Hexen – Mythen und Wirklichkeit

Dr. Utz Anhalt
Kaum ein Thema ist so mit Mythen überladen wie die Figur der Hexe. Die Märchenhexe im Kinderbuch, die Kräuterfrau in der Heilpraxis, die Vorreiterin der Emanzipation im Feminismus, das Medium zum Übernatürlichen bei Esoterikern, die edle Wilde im Kampf gegen das Christentum der Neuheiden oder das Salz in der Suppe der Fantasy.

Fiktion vermischt sich dabei mit Geschichte, und die Hexenjagd der frühen Neuzeit mit Hexenbildern, wie sie sowohl unsere Vorfahren wie Zeitgenoss_innen entwickeln. Die verbreitetsten Mythen über die historische Hexenverfolgung haben Regionalstudien der letzten 30 Jahre indessen widerlegt.

Dr. Utz Anhalt räumt mit den Mythen über Hexen auf. Bild: nicoletaionescu - fotolia
Dr. Utz Anhalt räumt mit den Mythen über Hexen auf. Bild: nicoletaionescu – fotolia

Hexen-Mythos: Der Hexenkult war eine heidnische Religion, die im Widerstand gegen die christliche Kirche heroisch unterging.

Richtig daran ist, dass die Christen die heidnischen Religionen vereinnahmten bzw. christianisierten – von der Mithra als Kopfbedeckung der christlichen Bischöfe bis zur Geburts des Heilands in der Nacht zum 25. September, dem Tag, an die Sonne, also Mithras neu zur Welt kam, über die heiligen drei Könige, die sich von den Magi der Zoroaster-Religion ableiten, den Engeln, die sich als geflügelte Mittler zwischen Gott und Mensch in Babylon, Persien und Assyrien tummelten, zum Gott mit der Dornenkrone und seiner Dreifaltigkeit, den sie aus den griechischen Dionysosriten nahmen.

Sie bauten Kirchen auf Mithras-Tempeln und heiligen Orten der germanischen Stämme, sie interpretierten heidnische Götter und Göttinnen wie Odin, Diana oder Herate als Dämonen und böse Geister, sie stülpten den Feiern der Fruchtbarkeitsgöttin Ostara ihr Osterfest über. Sie bekehrten die Heiden mit Feuer und Schwert, zerstörten Kultstätten und Bibliotheken, metzelten ganze Völkerscharen nieder, die den neuen Glauben nicht annahmen – kurz, sie schmückten sich mit den fremden Federn der polytheistischen Kulturen und meuchelten zugleich erbarmungslos die Träger dieses Wissens.

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Es gibt aber keinen Hinweis darauf, dass in der frühen Neuzeit, der Zeit der Hexenverfolgung, ein organisierter Heidenkult in Europa existierte, der sich der Kirche entgegen stellte. In einigen Hexenprozessen, zum Beispiel im Baltikum und Norditalien, zeigten Benandanti und „Werwölfe“ zwar,dass sie Riten praktizierten und Glaubensvorstellungen hegten, die im Widerspruch zur christlichen Lehre standen. Von einer organisierten heidnischen Kultur, wie sie nicht nur manche heutigen Neo-Pagans, sondern auch die Hexenverfolger vermuteten, kann aber keine Rede sein.

In den allermeisten Hexenprozessen gibt es keinen Hinweis darauf, dass sich die Weltdeutung der Angeklagten von der ihrer Ankläger und Richter wesentlich unterschied.

Hexen-Mythos: Die Hexenverfolgung diente der Vernichtung der weisen Frauen. Diese hüteten das Wissen über Abtreibung und Verhütung. Hinter der Hexenverfolgung der katholischen Kirche verbarg sich Bevölkerungspolitik, um die Untertanen zu vermehren.

Diesen Mythos entwickelten die Sozialwissenschaftler Heinsohn und Steiger aus Bremen und waren mit ihrem Buch „Die Vernichtung der Weisen Frauen“ äußerst erfolgreich, weil es dem Zeitgeist der 1980er Jahre entsprach. Die katholische Kirche wetterte gegen die Abtreibung, und Feministinnen kämpften für das Recht auf ihren eigenen Bauch.

Regionalstudien belegen, dass Heinsohn und Steiger von völlig falschen Zahlen ausgingen und Anklagepunkte der Hexenprozesse wie den Geschlechtsverkehr mit Dämonen oder Zauber, die Männern ihre Zeugungskraft nahmen willkürlich in moderne Begriffe übersetzten und so den Fokus auf Abtreibung und Verhütung verschoben.

Es gab „weise Frauen“, mit anderen Worten Hebammen und Heilkundige, die neben vielen anderen wirksamen und unwirksamen Mitteln der Naturheilkunde auch Maßnahmen kannten, um Kinder abzutreiben oder Schwangerschaften zu verhindern. Diese Frauen stellten aber weder die Mehrheit der Opfer, noch wurden sie überall und systematisch verfolgt.

Die vermeintlichen Taten der Hexen umfassten Gewitter, die die Ernte verdarben ebenso wie den Milchdiebstahl bei Kühen, Krankheiten, die sie ihren angeblichen Opfern „anhexten“, magische Bereicherung, Tierverwandlung und vor allem den Bund mit den Teufel.

