Hildegard von Bingen: Geschichte der Naturheilkunde

Dr. Utz Anhalt
„Hüte dich, das Gute – im Geiste oder im Werk – so zu tun, als käme es von dir. Schreibe es vielmehr Gott zu, von dem alle Kräfte ausgehen wie die Funken vom Feuer.“ Hildegard von Bingen an Erzbischof Arnold von Trier

Hildegard von Bingen (1098-1179) ist heute vor allem durch ihre Kräutermedizin ein Name, die sich vor allem in der Naturheilkunde großer Beliebtheit erfreut. Dabei hat jedoch erstens manches, was unter „Hildegard von Bingen Medizin“ läuft, mit der Benedektineräbtissin des 12. Jhdts wenig zu tun, und zweitens besteht die Gefahr, ein Weltbild zu übernehmen, das der Selbstbestimmung des Individuums entgegen steht.

Hildegard war bereits zu Lebzeiten berühmt; Johann von Salisbury schrieb bereits 1167 über ihre Visionen; Albertus Magnus rühmte sie; Dante Alighieri ließ sich von ihrem Werk Sci vias inspirieren. Der Psychologe Carl Gustav Jung (1875-1961) schließlich erörterte ihre Visionen in seiner „Komplexen Psychologie“.

Die überlieferte Naturheilkunde der Hildegard von Bingen. Bild: photophonie - fotolia
Die überlieferte Naturheilkunde der Hildegard von Bingen. Bild: photophonie – fotolia

Sie wechselte Briefe mit Kaisern und Päpsten, Bischöfen und Fürsten, ebenso wie mit einfachen Bürgern – in Deutschland, England, Holland, Frankreich, Italien, der Schweiz und Griechenland. Dabei übte sie scharfe Kritik an Miss-Ständen und wies auch die Mächtigen auf ihre ethischen Verfehlungen hin.

Hildegards Werk

Zwischen 1141 und 1151 verfasste Hildegard Sci vias, nachdem sich ihr 1141 angeblich Gott offenbart hätte, und sie sich so als Seherin erfahren hätte. Sie beschreibt darin 26 Visionen. Der erste Teil behandelt das Verhältnis des Menschen zu Gott, die Sünde und den Weg zu gottgefälligem Verhalten. Außerdem entwirft sie eine Kosmologie und erörtert die Engel.

Der zweite Teil befasst sich mit Heilkunst, und die ist untrennbar mit Gott verbunden. Zuerst kommt die Schöpfung von Welt und Mensch, dann die Pflicht des Menschen, Gott zu gehorchen. Der Mensch hält diese nicht ein und scheitert. Dann wird er durch Christus erlöst. Diese drei Stufen sieht Hildegard als bestimmend in allen Lebensbereichen: Urzustand, Krise und Wohlstand. Außerdem kritisiert sie das Verhalten des Klerus ihrer Zeit – vor allem den Kauf geistlicher Ämter und die Priesterehe.

Ihr zweites Werk, Liber vitae meritorum, geschrieben 1158-1161, handelt von der Lebens-Anschauung und Lebens-Führung des Menschen. Hildegard geht hier vor die Scholastik ihrer Zeit zurück; die katholische Scholastik entwickelte einen Gegensatz zwischen Gott und Welt, Leib und Seele und nahm so spätere Ansätze des Humanismus der frühen Moderne vorweg: Wissenschaft und Naturgesetze mussten nicht notwendig Gottesdienst bedeuten. Gott hatte zwar alles geschaffen, der Mensch konnte die Welt aber intellektuell erfassen, ohne damit sein Werk zu freveln. Hildegard trennt hingegen nicht zwischen Gott, Welt und menschlicher Entscheidung: Gott ist für sie allmächtig, der Mensch ohnmächtig; sie sieht sich als Feder, die von Gottes starkem Wind getragen in die Wunder Gottes hinein fliegt.

Von 1163 bis 1174 schrieb sie Liber divinorum operum als Welt- und Menschenkunde. Alle drei Werke gehören zusammen: Die Sci vias handelt vom Glauben, der Liber vitae meritorum vom Leben und Liber divinorum operum von der Welt und dem Menschen.

Mit über 70 Jahren verfasste sie ein Werk über den Kosmos. Sie interpretiert darin den Beginn des Johannesevangeliums und erörtert die Dreifaltigkeit Gottes.

