Heilpflanzen im Mythos

Um vieleHeilpflanzen ranken sich Mythen, die auch in dem Namen der Gewächse Ausdruck finden. (Bild: naumenkoe/fotolia.com)
Dr. Utz Anhalt
Viele unserer Heil- und Giftpflanzen tragen ihre Namen nach alten Mythen, und deren Figuren spiegeln sich in den Eigenschaften der Kräuter. Besonders ergiebig sind die Mythen der Griechen. Sie bezeichnen ebenso Pflanzen wie psychische Symptome, organische Krankheiten ebenso wie körperlich Auffälliges. Bis heute zeigen sich die Legenden in den lateinischen, und manchmal auch deutschen Namen.

Die antiken Griechen sahen die Welt in ständiger Entwicklung. Die Formen des Lebens änderten sich unaufhörlich, die Götter nahmen die Gestalt von Menschen, Tieren und Pflanzen an. Sie zeugten mit Menschen und Tieren Kinder, die sowohl Götter als auch Menschen oder Tiere waren. Dadurch konnte, im Unterschied zur christlichen Schöpfung, Neues entstehen. Sie verwandelten Menschen in Tiere, meist als Strafe, oder in Pflanzen. Kräuter und Blumen entstanden aber auch aus Tränen von Göttern und der Milch von Göttinnen.

Im entscheidenden Unterschied zum Christentum war die Welt der Griechen nicht für die Menschen erfunden worden. Die Menschen konnten sich ihr lediglich mit dem Mittel des Verstandes nähern, sie mittels Logik begreifen, sowie ihr mit dem Mythos einen Sinn geben, und einige griechische Philosophen wie Aristoteles unterschieden strikt zwischen wissenschaftlichen Tatsachen und der mythischen Erzählung. Die Götter der Griechen verstecken sich in der Vielfalt der Natur.

Linné, einer der wichtigsten Naturforscher des 18. Jahrhunderts, fand diese dynamische Natur mit ihrem Werden und Vergehen vermutlich realistischer als die seinerzeit gültige christliche Lehre einer unveränderbaren Schöpfung Gottes. Er klassifizierte systematisch Pflanzen und Tiere und führte das bis heute gültige System der lateinischen Gattungsnamen ein, in denen der Beiname die spezifische Art angibt. Die Namen für die Pflanzen fand er in der Antike und verwies, wie die Verwandlungen im Mythos selbst, damit auf Eigenschaften der Pflanzen, die auch die antiken Storylines kennzeichnen. Im Deutschen gebräuchliche christliche Namen wie Johanniskraut, Osterglocke oder Pfingstrose wurden wissenschaftlich zu heidnischen Titanen, Narzissen oder Liedern für den Lichtgott Apollo.

Um vieleHeilpflanzen ranken sich Mythen, die auch in dem Namen der Gewächse Ausdruck finden. (Bild: naumenkoe/fotolia.com)
Um viele Heilpflanzen ranken sich Mythen, die auch in dem Namen der Gewächse Ausdruck finden. (Bild: naumenkoe/fotolia.com)

Das Adonisröschen

Adonis aestuvalis, das Sommer-Adonisröschen, ein Hahnenfußgewächs enthält Herzglykoside, die Herzrhythmusstörungen lindern. Psychisch soll es auch gegen die Krankheit des „gebrochenen Herzens“ helfen, wenn das Herz bei Liebeskummer aus dem Takt gerät.

Ein Adonis ist noch heute in der Umgangssprache ein gut aussehender Mann. Die Königstochter Myrrha verwandelte sich in einen Baum, und ihr schwangerer Bauch wurde dessen Stamm. Dieser schwoll in den nächsten Monaten an, dann barst er und heraus trat Myrrhas Sohn, nämlich Adonis.

Der Sterbliche war von solcher Schönheit, dass die Götter und Göttinnen ihn begehrten. Artemis, die jungfräuliche Jagdgöttin war ebenso hinter ihm her wie Persephone, die Göttin der Unterwelt. Doch die beiden hatten keine Chance gegenüber der Liebesgöttin Aphrodite, die Adonis in allen ihren Erscheinungen verführte.

Sie bezauberte ihn als Chryse (die Goldene), sie ging als himmlische Urania eine rein platonische Beziehung zu ihm ein, sie erweckte in ihm die Lust als Kallipygos (die mit dem schönen Gesäß) und sie schnappte ihn sich als Porne (die Hure). Adonis wurde ihr Liebhaber.