Es traf arme Frauen, die am Rand der Gesellschaft standen ebenso wie (in der Hochphase der Prozesse), wohl habende Frauen, und Männer waren ebenso unter den Opfern wie Kinder.

Zudem gab es niemals eine zentral gesteuerte Organisation der Hexenverfolgung, die eine systematische Verfolgung der „Verhütungsheilerinnen“ erst möglich gemacht hätte.

Die These von der „Vernichtung der Weisen Frauen“ geistert heute noch vor allem in wissenschaftsfernen Milieus vor sich hin, insbesondere bei feministisch angehauchten Esoterikerinnen. Historiker_innen haben sie längst im Mülleimer als Pseudowissenschaft entsorgt.

Hexen-Mythos:„Die Hexenverfolgung war eine Frauenverfolgung des Patriarchats (der Männer)“

Diese These verbreiteten vor allem Feministinnen seit den 1980er Jahren. Sie implizierte unter anderem, dass sich die männlichen Hexenjäger und Hexenrichter von starken Frauen bedroht fühlten und sie deshalb vernichten wollten.

Richtig daran ist, dass die Grundlage der Hexenverfolgungen, nämlich der von den Dominikaner Institoris und Sprenger herausgegebene Hexenhammer (Malleus maleficarum) zu den frauenfeindlichsten Texten der Weltgeschichte gehört.

Demnach ist die Frau wegen ihres wankelmütigen Wesens den Verlockungen des Teufels in weit höherem Ausmaß ausgesetzt als der Mann, und femina leitet sich angeblich von fe minus ab und bedeute, dass die Frau weniger glaubt.

Die Verfasser imaginierten eine europaweit operierende Hexensekte, die im Bund mit dem Teufel für alles Unglück verantwortlich war. Dabei beriefen sich die Autoren auf antike Texte und sahen die Anhängerinnen Dianas, der römischen Jagdgöttin und Hekates, der griechischen Göttin der Unterwelt am Werk.

Römisch-griechische Vorstellungen von hexenähnlichen Wesen wie den Lamien und Strigen, die in Gestalt von Nachtvögeln Kindern das Blut aussaugten oder, halb Frau, halb Raubtier in Einöden lauerten, um Menschen zu fressen, zitierten Institoris und Sprenger als Beleg für das Hexenwesen.

Der weibliche Körper war ihnen ein Gefäß für Unrat, und sie glaubten, er sei mit Salamandern und Schlangen gefüllt.

Der „Hexenhammer“ war aber lediglich eine Grundlage für die Hexenprozesse vom 16. bis 18. Jh., und die Dominikaner stießen anfangs auf erbitterten Widerstand, manche Landesherren jagten sie aus ihren Territorien.

Wo sich das Instrumentarium des Hexenprozesses allerdings etablierte, übernahmen die weltlichen Gerichte die Verfolgung. Die Möglichkeiten, die der Hexenprozess bot, nutzten diverse Denunziant_innen, um ihre eigenen Konflikte zu ihren Gunsten zu entscheiden.

Ziel des Prozesses war das Geständnis, und im Hexenprozess wurden Einschränkungen der Folter, wie sie das römische Recht des Mittelalters vorschrieb, aufgehoben. Während im Mittelalter zwar die Folter erlaubt war, galten Geständnisse unter der Folter als wertlos.

Der Hexenprozess forderte jedoch wiederholte Folter bis zum Geständnis, und ein fehlendes Geständnis belegte nicht die Unschuld, sondern lediglich, dass der Teufel die Hexe / den Hexer besonders schützte.

Richtig ist, dass die Hexenrichter Männer waren, weil die patriarchalische Gesellschaft der frühen Neuzeit keine Frauen zum Richteramt zuließ. Viele Denunziantinnen waren jedoch Frauen, und viele Prozesse kreisten um Konflikte, die Frauen untereinander hatten: Junge und gut aussehende Frauen verdächtigten alte und hässliche Frauen, sie aus Neid zu verhexen; alte Frauen verdächtigten junge und gut aussehende Frauen ihre Attraktivität dem Teufel zu verdanken.

Sozialneid war ebenso ein Motiv wie die Suche nach einem Sündenbock, dem man / frau als Ventil für das eigene Unglück und die eigenen Ängste verantwortlich machen konnte. Die frühe Neuzeit war eine Krisenzeit: Pest und 30jähriger Krieg verheerten Mitteleuropa, die „kleine Eiszeit“ ließ die landwirtschaftlichen Erträge danieder gehen; das städtische Bürgertum prosperierte und das feudale System der Gutsherrenwirtschaft zerbrach. Ehemalige Knechte und Mägde säumten als Bettlerinnen und Landstreicher die Straßen, und dieses Lumpenproletariat stellte nicht zufällig eine wesentliche Gruppe der Opfer der Hexenprozesse.

Die große Mehrheit der Opfer waren Frauen, auch, weil ihre Rechtlosigkeit sie den Fängen der Justiz auslieferte. Doch insgesamt waren ein Viertel der Opfer Männer, und regional sind die Zahlen sehr unterschiedlich. In manchen Zentren der Hexenverfolgung wurden fast nur Frauen als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt, in Irland jedoch waren die Opfer fast ausschließlich „cunny men“, also Männer, die als Hexer galten, und in den Salzburger Hexenbettlerprozessen traf es vor allem obdachlose junge Männer, die sich ein Zubrot mit Jahrmarkt-Tricks verdienten wie „Mäuse aus dem Ärmel zu zaubern“. Auch Kinder, und sogar Tiere wurden in Hexenprozessen hingerichtet.