Die Äbtissin verstand sich nicht in erster Linie als Intellektuelle, sondern sie lebte, wie auch andere Schreibende ihrer Zeit, in einer Bilderwelt. Die galt damals nicht als metaphorisch, also als Bild von etwas, sondern als unmittelbarer Ausdruck der Gotteserfahrung.

Gott war für sie das „lebendige, wache, allerhellste Licht.“ Alle Seinsbereiche nahmen in der viriditas, der Lebensfreude, ihren Ausgang, die Gott in die Schöpfung geleitet hatte. Sie dachte also auch wie eine Dichterin: Sie bezog Geschehnisse aufeinander und führte sie in ihrer Bilderwelt zusammen.

Der Diabolus zum Beispiel war für sie der „pechschwarze finstere Vogel“, die Bischöfe waren von „Gott gepflanzte Bäume“, die Mönche sollten als „tapfere Kämpfer in Glauben, Demut und Liebe die Bindung des Gehorsams tragen.“

Hildegards Medizin

„Lerne auch, die Wunden der Sünder richterlich und doch barmherzig zu heilen wie der höchste Arzt euch das Beispiel des Heilsbringers hinterließ zur Rettung des Volkes,“ schrieb Hildegard an den Erzbischof von Trier. Der höchste Arzt war für sie Jesus. Ausdrücklich galt die Verpflichtung zu heilen, deshalb für jeden, egal, was er getan hatte. Das Vorbild von Jesus zeigte ihr auch, dass Frömmigkeit nicht bedeutete, Krankheit als Schicksal hinzunehmen, also fatalistisch geschehen zu lassen. Die körperliche Heilung ging vielmehr direkt damit einher, den Patienten für die Botschaft Gottes zu öffnen.

Sie lernte, wie alle Medizingelehrten ihrer Zeit, die von Hippokrates entwickelte und von Galen weitergeführte Lehre von den Körpersäften. Krankheiten waren für sie in einen kosmischen Zusammenhang eingebettet. Gott und der Teufel spielten ihre Rolle; auch Dämonen brachten Seuchen und Tod.

Eine akademische Medizin im systematischen Sinne gab es zu Hildegards Zeit nicht. Heilung von Krankheiten und Seelenheil ist für sie untrennbar verbunden. Sie bezieht altes Kräuterwissen ebenso ein wie Volksmedizin und ein Menschenbild des Alten Testaments. Hinzu kommt die bereits weit entwickelte Mönchsmedizin der Klöster in Franken, Spanien, Schottland und Italien; diese verband empirische Ansätze mit Erfahrungswissen und christlicher Heilslehre.

Neu ist indessen die visionäre Rechtfertigung ihrer Heilslehre. Hildegard sieht sich nicht als Forscherin, sondern als Gefäß für Gottes Willen. Darum verknüpft sie medizinische Überlieferung mit religiöser Frömmigkeit. Damit stellt sie sich in die alte Tradition der Heilpriester, die der Klerus ihrer Zeit gerade aufkündigte.

Das zweite Lateran-Konzil 1139 bestimmte nämlich, dass kein Priester als Arzt tätig sein dürfte. Die Scholastik trennte zwischen natürlichen Krankheiten, die in den Bereich des Arztes fielen und übernatürlichen Heimsuchungen, für die die katholischen Exorzisten zuständig waren. Für Hildegard gab es diese Trennung nicht.

Die Geistliche übertrug hingegen die christliche Vorstellung, dass Krankheiten nicht nur durch Verfehlungen, sondern auch durch die Angriffe des Teufels verursacht wurden, auf die Heilung: Krankheit zeigte immer eine Störung des Gleichgewichts zwischen göttlichen und teuflischen Kräften. Die Heilung musste deshalb immer das Seelenheil umfassen, das erkrankte Organ wies dabei den Weg, wo die schädlichen Kräfte eingedrungen waren.

Mitleid mit dem Kranken (miseriis compatiens) und der seelische Beistand (cooperiens hominem) waren ebenso entscheidend wie die verabreichte Medizin. Heilung bedeutete für sie Heilmittel, Methoden, die Krankheit aus dem Körper zu entfernen, gesunde Ernährung, körperliche Gesundung, vor allem aber seelische Reinigung. Heutige Naturheiler sehen darin Hildegards Bedeutung: Ihren Ansatz würden wir heute als psychosomatisch bezeichnen. Allerdings war diese „Psychosomatik“ für sie unmittelbar an das Übernatürliche geknüpft.