Doch eine seiner Leidenschaften war die Jagd, und deshalb zog er auch mit der weniger erotischen Artemis umher, aber diese blieb ebenso frustriert wie Persephone. Wenn sie den begehrten Jüngling nicht haben konnten, dann sollte ihn zumindest auch keine andere haben, dachten sich die beiden und heckten einen bösen Plan aus. Artemis erschuf einen monströsen Keiler, der die Felder der Bauern verwüstete, und dank seines göttlichen Ursprungs, allen Jägern auswich.

Adonis wollte seiner Liebsten die Hauer des Schweins zu Füßen legen und aus dem Kopf eine Sülze bereiten. Aphrodite schlief noch, da ging ihr Liebhaber auf die Jagd. Sie erwachte nach einem Alptraum, in dem sie den Tod des Adonis sah. Statt Aphrodites Geliebten erschien Persephone und sagte Aphrodite, dass Adonis sich in den Hallen des Hades befände. Dann kam Artemis hinzu und brachte die Zähne des Keilers, berichtete, wie das Tier den Adonis getötet, und wie sie den wilden Eber mit einem Pfeil geschossen hatte. Männer schleppten die blutige Leiche ihres Liebhabers herbei.

Sie verschloss die äußeren Wunden mit Nektar, so dass Adonis Leichnam wieder in voller Schönheit erstrahlte, dann balsamierte sie ihn mit Myrrhe ein. Ihre Tränen fielen zu Boden, und dort, wo sie die Erde berührten sprossen weiße Anemonen, die den Griechen als Symbol für Trennung und Tod galten. Der Mensch Adonis wurde begraben, doch Zeus hatte weiteres mit ihm vor, und er machte aus dem Sterblichen einen Gott. Adonis erhellte seitdem die Ober- wie die Unterwelt mit seiner Schönheit. Ein Drittel seiner Zeit verbringt er mit Artemis auf der Jagd, ein weiteres Drittel mit der düsteren Persephone, und das letzte Drittel mit seiner geliebten Aphrodite.

Die Griechen verbanden noch eine weitere Blume mit dem Mythos. So spross auch dort Leben, wo Adonis Blut auf den Boden tropfte, und diese Blume ist das Adonisröschen.

Auch die Herkulesstauden verdanken ihrem Namen der griechischen Mythologie. (Bild: Fixativ/fotolia.com)
Auch die Herkulesstauden verdanken ihren Namen der griechischen Mythologie. (Bild: Fixativ/fotolia.com)

Die Herkulesstaude

Heracleum giganteum, der Riesenbärenklau, enthält Furocomarine, die toxische Reaktionen auslösen – sowohl bei Berührung als auch durch Einatmen. Das Gift führt zu Blasen auf der Haut und zu einem brennenden Schmerz. Die Herkulesstaude ist ein mehrjähriger Doldenblütler, wächst bis vier Meter hoch und allein die Blätter werden über einen Meter lang.

Herkules, griechisch Herakles, war ein Sohn des Zeus, ein Halbgott und der Kraftprotz unter den antiken Helden. Zeus schwängerte in Gestalt ihres Ehemanns die Königin von Theben, Almene. Zeus Gattin, die Göttin Hera, nahm das Baby an ihre Brust. Bevor sie sich versah, nuckelte der Säugling und erwarb so übermenschliche Kräfte. Medizinisches Wissen lehrte Herkules der Kentaur Cheiron, mit dem Oberkörper eines Mannes und dem Rumpf, den Beinen und dem Schweif eines Hengstes.

Herkules war von übergroßem Körperbau und zudem verschoss er giftige Pfeile, kein Wunder, dass der Naturforscher Linné ihm den Bärenklau widmete. Der Beiname gigantaeus verweist ebenfalls auf Riesen, allerdings auf reine Bösewichte, im Unterschied zu Herkules, bei dem die guten Seiten seine dunkle Taten überdeckten.

Die Schlacht zwischen Göttern und Titanen war gewissermaßen der Urknall der griechischen Schöpfung. Die Götter gewannen und sperrten die Titanen in die Unterwelt Tartaros. Der Erdmutter Gaia taten diese Riesen, die sie ebenso wie die Götter zur Welt gebracht hatte, leid. Sie nahm den abgetrennten Penis des Gottes Uranos, befruchtete sich damit und gebar Ungeheuer. Die Giganten waren ebenfalls Riesen, jedoch mit Schuppenhaut wie Reptilien und Schlangen an den Füßen. Sie kletterten aus einer Erdspalte und überzogen die Welt mit Krieg. Wo sie wüteten, wuchs im Wortsinn kein Gras mehr.