Bei bestimmten Anklagepunkten verschob sich die Geschlechtertendenz. So betraf die Beschuldigung, sich in einen Wolf zu verwandeln, und in dieser Gestalt Menschen und Vieh zu fressen sowie „widernatürliche Unzucht“ mit Tieren zu haben, vor allem Männer.

So wie sich in der weiblichen Hexe auch die, im Wortsinne, verteufelte Sexualität der Frau spiegelt, zeigt sich im Werwolf die dämonisierte Sexualität des Mannes.

Mythos: Die Kirche verfolgte die Hexen

Theologen entwarfen den Rahmen für die Hexenprozesse mit dem Hexenhammer und ähnlichen Werken, die als Handbücher für die Prozesse dienten.

Erste Verurteilungen wegen Hexerei gab es bereits im 13. Jahrhundert, dabei vermischten sie sich jedoch mit Anklagen wegen Ketzerei und Zauberei. Ketzerei galt indessen als geistliches Verbrechen und nicht als weltliches.

Dem Hexenhammer gingen der Juden- und der Ketzerhammer des Mittelalters voraus. Er unterschied sich jedoch in seiner Zielsetzung. Bei der Verfolgung der Juden ging es um eine andere Religion, die das Christentum nicht akzeptieren konnte. Den Juden sagte die Kirche zwar diverse Verbrechen nach, die auch in den Hexenprozess einflossen, zum Beispiel leitete sich das Konstrukt des Hexensabbats, in dem die Hexen dem Teufel huldigten, vom jüdischen Sabbat ab, und auch den Juden unterstellte die Inquisition Schadenszauber, Brunnenvergiftungen und Teufelsglaube. Doch vorrangig ging es darum, eine äußere Opposition zu bekämpfen, nämlich eine konkurrierende Religion.

Beim Ketzerprozess ging es der Inquisition um die innere Opposition, nämlich um Interpretationen des Christentums, die dem päpstlichen Dogma widersprachen. Die ersten Kreuzzüge führte die katholische Kirche nicht gegen die Muslime, sondern gegen die Waldenser und Katharer, die die „Weltlichkeit“ des christlichen Klerus als Gotteslästerung betrachteten.

Gerade im Zentrum der katholischen Inquisition, die Juden und Ketzer erbarmungslos verfolgte, lehnte der Klerus die Verfolgung von Hexen rigoros ab, und die römische Inquisition des 16. Jahrhunderts schritt sogar wiederholt gegen Hexenverfolgungen ein. Noch im Hochmittelalter galt in der katholischen Kirche nicht Hexerei, sondern der Glaube an Hexerei als Todsünde.

Während die Prozesse gegen Juden und Ketzer geistliche Prozesse waren, die die kirchliche Inquisition mit dem Ziel führte, die Angeklagten zu zwingen, ihren Glauben abzulegen und zum katholischen Christentum zu konvertieren, fielen die Hexenprozesse in die Zuständigkeit der weltlichen Gerichte.

Der den Hexen unterstellte Schadenszauber galt als weltliches Verbrechen, bestraft wurde nicht der Glaube, sondern die vermeintlichen Täterinnen und Täter. Schadenszauber galt genau so als Tat wie Diebstahl oder Körperverletzung, und aus heutiger Sicht handgreifliche Delikte mischten sich mit der Idee vom Teufelspakt.

So wurden den Opfern Handlungen vorgeworfen, die wir heute als Verleumdung, üble Nachrede oder Nötigung bezeichnen, allerdings mit dem Unterschied, dass Angeklagte wie Kläger und Richter davon überzeugt waren, dass Flüche eine reale magische Wirkung haben, oder dass sich Milch in einen Stock zaubern lässt.

Diese materiellen Schäden, die die „Hexe“ verursachte, überhöhten sich indessen gewaltig durch den unterstellten Pakt mit dem Teufel. Dieser stellte das eigentliche Kapitalverbrechen, aus dem sich die anderen bösen Taten ableiteten.

Der Teufelsglaube war und ist elementar christlich, und die Kirche lieferte die Dogmen dazu. Unter diesem Schirm boten die Hexenprozesse aber ein Koordinatensystem, in dem sich nahezu jeder Konflikt verhandeln ließ.

Fluchte ein Bettler über einen reichen Bauern, der ihm kein Almosen gab und plagte den Geizhals sein schlechtes Gewissen, so konnte er sich entlasten, indem er den Bettler wegen einem Zauberfluch vor Gericht brachte. Damit war das Opfer so gut wie tot.

Verarztete ein Hirte die Kuh eines Viehbesitzers, und die Kuh starb, konnte er den Hirten dafür verantwortlich machen, einen bösen Zauber auf das Tier gewirkt zu haben.

Starben Menschen an einer unbekannten Krankheit, und das kam damals sehr häufig vor, führte die Frage nach dem Warum zur alten Witwe, die mit ihrer Katze am Rande des Dorfes lebte.