Sie schrieb zum Beispiel einem Priester: „Fürchte nicht die Schwere, die dich im Schlafe aufschreckt. Sie entspringt in dir durch die blutroten Säfte, die durch den Schwarzgallenkomplex in Unruhe geraten.“ Hier zeigt sie sich als Diagnostikerin in der galenischen Tradition ihrer Zeit.

Dann fährt sie fort: „Denn in ihnen bewegt sich der alte Betrüger, wenn er auch deine Sinne nicht verletzt, bringt er dich durch Gaukeleien doch in Verwirrung. Aber kraft der Verfügung Gottes wirst du durch solche Bedrängnis gezüchtigt, damit durch diese Furcht das fleischliche Begehren in dir gezähmt wird.“ Hier geht es also nicht mehr um Belastungen der (sozialen) Umwelt, die den Schlaf stören, weil sie sich auf den Körper auswirken (Schwarzgalle), sondern um das Ringen zwischen Gott und Teufel, das in der Konsequenz aber Gott entscheidet.

Wesentlich für das körperliche Befinden war also das Wirken übernatürlicher Kräfte; dabei vertrat die Christin das (früh-)mittelalterliche Konzept der Einheit von Körper und Seele. Edelsteine konnten zum Beispiel der Heilung dienen, denn „Gott hat in die Edelsteine wunderbare Kräfte gelegt, All diese Kräfte finden ihre Existenz im Wissen Gottes und stehen dem Menschen in seiner leiblichen wie geistigen Lebensnotwendigkeit bei. Jeder Stein hat Feuer und Feuchtigkeit in sich. Sie dienen dem Menschen als Segen und Heilmittel. Daher werden die Edelsteine vom Teufel gemieden und es erschaudert ihn bei Tag und bei Nacht.“

Magie war ebenso wichtig wie die vermutete Heilwirkung der Steine selbst. Achat sollte Diebe vertreiben, wenn man mit dem Achat ein Kreuz schlug. Der Topas wirkte gegen Fieber, aber nur mit dem entsprechenden Ritual: „Wenn jemand Fieber hat, grabe er mit dem Topas drei kleinere Gruben in ein weiches Brot, gieße reinen Wein in dieselben und betrachte sein Gesicht in dem Wein und spreche: “ „Ich sehe mich an wie in dem Spiegel, auf dass Gott dieses Fieber von mir vertreibe“.

Das Denken in Analogien

Hildegards Weltbild und auch ihre Medizin waren vom analogen Denken des Mittelalters bestimmt. Gott hatte die Welt vollkommen geschaffen, und das bedeutete, dass jedes Element in einem Bereich eine Entsprechung in einem anderen hatte. Die Naturkundler interpretierten deshalb Tiere, die wir heute als Wale, Robben, Haie oder Rochen identifizieren als Meerpferde, Meerschweine oder sogar Meermönche, denn die Fauna das Landes hatte ihr Gegenstück im Wasser.

In der Justiz galt deshalb der Grundsatz „Gleiches mit Gleichem“ zu vergelten, um die Disharmonie der göttlichen Ordnung wieder her zustellen. In der Medizin galten Pflanzen als Heilmittel, die auf einer assoziativen Ebene den Symptomen von Krankheiten glichen: Die Mistel zum Beispiel sollte gegen die Fallsucht genannte Epilepsie helfen; denn sie wuchs auf Bäumen, ohne herunter zu fallen.

Psychische Krankheiten

Die Obsessi, lunatici oder auch daemoniaci des Mittelalters sind heute als Menschen mit psychischen Problemen bekannt. Hildegard von Bingen sah diese „Besessenheiten“ als Prüfungen Gottes an. Der ließe es zu, dass die Dämonen in die Körper eindringen, um den Menschen die Möglichkeit zur Läuterung zu geben. Allerdings würden die Betroffenen nicht wirklich besessen, sondern seien nur benommen.

Bekannt wurde der Fall von Sihewize, einer Adligen, die sieben Jahre von „Dämonen besessen“ war. Welches Leiden die Frau plagte, lässt sich aus der Distanz nicht beurteilen. Die Benediktiner in der Abtei Brauweiler, bekämpften die „Dämonen“ vergeblich mit Exorzismen, in der Rupertsberger Kirche wurde sie jedoch am Karsamstag von den „bösen Geistern“ befreit und trat in Hildegards Kloster ein.