Sie türmten Gebirge aufeinander, um von dort aus den Götterberg Olymp zu erstürmen. Fast alle Giganten waren sterblich, und so schlugen die unsterblichen Götter sie nieder. Einer der Angreifer, Alkyoneus aber erhob sich jedes Mal von neuem, wenn er zu Boden sank.

Apollo erkannte, dass nur einer diesen Wiederaufsteher besiegen konnte – und das war Herkules. Herkules schlüpfte in die Sandalen, schnappte sich Keule, Bogen, Pfeile und Löwenfell und kam gerade rechtzeitig, als der Unhold Hera ergriffen hatte. Er schlug ihm die Keule auf den Kopf, das lenkte den Reptilriesen ab, mit einem weiteren Schlag streckte er Alkyoneus zu Boden, riss ihn dann in die Höhe und hielt ihn in die Luft. Der Gigant jedoch konnte nur wieder auferstehen, wenn er die Erde berührte und nach langer Zeit in der Luft starb er.

Der Name Heraclum giganteum zeigt also eine Ambivalenz. Mit dem Beinamen rücken die Eigenarten des Riesenbärenklaus ins Negative. Wie die Giganten wächst auch da, wo Bärenklau wuchert, nichts anderes mehr, und Vergiftungen durch die Herkulesstaude füllen die Yellow Press.

Die Tränen des Höllenhundes

Herkules hatte eine ganze Reihe Himmelskommandos bestanden, den Erymanischen Eber gefangen, die Stymphalischen Vögel vertrieben, und die Äpfel der Hesperiden geholt. Doch König Eurystheus von Tiryn, sein Cousin, dachte sich eine weitere Aufgabe aus, die das Leben des Helden mit Sicherheit beenden sollte.

Herkules sollte Kerberos bringen, den Hund, der Unterwelt bewachte. Kerberos sollte zwischen drei und fünfzig Köpfen haben, die Griechen waren sich nicht einig, seine Augen glänzten in blau und gelb, sein Schwanz waren giftige Schlangen, und seine Haare Vipern.

Hunde hatten bei den Griechen einen schlechten Ruf, und die Kyniker (Zyniker), eine Philosophenschule, waren für ihren „beißenden“ Spott berüchtigt. Außerdem sollten sie sich nicht waschen, und ihre Reden zersetzten ebenso wie die Magensäure eines Kaniden. Die Geschichte verlief wenig dramatisch: Herkules kam zum Hades, stritt sich mit dem Fährmann Charon, der die Verstorbenen über den Fluss Styx in die Unterwelt begleitete, überwältigte ihn aber und zwang ihn, den Helden in die Unterwelt zu fahren. Kerberos begrüßte ihn freudig, der Held legte ihm ein Halsband um und brachte ihn zum Palast des Eurystheus. Als der Hund ins Sonnenlicht kam, winselte er, denn dieses Wesen der Dunkelheit vertrug das Licht nicht.

Der König erschrak, als er das Monstrum sah, versteckte sich in einem Tonkrug und befahl Herkules, den Hund wieder dahin zurück zu bringen, wo er ihn gefunden hatte. Held und Hund gingen auf dem gleichen Weg, den sie gekommen waren – doch überall wuchsen jetzt Blumen. Herkules erinnerte sich, dass genau hier Tränen aus Kerberos Augen die Erde benetzt hatten. Die Blüten waren wunderschön blau, gelb und weiß, und ihre Form erinnerte an Hüte; die Stängel allein erreichten die Größe eines kleinen Mannes.

Herkules sah die Gefahr, denn sein Lehrer, der Pferdemann Cheiron hatte ihn in Botanik unterwiesen. Es handelte sich um Hahnenfußgewächse, und Herkules kannte ihr Gift. So kam bei den Griechen die Gattung Aconitum auf die Welt. Aconitin ist das stärkste Pflanzengift Europas. Drei Milligramm können einen Menschen töten, es reicht dazu aus, die Pflanze zu berühren, denn das Gift dringt durch die Haut ein. Die Vergiftung beginnt mit Brennen im Mund und Kribbeln in den Fingern, dann folgen Schweißausbrüche und Übelkeit, danach setzen die sensorischen Empfindungen aus, als nächstes kommt eine Atemlähmung, Herzstillstand und Tod.

