Medizin im Mittelalter

Dr. Utz Anhalt

Volksmedizin und Magie

Die studierten Ärzte des Abendlandes versorgten im Mittelalter nur Vermögende – Arme waren hingegen auf Praktiker angewiesen: auf Henker, Kräuterfrauen oder Barbiere. Die Untertanen vertrauten Wanderheilern eher als den Universitätsmedizinern. Eine Grenze zwischen Betrug, Wundermedizin und wirklichen Mitteln lässt sich schwer ziehen, denn heute kurios anmutende Medizin entsprach dem Weltbild.

Das Volk erklärte sich Krankheiten mit dem Wirken böser Geister und Zauberpflanzen halfen gegen Hexenfluch. Die Wurzel des Eisenkrautes (Verbena officinalis) schützte vor Verwünschungen. Der schwarze Holunder (Sambucus nigra) beugte dämonischen Krankheiten vor, denn in ihm lebten die guten Geister des Hauses. Die Pfaffen verbrannten wertvollen Weihrauch aus dem Morgenland, das Volk räucherte indessen mit Wacholder (Juniper communis) und vertrieb so die schädlichen Geister. Dämonen hassten starke Gerüche: Knoblauch, Bärlauch, Fenchel, Baldrian und Dill hielten die Seuchenbringer fern. Der Knoblauch hielt zudem den bösen Blick ab. Salbei (Salvia pratensis) reinigte die Luft im Sterbezimmer.

Die Merseburger Zaubersprüche

Die Theologen versuchten, die Grenze scharf zu ziehen zwischen gutem Gebet und abergläubischen Zauberformeln, doch die Beschwörungen maskierten sich immer wieder neu und durchbrachen im Segensgewand der Heiligen die christlich geschminkte Oberfläche.

Der Wurmsegen war im Volk so allgegenwärtig wie heute die Aspirintablette. Aus dem althochdeutschen kennen wir ihn seit dem 9. Jahrhundert; er stammt aber aus heidnischer Zeit. Wurmsegen und Merseburger Zaubersprüche sind ebenso aufgebaut wie Heilmagie des indischen Altertums und Felix Genzmer nannte sie deshalb sogar „steinzeitliche Urformeln“.

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Der Wurm sollte mit seinen neun Kindern im Körper stecken und die Krankheiten verursachen. Der Spruch trieb ihn an die Oberfläche, wo der Heiler ihn in einen Pfeil leitete. Den Pfeil mit dem Wurm schoss der Zauberer dann in den Wald, wo die Dämonen hausten: Der Wurm kehrte also nach Hause zurück, der Patient gesundete.

Der sächsische Wurmsegen lautet übersetzt: „Geh hinaus, Nesso, mit neun Nesslein hinaus von dem Mark an den Knochen, von dem Knochen an das Fleisch, hinaus von dem Fleisch an die Haut, hinaus von der Haut, in diesen Pfeil, Herr, es werde so.“

Würmer für Beschwerden verantwortlich zu machen, ist keine Fantasie von Blödsinnigen. Bandwürmer und Fadenwürmer, Hakenwürmer wie Lungenparasiten sind Geißeln der Menschheit. Vom Jucken im After bis hin zu einem langen Sterben quälen Würmer auf vielfältige Art, und es ist kein Zufall, dass unsere Vorfahren den bösen Drachen als Wurm bezeichneten. Die Wurmkunde führte indes zu ebenso falschen wie brutalen Therapien: Von staatlicher Seite aus wurde bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts zur Tollwutbekämpfung den Hunden zur Vorbeugung der so genannte Tollwurm aus der Zunge geschnitten. Dabei handelt es sich um einen Muskel, den nur die als Hauptüberträger bekannten Caniden aufweisen. Dieses Tollwurm schneiden war eine ebenso sinnlose wie überflüssige Tierquälerei.

Der zweite Merseburger Zauberspruch ist göttliche Tiermedizin. Das Pferd von Baldur hat sich die Knochen verrenkt. Die anderen Götter versuchen es zuerst mit praktischen Methoden, dann kommt Odin. Diesem Gott der Magie gelingt der Zauber, das Pferd wird gesund. Im Mittelalter sprachen die Heiler den Spruch in Kurzform: „Blut zu blut, Bein zu Bein, Ader zu Ader, im Namen Gottes.“

Ausgebildete Ärzte konnten sich im Mittalter nur wohlhabende Bevölkerungsschichten leisten. (Bild: Erica Guilane-Nachez/fotolia.com)
Ausgebildete Ärzte konnten sich im Mittalter nur wohlhabende Bevölkerungsschichten leisten. (Bild: Erica Guilane-Nachez/fotolia.com)

Quacksalber und Wanderzauberer

Quacksalber verkauften Medizin. Heute ist der Begriff gleich bedeutend mit Betrügern. Quacksalber leitet sich wohl ab vom Quecksilber, denn das galt als Heilmittel gegen Krankheiten. Salber kann allerdings auch vom Einsalben herrühren oder vom Salbei.