Die Gelehrte schrieb an Arnold von Trier: „Und diese Frau ist von den Quälereien des Teufels befreit worden. Sie wurde dann von einer Krankheit ergriffen, die sie zuvor nicht verspürt hatte. Jetzt aber hat sie die Kräfte des Leibes und der Seele in voller Gesundheit erlangt.“

Im Hochmittelalter verfestigte sich die Vorstellung der Beseesenheit dahingehend, dass der Teufel und seine Diener den Körper als Gefäß nutzten. Tiere wie Schlangen, Würmer, Frösche und Kröten lebten ebenfalls im Innern des Körpers, insbesondere, in dem von Frauen. Dort schlüpften sie während des Schlafes durch die Körperöffnungen hinein, verständlicherweise häufiger bei Frauen, weil die einen Eingang mehr boten.

Dämonische Besessenheit lag meist an den Sünden der Betroffenen. Die christlichen Scholastiker sahen Epilepsie immerhin als eine hirnorganische Störung, trennten also im Unterschied zu Hildegard, zwischen Natürlichem und Übernatürlichem. Ob es sich vielleicht doch um einen Dämon handelte, musste der Exorzist entscheiden.

Demut

Die Mutter aller Tugenden war für Hildegard die Discretio, die Demut. Demut bedeutete Aufmerksamkeit, Geduld, Mäßigung (moderatio), Umsicht und Weisheit. Die Discretio brachte den Ausgleich in die anderen Tugenden und Untugenden. Demut war nötig, um barmherzig zu handeln, und sich um die Menschen zu sorgen.

Hildgard schrieb: „Die Seele durchfließt den Leib wie der Saft den Baum. Der Saft bewirkt, daß der Baum grünt blüht und Früchte trägt. Und wie kommt die Frucht des Baumes zur Reife? Durch den angemessenen Wechsel der Witterung. Die Sonne spendet Wärme, der Regen Feuchtigkeit, und so reift sie sich unter dem Einfluß des Wetters aus. Was soll das? Der Sonne gleich erleuchtet die barmherzige Gnade Gottes den Menschen, dem Regen gleich betaut ihn der Hauch des heiligen Geistes, und das rechte Maß (discretio) zeitigt in ihm wie ein entsprechender Wechsel der Witterung die Vollkommenheit guter Früchte.“

Heilung als Verpflichtung

Der Arzt sorgte demnach für den Menschen. Diese Pflicht ergab sich aus dem Gehorsam gegenüber Gott – und nicht wegen einem hippokratischen Eid. Das Beispiel für diese Pflicht des Arztes sieht sie im Opfer Abrahams, der seinen einzigen Sohn Gott opfern wollte. Damit wurde Abraham zum „Vater der Barmherzigkeit“.

Der Arzt lenkte also das Leben nicht, sondern er hütete es nur. Wann ein Mensch starb, wann ein Mensch zur Welt kam, entschied für Hildegard einzig Gott. Hildegards Denken bedeutete, das vorhandene Leben bis zum äußersten zu pflegen. Krankheit war kein Gott gewolltes Schicksal und auch keine Prüfung Gottes, Heilung bedeutete demnach, wie Jesus, sich den Menschen zuzuwenden, um sie der göttlichen Botschaft zu öffnen.

Leben zu „manipulieren“ kam für sie nicht in Frage. Der Mensch, so wie er war, war von Gott geschaffen, und sich davon zu emanzipieren, hätte für sie einen Frevel bedeutet.

Die „Physica“ und die „Causa et curae“

Hildegard fasste ihre Texte zur Natur-und Heilkunde in einem Buch zusammen, das sie zwischen 1151 und 1158 schrieb. Heute ist es uns nur noch aus den beiden Werken „Physica“ (Naturkunde) und „Causa et curae“ (Heilkunde) bekannt.

Die Schriften waren wahrscheinlich als Handbuch gedacht, denn Hildegard führte damals ihr eigenes Kloster in Rupensberg, und die Nonnen brauchten eine Anleitung, um zusammen mit Hildegard die Kranken zu behandeln.

