Immuntherapien bei Krebs

Fabian Peters

Neue Ansätze gegen Krebs und andere Erkrankungen

Die Immuntherapien sind ein relativ neuer Behandlungsansatz, der auf einer gezielten Aktivierung des Immunsystems beruht. So sollen beispielsweise Krebszellen mit Unterstützung der körpereigenen Abwehrkräfte bekämpft werden. Professor Dr. med. Dirk Schadendorf, Direktor der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie am Universitätsklinikum Essen und Direktor des Westdeutschen Tumorzentrums (WTZ), hat die wichtigsten Fragen zum Thema Immuntherapien beantwortet.


Wie funktioniert die Antikörper gestützte Behandlung?

Die Aktivierung des Immunsystems gegen Krebszellen gilt seit Jahren als vielversprechend. Sogenannte „Checkpoint-Inhibitoren“ sorgen dafür, dass körpereigene Abwehrzellen den Krebs bekämpfen. Die Medikamente attackieren dabei nicht selbst die Krebszellen, sondern greifen in die Steuerung der Immunantwort sog. Checkpoints ein. Eine Reihe von Studien zeigt jetzt, wie erfolgreich das Immunsystem Krebszellen bekämpft, wenn erst einmal die richtigen Schalthebel durch spezielle Antikörpern aus dem Labor betätigt werden: Tödliche Tumore schrumpfen rasant, manche verschwinden ganz. Patienten mit fortgeschrittenem Krebs und schlechter Prognose überleben sehr viel länger als mit jeder anderen Therapie.

Bei der Immuntherapie werden zum Beispiel Krebszellen mit Hilfe der körpereigenen Abwehrkräfte bekämpft. (Bild: psdesign1/fotolia.com)

Schwer zu behandelnde Krebsarten werden mit der Immuntherapie angreifbar: Die größten Erfolge verzeichnen Onkologen derzeit beim schwarzen Hautkrebs und Lungenkrebs. Insbesondere beim malignen Melanom sind Immuntherapien eine wegweisende Behandlungssäule, da diese Krebsform nahezu resistent ist gegen chemotherapeutische Mittel. Der Krebs kann sich nicht länger vor den Abwehrzellen verstecken. Während die Chemotherapie den Tumor direkt mit Zellgiften angreift, aktivieren die Antikörper Abwehrzellen des Immunsystems. Sie lassen sich nicht länger vom Krebs austricksen. Der Vorteil: Das eigene Immunsystem kann tumorspezifische Veränderungen sehr gut erkennen. So spricht die Immuntherapie nicht nur beim schwarzen Hautkrebs, sondern auch bei anderen Tumorerkrankungen gut an, die durch sogenannte Karzinogene, also krebserregende Stoffe oder Strahlung wie Alkohol- und Zigarettenkonsum oder das UV-Licht ausgelöst werden. Dazu zählen bspw. Tumoren der Lunge, der Blase oder Niere sowie im Kopf-Hals-Bereich. Auch bei diesen Krebsformen schädigen äußere Einflüsse das Erbgut in den Zellen und führen zu einer Tumorentwicklung.

Was unterscheidet die Immuntherapie von früheren Behandlungsansätzen?

Immuntherapien zeigen gute Behandlungserfolge bei schwarzem Hautkrebs: Für diese Krebsart wurde im Jahr 2012 das europaweit erste immuntherapeutische Medikament zugelassen. Weitere sogenannte „Checkpoint-Inhibitoren“ folgten 2015. So werden Immuntherapien bei zahlreichen Krebserkrankungen immer wichtiger. Eine Vorreiterrolle übernimmt die Therapieform aber weiterhin bei der Behandlung von schwarzem Hautkrebs. Denn die neuartigen Medikamente ermöglichen erstmals, dass bis zu 50 Prozent der Betroffenen auf die Therapie des malignen Melanoms ansprechen. Das hat dramatische Auswirkungen auf die durchschnittlichen Überlebensraten. Noch vor zehn Jahren überlebte nur knapp jeder 20. Patient die folgenden fünf Jahre und länger, sobald der schwarze Hautkrebs Metastasen gebildet hatte. Heutzutage liegt die Fünfjahresüberlebensrate bei 40 bis 45 Prozent – also fast jeder Zweite. Für einen signifikanten Anteil der Patienten ist so eine deutliche Verbesserung eingetreten.