Die Quacksalber gehörten zum fahrenden Volk und hatten allein deshalb einen schlechten Leumund. Sie gingen außerdem mit Eiter, totem Gewebe und Blut um: Das rückte sie in die Nähe der Totenmagie. Die Menschen hofften auf ihre Heilung und misstrauten ihnen zugleich, sie brauchten diese Zahnausreißer und Blasensteinschneider, denn niemand anders linderte ihr Leid. Die Blütezeit dieser Wander- und Wunderheiler lag im 16. Jahrhundert, während sich zugleich die Medizin als Wissenschaft durchsetzte. Okulisten stachen den grauen Star aus und Steinschneider entfernten Blasensteine. Das Volkslied vom Eisenbart erinnert an Dr. Johann Eisenbart (1661-1727), der die “Leut nach seiner Art“ kurierte. Bartholomäus Friederich bezeichnete sich 1602 in Köln ausdrücklich als Steinschneider und Okkultist und verkaufte auch Zauberkünste. Ein echter Betrüger war Cyriacus Vense aus Hessen. Er bezeichnete sich 1611 als “artz“ und “breche zähne auß“. Außerdem verkaufte er ein Kraut, das gegen Zauberei helfe. Die Wirkung entfaltete das Kraut angeblich durch sein Gebet “Ich grabe dich du wurtzell gut, durch unsers herrn Jhesu Christi kostlichs bluedt“. Seine Kenntnisse hatte er von Henker Urban aus Wolfenbüttel erhalten. Das Kraut diente der Hexenprobe, um zu erkennen, ob Zauberische in der Nähe waren.

1545 befahl der Rat von Köln der medizinischen Fakultät, die fahrenden Ärzte zu examinieren, da sich “frembde medici und cyrugi“ in der Stadt herumtrieben und Behandelte “verdorven und versumpt“ wären. Auch die ansässigen “Empiricis“, also praktizierende Ärzte sollten nur behandeln dürfen, wenn sie die Universität abgeschlossen hatten. Das beweist nicht die Scharlatanerie der Quacksalber, sondern zeigt die Konkurrenz zwischen Etablierten und Freiberuflern.

Die Quacksalber produzierten allerdings viel Schall und Rauch: Zu Kräuteressenzen wie Rosmarinöl kamen Wundermittel – Meteoritengestein, Krötenschleim oder Petroleum. Scheinbare Heilungen entstanden durch Bestandteile wie Opium, deren Rausch kurzfristig betäubte. Die „Heilwirkung“ war oft Suggestion, und wenn die Geprellten die Täuschung bemerkten, waren solche Betrüger weiter gezogen.

Die Quacksalber führten unter ihren Heiluntensilien oft fragwürdige Kuriositäten. (Bild: Blackcat/fotolia.com)
Die Quacksalber führten unter ihren Heiluntensilien oft fragwürdige Kuriositäten. (Bild: Blackcat/fotolia.com)

Wie es unter den Heilern Scharlatane gab, so gab es auch bei den Kranken Simulanten. Berüchtigt waren die Grantner, die Seife verschluckten, sich mit Schaum vor dem Mund auf der Erde wälzten und so Almosen erhofften. Auch das Vortäuschen von Blindheit, fehlenden Gliedmaßen und körperlichen Behinderungen zählte zu den Tricks beim Bettel. Eine heutige Reise nach Indien gibt einen Einblick in die Raffinesse solcher Praktiken.

Blut und Galle

Blut sollte gegen Epilepsie und Lepra helfen und war als Essenz des Lebens von jeher wichtig: Schon im antiken Rom sammelten Bürger das Blut Enthaupteter zur Heilung dieser Übel. In der Medizinlehre entstanden Krankheiten durch ungleiche Verteilung der Körpersäfte. Blut war dem Jupiter zugeordnet, dem Herz und dem hitzigen Sanguiniker. Ludwig XI. trank Kinderblut, um zu genesen, starb aber trotzdem. Die einzige Möglichkeit, sich Menschenblut legal zu beschaffen, war der Kauf beim Scharfrichter. „Armsünderreliquien“ aus den Knochen Hingerichteter galten ebenso als Wundermittel wie Henkerswerkzeuge. Ihre Wirksamkeit resultierte aus dem Glauben an eine überschüssige Lebenskraft der vor ihrem natürlichen Ende Gerichteten.