Die „Physica“ gliedert sich in neun Teile, die chronisch nach der Schöpfungsgeschichte angeordnet sind: Elemente, Steine, Metalle, also das Anorganische systematisiert sie ebenso wie Fische, Reptilien, Vögel und (Säuge-) Tiere. Dabei geht sie für ihre Zeit wissenschaftlich genau vor. Sie beschreibt Aussehen, Eigenschaften und den Nutzen für den Menschen, wobei sie die Exemplare der jeweiligen Arten so genau wie möglich skizziert und erörtert, wie sie sich medizinisch nutzen lassen.

Sie ordnet auch Fabelwesen in ihre Naturenzyklopädie ein, woran sich zeigt, wie sehr sie auf der Tradition der Antike fußte. Sie machte zum Beispiel den Basilisken, der aus einem Schlangenei schlüpfte, das ein Hahn ausgebrütet hatte, verantwortlich für Tierseuchen.

Die alten Griechen hatten dieses Fantasie-Reptil „Kleiner König“ genannt. Dieser Basiliskos sollte über die Schlangen herrschen und trug deshalb eine Krone. In ihm mischte sich Zoologie mit Mythologie. So schrieb der Römer Plinius, der Ältere: „Durch sein Zischen verjagt er alle Schlangen und bewegt nicht, wie die anderen, seinen Körper durch vielfache Windungen, sondern geht stolz und halb aufgerichtet einher. Er lässt die Sträucher absterben, nicht nur durch die Berührung, sondern auch schon durch den Anhauch, versengt die Kräuter und sprengt Steine: eine solche Stärke hat dieses Untier. Man glaubte, dass jemand ihn einst zu Pferde mit einem Speer erlegt habe und dass das wirkende Gift an diesem emporstieg und nicht nur dem Reiter, sondern auch dem Pferd den Tod brachte. Und dieses gewaltige Ungeheuer – denn häufig haben Könige es tot zu sehen gewünscht – wird durch die Ausdünstung des Wiesels umgebracht: so sehr gefiel es der Natur, nichts ohne etwas Gegenkraft zu lassen. Man wirft die Wiesel in die Höhlen [der Basilisken], die man leicht an dem ausgedörrten Boden erkennt. Diese töten durch ihren Geruch, sterben aber zugleich selbst, und der Streit der Natur ist bereinigt.“

Das Gift des Basilisken sollte allein durch seinen Gestank alles Leben abtöten; und sein Blick versteinerte. Er sollte aus dem Ei eines Hahnes oder eines schwarzen Huhnes entstehen, entweder aus einem Ei ohne Dotter oder aber dadurch, dass eine Kröte oder Schlange dieses Ei im Misthaufen aus brüteten. Wenn das Monstrum schlüpfte, verkroch es sich in Bergschächten, Brunnen oder Verliesen.

Die Forscher im Mittelalter, und nicht nur Hildegard, hielten den Basilisken für ein reales Wesen und spekulierten, wie seine Kräfte zustande kamen. Thomas von Cantimpré dachte zum Beispiel, die Augen des Basilisken würden strahlen und so den Astralkörper des Menschen zerstören. Er hielt es aber für ein Märchen, dass der Basilisk aus dem Ei eines Hahnes schlüpfe.

Hildegard von Bingen auf einer in Deutschland erschienen Postkarte (1979). Bild: laufer - fotolia
Hildegard von Bingen auf einer in Deutschland erschienen Postkarte (1979). Bild: laufer – fotolia

Sie glaubte auch an die Zauberkraft der Alraune, eines Nachtschattengewächses, das starke Halluzinationen hervorruft. Die Menschen im Mittelalter glaubten, dass aus der Wurzel der Alraune das „Galgenmännlein“ entstünde, wenn der Samen eines Gehängten darauf tropfte. Die halluzinogene Wirkung der Pflanze, und ein, mit viel Fantasie, menschenähnliches Aussehen der Wurzel, mag dieser Vorstellung zugrunde liegen.