Baute ein wohl habender Apotheker eine zweite Apotheke in der Nachbarstadt, sagte der Sozialneid, das könne nicht mit rechten Dingen zugehen, und beschuldigte ihn, sich in einen Wolf zu verwandeln und von einer Apotheke zur nächsten zu fliegen.

Die Kirche hatte mit alldem wenig zu tun, und in Blütezeiten der Hexenverfolgung standen auch kritische Pfarrer vor Gericht.

Christliche Weltbilder prägten indessen den Hexenprozess: Die katholischen Verfolger bezogen sich auf den biblischen Satz „Die Zauberer sollst du nicht am Leben lassen“, die Protestanten vertraten die Variante der Lutherbibel „Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen“. Dies gilt manchen Historikern als Grund dafür, dass in protestantischen Regionen weniger Männer in Hexenprozessen ermordet wurden als in katholischen.

Vor Ort trieben oft christliche Prediger die Hexenverfolgung voran, indem sie der Verzweiflung des Volkes angesichts von Naturkatastrophen, Krankheiten, materiellem Ruin oder Kriegsfolgen eine Richtung und Schuldige lieferten.

Die Hexenverfolgung im Mittelalter. Bild:  Sushi -fotolia
Die Hexenverfolgung im Mittelalter. Bild: Sushi -fotolia

Manche Historiker halten den Religionsstreit zwischen Protestanten und Katholiken für den Motor der Hexenverfolgung, die indessen zugleich dazu dienten, Konkurrenten auszuschalten, Randgruppen zu beseitigen oder Familienkonflikte auszutragen. Demnach gab es in den katholischen Ländern Südeuropas wie Spanien, Portugal oder Italien wenig Hexenprozesse, weil hier die konfessionelle Spaltung keinen Brennstoff lieferte.

Mythos: Die Hexenverfolgung grassierte im finsteren Mittelalter

Der Glaube an Hexen war in der Antike und im Mittelalter weit verbreitet, die systematische Verfolgung von Hexen durch Gerichte fällt jedoch in die frühe Neuzeit, vom 15. bis 18. Jh., mit regionalen Höhepunkten zwischen 1550 und 1650, insbesondere nach dem dreißigjährigen Krieg und dem Zentrum in Deutschland und den Alpenländern.

Es handelte sich um eine Zeit der Krise, ideologisch wie materiell. Die Kleine Eiszeit führte im 15. Jahrhundert zur Agrarkrise in Mitteleuropa, zu Inflation und Hungersnöten. Hagel und Gewitter wurden alltäglich, die Temperaturen sanken, und die Menschen lebten damals vor allem vom Ackerbau.

Die Ungunst der Natur traf sie also im Innersten. Unsicherheit wurde zu Angst, und Angst wurde zu Panik. Angst wiederum sucht nach einem Weg, die Kontrolle zu erlangen, und der heißt leider häufig, einen Schuldigen für die Misere zu finden.

Die Hungernden boten ein Paradies für Viren und Bakterien, ohne dass jemand etwas von diesen Erregern wusste. Bis ins 18. Jh. wütete immer wieder die Pest und verheerte Mitteleuropa wie ein Atomkrieg.

Tatsächlich führte bereits die erste Pestwelle von 1347-1353 dazu, Schuldige zu suchen. Die Juden sollten die Brunnen vergiftet haben, und das Trauma der Massen entlud sich in Judenpogromen. Auch die ersten Anschuldigungen wegen Zauberei und Hexerei traf die Juden. Mal sollten sie sich mit dem „Sultan von Damaskus“, dann mit einem dreiköpfigen Höllenhund getroffen haben, mal mit dem Teufel selbst.

Das Ansehen des katholischen Klerus bröckelte. Im Hochmittelalter hatten, bis auf wenige Ausnahmen, weder Herrscher noch Beherrschte, weder Weltliche noch Geistliche, das christliche Weltbild und die daraus abgeleitete Feudalherrschaft in Frage gestellt. Jetzt hatte die Kirche anscheinend keine Antwort auf die Pest und die Agrarkatastrophen.

Der Teufel war in stabilen Zeiten der christlichen Herrschaft lediglich das schlechte Beispiel eines Narren, der auf groteske Art versuchte, die Taten Gottes zu kopieren. Jetzt wurde er zu einer allgegenwärtigen Macht – zu einer Gegengottheit.

Gott schien die Menschen verlassen zu haben, doch die Hölle auf Erden zeigte sich in den beulenübersäten Leichen, die Ochsenkarren in Massengräbern abluden. Im 16. Jh. entstanden tatsächliche Teufelskulte. Viele hielten es für sinnvoll, sich mit dem Leibhaftigen zu verbünden und so dem Schrecken zu entfliehen.

Andere feierten wilde Orgien, betranken sich hemmungslos, tanzten wie Verrückte und kopulierten wild umher – wenn der Untergang sowieso bevor stand, konnten sie jetzt noch einmal „die Sau rauslassen“.

Das katholische Monopol auf Weltdeutung zerbrach. Zum einen stellten Wissenschaftler mit ihren Erkenntnissen wesentliche Dogmen in Frage: Kaum ein Intellektueller glaubte noch, dass die Erde rund sei oder Gott die Welt in 7 Tagen erschaffen hätte. Der Protestantismus löste sogar den Anspruch der Kirche auf, katholisch, also allumfassend zu sein. Diverse häretische Bewegungen gewannen tausende von Anhängern.

