Glückliches Leben: Lebensträume erkennen, einschätzen und umsetzen

Dr. Utz Anhalt

Buchrezension: „Aufgewacht – Finde das Leben, das dich glücklich macht“ von Angelika Gulder

Die Autorin schreibt: „Alle früheren Träume hatte ich weitestgehend realisiert, aber neue waren nicht in Sicht. (…) Ich fühlte mich wie in einem Vakuum, einem Übergang, und hatte das Gefühl, dass bald etwas ganz Neues beginnen sollte, aber ich hatte keine Ahnung, was. Alles, was mir sonst zur Selbstklärung und Zielfindung geholfen hatte, schien nicht mehr zu funktionieren. Darum habe ich einen neuen „Navigator“ entwickelt: den Lebenstraum-Navigator.“

Die Psychologin Angelika Gulder möchte mit „Aufgewacht“ dazu inspirieren, das eigene Potenzial zu verwirklichen und sieht die Lebensträume von Menschen als Hinweise darauf, diesen Weg zu sich selbst zu finden. Sie fragt: „Kennen Sie ihren Wesenskern und ihre Bestimmung?“ Das Buch sei auch für Menschen geeignet, die ihr volles Potenzial leben, umso mehr aber für diejenigen, die Fragen und Antworten hätten, welchen Weg sie als nächstes einschlagen sollen.


Träume leben

Das Buch ist in drei Teile gegliedert: „Die Träume und das Leben“ zeigt, was Lebensträume sind, was Nachtträume von Tagträumen unterscheidet, wie Träume sich zu Visionen erweitern, was das Zwiebelmodell der Persönlichkeit bedeutet und wie Menschen „aufwachen“ können, also das in ihnen schlummernde Potenzial entfalten.

Die Autorin Angelika Gulder möchte mit ihrem Buch helfen, Klarheit über die eignen Lebensträume zu erlangen. (Bild: stockpics/fotolia.com)

Im zweiten Teil geht es darum, diese Träume zu leben. Dabei klärt sie gleich zu Anfang darüber aus, dass Scheitern zwangsläufig dazugehört, wenn wir versuchen, unsere Träume in die Wirklichkeit umzusetzen, und dass dieses Scheitern wichtig ist, weil sich so der realisierbare Teil unserer Vorstellungen herauskristallisiert.

Sie entwirft dann einen „Lebenstraum-Navigator“. Dafür seien zuerst „gute“ Überzeugungen wichtig. Menschen müssten sich ihre eigenen Einstellungen und Glaubenssätze bewusst machen und reflektieren, dass bewusste Wünsche und unbewusste Überzeugungen in Konflikt stehen können.

Wer seine Träume finden und leben wolle, könne durch solche nicht bewussten „Programme“ daran gehindert werden. Erst, wer dieses Unbewusste kenne, könne in konkreten Situationen automatisch ablaufende Reaktionsmuster durchbrechen.

Leitideen und Überzeugungen

Glaubenssätze seien dabei Leitideen, Einstellungen und Überzeugungen, die wir für wahr hielten, auf der Basis von Erfahrungen in den ersten Lebensjahren, und die wir von Eltern, Lehrern, Geschwistern und anderen übernommen hätten.

Sie seien zwar wichtig, weil wir mit ihnen Informationen schnell einordnen könnten, wirkten aber auch wie selbsterfüllende Prophezeiungen: „Wenn wir etwas glauben, verhalten wir uns so, als sei das, was wir glauben, wahr.“ Heraus käme dann ein Teufelskreis der Selbstbestätigung. Glaubenssätze würden zudem verallgemeinern.

Sie seien nützlich, weil sie uns hälfen, unsere Wirklichkeit zu konstruieren und uns im Leben zu orientieren. Doch sei die Frage, ob der entsprechende Glaubenssatz uns hilft oder behindert.

Unterstützend seien Glaubenssätze wie zum Beispiel „Ich kann alles erreichen“, einschränkend hingegen solche wie „Schuster bleib bei deinen Leisten“. Wären wir überzeugt, etwas sowieso nicht schaffen zu können, würden wir weniger Kraft und Selbstvertrauen in die Ziele stecken und unsere Glaubenssätze schon bei kleinen Hindernissen bestätigt sehen.

Unterstützende Glaubenssätze können hilfreich sein, um sich im Leben zu orientieren. (Bild: oatawa/fotolia.com)

Innere Überzeugungen

Viele innere Überzeugungen seien so tief in uns verankert, dass wir uns überhaupt nicht darüber im Klaren seien. Wir könnten diese verborgenen Glaubenssätze erkennen, indem wir auf unsere eigenen Gedanken und Worte achteten.

In allen Teilen bindet sie die Leser ein, sich mit Antworten auf Fragen hier selbst zu verorten. Hier sind es die Antworten auf Fragen wie „Lebensträume sind…“, „Meine Mutter sagte über Träume…“. Diese Antworten sollten sie in Ruhe betrachten und fragen, ob es sich um unterstützende oder einschränkende Glaubenssätze handelt. Die Autorin warnt indessen davor, einfach positive Sätze aufzuschreiben und sich damit einzulullen.

