Heilpflanzen und Kräutermedizin

Sebastian
Kräutermedizin und Heilpflanzen polarisieren. Manche Ärzte sehen darin den Aberglauben unaufgeklärter Menschen. Esoteriker hingegen spekulieren hingegen über ein „geheimes Wissen“, das verloren gegangen sei . Die Psychoszene kramt derweil mit Vorliebe Therapien hervor, die ein Hauptgrund dafür waren, dass „die Ahnen“ früh starben. Die Dosis macht das Gift gilt zudem nicht nur metaphorisch: Manche Pflanzen wirken wie Schlangengifte. Tollkirsche, Stechapfel oder Schierling enthalten Substanzen, die sich nur mit komplizierten medizinischen Verfahren und unter strenger Kontrolle eines Arztes therapeutisch nutzen lassen. Finger weg! Fernab des Wirkens von Heiligen wirken viele Kräuter jedoch tatsächlich – von Kiefer zu Salbei, und von Schachtelhalm bis zu Lavendel. Hier eine kleine Übersicht der gängigsten Heilpflanzen in der Naturheilkunde.

Rinde, Blüte oder Wurzeln?

Was tun bei Krankheit? Einfach ein Kraut heraus rupfen und hinein beißen? So einfach ist es nicht: Manche Pflanzen tragen heilende Früchte, aber unbekömmliche Blätter; andere, wie der Efeu giftige Früchte, während die Blätter therapeutisch wirken. Einige Pflanzen lassen sich nur aufgekocht genießen, bei anderen verschwinden die Wirkstoffe beim Kochen.

Zum Teil vergessene Heilkräuter der Naturheilkunde. Bild: mythja - fotolia
Zum Teil vergessene Heilkräuter der Naturheilkunde. Bild: mythja – fotolia

Rinde wird im Frühjahr gesammelt. Dann sind die Zweige voller Saft, und die Rinde lässt sich leicht abschälen. Blätter sammeln wir im späten Frühjahr. Kräuter bezeichnet die über der Erde wachsenden Teile kleiner Pflanzen. Wir sammeln sie vor oder während der Blüte. Blüten sammeln wir, kurz bevor sie sich vollständig geöffnet haben. Früchte sammeln wir vollreif. Samen sammeln wir, kurz bevor sie freigesetzt werden. Breie und Säfte werden mit einem Mörser hergestellt, mit dem man die Blätter, Früchte, Wurzeln und Knollen zerstampft.

Die Triebe der Weißtanne helfen bei Beschwerden der Atemwege; 2 Gramm in 100 ml Wasser gelten als richtige Dosis. Triebe, Zweige und Nadeln auf die Haut gelegt, steigern den Blutfluss und desinfizieren.

Mehr zum Thema:

Die Knospen der Kiefer wirken antiseptisch auf Atem- und Harnwege und hemmen Entzündungen. Die ätherischen Öle lassen sich für Seifen verwenden und wirken erfrischend bei Müdigkeit. Die Nadeln reinigen Harnwege und Lungen.

Blätter und Blüten der Ringelblume helfen gleichermaßen. Blüten als Tee aufgekocht, erleichtern die Menstruation und lindern Schmerzen im Unterleib. Äußerlich aufgetragen mindern sie ebenfalls Schmerzen und lösen Krämpfe.

Eine heute kaum bekannte Heilpflanze ist die Süßkirsche: Nicht die Kerne; die sind sogar giftig. Auch nicht die Früchte, sondern die meist achtlos weg geworfenen Fruchtstiele wirken, in Wasser aufgelöst wirken sie harntreibend; äußerlich aufgetragen, helfen sie gegen rissige Haut.

Wurzeln und Blätter – Die Große Klette

„Unkräuter“ sind oft Heilpflanzen. Die Große Klette zum Beispiel hasst jeder traditionelle Kleingärtner. Diese zweijährige Pflanze besteht aus einer spindelförmiger Wurzel und herzförmigen Bodenblättern, purpurfarbenen Blüten, die zu runden Köpfchen angeordnet sind und mit hakenförmigen Spitzen umgeben. Dazu bildet sie braune Früchte mit schwarzen Punkten, einer Haarkrone und Borsten. Keine klassische Schönheit, aber wirkungsvoll: Ätherische Öle, Inulin, Pflanzenschleim, Gerbstoffe, Phytoserin und Chlorogensäure ergeben einen medizinischen Cocktail, der seinesgleichen sucht.