Kriege, insbesondere der dreißigjährige zwischen 1618 und 1648, verwüsteten weite Regionen Mitteleuropas und die Zerstörung der gesamten Infastruktur gesellte sich zur weltanschaulichen Verwirrung.

Ein weites Spektrum an Katastrophen bündelte sich also und erschütterte die psychische Sicherheit der Massen. Es war die Zeit der Verzweiflung, wie ein Buchtitel über die Hexenverfolgung sie nennt. Kulte wucherten, die die Apokalypse in unmittelbarer Zukunft sahen.

Anthropologen wissen, dass elementare Not ohne einen praktischen Ausweg dazu führt, Sündenböcke verantwortlich zu machen, um so die Angst zu kontrollieren. Die frühe Neuzeit bedeutete für sehr viele Menschen ein Muster einer solchen Notsituation. Alle Ängste in der Figur des Teufels und seines Gefolges zu fokussieren, beruhigte die Psyche. Denn damit gab es einen (fiktiven) Ausweg – nämlich den Teufel zu bekämpfen.

Die Hexenverfolgung zeigte sich vielerorts als Massenhysterie, bisweilen sogar gegen den Willen der lokalen Herrscher. So genannte Veitstänze, bei denen hunderte von Menschen in ekstatischen Krämpfen zu Boden fielen, belegen zusätzlich, dass solche Massenhysterie alltäglich war.

Hinzu kamen Massen an Traumatisierten. Menschen erlebten, wie Söldner ihre Frauen vergewaltigten und den Männern im Dorf Jauche in die aufgeschlitzten Bäuche kippten, Überlebende der Pestwellen hatten Verwandte bei lebendigem Leib „verwesen“ sehen. Kinder irrten durch rauchende Ruinen und fanden ihre Eltern zerstückelt und geschändet. Bauern plagte der Hunger, Kaufleute verloren ihre Existenz, die Wälder besetzten Räuberbanden, und die Felder lagen brach.

Traumatisierungen gehen mit Dissoziationen einher, in denen die Betroffenen das Gefühl für Raum und Zeit wie fürihren eigenen Körper verlieren. Schwarz-Weiß-Denken, Halluzinationen von Monstern und verdichtete Angstbilder, die reale Gestalt anzunehmen scheinen, sind ebenso Symptome für das Post-Traumatische-Belastungs-Syndrom wie die Wiederkehr des Traumas bei abgespeicherten Triggern, die die Erinnerung damit verbindet. Diese Auslöser haben ausdrücklich selten objektiv etwas mit dem Geschehnis zu tun.

Wem eine Katze als Kind das Gesicht zerkratzte, dessen Alpträume handeln beispielhaft später von Katzen, die ihn anspringen, und seine Ängste fokussieren sich auf das Bild einer Katze, die im Schatten lauert.

In einer Zeit und Gesellschaft, in der die Menschen an das Übernatürliche glaubten, galten diese Angstbilder als real. Dämonen waren in der frühen Neuzeit keine Metaphern für psychische Konflikte, sondern existentieller Teil der Wirklichkeit.

Wer sich mit Traumatisierungen auskennt, braucht wenig Fantasie, um sich den Sprengstoff vorzustellen, wenn eine traumatisierte Gesellschaft, die von Psychologie im modernen Sinne nichts wusste, mit den Hexen, die im Bund mit dem Teufel standen, eine Erklärung für ihr Leid bekam. Unverstandenes Trauma, juristischer Rahmen und Hexenpogrom bedingten sich. Die Katastrophen der frühen Neuzeit brannten sich in die Psyche der Menschen ein, und im Kampf gegen die „Teufelsbuhlerinnen“ rationalisierten sie ihre psychische Störung.

Dazu kamen materielle Motive. Denunzianten erhielten einen Teil vom Besitz des Opfers. Aber auch nicht materielle Motive wie Rache oder Antipathie ließen sich im Hexenprozess hervorragend ausleben. Stimmte die Staatsgewalt den Denunzierenden zu, sah es schlecht aus für die Angeklagten: Der Streit um einen Grenzstreit auf dem Feld entflammte auf dem Scheiterhaufen.

Mythos: Die Hexen waren Naturheilerinnen und verfügten über ein umfangreiches Wissen, das durch die Hexenverfolgung verloren ist.

Diese Vorstellung ist auch in der Heilpraxis weit verbreitet. Wie Schamanen in indigenen Kulturen gelten hier die verfolgten Menschen Europas als Heilerinnen ihrer Communities, die den akademischen Ärzten wegen ihrer alternativen Medizin ein Dorn im Auge waren.

Besonders beliebt ist diese Erzählung im Übergang zwischen Heilpraxis und dem esoterischen Glauben an Übersinnliches. Tarotkarten legen, Horoskope erstellen, Odin oder Lilith anrufen geht hier einher mit vergessenen Heilpflanzen aus dem heimischen „Hexengarten“.

Heinsohns und Steigers „weise Frauen“ basieren auf diesem Mythos, der in den 1980ern sehr populär war, und den die Verfasser zusätzlich fälschlich mit modernen Fragen der Soziologie verknüpften, nämlich der empirischen Forschung zu Bevölkerungspolitik.