Das Vieh Arkadiens starb an Kerberos Tränen, denn die Tiere fraßen den Sturmhut. Die Hirten aber waren clever, und nutzten das Geschenk der Unterwelt für ihre eigenen Zwecke: Sie vergifteten Schafskadaver mit den gelben Blüten des Sturmhutes. Die enthalten Lyoconitin, das Wolfsgift, und die präparierten Köder rafften die Wölfe dahin. Heute trägt der gelbe Sturmhut deshalb den Namen Aconitum lycoctonum, der Wolfswürger.

Das leuchtende Johanniskraut

Der Titan Hyperion hieß der „weithin Leuchtende“. Er verkörperte die Rechtschaffenheit, und die antiken Griechen riefen ihn deshalb als Schwurzeugen vor Gericht an. Pflanzen unter seinem Zeichen eigneten sich, um dunkle Geister zu vertreiben.

Hyperions Wärme und sein Licht brachten die Pflanzen zum Wachsen, und dabei achtete er sorgsam darauf, das zarte Grün nicht zu verbrennen. Hyperium, das Johanniskraut, war dem Riesen zugeordnet; vermutlich führten seine gelb leuchtenden Blüten zu dieser Assoziation, denn sie sprießen wie die Sonne einer Kinderzeichnung sprießen. Das Johanniskraut spiegelt die Eigenschaft des mythischen Giganten, denn es hellt die Stimmung auf in der dunklen Jahreszeit.

Die Existenz der weißen Lilien wird in der griechischen Mythologie ebenfalls auf Herules zurückgeführt. (Bild: vvoe/fotolia.com)
Die Existenz der weißen Lilien wird in der griechischen Mythologie ebenfalls auf Herkules zurückgeführt. (Bild: vvoe/fotolia.com)

Lilium Candidum

Auch die Lilie hat ihre Existenz Herkules zu verdanken – zumindest im Mythos. Als der Held nämlich an Heras Brust saugte, fielen ein paar Tropfen Milch zu Boden. Daraus entstanden die Lilien, das Symbol für Unschuld. Die Antike sah in ihr die Blume von Hera, besonders in Gestalt der Hera-Pais, der ewigen Jungfrau. Doch Aphrodite verdarb diese „reine Blume“. Sie verkörperte die sexuelle Liebe und pflanzte der jungfräulichen Lilie einen Blütenstempel in Form eines Eselspenis ein.

Nymphaea – Verführerische Pflanzengeister

Vor den Menschenfrauen bevölkerten weit verlockendere Wesen die Natur, die Nymphen. Unterschiedlichste Gattungen von ihnen beseelten die Quellen und Bäume, Dryaden, Hamadryaden, Najaden und Oreiaden. Die Dryaden lebten in Eichen, die Melien in Eschen. Geblieben sind uns die Nymphen auf Teichen und Seen. Hier wachsen die Lotospflanzen, Nymphaea caerulea, die ihre roten und weißen Blüten öffnen, wenn Licht auf sie scheint.

Artemisia – der jungfräuliche Beifuß

Artemis war die Herrin der Wälder, sie erschien als Halbmond, während die Vollmondgöttin Selene und die Neumondgöttin Hekate ursprünglich Aspekte von ihr waren. Artemis war nicht nur ausgesprochen prüde, sie verteidigte ihre Jungfräulichkeit auch mit äußerster Brutalität. Lange galt es ein Rätsel, dass die Griechen diese unberührte Naturgöttin in Statuen mit hundert Brüsten darstellten, bis sich heraus stellte, dass diese „Brüste“ in Wirklichkeit Hoden geopferter Stiere darstellten.

In den frühen Formen der Artemis spiegeln sich die ebenso mächtigen wie bedrohlichen Göttinnen der archaischen Jäger. Deren Jungfräulichkeit hatte mit der devoten Keuschheit der christlichen Madonna nichts zu tun; sie konnten zwar erscheinen wie Elfen in einem Fantasyroman, als ätherische Wesen gleich dem Schatten eines Rehs, das scheu aus dem Dickicht hervorlugt, doch sie drückten auch die destruktiven Aspekte der Natur aus – sie waren Raubtiere, und für Artemis stand die Bärin, die sich ebenso liebevoll um ihre Jungen kümmert, wie sie den zerreißt, der sie in Wut versetzt.