Merkwürdige Mahlzeiten ließen die Leidenschaft entbrennen. Die Lüsterne servierte ihrem Begehrten Essen, das sie an ihren Genitalien gerieben hatte oder Brot, dessen Teig sie mit dem entblößten Hintern knetete. In der Vagina erstickte Fische, Tropfen von Menstruationsblut im Wein oder Schamhaare im Kuchen ließen den Ersehnten dahin schmelzen. Ob Frauen solche Methoden wirklich umsetzten, sei dahin gestellt.

Doch die Lust des Mannes ließ sich mit Zaubern auch abtöten, sei es aus Rache, weil der sich mit einer anderen einließ, sei es, um roh wütende Triebtäter abzuhalten. Hoden eines Hahnes unter seinem Bett ließen die Geilheit erkalten. Vierzig Ameisen, im Saft aus Brennnesseln gekocht, machten den Mann für immer zum Eunuchen. Doch diese durch Schadenszauber herbei geführte Impotenz ließ sich rückgängig machen: Im Schlafzimmer verräucherte Fischgalle oder an die Wände gesprengtes Blut brachten die Lust in die Lenden zurück.

Mittel, um die Empfängnis zu verhüten, waren nicht unbedingt rational. Ein Zauberritual empfahl, Kircherbsen in der Vagina einer menstruierenden Frau zu befeuchten, einen Frosch zu fangen, ihm die Erbsen in das Maul zu stecken und den Frosch dann frei zu lassen. Danach sollte der Zaubernde Bilsenkrautsamen in Stutenmilch anfeuchten, Schleim einer Kuh mit Gerste in eine Hirschhaut einwickeln, diese wiederum in Eselshaut einnähen und bei abnehmendem Mond am Körper tragen. Besser gelang die Zauberei noch mit dem zusätzlichen Ohrenschmalz eines Maultiers.

Fauler Zauber?

Die Wissenschaft der Moderne sah im Heilzauber Aberglauben eines finsteren Mittelalters; Hippies ebenso wie esoterische Feministinnen verherrlichen hingegen die „alte Weisheit“ über die „Kräfte der Natur“. Beide begingen einen Fehler: Die Wissenschaftler verstanden nicht, dass eine halbseitig erblindete Aufklärung keine ist; die „Naturfreunde“ vergöttern den Wunderglauben unserer Vorfahren statt dessen rationalen Kern frei zu legen. Salbei und Wacholder, Knoblauch und Eisenkraut haben zum Beispiel wirklich heilende Wirkung.

Arroganz gegenüber dem Mittelalter ist verfehlt, denn auch wir sind vor faulem Zauber nicht gefeit: Geldmacher profitieren heute vom Unbehagen gegenüber der „Schulmedizin“ und Kranke erwarten einen magischen Nimbus des Arztes: der weiße Kittel ersetzt dabei das Zaubergewand des Priesters. Das Bürgertum setzte die Wissenschaft an die Stelle der Kirche, verhält sich ihr gegenüber ebenso fromm und „Wissenschaft“ bedeutet oft Propaganda: Therapeuten erhalten ihren Lohn von Pharmakonzernen und erfinden „Krankheiten“, die passgenau zu der Medizin ihrer Geldgeber passen. Pest und Cholera, Pocken und Syphillis, die „Gottesstrafen“ unserer Vorfahren sind zwar vorerst besiegt; doch Kindheit wie Alter, Weiblichkeit ebenso wie Männlichkeit bieten eine Goldader für neue Krankheitsheilungen. Die Wechseljahre lassen sich ebenso behandeln wie die Pubertät, und der Zappelphilipp gilt nicht mehr als Wechselbalg grässlicher Elfen, sondern bekommt Ritalin. Im Mittelalter zählte das „Wort Gottes“, heute lässt sich jeder Schwachsinn verkaufen, wenn er „wissenschaftlich belegt“ ist.

Zauber entsprang auch der Verzweiflung, Heilmittel zu finden – so wie Krebskranke heute alles versuchen, um dem „Dämon“ in ihrem Körper Herr zu werden. Schafkot gegen den Kropf oder gesegnete Lebkuchen gegen Wolfsangriffe zeigten den Irrsinn von Unaufgeklärten? Nicht ganz! Unsere Vorfahren züchteten auf Schafsmist Schimmelpilze und trugen diesen Brei auf Wunden auf. Die Pilze bilden Penicillin, das wichtigste Antibiotikum. Das wussten die Menschen im Mittelalter zwar nicht, sie erkannten aber, dass die Schimmelpilze heilten. Zur Zauberheilung gehörte also auch die Erfahrung. Der Medizinhistoriker Wolfgang Eckart spricht sogar den heiligen Lebkuchen wirkliche Wirkung zu. Der Wolf galt um Weihnachten als besonders ausgehungert und das Vieh war gefährdet. Der Gewürzkuchen enthielt den kostbaren Zimt; Zimt aber wirkt antibiotisch und hält „böse Geister“, nämlich Würmer, Mücken und Zecken ab. Den Wolf damit abzuschrecken, entbehrt also nicht der Logik.