Hildegards Heilkunde ist dennoch ausgesprochen praktisch angelegt; allerdings bleibt unklar, ob das vorhandene Material mit dem Original übereinstimmt. Die Handschrift in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel stammt aus dem 14. Jahrhundert, und Teile des Textes wurden eindeutig nach Hildegards Tod hinzugefügt. Falls indessen die wesentlichen Anteile von Hildegard selbst kommen, erweist sie sich als durchaus rational denkende Ärztin – im Unterschied zu ihren theologischen Welterklärungen, die im Original vorhanden sind. Das Werk behandelt:

1) Von der Schöpfung der Welt,

2) Vom Bau-Werk des Kosmos,

3) Von den Welt-Elementen,

4) Von der Bildung des Menschen,

5) Vom gesunden und kranken Körper,

6) Wie ein Mensch wird,

7) Vom geschlechtlichen Verhalten,

8) Der Mensch zwischen Schlaf und Wachen,

9) Krankheiten von Kopf bis Fuß,

10) Von den Zuständen und Umständen des Weibes,

11) Von der Ernährung und Verdauung,

12) Vom Geschlechtsleben,

13) Von den Gemütsbewegungen,

14) Von den Stoffwechselstörungen,

15) Von den Heilmitteln,

16) Von den Zeichen des Lebens,

17) Von der gesunden Lebensführung,

18) Von der ärztlichen Fürsorge,

19) Von der Tugend des Arztes und

20) Das Bild des Lebens.

Ein Grund, für die, aus heutiger Sicht, rationale Herangehensweise im Umgang mit Kräutern, wäre, dass die Beschreibungen 100 Jahre nach Hildegards Tod hinzugefügt wurden. Im 13. Jh. bereicherte nämlich der Kontakt mit den Arabern in den Kreuzzügen die Medizin Mitteleuropas um die praktischen Methoden des Orients. Nahe liegender ist indessen, dass Hildegard hier aus eigenen Erfahrungen zehrte, die Rezepte selbst anwandte, die Kräuter selbst sammelte und ausprobierte.

Hildegard nennt den Soff, einen mit heißem Wasser aufgesetzten Trank. In ihn können auch pulverisierte Kräuter eingerührt werden. Kräuter können auch in Essig oder Wein eingelegt werden, oder als Tortellies, Plätzchen als Weizenmehl, gegessen und auf den Körper gelegt werden. Salben bereitete Hildegard mit Butter, Gänse- oder Schweineschmalz, Bärenfett oder Hirschtalg zu. Pflaster stellte sie aus Kräutern und Harz her. Für Räucherungen legte sie getrocknete Kräuter auf glühende Dachziegel.

Die soziale Ordnung

Hildegard unterschied zwischen dem spiritualen (geistlichen) und saecularen (weltlichen) Bereich. Die spirituales teilte sie auf in Priester und Mönche / Nonnen, die saeculares in Mächtige und Machtlose, Arme und Reiche, Adlige und Nichtadlige.

Sie stammte selbst aus dem Hochadel und war ausgesprochen standesbewusst. So lehnte sie es ab, Nichtadlige in der Heilkunst auszubilden. Die Ungleichheit kam, ihr zufolge, von Gott und dürfe deshalb nicht angetastet werden.

Mönche und Nonnen schätzte sie unter den Menschen am meisten, denn ihre Jungfräulichkeit käme der vollkommenen Lebensweise am nächsten. Sie wären die einzig freien Menschen, weil sie sich aus freiem Willen vollkommen in den Dienst an Gott stellten. Im Jenseits würden sie deshalb den höchsten Lohn erhalten.

Die „Hildegard-Medizin“

1970 brachte Gottfried Hertzka, ein Arzt aus Österreich die „Hildegard-Medizin“ heraus, zusammen mit dem deutschen Heilpraktiker Wighard Strehlow. Pflanzenarznei, Edelsteine, Nahrungsmittel und Kosmetika der „gesunden Lebensführung“.

Hertzka und Strehlow gaben in einer „Großen Hildegard-Apotheke“ Ratschläge für diverse Krankheiten. Die waren oft durchaus sinnvoll, mit Hildegard von Bingen haben sie aber nur wenig zu tun. Die Stiftung Warentest schrieb in „Die andere Medizin – Alternative Heilmethoden für Sie bewertet“: „Die Vermarktung des Namens Hildegard von Bingen und die Nutzung ihrer Schriften in einer Weise, die durch das Original kaum gedeckt ist, hat die wohl kenntnisreichsten Professoren dieser Materie zu einer öffentlichen Erklärung veranlasst: Die Versuche, eine durchaus berechtigte Naturheilkunde als „Hildegard-Medizin“ in die ärztliche Praxis und den Bereich der Apotheke hineinzutragen, entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage.“

Hildegard und die heutige Naturheilkunde

Hildegards Ruf in der heutigen Naturkunde beruht auf folgenden, von ihr formulierten Prinzipien: Körperliche Krankheiten haben seelische Ursachen; der Mensch ist den Elementen verbunden; die Rückbindung an den Kosmos gehört zur Heilung; Krankheiten entstehen aus einer Disharmonie zwischen Mensch und Schöpfung.