Männer, die sich der göttlichen Jägerin in sexueller Absicht näherten, bezahlten mit dem Leben, und selbst der bezaubernde Apollo versuchte es nicht einmal. Der Göttin geweihte Mädchen, die „arktoi“ ließen keinen Mann an sich heran, eine damals sinnvolle Methode der Verhütung: Kinder auszusetzen oder unter Lebensgefahr abzutreiben, waren die Alternativen.

Im Kindesalter schlossen sich die Mädchen dem Artemiskult an, und die meisten verließen ihn mit der ersten Menstruation. Wenige blieben im Wald und dienten der Göttin weiter, ihnen war es dann verboten, Männer zu treffen. Verstießen sie gegen dieses Gebot, dann strafte Artemis sie ohne Gnade. Artemis schützte besonders die Jungfrauen, aber auch die Gebärenden, was bei ihrem Ursprung aus der archaischen „Mutter der Tiere“, die das Leben gebärt, auch logisch ist. Artemis bekämpfte das Kindbettfieber, doch meist setzte sich ihr Widersacher Thanatos durch, der die verstorbenen Frauen in die Unterwelt holte.

Der Beifuß (Artemisia vulgaris) wurde traditionell viel in der Frauenmedizin eingesetzt. (Bild: katharinarau/fotolia.com)
Der Beifuß (Artemisia vulgaris) wurde traditionell viel in der Frauenmedizin eingesetzt. (Bild: katharinarau/fotolia.com)

Artemisia vulgaris, der Beifuß, und Artemisia absinthum, der Wermut fördern die Menstruation und waren als Abtreibunsgmittel verbreitet. Die alten Griechinnen nutzten Beifuß, um die Gebärmutter zu öffnen, und die Regelblutung einzuleiten.

Artemisia abrotanum stärkt die Blutbildung und hilft deshalb Müttern, die bei der Geburt viel Blut verloren haben. Die Griechinnen legten sie unter das Kopfkissen, wenn sie an Kinderlosigkeit litten, allerdings durfte der Gatte davon nichts erfahren. Auch einen Zweig von Abronatum in der Hand zu halten und dabei Artemis anzurufen, sollte gegen Unfruchtbarkeit helfen.

Die vierte Artemisia Art, der Estragon, spielte für Fruchtbarkeit und Verhütung keine Rolle, doch die Griechen schützten sich damit gegen Schlangenbisse.

Lamium ssp. – Der verschlingende Lippenblütler

In den tiefsten Abgründen des Hades lauerte ein Ungeheuer, das die Mythen über Jahrtausende befruchtete. Lamien nannten noch die christlichen Hexenjäger der Neuzeit die Hexen, die vermeintlich mit dem Teufel kopulierten, und so die Macht für ihre bösen Zauber bekamen. Im antiken Rom wurden die Lamien nächtliche Schrecken, die in der Gestalt von Vögeln in die Häuser eindrangen, und den Säuglingen nach Vampirart das Blut aussaugten, was den plötzlichen Kindstod erklärte.

Die Original-Lamia aber hauste in der Unterwelt der Griechen, und ihr Monsterkörper war ebenso der einer Schlange wie der einer Frau. Ursprünglich war sie eine ebenso kluge wie schöne Göttin, und rückte so ins Fadenkreuz des Götter-Casanovas Zeus. Wie bei dem Samenverbreiter üblich schwängerte er sie etliche Male, legte sie dann ab wie ein nasses Handtuch und ließ sie mit den Kindern sitzen.

Die Verlassene raste ebenso vor Verzweiflung wie vor Zorn. An den Erzeuger kam sie nicht heran, und deshalb ließ sie ihre Wut an den Kindern aus. Sie ermordete ihre Leibfrüchte und verschlang sie danach. Jetzt regten sich post mortem Zeus väterliche Triebe, und er bestrafte seine Verflossene, verwandelte sie in ein drachenartiges Ungetüm und gab ihr die schwärzeste Stelle im Tartaros als Zuhause. Das Reptil starrte dort mit lidlosen Augen in die Finsternis, um zu schlafen, musste sie die Augen heraus nehmen, diese wachten dann weiter. Die Griechen erzählten sich auch andere Varianten: In einer Alternativversion wurde Zeus so wild, dass er seinerseits Lamia fraß, die dann als Athene aus seinem Kopf wiedergeboren wurde.