Wir stehen vor dem Mittelalter wie ein Ethnologe vor einer fremden Kultur. Wie die damaligen Untertanen verstehen die meisten Zeitgenossen unsere Gesellschaft unreflektiert als die beste aller Welten: Den Wohlstand und damit die Gesundheit von Allen zu fördern, liegt auch heute nicht im Interesse der Herrschenden. Darin unterscheiden sie sich vom Adel und Klerus des Mittelalters kaum. Der Anthropologe Marvin Harris kritisierte zu Recht: „Nicht anders als ihre mittelalterliche Vorgängerin dient auch die moderne Hexenmasche dazu, die Kräfte des gesellschaftlichen Fortschritts dumm zu machen und durcheinander zu bringen.“ Wunderheiler sammeln ihre Schäfchen heute in der Mittelschicht, die um ihre Privilegien fürchtet; studierte Ärzte entdecken Engel, die von allen Leiden erlösen statt unerträgliche Arbeit zu kritisieren. Der Dämon steckt in dem Bier und der Zigarette, die dem Malocher seinen Feierabend versüßt; es darf nicht etwa die Ausbeutung sein, die ihm ein frühes Ende beschert, und ein ausgebrannter Angestellter, der seine Heilung im Tageshoroskop sucht, ist bequemer als humane Arbeitszeiten einzuführen.

Gesundheitsvorsorge im Mittelalter

Gesundheitsvorsorge und Krankheitsbehandlung im Mittelalter wirken aus heutiger Sicht oft merkwürdig. Der Grund dafür liegt aber oft nicht darin, dass die Menschen dümmer waren als heute, sondern vollkommen andere Vorstellungen über die Entstehung von Krankheiten hatten.

Der Körper galt nicht als eine Einheit, als ein biochemischer Organismus, den der Arzt als Experte bei Störungen reparierte, wie in der modernen Medizin, sondern stand in ständiger Wechselwirkung zwischen innen und außen: Krankheiten konnten entweder göttliche (st. valentins kranckeit, Epilepsie), dämonische (werwolfery, Melancholie) oder natürliche (kaltt piß, verstoppungh des harns) Ursachen haben. Das Anrufen von Heiligen und Dämonenaustreibung standen Medikamenten nicht entgegen, sondern ergänzten sie. Wahrsager galten als ebenso seriös wie wissenschaftliche Ärzte. Auch in der magischen Medizin stand die Diagnose am Anfang. Für jeden Dämon gab es ein Mittel, um ihn zu bekämpfen. Ein Heiler namens Johann Ravenich meinte, Verzauberungen am Urin zu erkennen: “Wan die urin haar mit bringt, dan ist es gifft, im fall aber die urin weiß ist, dan ist es kalt gifft, und wan sie clar ist, so ist es hitzig gifft.“ Der als teuffelsfenger bekannte Pater Claes heilte mit dem Spruch: “acha fara, foßa, kruka, tuta, mora, morsa, pax, max deus homo, imax.“

Zudem war sinnvolle Gesundheitsvorsorge bekannt: Das Mittelalter hat den Ruf katastrophaler Hygiene, von Städten, die im Dreck und Müll versanken, von Gestank und allgegenwärtigen Krankheitserregern. Das entsprach auch der Realität. Ähnlich wie Menschen im Schmutz der heutigen indischen Metropolen war den Menschen die Krankheitsgefahr aber bewusst. So durften Toiletten in Köln nur nachts gereinigt werden, und eine gute Lüftung gehörte zur Vorsorge.

Wer die Möglichkeit hatte, zog dorthin, wo der Gestank, Müll und damit die gesundheitliche Belastung am geringsten war, weg aus den Stadtzentren oder nach oben. Die sozialen Klassen verliefen im Wortsinn zwischen oben und unten; die höheren Schichten wohnten in den oberen Stockwerken in Distanz zum Schmutz der Straße. Riechäpfel und Rosenwasser sollten die Luft ebenso reinigen wie Rauchkräuter, verbrannte Wacholderbeeren und Lorbeer.

Die Menschen tranken Wein und Bier, nicht, weil die Gesellschaft aus Alkoholikern bestand, sondern, weil sie um die Verschmutzung des städtischen Wassers wussten. Auch Mineralquellen waren bekannt. Welche Nahrungsmittel Verdauungsbeschwerden auslösen, war ebenso bekannt wie der Kater nach übermäßigem Alkoholkonsum. Die wohltuende Wirkung des Bades setzte sich insbesondere durch die Kreuzzüge durch. Wohlhabende Familien hatten einen eigenen Baderaum, die öffentlichen Badehäuser waren ein gesellschaftlicher Treffpunkt. Heilquellen zogen Besucher aus der ganzen Region an und sind noch heute das Zentrum von Kurorten.