Die Klette stimuliert die Leber, die Gallenblase und senkt den Zuckergehalt im Blut. Die Große Klette hilft deshalb, unter ärztlicher Kontrolle versteht sich, gegen Diabetes.

Kein Unkraut sondern Heilpflanze: Die Klette. Bild: Otto Durst - fotolia
Kein Unkraut sondern Heilpflanze: Die Klette. Bild: Otto Durst – fotolia

Die Volksmedizin kennt die Klette als Mittel gegen Akne, Furunkel, Ekzeme und Krampfadern. Dazu verwenden wir Kompressen aus der getrockneten Wurzel. 10 g auf 100 ml Wasser werden eine halbe Stunde auf die betroffenen Stellen gelegt.

Wir graben die Wurzeln im Herbst des ersten Jahres der Klette aus, schneiden die Seitenwurzeln ab und waschen sie. Die Blätter sammeln wir im Mai und Juni; wir schneiden sie ohne Stiel. Die Wurzeln schneiden wir in 1 cm dicke Scheiben, trocknen sie an der Sonne und lagern sie in Glasbehältern. Die frischen Blätter waschen wir und benutzen sie wie Seife.

Blätter – Der Efeu

Die einen lieben von ihm begrünte Häuserwände, und die anderen hassen ihn, weil er alles zuwuchert; als Heilpflanze hat den Efeu jedoch kaum jemand im Blick, obwohl er sich als Multitalent erweist: Ob Reizhusten, Bronchialkatarrh oder verschleimte Bronchen, ob Nervenentzündungen, Rheuma, Ischias oder Arthritis – der Efeu hilft. Obendrein beweist er sich auch noch als Narkotikum.

Efeu- Bild: Claudio Divizia - fotolia
Efeu- lindernd bei Nervenentzündungen, Rheuma, Ischiasschmerzen oder Arthritis Bild: Claudio Divizia – fotolia

Für unsere Kräutermedizin sammeln wir die Blätter, und zwar das ganze Jahr. Wir schneiden sie direkt unter dem Stiel ab. Wir trennen die Blätter dabei sorgfältig von den Früchten, denn die sind giftig. Die Blätter trocknen wir im Schatten und lagern sie in Stoffsäckchen.

Wir geben 5 g Blätter in 100 ml Wasser, tränken Tücher damit und legen diese eine Stunde auf schmerzende Stellen.

Rinde – Der Faulbaum

Der Faulbaum wird wenige Meter hoch; seine dunkelbraune Rinde ist von waagerechten hellen Streifen durchzogen. Wir schälen die Rinde im Frühjahr in Längsstreifen ab, trocknen sie in der Sonne und lagern sie in Stoffsäckchen – mindestens zwei Jahre. Die frische Rinde ist nämlich ein Brechmittel und führt zu Vergiftungen. Das Pulver verwenden wir zum Abführen. Es regt den Dickdarm an. Dafür setzen wir 20 g mit 100 ml 20 %igen Alkohol an und nehmen davon 3 Teelöffel zu uns, bevor wir zu Bett gehen.

Samen – Echtes Bockshornklee

Bockshornklee stammt ursprünglich vom Mittelmeer, wächst heute aber auch in Deutschland. Das echte Bockshornklee besteht aus einer Pfahlwurzel und einem zylindrischen Stengel. Sie wird bis zu 80 cm hoch. Das Blatt ist in jeweils drei Einzelblätter gefächert und steht wechselständig am Stengel. Die Blätter sind hellgelb und an der Spitze purpur gefärbt.

Wir sammeln die reifen Samen im Juli / August. Dazu schneiden wir die Pflanze an der Basis, binden sie zu Büscheln und lassen diese an der Sonne trocknen. Die Samen klopfen wir mit einem Stock aus der getrockneten Pflanze. Wir sieben sie, legen sie kurz in die frische Luft und füllen sie dann in Gläser. Im Mörser zerstampfen wir sie dann zu Mehl.

Einige Löffel dieses Mehls kochen wir im Wasser, bis ein Brei entsteht. Diesen Brei legen wir auf ein warmes wie feuchtes Tuch und legen dieses auf Furunkel. Das wiederholen wir mehrmals täglich, bis das Furunkel sich zurück bildet.