Laimos heißt Schlund oder Rachen. Linné benannte nach dieser Figur eine ganze Familie, die Lamiaceae. Diese Verschlingenden heißen im Deutschen Lippenblütler. Sie gehen mit Hummeln eine Win-Win-Beziehung ein; die Hummel ernährt sich vom Nektar und bestäubt zugleich die Blume. Doch das Auge sieht erst einmal anderes: Eine Hummel, die in die „Lippenblüten“ hinein krabbelt, wirkt, als würde sie verschlungen.

Im Unterschied zu ihrem antiken Vorbild ist Lamium, die Taubnessel, völlig harmlos.

Das Güldenkraut der Pferdemänner

Die Griechen bevölkerten Wälder und Steppen, Berge und Meere mit Wesen, die halb Mensch, halb Tier waren. Die Saytyre hatten den Oberkörper von Männern oder Affen, aber die Beine, Ohren und den Unterleib von geilen Ziegenböcken; die Silene stattdessen die Beine von Pferden. Die Rolle dieser Tiermenschen war meist ambivalent, und einige zeigten sich den Menschen gegenüber bösartig.

Auch die Kentauren mit dem Körper eines Pferdes, vier Beinen, Hufen, einem Schweif und dem Rumpf und Körper eines Mannes waren wilde Gesellen: Sie raubten Menschenfrauen und vergewaltigten sie, sie brachen wie eine barbarische Kavallerie über die Menschen herein, und selbst wenn sie sich zu friedlichen Gelagen mit den Menschen trafen, schlugen sie im Suff alles kurz und klein.

Manche Historiker vermuten, dass der Mythos der Kentauren die Begegnung der Ackerbauern mit den Reitervölkern spiegelt, den Skythen, die von den Steppen Südrusslands in den Norden des heutigen Griechenlands eindrangen, und aus Sicht sesshafter Bauern wie eine Naturgewalt das Land verwüsteten. Für Bauern, die ihre Arbeit zu Fuß verrichteten, und Pferde wie Esel vor allem als Last- und Zugtiere nutzten, müssen die Männer, die im Sattel lebten, wie Wesen erschienen sein, die mit ihren Reittieren verwachsen waren.

Es gab zwar weibliche Kentaurinnen, doch die wilden Pferdemänner zogen es vor, sich mit Menschenfrauen zu paaren. Frauenraub war ihre Leidenschaft, und auch hier überliefert sich vermutlich eine reale Erfahrung. Tatsächlicher Frauenraub bestimmte nämlich in der Antike das Verhältnis der Sesshaften zu den Reiternomaden. Berittene Krieger waren den Sesshaften, die ihr Feld bestellten, fast immer überlegen; sie zogen in ihren Zeltlagern indessen in Kleingruppen umher, und deshalb war der Inzuchtdruck groß. Frauen der Sesshaften zu verschleppen war deshalb über Jahrhunderte eine ebenso grausame wie erfolgreiche Strategie, das Inzesttabu aufrecht zu erhalten.

Auch das sonstige Verhalten der Kentauren, die die Griechen mit Gewalt überzogen, raubten, was sie tragen konnten, aber selbst keiner festen Arbeit nachgingen, entspricht sehr gut der üblichen Beziehung zwischen Bauern und Reitervölkern. Dass diese Erfahrung für die Griechen in negativer Erinnerung blieb, scheint wahrscheinlich, und auch die Kentauren entstanden nicht aus der guten Idee eines sanften Gottes:Ixion, ein Mensch ermordete seinen Schwiegervater und brachte so den Verwandtenmord auf die Welt. Der Lichtgott Apollo bestrafte den Verbrecher zwar mit Wahnsinn, Zeus jedoch reizten solche Outlaws. Er verzieh dem Sterblichen nicht nur, sondern schenkte ihm sogar die Unsterblichkeit.

An Ixions schlechtem Charakter änderte das nichts. Er hielt sich jetzt auf dem Götterberg Olymp auf und betatschte Hera, die Gattin des Göttervaters. Sie floh in ihr Schlafzimmer, der Lüstling stolperte hinterher und stürzte sich auf die Schöne, die sich im Bett räkelte. Es war ein Trugbild, er griff in die Leere, und stattdessen bedrängte die ganze Götterschar den Triebtäter. Zeus ließ sich zwar ebenfalls mit jeder ein, die er begehrte, ob Göttin, Menschenfrau oder Tierweibchen, doch bei seiner eigenen Ehe legte er eine andere Messlatte an.