In Zeiten von Epidemien flüchteten diejenigen, die es sich leisten konnten, auf das Land. Zwar wusste niemand, was Bakterien oder Viren sind, die Ansteckungsgefahr war jedoch bekannt und dieses Mittel dagegen im Prinzip richtig.

Wahrscheinlich lag es an den Misserfolgen in der Krankheitsbehandlung, dass Lebensführung und Ernährung als Gesundheitsvorsorge einen weit höheren Stellenwert als in der Moderne hatten. Ein Vertrauen in eine allmächtige Medizin, die jede Krankheit heilen konnte, gab es nicht. Die Selbstbehandlung hatte einen höheren Stellenwert als heute. Magenbeschwerden, Hautentzündungen und Kopfschmerzen behandelten die Betroffenen meist mit Hausmitteln. Die schwankten zwischen sinnvoller Kräutermedizin einerseits und sinnlosen Mitteln andererseits. Zu arrogant sollten die Menschen heute nicht sein: Die Heilwirkung vieler heimischer Pflanzen wurde erst in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt.

Heilende Henker – Scharfrichter als Wundärzte

Der Henker ist ein Mythos, dessen Wirklichkeit überrascht: Denn die auch Schinder oder Nachrichter genannten Vollstrecker exekutierten nicht nur, sondern arbeiteten als Wund- und Knochenheiler und verdienten an Leichenmedizin. Kannibalismus war verbreitet.

Körperstrafen des Mittelalters verliefen alles andere als willkürlich, denn sie stellten im Rechtsverständnis die göttliche Ordnung her. Das blutige Theater der Hinrichtung war zwar geeignet, Aggressionen der Masse abzubauen; die “Kunst des rechten Tötens“ folgte aber einem vorgeschriebenen Ritual. Pfusch, wenn ein Verurteilter an der Folter starb oder nach einer Amputation verblutete, führte schnell zum Berufsverbot, absichtlicher Verstoß gegen die Vorschriften zur Bestrafung. Ein Scharfrichter, der beim Enthaupten daneben schlug, lief Gefahr, Lynchopfer der enttäuschten Volksmenge zu werden.

Deshalb gehörte das Heilen der durch Folter, Daumenschrauben, Verstümmeln, Blenden oder Brandmarken verursachten Wunden ebenso dazu wie das Strafen. Enthauptungen -freihändig zwischen zwei Halswirbeln mit dem Richtschwert- erforderten nicht nur Geschick, sondern Kenntnis der Anatomie, ebenso das Strecken auf der Streckbank und das Einflechten der Verurteilten in ein Wagenrad. Das Einschätzen der Foltertauglichkeit und damit eine „ärztliche“ Gesundheitsdiagnose unterlagen dem Urteil des Scharfrichters.

Im Unterschied zu den gelehrten Ärzten, denen das Öffnen des menschlichen Körpers verboten war, ging der Scharfrichter legal mit Leichen um. Verwundete ließen sich in seinem Haus behandeln. Der Verkauf von Medizin wurde den bayrischen Scharfrichtern erst 1736 verboten. Der Henker Hans Stadler arbeitete mit Salben, Heilölen und Pflastern, wendete Schröpfköpfe und Aderlass an, was belegt, dass er die damals „normale“ Medizin praktizierte. Heilkräuter wie Baldrian, Enzian und Wacholder bezog er vom Apotheker; die Besonderheit seiner „Heilkunst“ lag in der Verwendung von Menschenhaut und Menschenfett. Dem Scharfrichter Franz Schmidt hatte der Nürnberger Rat 1580 erlaubt, “den enthaupteten cörper zu schneiden, und, was ime zu seiner arznei dienstlich, davon zu nehmen.“ Mit Menschenfett zur Salbenherstellung belieferten die Münchner Scharfrichter die Apotheken kiloweise. Menschenhaut und Menschenfett für Arzneien war nicht dem magischen Bereich zugeordnet.

Im Unterschied zu den Hinrichtungen beteiligten sich die Frauen der Scharfrichter an der Heilpraxis. Maria Salome behandelte allein die Patienten, während ihr pflegebedürftiger Scharfrichtergatte dahinsiechte.

Die Bedeutung des Scharfrichters als Heiler liegt sowohl an seinen realen Kenntnissen wie auch an der Verbindung zwischen Medizin und Zauber. Das Hinrichten entwickelte sich aus dem Menschenopfer an die Götter; Gegenstände des Todesrituals wie der Galgenstrick galten als magisch aufgeladen. Der Henker galt als verdächtig, die dämonischen Kräfte der Toten für schwarze Magie zu benutzen.