Das Besondere an den Immuntherapien: Spricht der Betroffene auf die Behandlung an und der Tumor schrumpft, hält dieser Therapienutzen oft über Jahre an. Das ist eine neue Qualität in der Krebstherapie. Denn eine Chemotherapie kann zwar ebenfalls zahlreiche Tumoren schrumpfen, der Erfolg hält aber meist nicht so lange an. Die Immuntherapien zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Krebszellen nicht direkt zerstören. Stattdessen versetzen die Medikamente das körpereigene Immunsystem in die Lage, den Tumor selbst unter Kontrolle zu halten.

Auch Erkrankungen wie die Schuppenflechte oder Neurodermitis können mit Hilfe der Immuntherapien behandelt werden. (Bild: komokvm/fotolia.com)

Doch auch bei den entzündlichen Hauterkrankungen wie der Schuppenflechte und der Neurodermitis erleben Immuntherapien aktuell enormen Rückenwind. So gibt es bei der Schuppenflechte mittlerweile mehr als zehn verschiedene Antikörpertherapien, die alle das Ziel haben, das Immunsystem in seiner Wirksamkeit zu verändern und Entzündungen an der Haut und an inneren Organen zu bekämpfen. Schuppenflechte-Patienten haben zudem oft nicht nur die sichtbare Entzündungen der Haut. Häufig sind auch Gefäße betroffen, Veränderungen im Hirn und im Herzen führen zu einer erhöhten Gefahr für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall. Erste Studienergebnisse legen den Schluss nahe, dass die Antikörper, die bei der Schuppenflechte eingesetzt werden, auch dort womöglich einen Nutzen haben.

Bei welchen Erkrankungen ist eine Anwendung möglich?

Bei Haut- und Lungenkrebs bewirkt die Immuntherapie häufig Wunder. Die Therapie greift allerdings nicht immer. Aber wenn, wird der Krebs oftmals lange kontrolliert. Die ersten Jahre der Anwendung haben gezeigt, dass ein großer Teil der Patienten darauf anspricht und vor allem langfristig und über Jahre profitiert.

Zahlreiche weitere Anwendungsmöglichkeiten befinden sich derzeit in klinischen Studien. Neue Hoffnung verspricht die Krebsimmuntherapie zum Beispiel beim Merkelzellkarzinom, einem seltenen aber besonders aggressiven Hautkrebs. Seit Herbst 2017 ist der Checkpoint-Inhibitor Avelumab auch in Deutschland für die Therapie auf dem Markt. Für das fortgeschrittene Plattenepithelkarzinom, eine seltene Form des weißen Hautkrebses, die in die Lymphknoten und Organe streut, wird die Zulassung eines neuen Checkpoint-Inhibitors für Anfang 2019 erwartet. Doch auch bei Lungen-, Blasen-, Kopf-Hals-Tumoren und Nierenkrebs haben Immuntherapien in den vergangenen Jahren Einzug gehalten und eine neue Behandlungssäule etabliert.

Welches Potenzial sehen Sie für die Zukunft?

Viele Patienten profitieren schon heute von enorm verbesserten Behandlungsmöglichkeiten. Auch wenn die Jahrestherapiekosten für die neuen Medikamente im Vergleich zu alten Therapieformen zunächst verhältnismäßig teuer erscheinen, wird der große Nutzen für die Betroffenen schnell sichtbar. So geben uns die neuen Antikörper bei der Schuppenflechte erstmals die Möglichkeit, dass die Haut der Menschen zu mehr als 90 Prozent wieder abheilt. Bei älteren Therapieformen lagen dagegen die Heilungsraten der Haut bestenfalls bei 50 bis 75 Prozent, die anhand des sogenannten PASI Scores (Psoriasis Area Severity Index), einem Schuppenflechte-Index, bestimmt werden. Ersten Studien zufolge sprechen rund sieben von zehn Patienten auf die Antikörpertherapie an. Auch bei der Neurodermitis ist jetzt ein erstes Medikament in Deutschland zugelassen. Insbesondere bei schweren Krankheitsverläufen beobachten wir eine deutliche Verbesserung.

Doch wie lange muss die Therapie mit den neuen Medikamenten erfolgen? Wann ist der richtige Zeitpunkt, diese abzusetzen, sodass Menschen mit chronischen Krankheiten wie Neurodermitis oder Schuppenflechte auch vorübergehend therapiefrei sein können? Hier ist es besonders wichtig, dass Betroffene auf Expertenkompetenz setzen. Und auch die aktuelle Forschung richtet verstärkt den Blick auf diese Fragen und untersucht die Langzeitfolgen von Immuntherapien.

Die Hautklinik des Universitätsklinikums Essens gehört zu den führenden Forschungszentren in Sachen Immuntherapie bei entzündlichen Hauterkrankungen und allen Formen des Hautkrebses. (Bild: Catalin/fotolia.com)

Welche Antikörper wurden bereits erprobt?