Nephele, die Göttin des Nebels hatte sich als Trugbild Heras ausgegeben, und der verfluchte Ixion hatte diesen Nebel geschwängert. Die Nebenlgöttin gebar ein Kind, Kentauros, den Pferdemenschen. Ebenso lüstern wie sein Vater begattete der Spross die wilden Stuten, und daraus entstanden die Kentauren, die die schlechten Eigenschaften ihres Großvaters beibehielten.

Einer von ihnen schlug jedoch aus der Art. Cheiron lebte in einer Höhle und lehrte seine Schüler die Geheimnisse der Natur. Mehr noch: Er wies sie an, alle Geschöpfe mit Respekt zu behandeln. Selbst halb Mensch, halb Tier und zugleich göttlichen Ursprungs behauptete er, Menschen, Tiere und Pflanzen hätten den gleichen Ursprung. Orpheus, Jason und Achilles besuchten seine Schule.

Der Pferdemensch begründete die Medizin. Er war der erste Chirug und verstand sich auf das, was wir heute Naturheilkunde nennen: Krankheiten und Wunden behandelte er mit den Heilpflanzen Griechenlands. Zu seinen wichtigsten Kräutern gehörte angeblich das Tausendgüldenkraut. Centaurium erythrea ist ein Enziangewächs mit rosa Blüten. Der Geschmack ist bitter.

Centaurium kann als Tee oder Tinktur eingenommen werden. Es hilft gegen Erkrankungen der Leber wie Galle und bei Anämie. Zudem fördert es die Verdauung, es galt traditionell als Mittel gegen Fieber, half gegen Entzündungen des Auges, gegen Geschwüre und linderte die Beschwerden nach übermäßigem Alkoholgenuss. Neue Studien sehen das Kentaurenkraut auch als Hilfe, um Tumoren vorzubeugen.

Die Kraft des Bären wird dem Mythos nach durch den Bärlauch übertragen. (Bild: juhumbert/fotolia.com)
Die Kraft des Bären wird dem Mythos nach durch den Bärlauch übertragen. (Bild: juhumbert/fotolia.com)

Bärlauch

Die Bärin war in Griechenland das Tier der Jagdgöttin Artemis, und Bärenkulte standen im Zentrum der frühen Jagdriten. Jäger und Wildbeuter verstanden sich selbst als Teil der Tierwelt. Tiere waren andere Ichs der Menschen, Menschen konnten sich mit ihnen paaren, mit ihren Geistern reden und die Identität wechseln.

Zugleich nahmen die Menschen Innen und Außen, Traum- und Wachwelt wahr, was zu Vorstellungen von einem Diesseits und einem Jenseits führte. Diese Welten waren aber nicht rigoros getrennt, sondern beeinflussten sich, und Grenzgänger, die Schamanen gingen über diese Brücken. Töten eines Tieres machte den Jäger schuldig und zwang ihn, die Harmonie zwischen den Welten wiederherzustellen, durch Riten oder Opfer. Durch körperliche Überreizung, Tänze, Gesänge und Trance versetzte sich der Schamane in einen Zustand, in dem er glaubte, in die Anderswelt zu reisen.

Bärenzeremonien finden wir nicht nur bei den Indianern Amerikas, den Völkern Sibiriens, sondern bereits in Funden aus der Altsteinzeit. Es handelt sich, laut Egon Wimmers, um das „archetypische Traumbild einer Ur-Religion der Menschheit, die in hyperboreischer Ferne überlebt hat“. Es führt zwar, laut Wilfried Rosenthal, zu weit, von einem „Höhlenbärenkult“ als festem Zeremoniell im Paläolithikum zu sprechen, es ist aber belegt, dass es in der letzten Eiszeit eine besondere Beziehung zwischen Mensch und Höhlenbär gab.

Noch im 20. Jahrhundert betteten die zirkumpolaren Jägervölker Bärenjagden in ein kultische Zeremonien ein, die Samen Skandinaviens ebenso wie die Wogulen, Samojaden, Evenken, Jakuten oder Tschuktschen – Indigene Kamtschatkas ebenso wie die Ainu in Japan.