Blut sollte gegen Epilepsie und Lepra helfen und war als Essenz des Lebens von jeher wichtig: Schon im antiken Rom sammelten Bürger das Blut Enthaupteter zur Heilung dieser Übel. In der Medizinlehre entstanden Krankheiten durch ungleiche Verteilung der Körpersäfte. Blut war dem Jupiter zugeordnet, dem Herz und dem hitzigen Sanguiniker. Ludwig XI. trank Kinderblut, um zu genesen, starb aber trotzdem. Die einzige Möglichkeit, sich Menschenblut legal zu beschaffen, war der Kauf beim Scharfrichter. “Armsünderreliquien“ aus den Knochen Hingerichteter galten ebenso als Wundermittel wie Henkerswerkzeuge. Ihre Wirksamkeit resultierte aus der imaginierten Lebenskraft der vor ihrem natürlichen Ende Gerichteten.

Der Henker als Arzt ist mitnichten eine durch die “lichte“ Moderne überwundene Erscheinung des “finsteren“ Mittelalters. In heutigen Terrorsystemen beurteilen Ärzte die Foltertauglichkeit der Opfer. Und im Vergleich zu dem Mediziner und Megamörder Josef Mengele waren die Henker des Mittelalters Menschenfreunde.

Tierheiler werden zu Werwölfen

Erst 1765 wurde im deutschen Sprachraum in Wien die erste tiermedizinische Hochschule, 1778 die TIHO Hannover als Rosstierschule gegründet.Tiermedizin fächerte sich wie die Humanmedizin im Mittelalter und der frühen Neuzeit weit auf. Studierte behandelten Tiere der Herrschenden wie Jagdfalken, Schmuckvögel, Jagdhunde und Reitpferde. Henker, Metzger, Abdecker und Hirten kümmerten sich um die Nutztiere.

Die Araber hatten das Wissen der Antike bewahrt und befassten sich insbesondere mit Pferdeheilkunde. In Europa mischte sich der Aberglaube, dass Hexen, Dämonen und Zauber Tierseuchen auslösen mit sinnvoller Heilkunde: Friedrich II. verfasste im 13. Jh. die Standardwerke zur Heilung von Pferden, Falken und Jagdhunden und gilt als Wegbereiter einer Veterinärmedizin, die Schlüsse aus Beobachtungen zog und magische Erklärungen in Frage stellte.

Eine berufsmäßige Tiermedizin begann mit den Stallmeistern der höfischen Gestüte: Die Gesundheit der Pferde war keine Liebhaberei wie bei den Jagdfalken und Meutehunden, deren Behandlung den Jägern unterlag, sondern ein entscheidender Machtfaktor. Pferdeseuchen und damit der Zusammenbruch der Kavallerie konnten Kriege entscheiden. Die professionellen Pferdeärzte waren Angestellte des Adels; dieses Privileg prägte die konservative Mentalität des Berufsstandes bis weit in das 20. Jh. hinein. Die zum Klischee geronnene fürsorgliche Tiermutter der Kleintierpraxis entwickelte sich erst in den letzten Jahrzehnten.

Kastrieren diente dazu, die Tiere zu mästen. Das Fleisch von Ochsen und Kapaunen galt als zart; das Fleisch von unkastrierten Ebern ist ungenießbar. Wallache und Ochsen sind zahmer als unkastrierte Hengste und Bullen. Aber Sauschneider kastrierten auch Sauen, um die Befruchtung durch Wildeber zu verhindern, verstanden sich also auf Chirugie. Das Entmannen war brutal, aber einfach. Stallknechte, Bauern und Hirten durchtrennten die Samenstränge mit Messern oder Scheren, zerquetschten die Hoden mit Steinen oder Zangen.

Die Metzger waren für die Fleischbeschau und Lebenddiagnose verantwortlich. Abdecker (Wasenmeister) und Tierheiler war oft der gleiche Beruf. Der Münchner Wasenmeister Bartholomäus Deibler genoss solches Ansehen, dass er auch die Rösser der städtischen Oberklasse kurierte; der Scharfrichter Hans Stadler behandelte Pferde wie Menschen mit seinem Kräutertee.

Die Anrüchigkeit der Abdecker ist wörtlich zu nehmen: Der Gestank gekochter und oft bereits verwester Tierkadaver muss unerträglich gewesen sein. Gerade in Hungerszeiten spielten Ekelgrenzen aber kaum eine Rolle. Die Abdecker, Tierkörperverwerter, machten Geschäfte mit Aas. Bis zur Fleischbeschau durch amtliche Veterinärmediziner war die Essbarkeit von Fleisch eine Sache des Geldbeutels. Noch 1789 berichtete der Abdecker Adam Kuisl das Fleisch von “kranck Vieh“ in die Wirtshäuser geliefert wurde. 1695 hatten die bayrischen Landesbehörden den Verkauf von Pferdefleisch verboten, um zu verhindern, dass die Abdecker Kadaver verkauften und damit Seuchen verbreiteten. Seuchenvieh brachte für die Abdecker keinen Ertrag, da sie auch die Haut nicht verwerten durften, Krankheiten wie Milzbrand stellten eine tödliche Gefahr dar.