Die Hautklinik des Universitätsklinikums Essens gehört zu den führenden Forschungszentren in Sachen Immuntherapie bei entzündlichen Hauterkrankungen und allen Formen des Hautkrebses. Hierzu gehört auch ein großes Studienangebot. Aktuell basieren viele Studienkonzepte auf den guten Erfahrungen bei der Behandlung sämtlicher Formen von Hautkrebs durch sogenannte PD-1-Antikörper. Erstmals kam 2011 mit Ipilimumab die Antikörpertherapie auf den deutschen Markt. Der Wirkstoff löst eine gesteigerte Immunantwort aus und wird beim fortgeschrittenen Melanom eingesetzt. Weitere Medikamente stehen hier kurz vor der Zulassung. Ein besonderer Forschungsschwerpunkt liegt darüber hinaus in der Kombination der Immuntherapien mit anderen Behandlungsansätzen. Besonders vielversprechend verlief hier zum Beispiel eine Studie, bei der das Lungenkarzinom zunächst bestrahlt und anschließend der Checkpoint-Inhibitor Durvalumab eingesetzt wurde. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Patienten im fortgeschrittenen Stadium deutlich länger überleben, was zuletzt zur Zulassung des PD-1L-Inhibitors Durvalumab bei Lungenkrebs führte. In einem atemberaubenden Tempo wird der Einsatz der Antikörper gegenwärtig erprobt. Für mehr als 30 Tumorarten befinden sich die PD-1-Antikörper in der klinischen Prüfung.

Zu den künftig wohl wichtigsten Feldern zählt darüber hinaus die kombinierte Therapie von wirksamen zielgerichteten Medikamenten mit Checkpoint-Blockern. Vor allem bei Patienten mit schwarzen Hautkrebs und einer sogenannten BRAF-Mutation, die bei 40 Prozent der Betroffenen auftritt, ist die Erwartung hoch. Die Hoffnung ist, dass auch bei einem inoperablen oder metastasierten Melanom bis zu 85 Prozent der betroffenen Patienten auf die Tumorherapie ansprechen und langfristig von der Therapie profieren und so die Überlebensraten weiter steigen.

Welche Risiken bestehen?

Die Antikörpertherapien lösen eine gesteigerte Immunantwort aus und wirken so an der Kontaktstelle zwischen Tumor- und T-Zelle. Die Aktivierung des Immunsystems bekämpft die Krebszellen, es kann sich aber auch gegen eigene, gesunde Zellen im Körper richten, sodass teilweise schwere und sogar lebensbedrohliche Autoimmunerkrankungen von Darm, Schilddrüse oder anderen Organen auftreten können. Insgesamt ist die Therapie mit PD-1-Antikörpern aber sehr gut verträglich. Es kommt nur in sehr wenigen Fällen zu einem Behandlungsabbruch aufgrund von schweren Nebenwirkungen. Wie bei allen neuen Medikamenten so müssen auch bei den Immuntherapien die Risiken und der mögliche Nutzen abgewogen werden, da bislang noch keine zuverlässigen Langzeitdaten erhoben wurden. Doch bei Ansprechraten von bis zu 40 Prozent – gerade bei Melanom-Patienten im fortgeschrittenen Tumorstadium sowie Menschen mit inoperablen, metastasierenden und aggressiven Krebsformen – sind Immuntherapien eine große Hoffnung nur auf kurzfristige Besserung.

Zum Interviewpartner:
Professor Dr. med. Dirk Schadendorf ist Direktor der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie am Universitätsklinikum Essen und Direktor des Westdeutschen Tumorzentrums (WTZ), dem größten Tumorzentrum Deutschlands und einem der führenden onkologischen Spitzenzentren der Deutschen Krebshilfe. Er ist zudem Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie und derzeit an mehr als 30 klinischen Studien beteiligt. Für seine Untersuchungen zum schwarzen Hautkrebs erhielt Prof. Schadendorf u.a. 2010 den Deutschen Krebspreis im Bereich „Klinischer Teil“. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist der weiße und schwarze Hautkrebs. Prof. Dr. Dirk Schadendorf belegte 2017 im Ranking des Laborjournals, eines der renommiertesten Wissenschaftsmagazine, den ersten Platz als meistzitierter Krebsforscher Deutschlands – mit mehr als 17.000 Zitierungen. Besonders herausragend ist eine Arbeit, in der in einer klinischen Phase-3-Studie den BRAF-Kinase-Inhibitor Vemurafenib an Patienten mit Melanomen testete. In deren entarteten Zellen war zuvor eine bestimmte Mutation im BRAF-Gen nachgewiesen worden. (fp)