Echtes-Bockshornklee regt den Appetit an. Bild: andriigorulko - fotolia
Echtes-Bockshornklee regt den Appetit an. Bild: andriigorulko – fotolia

Der Bockshornklee stärkt auch einen geschwächten Organismus und wird deshalb bei Krankheiten empfohlen, bei denen wir abmagern und den Appetit verlieren. 0,5 g Bockshorn-Mehl, mit Honig vermengt, mehrmals täglich, stärkt den Patienten.

Früchte – Die Eberesche

Die Eberesche kennen wir als Vogelbeere, und Naturgärtner lieben sie, weil sie zu den wichtigsten Nahrungspflanzen für Wintervögel gehört. Der sommergrüne Baum mit der glatten grauen Rinde lässt sich jedoch auch gut zur Heilung einsetzen, und zwar gegen Halsentzündung, Dünndarmentzündung und Durchfall, sowie gegen Hämorrhoiden.

Die frischen Früchte pressen wir zu Saft aus und trinken dabei ein bis zwei Gläser pro Tag bei Darmproblemen. Wir können die Früchte aber auch trocknen und geben dann 5 g auf 100 ml Wasser zum Gurgeln. Wir nutzen dieses Fruchtwasser auch gegen entzündete Haut und waschen die betroffenen Stellen damit.

Triebe – Der Ackerschachtelhalm

Der Ackerschachtelhalm wird auch Zinnkraut genant, da sich mit diesem Kraut gut Zinn putzen lässt. Es handelt sich um eine mehrjährige Pflanze mit unterirdischen Wurzeln. Diese bildet keine Blüten, wohl aber einen Frühlings- und einen Sommertrieb. Ackerschachtelhalm stellt wenig Ansprüche; er braucht lediglich leicht mit Lehm durchsetzten Boden. Die Sommertriebe ernten wir von Mai bis September, trocknen die Stängel an einem luftigen Ort im Schatten; wir schneiden die getrockneten Pflanzen und bereiten Tee daraus zu.

Seine Heilwirkung war schon in der Antike bekannt. Der griechische Arzt Dioskorides schrieb 50 n. Chr., dass der Schachtelhalm den Harn treibe und blutende Wunden stille.

Den Tee verwenden wir, um das Blut zu reinigen; außerdem ergänzt er die Heilung von Gicht, Rheuma, Husten und Asthma. Blasen- und Nierenleiden lassen sich mit Ackerschachtelhalm ebenfalls lindern. Dazu gießen wir 20 Gramm mit einem Liter Wasser auf und trinken davon täglich zwei oder drei Tassen.

Blüten – Die Schafgarbe

Die blühenden Spross-spitzen der Schafgarbe sammeln wir von Juni bis September. Wir schneiden sie 10 bis 15 cm unter dem Blütenstand ab, trocken sie im Schatten und bewahren sie danach in Stoffsäckchen auf. Die Schafgarbe hemmt Entzündungen und fördert die Verdauung. Als Tee gekocht wirkt sie gegen Bauch- und Menstruationsschmerzen und Schlaflosigkeit.

Schafgarbe Bild: behewa - fotolia
Die Schafgarbe hemmt Entzündungen und fördert die Verdauung. Bild: behewa – fotolia

Äußerlich aufgetragen oder als Mundspülung lässt sich die Schafgarbe ebenfalls verwenden. Kompressen sollten mindestens 15 Minuten auf der betroffenen Stelle liegen. Dann reinigen sie kleine Wunden und mindern Entzündungen der Haut.

Kräuter

Viele unserer Küchen-, Duft- und Würzkräuter sind zugleich Heilpflanzen, unter anderem Salbei, Rosmarin, Lavendel, Minze und Borretsch. Der Geschmack von Rosmarin und Salbei würzt Fleischgerichte; Borretsch verwenden wir zum Einlegen.