Die Hirten standen den Stallmeistern in der sozialen Tierheilerskala gegenüber. Ehr- und rechtlos wanderten sie mit den Herden in der Wildnis, wo die Wölfe und Waldräuber ihr Zuhause hatten, galten als Viehdiebe. Wie die Abdecker und Scharfrichter waren sie, die mit kranken und toten Tieren hantierten, dem Nimbus der schwarzen Magie nahe.

Der Hirte, von der Gesellschaft ausgeschlossen, betrat das verbotene Terrain der eigenen Sinneserfahrung und fand Erkenntnisse in der, im Wortsinne, verteufelten Natur über die Heilwirkungen der Pflanzen auf Schafe und Ziegen; er erfuhr die Selbstheilungskräfte der Tiere, war Träger des alten Wissens. Wie sein Vorgänger, der Schamane, fand dieser Ausgestoßene die Erkenntnis in der wirklichen Natur, ohne die Verzerrung des kirchlichen Dogmas. Die Wirkung der Heilkräuter verstärkte er mit Ritualmagie.

Die Bauern standen ihm widersprüchlich gegenüber. So wie sich Scharfrichter und Barbiere zu den Volksärzten entwickelten, waren Hirten die Volkstierärzte. Das Leben in der Wildnis und sein Umgang mit dem Tod waren den Bauern zwar unheimlich, sie wollten aber auf sein Wissen nicht verzichten, weder auf seine Heilsalben noch auf seine Zauber. Die Hirten verkauften neben rational wirksamen Mitteln den Wolfsbann, legten einen Schutzzauber auf die Herden, damit die Wölfe fern blieben. Ein zweischneidiges Schwert, denn, wem die Macht zugesprochen wird, die Wölfe fernzuhalten, der hat auch die Macht, sie zu hetzen. Elmar Lorey schreibt: “Wenn sich die Dorfgemeinschaft aufgrund der Persönlichkeit des Segners bedroht fühlte, konnte leicht ein Werwolfprozess daraus werden.“

Mit dem Hexenwahn geriet Zauber in das Reich des Teufels. Die Gegenmedizin der Außenseiter stellte durch ihren Erfolg die Allmacht der Kirche in Frage. Der Wolfsbanner wurde zum Werwolf, der helfende Hirte zum Hexer, der in Tiergestalt Kinder fraß. Und Hirten, die unter der Folter gestanden, im Pakt mit dem Teufel in Wolfsgestalt gewütet zu haben, starben auf dem Scheiterhaufen. Ein “Beleg“ wie die Hexersalbe ließ sich leicht finden, denn Salben hatten die Volkstierärzte zu Genüge. Der Hirte Henn Knie aus dem Westerwald gestand, der Teufel habe ihn mit einer scharfen Salbe eingerieben, ihm einen weißen Pelz übergeworfen, und er sei “mit seinen Sinnen und Gedanken dermaßen beschaffen gewesen (…) als ob er alles niederreißen müsste.“ Den Wolf meinte er zu vertreiben, indem er ein Brot buk mit der Formel “Dem leidigen Waldhund, schließe ich zu seinen Mundt, dass er mein Viehe nicht erbeiße, oder auch nicht angreife.“ 1587 verlor ein gewisser Kühe-Ludwig den Kopf, 1591 wurde Knie verbrannt. 1600 kam Rolzer Bestgen vor das Hexengericht und wurde als Werwolf hingerichtet: Neben dem Wolfsbann benutzte er auch Zauber, um Geschwülste bei Pferden und Schweinen zu heilen. Der Alte bedrohte tatsächlich: Seinen Lebensunterhalt bestritt er, indem er Schweinen das Evangelium vorlas. Wenn er dafür kein Geld bekam, fluchte er, den Wolf auf Fohlen zu jagen.

Von Klein- und Großtierpraxen bis zu Reptilienexperten und Zootierärzten reicht das Spektrum heute, meist Frauen. Dazu gesellen sich „Tierheilpraktiker“, deren Methoden oft kurios anmuten. Die wenigsten Tierärzte wissen, dass ihre Vorfahren als Werwölfe den Tod auf dem Scheiterhaufen erlitten.

Persische Medizin

Persien gilt als die Wiege der modernen Medizin; und die persischen Ärzte waren im Mittelalter Europas berühmt. Der wichtigste unter ihnen hieß Abū Alī al-Husain ibn Abdullāh ibn Sīnā – und da die Europäer das kaum aussprechen konnten, nannten sie ihn Avicenna. Er lebte von 980 bis 1037, zur Zeit des fiktiven „Medicus“.