Die Begeisterung für „Hildegards Medizin“ setzt, wie häufig in der postmodernen Esoterik, oft auf das „falsche Pferd“. Das gepriesene „ganzheitliche Denken“ von Hildegard ist nur insofern ein Denkanstoß, dass es Mensch und Umwelt zusammen denkt. Ein Vorbild für eine sozial und ökologisch ausgeglichene Gesellschaft, wie sie die fortschrittliche Naturheilkunde anstrebt, ist es mitnichten – im Gegenteil.

Die Äbtissin war ein Kind ihrer Zeit und dachte zutiefst antidemokratisch: Die Hierarchie von Adel, Klerus und Machtlosen drückte für sie unmittelbar Gottes Willen aus; die Gesellschaft ließ sich demzufolge nicht von Menschen verändern; sie waren dazu weder in der Lage, noch hatten sie ein Recht darauf. Diese „soziale Ganzheit“ lässt sich von Hildegards „ganzheitlicher Heilung“ nicht trennen. Heilung hieß für sie, „Gottes Geboten“ zu folgen und sich der gesellschaftlichen Ungleichheit zu unterwerfen.

Es ging eben nicht darum, die sozialen Verhältnisse zu verbessern, um das Leiden der Machtlosen zu lindern; vielmehr hatte sich das Individuum in die von Gott vorgeschriebene Rolle zu fügen. Die Belohnung wartete im Jenseits. Ein solches Modell der Welt heute zu übernehmen negiert die Prinzipien des bürgerlichen Rechtsstaates, ebenso wie die Chancengleichheit. Weiter gehende Vorstellungen von sozialer Emanzipation sind in Hildegards Kosmos nicht einmal denkbar.

Ihre Visionen, also ihre Assoziationen aus symbolischen Bildern, die sie zu Bilderwelten zusammen fügte, um ihnen einen Sinn zu geben, sind aus Sicht der Traumforschung durchaus für Therapien geeignet. Allerdings aktivieren sie den Patienten (und Heiler) als subjektive Wirklichkeiten und nicht durch Eingriffe des Übernatürlichen. So wie das Jagdritual des Schamanen tatsächlich wirkte, weil der Jäger mental die Jagd durchlebte und so größeren Erfolg hatte, konnte der Glauben, dass die Kräfte Gottes das Wirken des Teufels im Kranken besiegten, den Patienten stärken und in vielen Fällen eine Heilung herbei führen.

Das Denken in Analogien, wie es auch die Äbtissin vertrat, ist nur dann „abergläubisch“, wenn wir es auf organisch bedingte Erkrankungen anwenden. Vereinfacht gesagt: Für die biochemischen Prozesse, die bei einem epileptischen Anfall ablaufen, hilft Mistel nicht. Für die psychische Verarbeitung von Leiden können Analogien jedoch therapeutischen Nutzen bringen. Es geht hier nämlich nicht um die naturwissenschaftlichen Wirkstoffe, sondern um die Arbeit mit Symbolen, um Intuition, Imagination und Inspiration. Salopp gesagt: Einen Mensch, der psychische Auffälligkeiten entwickelt, zu Suchtmitteln greift, an Schlaflosigkeit und Konzentrationsstörungen leidet, weil er seine sozialen Wurzeln vergessen hat, könnte der Anblick einer starken Eiche daran erinnern, sich auf diese Wurzeln zu konzentrieren und somit einen Heilungsprozess in Gang setzen. Die Heilung findet aber im Subjekt statt und nicht durch das Objekt.

Heute wäre es aber entscheidend, diese (Traum-) Bilder als Wegweiser des Unbewusstes zu betrachten, als Symbole wirken zu lassen und den Patienten folglich nicht in ein religiöses System zu zwingen, sondern sie ihm als eigene Erfahrungen zu überlassen.

Ein Umgang mit mittelalterlicher Medizin sollte, statt ein „ganzheitliches“ Traum-Mittelalter zu ersehnen, die soziale Realität berücksichtigen: Unsere Vorfahren waren Infektionskrankheiten hilflos ausgesetzt, und die durchschnittliche Lebenserwartung lag halb so hoch wie heute.