Rosmarin

Rosmarin regt den Appetit an, fördert die Verdauung, löst Krämpfe, treibt den Harnfluss, wirkt antiseptisch und bring „den Kreislauf in Schwung“. Ein Rosmarintee mit 1 g der jungen Zweige auf 100 ml Wasser nach den Mahlzeiten beruhigt bei Keuchhusten und fördert die Gallenbildung. Der Tee lässt sich auch auf die Haut auftragen, wirkt dann antiseptisch und hilft bei Prellungen und Rheuma. Wir können ihn dazu gurgeln, den Mund ausspülen oder Bäder für die betroffenen Stellen ansetzen.

Salbei

Echter Salbei kommt ursprünglich aus Südeuropa, findet sich heute aber überall in den Schrebergärten. Er regt die Darmfunktion an und eignet sich deshalb vorzüglich als Gewürzkraut zu fettem Fleisch. Äußerlich kannten ihn schon die altrömischen Ärzte als Wundheiler. Salbei wirkt antiseptisch und fördert deshalb die Narbenbildung bei schwere Wunden.

Salbei ist besonders bei Erkältungskrankheiten lindernd und schützend. Bild: mates - fotolia
Salbei ist besonders bei Erkältungskrankheiten lindernd und schützend. Bild: mates – fotolia

Salbei regt die Gallenblase an, hilft bei Asthma und reinigt die Atemwege. Er senkt den Blutzuckerspiegel, dämpft den Schweißfluss und lindert Schmerzen im Unterleib. Salbei hilft gegen blutendes Zahnfleisch, Geschwäre und Mundgeruch. Dafür sorgen seine ätherischen Ölfe, nämlich Borneol, Campher, Cineol und Thujon, Tanine, Saponoside und Cholin. Diese dienen in konzentrierter Form auch als Duftöle. Vorsicht ist geboten: Solche Öle sollten nicht geschluckt werden; sie wirken dann nämlich als Gift.

Wir kochen Tee aus frischen Blättern und geben Zitrone und Honig dazu, damit es schmeckt. Für Tee können wir die Blätter auch im Schatten mit Luftzufuhr trocknen und geben ungefähr einen Teelöffel auf 100 ml Wasser. Bei Mandelentzündung gurgeln wir, blutet das Zahnfleisch oder riecht der Mund schlecht, spülen wir den Rachen. Bei Husten und Asthma trinken wir täglich mehrere Tassen.

Lavendel

Manche Pflanzen lieben wir wegen ihrem Duft, umso mehr, wenn uns das Kraut zugleich belebt. Ein Lavendel-Kissen im Bett vertreibt den Muff. Nur wenige wissen indessen heute, dass Lavendel auch hervorragend gegen Husten wirkt, Asthma beruhigt, den Gallenfluss anregt und die Leber stärkt. Lavendelblüten helfen gegen Akne, stützen die Narbenbildung, helfen gegen Kopfschmerzen und Magenkrämpfe, Übelkeit, Brechreiz und Schluckauf. Außerdem lindern sie Entzündungen im Rachenraum.

Lavendel lindert depressive Verstimmungen. Bild: Kavita - fotolia
Lavendel lindert depressive Verstimmungen. Bild: Kavita – fotolia

Wir schneiden die Blüten im Juni / Juli an der Basis, trocknen die Büschel dann im Schatten. Wir bewahren die Blüten in Gläsern an einem dunklen Ort.

Eine Tinktur setzen wir mit 20 g der Blüten auf 100 ml 30 % igen Alkohol an – für acht Tage. Wir tragen diese Tinktur dann auf entzündete Stellen der Haut und Mundschleimhaut auf.

Einen Tee setzen wir mit 1 g Blüten auf 100 ml Wasser an. Das regt die Galle an und lindert Magenkrämpfe. Diesen Tee können wir auch in Badewasser geben. Da reinigt er die Haut.

Borretsch

Borretsch riecht und schmeckt wie Schmorgurken. Er soll Entzündungen hemmen, sowie gegen Erkältungen, Husten und Heiserkeit helfen. Dazu werden 2-3 Esslöffel Borretsch in zwei Tassen Wasser aufgekocht. Borretsch lässt sich auch auf die Haut auftragen und hilft dort bei Ausschlägen.

Borretsch blüht von Mai bis September. Wir pflücken es mit Handschuhen, lassen es in der Sonne welken und im Schatten trocknen. Die Blüten und Blätter eignen sich für Tees gleichermaßen. Erstveröffentlichung Karfunkel „Altes Kräuterwissen“ 1 / 2015, Dr. Utz Anhalt)