Als typischer persischer Gelehrter seiner Zeit forschte er in diversen Gebieten: Musiktheorie fesselte ihn ebenso wie Alchemie, Astronomie begeisterte ihn ebenso wie Mathematik, und wenn er sich nicht gerade mit juristischen Fragen beschäftigte, widmete er sich der Dichtkunst. Bis heute berühmt blieb aber sein Qānūn at-Tibb, der Kanon der Medizin.

Ibn Sina gewann hier weniger brandneue Erkenntnisse, sondern brillierte durch seine umfassenden Einsichten in die Heilkunst des alten Griechenlands, Roms und Persiens. Er griff dabei auf einen gigantischen Erfahrungsschatz zurück: Das antike Persien unter König Kyros war das erste Weltreich der Geschichte und reichte von Afrika bis Afghanistan. Das erste Straßennetz von Ägypten bis Indien, der Dezimalbruch, der Wortstamm von Paradies und Magie; die Gartenkultur, die arabischen Ziffern, die Krone des Königs, die Geburt des Messias durch eine Jungfrau, die Engel, das Datum von Weihnachten, der Wein beim Abendmahl, Tausendundeine Nacht, die Mithra der Bischöfe, der Kult der Assassinen – ein Löwenanteil der Zivilisationen des Mittelalters stammte aus Persien; und die Perser waren sich dessen nur allzu bewusste. Die persischen Wissenschaftler der Antike zehrten vom Geist Ägyptens und Babylons, Indiens und Chinas. Letztlich war sogar das islamische Groß-Kalifat eine religiös interpretierte Variante des persischen „Königs der Könige“.

Der Islam unterdrückte zwar den altiranischen Zarathustra-Kult, die „islamischen“ Wissenschaftler übernahmen aber die Erkenntnisse ihrer antiken Vorgänger, während die Kirche in Europa die Forschung des Altertums als „Götzenwerk“ verfolgte. Die christliche Kirche kümmerte sich um die „Seele“ – medizinische Behandlung und Hygiene spielten kaum eine Rolle, während die Perser größten Wert auf Körperpflege legten. Da der christliche Klerus Krankheiten als Werk von übernatürlichen Kräften ansah, gab es zwar für jedes Leid einen Schutzpatron und so aus heutiger Sicht einen psychosomatischen Placebo-Effekt, aber wenig punktgenaue Heilung. Die Kirche verbot im siebten Jahrhundert sogar Geistlichen die Arbeit als Chirugen, um ihre Seele nicht zu gefährden; die „Knochenarbeit“ blieb später den Henkern vorbehalten – also Amateuren, die ‚learning by doing’ praktizierten.

Avicenna war nicht nur ein berühmter Arzt, sondern sein Kanon fasste auch das damalige medizinische Wissen Persiens zusammen. Statt Dämonen erkannte er Klima, Umwelt und Ansteckung als Übeltäter: Er beschrieb unter anderem, dass Tuberkulose ansteckend ist. Viele seiner Methoden sind noch heute anerkannt: Avicenna wies die Chirugen an, Tumore frühzeitig zu entfernen und alles kranke Gewebe heraus zu schneiden. Er erkannte sogar das Herz als eine Blutpumpe.

In der Materia Medica beschrieb Avicenna mehrere hunderte Medikamente und gab Rezepte, wie diese anzuwenden sind. Er stellte – und das war damals im Abendland unbekannt – Regeln auf, wie ein neues Medikament zu testen sei, bevor es in den Gebrauch kam.

Bis heute genießt die Dichtkunst nirgendwo auf der Welt eine solche Bedeutung wie im Iran, und im Mittelalter waren die Sufis, die ihre Mystik in Poesie formten, Volkshelden: Das kunstvolle Wort galt als Heilmittel der Seele. Ibn Sina erkannte die Wechselwirkung von Psyche und Körper, die wir heute als Psychosomatik bezeichnen. Während psychische Störungen im Abendland als dämonische Besessenheit galten, erkannte er als seelisches Leid im Menschen, das den Menschen körperlich erkranken lässt. Ibn Sina betreute den Prinzen von Gorgan, der schwerkrank im Bett lag. Er sah, wie sich der Prinz erregte, als er den Namen seiner Geliebten hörte. Statt Dämonen auszutreiben, empfahl er, den Kranken mit seiner Liebsten zu vereinigen. Im Kanon schrieb er über die „Liebeskrankheit“. Gegen die körperlichen Symptome von Schwermut war für ihn die beste Medizin Musik.

Es dauerte bis zum 12. Jahrhundert, dann hielt Avicenna Einzug im Abendland. Gerhard von Cremona übersetzte ihn ins Lateinische. Ibn Sinas Erkenntnisse wurden das Standardwerk in Europa bis in die frühe Neuzeit hinein. (Dr. Utz Anhalt)