Das hatte vor allem zwei Gründe: Der erste waren die katastrophalen hygienischen Verhältnisse bei einer, im Wortsinne, zum Himmel stinkenden Ungleichheit, der zweite waren die falschen Behandlungsmethoden. Die Säftelehre von Hippokrates und Galen war nicht „alternativ“, sondern teilweise, wenn es zum Beispiel um Viren ging, schlichtweg falsch – besonders deutlich wurde das bei der großen Pest des 14. Jahrhunderts.

Hier lag die Heilkundige, wie auch die anderen Ärzte im heutigen Deutschland, weit hinter den Erkenntnissen des Orients zurück. 200 Jahre vor ihr hatte der Iraner al-Razi das Wechselspiel zwischen seelischer und geistiger Erkrankung ebenfalls beschrieben, und zwar, ohne es als Ringen zwischen übernatürlichen Mächten anzusehen. 100 Jahre zuvor hatte Avicenna ebenfalls in Persien nicht nur den menschlichen Blutkreislauf beschrieben, sondern auch die Ansteckung von Krankheiten von Mensch zu Mensch, durch Keime in der Erde und im Wasser detailliert erörtert. Die Bedeutung dieser großen persischen Ärzte lag gerade darin, dass sie Krankheit nicht mehr als Wirkungen des Übernatürlichen ansahen, denen der Mensch ohnmächtig gegenüber stand.

Hildegard von Bingens Bedeutung liegt eben nicht in ihrem Glauben, dass ihre Heilslehre direkt von Gott gesandt wurde, sondern in der Erkenntnis, dass Therapien den ganzen Körper betreffen. Hier bekommt ihre Kräuterapotheke einen Stellenwert – auch heute. Als Unkräuter verfemte heimische Pflanzen sind bei ihr wichtige Heilpflanzen, und die von ihr beschriebenen Anwendungen sind in vielen Fällen gültig.

Kräutermedizin wirkt zudem tatsächlich „ganzheitlicher“ als Medikamente der „Schulmedizin“: Salbei, Ringelblume, Klette, Efeu, Schafgarbe oder Rosmarin verbessern das gesamte Befinden, während Produkte der Pharmaindustrie konzentriert einzelne Symptome bekämpfen. Hildegard interpretierte Sammeln, Zubereiten und Anwenden zwar religiös; doch lag sie, praktisch betrachtet, oft richtig. Wann, und in welchem Reifegrad Früchte gepflückt, Stauden geschnitten oder Wurzeln gegraben werden, wie lange sie trocknen, wie Tees zubereite, entscheidet über die Wirkung.

Das Mitgefühl, also die psychische Betreuung, trägt bei vielen Krankheiten wesentlich zur Heilung bei. Auch da lag die Gläubige richtig. Ihre Methoden indessen anzuwenden und gleichzeitig das dahinter stehende Glaubensmuster dem Patienten „einzuimpfen“ ist aber problematisch. Gerade, um Kranke zu behandeln, deren Leiden auch einen psychischen Ursprung hat, wäre das Ergebnis womöglich mit Drogensüchtigen zu vergleichen, die in religiösen Sekten zwar von der Substanz loskommen, aber nur, um den Preis, dass sie sich in eine neue Unmündigkeit begeben.

Den Arzt als Hüter des Lebens, nicht aber als dessen Lenker zu sehen, wie Hildegard es tat, lässt sich aus heutiger Sicht positiv deuten – ohne jedoch die „Ehrfurcht vor dem Leben“ und das daraus hervor gehende Bewusstsein des Arztes über seine eigene Unzulänglichkeit mit der Unterwerfung unter einen „allmächtigen Gott“ zu verbinden.

Hildegard von Bingen war eine der großen Universalgelehrtinnen ihrer Zeit. Sie historisch-kritisch zu würdigen, bedeutet indessen, sie als Mensch des Mittelalters zu sehen – als heraus ragende Figur einer Epoche, deren Denken und Lebenswelt uns erstens fremd sind und zweitens keine „geheime“ Perspektive für ein soziales und ökologisches Morgen geben. (Dr. Utz Anhalt)

Literaturhinweise

Tilo Altenburg: Soziale Ordnungsvorstellungen bei Hildgard von Bingen. Stuttgart 2007.

Hildegard von Bingen: „Nun höre und lerne, damit du errötest. Briefwechsel nach den ältesten Handschriften übersetzt und nach den Quellen erläutert. Freiburg 2008.