In der „Heilesoterik“ verschmelzen hingegen verschiedene Ebenen des Begriffs Hexe der Kulturanthropologie, Ethnologie, Medizin- und Sozialgeschichte.

Das Wort Hexe leitet sich ab von Hagazussa, der Heckenreiterin, das eine Frau beschreibt, die als Mittlerin zwischen der Welt der Geister und Menschen agiert, ähnlich dem Schamanen bei indigenen Kulturen.

Frauen, die in diesem Sinne als Heilerinnen arbeiten, gab und gibt es, und es gab sie vermutlich auch in der frühen Neuzeit.

Die Heilkunde war insbesondere auf dem Land, im 16.- bis 18. Jh. noch kein Monopol der akademischen Ärzte, und magische Rituale, der Glaube an Übernatürliches gingen mit angewandter Kräutermedizin einher. V

om Hirten, der wusste, welche Salben die Wunden von Schafen desinfizierten bis zur Bäuerin, die heiße Umschläge gegen Halsschmerzen einsetzte und dem Pfarrer, der Durchfall mit Sprüchen aus der Bibel bekämpfte, gab es ein weites Spektrum an Volksheilern.

Manche von ihnen standen in Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit vor Gericht. Die Bauern nahmen die magische Hilfe von Hirten in Anspruch, die behaupteten, einen Wolfsbann legen zu können, der die Wölfe von den Herden abhielt.

Erkrankte dann das Vieh, sah der Bauer, der ja an die magischen Fähigkeiten des Hirten glaubte, einen bösen Zauber des Hirten am Werk. Aus einer althergebrachten Dienstleistung, die sowohl mit Magie als auch mit Tiermedizin zu tun hatte, wurde so ein Hexenprozess.

In anderen Fällen boten Salben, Kräuter und andere „Medizin“ einen „Hinweis“ auf die teuflischen Praktiken einer „Hexe“. Hinzu kam die Wirkung von halluzinogenen Pflanzen wie Bilsenkraut, Stechapfel oder Tollkirsche, die vermutlich in die Fantasien über den Flug der Hexen auf dem Besen und die Erscheinungen von grotesken Dämonen hinein flossen.

Magische Vorstellungen waren in Europa weit verbreitet, im Juden- wie Christentum, beim gemeinen Volk wie bei den Herrschenden, bei Gebildeten wie Analphabeten. Das „Volkswissen“ über Heilkunde hatte jedoch mit der Verfolgung vermeintlicher Hexen nur sehr wenig zu tun.

Die Verfolgung von Hexen erfanden vielmehr theologische und juristische Fakultäten. Die Akademiker vernetzten sich durch den Buchdruck und damit verbreiteten sich diese Theorien. Die an der Universität ausgebreiteten Vorstellungen sickerten also im dicht besiedelten Mitteleuropa über den Buchdruck in das Volk ein, ohne dass die akademischen Väter der Hexenverfolgung den leisesten Schimmer von den medizinischen Methoden der Landbevölkerung hatten.

Mythos: 1 Million bis zu 10 Millionen Menschen fielen der Hexenverfolgung zum Opfer.

Nationalsozialisten und Feministinnen, „neue Hexen“ und Esoteriker überboten sich im letzten Jahrhundert in Opferzahlen der historischen Hexenverfolgung. Noch Heinsohn und Steiger gingen von ungefähr 500 000 Opfern aus, manche Feministinnen brachten den „Holocaust an den Frauen ins Spiel“, der mit 9 Millionen Opfern die Shoah übertreffen sollte.

Der Organisator des Holocausts, Heinrich Himmler war derweil davon überzeugt, dass die „jüdisch-römische Kirche“ die Hexenverfolgung durchgeführt hatte, um die „germanische Frau“ und damit den Bestand der „germanischen Rasse“ auszulöschen. Von ihm stammen auch Zahlen im Millionenbereich.

Die These griffen manche Feministinnen in den 1980er Jahren auf, mit dem Unterschied, dass es der Kirche nicht um die „germanischen“, sondern allgemein um „die Frauen“ gegangen wäre.

Heinsohn und Steiger brauchten ihre Massenzahlen, weil sie nur so die These von der Vernichtung der weisen Frauen unterfüttern konnten. Sie arbeiteten zwar, ebenso wie andere Forscher_innen, die zu ähnlich hohen Zahlen kamen, mit historischem Material, werteten dieses aber falsch aus.

So rechneten sie Zahlen aus Brennpunkten der Verfolgung auf unerforschte Regionen hoch. Das ist zwar auch heute problematisch, der gesellschaftlichen Struktur der frühen Neuzeit wurde diese Methode aber bereits im Ansatz nicht gerecht:

Geistliche und weltliche Territorien, Fürsten und Bischöfe, Protestanten und Katholiken, freie Städte und Königreiche, sie alle kochten ihr eigenes Süppchen.

Den gemeinsamen Überbau, den die Verfasser der „Weisen Frauen“ imaginierten, gab es im 16. Jahrhundert nicht, insbesondere in den Wellen an Hexenprozessen während des Dreißigjährigen Krieges war jede zentrale Steuerung, die Hochrechnungen legitimer gemacht hätte, ausradiert.