Der Braunbär erschien unseren Vorfahren als Mischwesen: Sein Skelett ähnelt dem eines extrem kräftigen Menschen; er kann sich aufrecht stellen und ist Sohlengänger wie wir. Er ist Allesesser wie wir, er masturbiert sogar wie wir. Deshalb taucht er in den Mythen oft als verkleideter Mensch oder sogar als Ahne auf. In Jägervölkern galt der Tod eines Bären deshalb immer als gefährliches Ereignis. Der Geist des Bären konnte sich rächen, seine Seele konnte sich einen neuen Körper suchen, oder die Jäger hatten aus Versehen einen Ahnen getötet.

Bärenjagden folgten deshalb strikten Regeln: Der Bär wurde wie ein Mensch angesprochen und getäuscht. Wenn die Karelier an die Höhle kamen, in denen er Winterschlaf hielt, riefen sie: „Steh nun auf, lieber Bär, deine Gäste zu empfangen.“ Oft wurde der Bär umschrieben, um ihn nicht zu rufen: Er hieß „alter Mann“ oder „Väterchen“. Wenn umgekehrt ein Bär einen Menschen tötete, gingen die Jäger nicht so damit um wie bei anderen Tieren, denn sie unterstellten dem Bären eine menschliche Absicht und verhielten sich so. Beim Bären übten sie ebenso Blutrache wie bei einem Menschen, der einen Angehörigen des Clans ermordete.

In vielen Kulturen galt der Bär als Heiler, und bei manchen Indianervölkern war ein Bärengeist gar der Schöpfer der Medizin. Zum einen lag das an seiner Stärke, zum anderen kam er gerade dann aus seiner Winterhöhle, wenn das Leben im Frühling aus der Erde spross. Die Tschuktschen im Norden Sibiriens schrieben ihm die gleichen Fähigkeiten zu wie einem Schamanen.

Entscheidend war aber seine Ernährung: Bären graben Wurzeln aus und essen, wie andere Tiere übrigens auch, Heilkräuter, wenn sie krank sind. Bärlauch, der Lauch des Bären, ist ein Verwandter des Knoblauchs. Im April bedeckt er den Boden lichter Wälder, besonders verbreitet er sich in Auwäldern und durchzieht diese mit seinem würzigen Geruch.

Im Unterschied zum Knoblauch dünstet verzehrter Bärlauch nicht durch die Haut ab, sondern nur durch den Mund, und auch dieser Lauchgeruch ist vergleichsweise mild. Bärlauch galt sowohl als Würz- wie als Heilpflanze, und vermutlich glaubten unsere Vorfahren, dass Bären den Lauch fraßen, um sich zu stärken. Wenn ein Mensch das tat, entwickelte er ebenfalls Bärenkräfte.

Dazu kommt der feine Geruchssinn des Bären. Bären können Nahrung über viele Kilometer riechen, und das erkannten die Jägervölker und schrieben ihm deshalb hellseherische Kräfte zu. Der „Bärenlauch“ kann seinen Ursprung folglich auch darin haben, dass die Dünste dieses Gewächses die Bären mit ihren feinen Nasen anlockten. (Dr. Utz Anhalt)

Quellen:
Die meisten Beispiele sind entnommen aus:

  • Hertling, Bernd: Wie aus dem Zankapfel die Einbeere wurde. (Heil-) Pflanzen im griechischen Mythos. Augsburg 2006.

Außerdem:

  • Archäologisches Museum Frankfurt (Hg.): Bärenkult und Schamanenzauber. Rituale früher Jäger. Regensburg 2015.
  • Eliade, Mircea: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Frankfurt am Main 1975.
  • Ginzburg, Carlo: Hexensabbat. Entzifferung einer nächtlichen Geschichte.
    Frankfurt am Main 1993
  • Harris, Marvin: Fauler Zauber. Unsere Sehnsucht nach der anderen Welt.
    Stuttgart 1993.
  • Herrmann, Paul: Nordische Mythologie. Berlin 1995.
  • Hiller, Helmut: Lexikon des Aberglaubens. Süddeutscher Verlag GmbH. München 1986.
  • Rosenbohm, Alexandra: Marburger Studien zur Völkerkunde. Halluzinogene Drogen im Schamanismus. Mythos und Ritual im Kulturellen Vergleich. Berlin 1991.
  • Stewart T., Caroline: Die Entstehung des Werwolfglaubens. In: Bolte, Johannes (Hg.): Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. Begründet von Karl Weinhold. 19. Jahrgang. Berlin 1909. S.30-49.

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