Im „Zwiebelmodell“ verortet sie das „wahre Wesen“ der Persönlichkeit in der „Mitte der Persönlichkeit“. Hier erwarte uns unser ganzes Potenzial. Dieses müsse Schicht für Schicht herausgeschält werden.

Lebenstraum Navigator

Dieses Unterkapitel handelt davon, den Blick zurück zu werfen und sich selbst zu verorten im Blick darauf, woher wir kommen und wohin wir gehen, bis hin zu unserer Herkunftsfamilie und dazu, wie diese uns prägte. Dabei könnten Sie darauf achten, welche nicht erfüllten Lebensträume ihre Eltern hatten, denn manchmal wäre es nötig, erst einen Lebenstraum der Eltern zu erfüllen, bevor sie an den eigenen gehen.

Nach diesem Rückblick schauen Sie sich an, an welchem Punkt Sie heute stehen, und wie heute das Verhältnis zur Familie ist; das verletzte innere Kind müsste dabei Frieden mit den Eltern schließen.

Der Blick sollte auch auf die Herkunftsfamilie und die prägenden Einflüsse aus dieser gerichtet werden. (Bild: ulza/fotolia.com)

Gulder grenzt sich ab von den unzähligen „Positiv Denken“ Ratgebern, die mit einer Gehirnwäsche behaupten, Menschen müssten sich nur positiv konditionieren, um ein erfolgreiches und glückliches Leben zu führen – was die Opfer dieser Esoterik oft in ein psychosoziales Elend stürzt, weil sie sich selbst dafür verantwortlich machen, dass die soziale Wirklichkeit anders aussieht.

Die Psychologin beleuchtet indessen, woher Lebensträume kommen, ob und welche Träume sich überhaupt in der spezifischen Realität umsetzen lassen und welche nicht. Sie schreibt dabei dicht an der Praxis und nah am Leben.

Traumfelder

Gulder stellt dann sieben Traumfelder vor, auf denen Menschen ihren Lebenstraum verwirklichen könnten: Traumjob, Märchenprinz und Froschkönig, „Geht nicht, gibtś nicht“, „Haben-wollen-Träume“, „Mein Körper und die Erleuchtung“, sowie „Think Big“ – also Traumjob, Traumpartner, Traumfreunde, Traumerlebnisse, Traumbesitz, Traumkörper und Träume für die Welt.

Im Lebenstraumnavigator sollen die „Träumer“ bei den sieben Themen jetzt in die Vergangenheit schauen, sehen, wie die Gegenwart aussieht und wie sie sich die Zukunft vorstellen, ihre Kreativität in ihrem „Persönlichkeitskern“ finden und umsetzen. Ohne Risiken ginge das nicht.

Wer seine Träume leben möchte, muss auch den Mut haben, Risiken einzugehen. (Bild: fotomek/fotolia.com)

Mystische Psychologie?

Gulder bezieht sich zwar auf psychologische Kategorien wie das Unbewusste, mixt diese aber munter mit esoterischen Fiktionen ohne sozial- wie neuropsychologische Basis – zum Beispiel „unserem Wesenskern, der unser gesamtes Potenzial beinhaltet und dessen Verwirklichung Sinn und Aufgabe unseres Lebens ist“, und den wir in der ersten Hälfte unseres Lebens unbewusst mit vielen schützenden Schichten umhüllten und so „den Kontakt mit unserem wahren Selbst verloren“.

Das wahre Selbst?

Diese „Suche nach dem wahren Selbst“ ist zwar in Seminaren auf dem Psychomarkt Standard von „Urschreitherapie“ bis zu „Heilen mit Engeln“, erweist sich aber auf der Grundlage der Gedächtnisforschung als Falle: Erinnerungen sind Rekonstruktionen, abhängig von den Emotionen und den Umständen beim Erinnern, und das autobiographische Gedächtnis greift selbst in die abgespeicherten Erinnerungen ein und verändert diese, um sie an die Gegenwart anzupassen.

Mit anderen Worten: Es gibt kein „wahres Selbst“, das sich in einer mystischen Tiefe verbirgt, weil das Bild von diesem „Selbst“ sich im Gehirn selbst ständig ändert.

Insofern gibt Frau Gulder zwar Eckpunkte für Menschen, die sich neu orientieren wollen, verbindet diese aber mit nicht haltbaren Mythen. Spätestens in den letzten Kapiteln Träumen-Plan-Tun verlässt sie einen grob „ sozialpsychologisch“ umrissenen Rahmen und geht über zu esoterischen Märchen wie besagtem „Wesenskern“, der „reines Bewusstsein“ verkörpert, bis zu „Gedanken, Schwingungen und Resonanz““, „Energieverschiebung“ und „Bestellungen beim Universum“.

Das ist schade, denn der „Lebenstraum-Navigator“ selbst ist als Koordinatensystem, um das eigene Leben besser zu strukturieren und eigene Ziele zu erreichen, gut durchdacht und lässt sich auch praktisch umsetzen. (Dr. Utz Anhalt)

Angelika Gulder: Aufgewacht! Finde das Leben, das dich glücklich macht. Lebenstraum-Navigator. Campus Verlag GmbH 2017.