Regionalstudien belegten, dass die Praxis der Hexenprozesse in Städten, die nur wenige dutzend Kilometer voneinander entfernt waren, oft gänzlich anders aussah. Starben in einer Stadt im Laufe von zehn Jahren dutzende von Frauen auf dem Scheiterhaufen, gab es in der Nachbarstadt oft keinen einzigen Prozess. Betrieb in der einen Grafschaft ein fanatischer Hexenjäger sein Unwesen, gewährte ein anderer Adliger Verfolgten in seinem Hoheitsgebiet Asyl.

Trotzdem waren die Hexenprozesse ein Massenphänomen. Dafür gibt es viele Gründe.

1) Die Folter führte zu Geständnissen.

2) Diese Geständnisse überzeugten „das Volk“ von der Realität des Hexenwesens

3) Die Gefolterten mussten ihre „Komplizen“ verraten. Sie verrieten so alle möglichen Menschen, die ihnen einfielen, damit die Qualen ein Ende hatten.

4) War die Hexenverfolgung etabliert, traute sich kaum noch jemand, sie zu kritisieren, denn das führte sehr schnell in den eigenen Tod.

5) Die Menschen in den umliegenden Regionen wurden auf das „Hexenwesen“ aufmerksam und denunzierten ebenfalls.

Schwerpunkte der Hexenprozesse waren Thüringen, das Rheinland, Würzburg, Bamberg, Köln mit 2000 und Mainz mit 1500 Opfern, Westfalen, das Wallis und Skandinavien.

Systematische Regionalstudien von Historiker_innen der letzten 30 Jahre entschlüsseln eine Gesamtzahl von 30 000 bis 50 000 Opfern in der Hexenverfolgung Europas. Damit handelt es sich allerdings immer noch um die größte nicht kriegsbedingte Vernichtung von Menschen im Europa dieser Zeit. Erst die Massenmorde der Faschisten und Stalinisten im 20. Jahrhundert übertrafen diese Zahlen von Opfern außerhalb des Krieges.

Mythos: Aufklärung und Moderne beendeten die Hexenverfolgung

Dieser Mythos entstand in der Aufklärung des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts und geht einher mit der Vorstellung der Hexenverfolgung als Ausdruck des finsteren Mittelalters, als Zeit des Aberglaubens und der Rückständigkeit, die die neue Zeit der Erkenntnis überwunden hätte.

An dieser Vorstellung ist so gut wie alles falsch. Die Hexenverfolgung hatte ihre Schwerpunkte nicht in den rückständigsten, sondern den fortschrittlichsten Regionen Europas. Erst Errungenschaften der Renaissance, nämlich der Druck und damit die ersten Massenmedien verbreiteten die Abhandlungen über die Hexensekte in Europa. Leser waren die gebildeten Schichten und nicht die Analphabeten.

Führende Theoretiker des Hexenwesens galten als intellektuelle Koryphäen ihrer Zeit und lehrten an herausragenden Universitäten. Jean Bodin zum Beispiel, einer der eifrigsten Hexenjäger überhaupt, war zugleich der Begründer der absolutistischen Staatstheorie, also des modernen Staates.

Bürgerliche Historiker im 19. Jahrhundert, ideologisch geprägt von Mythos der aufgeklärten Moderne (also ihrer Zeit), die aus dem dunklen Mittelalter ins Licht getreten sei, sahen Bodin als Prototyp eines zwischen Moderne und Mittelalter zerrissenen Menschen – der Gründungsvater des modernen Staates steckte demnach mit einem Bein noch im Mittelalter.

Diese Vorstellung war ebenso populär wie falsch: Bodin sah ein Haupthindernis für den Staatsaufbau in den unabhängigen Verhaltensformen und dem Gewohnheitsrecht von Gemeinschaften und Randgruppen, die er unter die allgemeine Kontrolle eines zentralen Staates bringen wollte. Die „Hexen und Zauberer“, über die er sein zweites Hauptwerk neben seiner Staatstheorie schrieb, waren für ihn genau eine solche Gemeinschaft.

Er glaubte zwar wirklich an die Teufel und Dämonen, zog aber ähnliche Schlüsse wie moderne Diktatoren, die ihre Feinde unter einem totalen Staat in Zaum halten wollen. Bodin hatte also mit Robbespierre, Saddam Hussein oder auch Stalin mehr gemein als mit einem schwäbischen Bauern, der eine Hexe am Werk sah, wenn die Milch sauer war.

Zum modernen Staat gehört eine allgemeingültige Gesetzeslage. Der Hexenprozess schuf dafür eine Basis. Nicht mehr das „Verbrechen gegen die göttliche Ordnung“ stand im Mittelpunkt, sondern die Schuld des „Täters“ / der „Täterin“. Der genaue Fragenkatalog der Richter, die bis ins Detail vorgeschriebenen Methoden, das Geständnis zu erzwingen und die ebenso akribischen Vorgaben, wie welche Aufgaben der Angeklagten zu bewerten seien, waren keinesfalls „mittlelalterlich“ im verächtlich-bürgerlichen Sinne von irrational, sondern entsprachen eher Abläufen einer modernen Verwaltung.

Die Hexenverfolgung fand nicht im Mittelalter statt, und das ist kein Zufall. Sie blühte in den Umbruchprozessen von Renaissance und früher Neuzeit – die Opfer verbrannten auf den Scheiterhäufen, als Leonardo da Vinci seine Flugmaschinen erfand, John Locke den Liberalismus entwickelte und Isaac Newton die Schwerkraft entdeckte.

