eine geschützte Population aufzubauen.
16 Jahre später wilderte er Nachzuchten in einem abgelegenen Gebiet des Nationalparks, das höchstwahrscheinlich frei vom Pilz bleiben wird, wieder aus. Hunter erklärt, die Frösche seien ein Schlüssel in der Nahrungskette, denn sie böten eine Ressource für Reptilien, Vögel und Säugetiere.

Die neue Heimat der Frösche ist wärmer und trockener als deren gewöhnliches Habitat und somit ungeeignet für den Pilz, denn dieser mag keine Temperaturen über 28 Grad. Bisher überlebte mehr als die Hälfte der ausgesetzten Frösche, und die Tiere pflanzten sich fort.

Ein hoch infektiöser Chytridpilz hat dazu geführt, dass der Feuersalamander in den Niederlanden heute nahezu ausgestorben ist. (Bild: Karl Lugmayer/fotolia.com)

Der Feuersalamander

Batrachochytrium dendrobatidis (Bd) hat einen Verwandten: Batrachochytrium salamandrivorans (Bsal). Der schlug in den letzten Jahren bei den Feuersalamandern in den Niederlanden zu. Von diesen überlebten vermutlich seit 2010 nur 4 % den Befall.

Die verwandte Art braucht kältere Temperaturen und stirbt bereits bei 25 Grad Celsius. Leider bevorzugen Feuersalamander kühle Waldgebiete, und ihre Quappen wachsen ebenfalls in kühlen Fließgewässern heran. Die Salamander sterben, weil der Pilz die oberste Hautschicht verändert, und dadurch bilden sich Geschwüre.

In den Niederlanden ist die private Haltung von Amphibien verboten. Was erst einmal für eine besonders Bewusstsein für Naturschutz spricht, erweist sich jetzt als kontraproduktiv, da die Niederländer nicht auf private Bestände zurückgreifen können, um die Salamander zu erhalten.

Neun von zehn Tieren sterben

Die Erfahrung mit dem Killerpilz lehrt vor allem: Sogar eine kleine Menge des hoch infektiösen Pilzes könnte die gesamte Population von Feuersalamandern in Westeuropa vernichten. Innerhalb von sechs Monaten sterben circa 90 % der Tiere in einer infizierten Population.

Bei beiden Varianten des Pilzes versagen die klassischen Mittel der Tierseuchenbekämpfung: Weder Impfung noch Wiederbevölkerung sind möglich, und der Pilz lässt sich auch nicht aus den Biotopen entfernen.

Die Geburtshelferkröte

Die Geburtshelferkröte Westeuropas leidet ebenfalls unter dem Pilz. Möglicherweise haben Menschen die Pilze mit ihren Schuhen verbreitet, denn die befallenen Tiere fanden sich vermehrt in der Nähe von Wanderwegen. Auf der Iberischen Halbinsel sind mehr als ein Viertel der Geburtshelferkröten erkrankt.

Wie verbreitete sich der Pilz?

Der Pilz verbreitete sich in Amerika und Australien wahrscheinlich mit afrikanischen Krallenfröschen. Diese dienten seit den 1930er Jahren für Schwangerschaftstests, da der Urin schwangerer Frauen in die Haut gespritzt, dazu führt, dass die Weibchen Eier entwickeln.

Weiterhin dürfte der weltweite Handel mit Terrarientieren den Pilz verbreitet haben. Auch bei Fröschen und Kröten in Privathaltung ist er inzwischen die häufigste Todesursache. Der europäische Erstnachweis erfolgte 2000 bei Pfeilgiftfröschen, die frisch aus Costa Rica importiert waren.

In Europa wurde der Pilz erstmals im Jahr 2000 nachgewiesen. Bei den betroffenen Tieren handelte es sich um Pfeilgiftfrösche, die aus Costa Rica importiert waren. (Bild: Michael Stifter/fotolia.com)

War der Pilz bereits vorher tödlich?

Den Pilz gibt es indessen seit Millionen von Jahren, und bis heute ist unklar, ob er bereits für Amphibiensterben der Vergangenheit verantwortlich war. So gingen die Bestände von lungenlosen Salamandern in Guatemala in den 1980er Jahren massiv zurück, obwohl ihre Habitate ungestört blieben.

Forscher stellten fest, dass dieser Rückgang zeitgleich mit der Verbreitung des Chytridpilzes ablief. So erschien er Anfang der 1970er Jahre in Mexiko, kurz darauf im südlichen Guatemala und 1987 in Costa Rica – und überall kam es zu lokalen Einbrüchen von Amphibienpopulationen.

Die Hypothese lautet: Der Pilz war in der Umwelt schon immer vorhanden. Mit dem Klimawandel konnte sich der kälteliebende Erreger ausbreiten. Ungeklärt bleibt indessen, wie der im Wasser lebende Pilz Amphibien des Regenwaldes befallen konnte, die keine größeren Wasserflächen ansteuern und selbst ihre Eier in den kleinen Ansammlungen von Regenwassern ablegen, die sich in den Blattrichtern von Bromelien bilden.

Warum sind Pilze für Amphibien gefährlich?

Pilzbefall der Haut ist für Menschen unangenehm, bei Amphibien bedroht er das Leben. Denn Frösche, Kröten und Salamander nehmen über die Haut Flüssigkeit wie Mineralien auf und scheiden Abfallstoffe aus. Lungenlose Salamander atmen sogar durch die Haut.

Befällt der Chytridpilz die Tiere, verstopft Keratin die Poren, und die Amphibien ersticken.

Allerdings scheint auch Batrachochytrium salamandrivorans Amphibien mit stabilem Immunsystem nicht zu töten. Kommen jedoch andere Erreger, eine Veränderung des Klimas und Stress hinzu, bricht die Krankheit aus. Das lässt sich aus Ochsenfröschen in Gefangenschaft schließen, die bei bester Gesundheit waren und denen der Pilz nichts anhaben konnte.

Das Immunsystem stärken

Forscher von der James-Madison-University machten eine Entdeckung, die hoffen lässt. Salamander und viele Frösche haben von Natur aus eine Abwehr gegen den Chytridpilz in Form von Bakterien auf ihrer Haut und Hautproteinen.
Die Wissenschaftler vermuten, dass ein Vermehren dieser nützlichen Bakterien die Ansteckungen vermindern und das Immunsystem in Gang setzen könnte. Eine Idee ist, Amphibien in menschlicher Obhut so resistenter gegen den Erreger zu machen, um diese gestärkten Tiere in der freien Wildbahn wieder auszusetzen. Wären die Tiere weniger anfällig, könnte das die Ausbreitung des Erregers bremsen. (Dr. Utz Anhalt)