1782 wurde Anna Göldi in der Schweiz als Hexe getötet, und die letzten bekannten Hinrichtungen wegen Hexerei in Europa fanden 1793 statt – zur Zeit der Französischen Revolution. Da lag das Mittelalter 300 Jahre zurück.

Das Bürgertum des 19. Jahrhunderts machte, laut Adorno, die Mauern unsichtbar. Mitmenschen, die den bürgerlichen Normen nicht entsprachen, verbrannten die Bürger nicht mehr auf Scheiterhäufen, sondern steckten sie in Irren – oder Armenhäuser, in Arbeitslager und Erziehungsanstalten.

Außerdem hörte die Verfolgung von Menschen als Hexen international nicht auf – bis heute nicht. Heute verurteilen Dorfgerichte in Südafrika Menschen wegen Hexerei zum Tode, und die Opfer sterben mit benzingefüllten Autoreifen um den Hals – in Flammen. Im Kongo ermorden bewaffnete Gangs Straßenkinder, die sie für Hexen und Hexer halten; in Tansania werden Albinos wegen ihren vermeintlichen Zauberkräften geschlachtet

In Papua-Neuguinea versucht der Staat, die Hexenpogrome der Dorfbewohner zu stoppen, doch der Erfolg bleibt gering. Auch in Indien kommt es immer wieder zu Lynchmorden an vermeintlichen Hexen. In Saudi-Arabien verurteilen Richter „Hexen und Zauberer“ nach islamischen Recht mit dem Tode.

In Afrika, Mexiko, Indien, Indonesien und Malaysia wurden in den letzten 50 Jahren mehr Menschen wegen Hexerei ermordet als in der Hexenverfolgung Europas in der frühen Neuzeit, sagt der Historiker Rune Blix Hagen.

Alte Naturheilkunde

Spezialisten für Naturheilkunde? Hüterinnen alten Wissens? Weise Frauen in Einheit mit der Natur? Den Opfern der historischen Hexenverfolgung werden solche Bilder, wie sie auch in der Heilpraxis weit verbreitet sind, nicht gerecht.

Das Wissen um heilende Kräuter löste den Verdacht eines Hexendaseins aus? Bild: Lukas Gojda - fotolia
Das Wissen um heilende Kräuter löste den Verdacht eines Hexendaseins aus? Bild: Lukas Gojda – fotolia

Sie waren Bäuerinnen und Mägde, Kaufmannsfrauen und Bettlerinnen, Hirten, Obdachlose und Apotheker, Alte und Junge, Frauen und Männer. „Hexen“ wurden sie nur, weil eine terroristische Justiz sie dazu machte, sie folterte und ermordete für etwas, was sie nicht getan haben konnten.

Opfer der Hexenverfolgung waren also fast immer ausschließlich Opfer von Justizmorden. Zur Hexe wurde Frau, zum Werwolf wurde Mann nicht wegen einem geheimen Wissen, sondern, weil Justiz und Mob das Opfer zum Opfer machten. (Dr. Utz Anhalt) 

Literaturtipps / Quellen

Biedermann, Hans: Dämonen, Geister, dunkle Götter. Lexikon der furchterregenden mythischen Gestalten. Sonderausgabe für Gondrom Verlag GmbH & Co. KG. Bindlach 1993.

Clark, Stuart: Thinking with Demons. The Idea of Witchcraft in Early Modern Europe. Clarendon Press. Oxford. New York 1997.

Daxelmüller, Cristoph: Aberglaube, Hexenzauber, Höllenängste. Eine Geschichte der Magie. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG. München 1996.

Dinzelbacher, Peter: Angst im Mittelalter. Teufels-, Todes- und Gotteserfahrung: Mentalitätsgeschichte und Ikonographie. Friedrich Schöningh. Paderborn. München. Wien. Zürich 1996.

Ginzburg, Carlo: Hexensabbat. Entzifferung einer nächtlichen Geschichte. Aus dem Italienischen übersetzt von Martina Kempter. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH. Frankfurt am Main 1993.

Hortzitz, Nicoline (Hrsg.): Hexenwahn. Quellenschriften des 15. bis 18. Jahrhunderts aus der Augsburger Staats-und Stadtbibliothek. Mit einer historischen Einführung von Gertrud Roth-Bojadzhiev. Silberburg-Verlag. Stuttgart 1990.

Masters, R.E.L.: Die teuflische Wollust. Aus dem Amerikanischen übersetzt und bearbeitet von Fritz Ortmann und Juliane Alfredsson. Lichtenberg Verlag GmbH. München 1968.

Sebald, Hans: Hexen. Damals- und heute? Sonderausgabe für Gondrom Verlag GmbH & Co. KG. Bindlach 1993.

Sidky, H.: Witchcraft, Lycanthropy, Drugs, and Disease. An Anthropological Study of the European

Witch-Hunts. Peter Lang. New York. Washington D.C. Baltimore. Bern. Frankfurt am Main.

Vienna. Paris 1997.

Wolf, Hans-Jürgen: Hexenwahn und Exorzismus. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte. 1.Auflage. Historia Verlag. Kriftel 1980.