Mescalin – Wirkung, Risiken, Gefahren

Dr. Utz Anhalt
Mescalin ist eine Substanz, die sich im Peyote-Kaktus findet, außerdem in den Kakteen der Gattung Echinopsis. Viele andere Kakteengewächse enthalten die Droge in sehr geringer Konzentration. Louis Lewin extrahierte aus dem Peyote-Kaktus mescalinhaltige Alkaloide, und 1896 isolierte Arthur Heffter Mescalin aus Peyote in Reinform. Ernst Späth stellte die psychoaktive Substanz nach 1919 synthetisch her.

Wie wirkt Mescalin?

Mescalin weist eine ähnliche Struktur auf wie 3-Methoxy-4,5-methylendioxyamphetamin (MMDA), das Methoxy-Analogon des 3,4-Methylendioxyamphetamins (MDA). Vergleichbare Halluzinogene sind 3,4,5-Trimethoxyamphetamin (TMA), 2,4,5-Trimethoxyamphetamin (TMA-2) und 2,4,6-Trimethoxyamphetamin (TMA-6).

Mescalin kommt zum Beispiel im Peyote-Kakuts vor und wirkt schon in kleinsten Mengen stark halluzinogen. (Bild: Haramis Kalfar/fotolia.com)

Der Stoff bindet und aktiviert den Serotonin-Rezeptor 5-HT2A und den Serotonin-Rezeptor 5-HT2C. Serotonin ist unser Glückshormon, und durch Mescalin erhöht sich dessen Ausschüttung. Deshalb empfinden User Glücksgefühle, Euphorie und „die Welt ist in einen sanften Schleier gehüllt“. Allerdings beginnt der Rausch oft mit Übelkeit und Erbrechen. Die erste Phase kennzeichnen Hyperaktivität und innere Unruhe, vergleichbar den Symptomen bei dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.

Veränderte Wahrnehmung

Erst in der zweiten Phase verändert sich die Wahrnehmung leicht, die Konsumenten nehmen Farben intensiver wahr, Traumbilder und optische Halluzinationen breiten sich im Wachzustand aus. Sämtliche Sinne werden deutlich verstärkt wahrgenommen: Gerüche, Geräusche und Sichtungen erscheinen wesentlich intensiver.

Mehr zum Thema:

Es kommt zu Effekten, die aus schamanischen Reisen bekannt sind: Die Betroffenen sehen sprechende Tiere, Dinge verändern ihre Größe, kleine Gegenstände wirken vergrößert, und Entfernungen verkürzen oder verlängern sich. Dabei behalten die User noch eine gewisse Wahrnehmung der Wirklichkeit – der Rausch entspricht also nicht einer offen ausgebrochenen Psychose.

Wie LSD kann auch Mescalin zu „Horrortrips“ führen, diese sind jedoch erstens selten und treten bei einem sorgsam gewählten Setting kaum auf. Generell leiden unter schrecklichen Bildern vor allem Menschen, die Mescalin unvorbereitet konsumieren und / oder psychisch labil sind.

Horrortrips

Zwar sehen manche User die „Horrortrips“ als besonders aufschlussreich an und schätzen sie als eine Art Crash-Psychotherapie, die Ängste des Unbewussten viel schneller an die Oberfläche holt, als es bei einer konventionellen Psychotherapie der Fall wäre – das birgt jedoch große Gefahren. Wer sich mit solchen Bildern nämlich ohne einen stabilen Rahmen durch einen Lehrer und eine geschützte Atmosphäre konfrontiert, fühlt sich mehrere Stunden lang „in der Hölle“.
Mescalin wirkt nämlich bei einer oralen Dosis des Sulfats von circa 200 mg bis zu 9 Stunden, die Nachwirkungen können noch nach 12 Stunden auftreten.

Gefahren durch Mescalin

Die „Schamanendroge“ wirkt psychoaktiv, und wie bei den meisten psychoaktiven Substanzen gibt es bei unzureichenden Erfahrungen mit den „Monstern der menschlichen Psyche“ bisweilen keine Rückfahrkarte.

Klinisch bedeutet das: Mescalin kann eine substanzinduzierte Psychose auslösen und zu dauerhaften Wahrnehmungsstörungen führen. Generell ist diese Gefahr aber geringer als bei LSD. In indianischen Gesellschaften gilt es als Frevel, Peyote ohne Einführung und Beisein eines Lehrers einzunehmen. Psychiatrisch heißt das: Übermäßige Erregung während und nach einem Mescalinrausch lässt sich durch beruhigende Gespräche besänftigen.

Bis heute gibt es keine Studie, die einen Zusammenhang zwischen Mescalinkonsum und psychiatrisch behandelten Problemen nahe legt – zumindest ist ein mindestens einmaliger Konsum von Mescalin vermutlich kein unabhängiger Risikofaktor für psychische Störungen.

Die Amazonas-Droge Ayahuasca sollte niemals zusammen mit Antidepressiva konsumiert werden. (Bild: Ammit/fotolia.com)

Erhöhtes Risiko

Antidepressiva, sogenannte MAO-Hemmer, sollten niemals in Verbindung mit Mescalin eingesetzt werden. Dazu gehört auch das Halluzinogen Ayahuasca, die Droge der Amazonas-Schamanen. Da Anfänger oft erst einmal alle möglichen „schamanischen Substanzen“ zu sich nehmen wollen, um „auf die Reise zu gehen“, ist die Gefahr groß, Ayahuasca und Mescalin zusammen einzunehmen.

Finger weg von Ayahuasca

Doch Ayahuasca stärkt die Wirkung von Mitteln, die auf das Serotonin einwirken, in hohem und unkontrollierbarem Ausmaß. Es besteht Lebensgefahr, denn das ausgelöste Serotoninsyndrom kann die Steuerung der Atemmuskeln lahm legen. Es kommt zu Kurzatmigkeit, Atembeschwerden und im schlimmsten Fall zum Atemstillstand und dem Tod in wenigen Minuten.

Hippies und Wissenschaftler

Mescalin war in der Hippieszene der 1960er Jahre in Mode und galt wie LSD als Möglichkeit, ein höheres Bewusstsein zu erreichen. Im Südwesten der USA fand die Droge Eingang in die Kunst und inspirierte zahllose psychedelische Gemälde, Erzählungen und Musikstücke.

Indianische Weisheit?

Während Psychologen die psychische Wirkung erforschten, sahen Esoteriker in Vulgäradaptionen indianischer Vorstellungen die Bilderwelten im Meskalinrausch als Einblick in andere Welten des Übersinnlichen. Traditionelle amerikanische Natives reagieren gereizt auf solche Mescalinfans, die in Indianerreservate fahren und glauben, mit ein paar Dollar für Peyote-Knöpfe eine „echte schamanische Erfahrung“ kaufen zu können. Neben der missbräuchlichen Aneignung kultureller Rituale durch zivilisationsmüde Kleinbürger kritisieren sie vor allem die psychischen Gefahren, die ein unvernünftiger Gebrauch der Substanz mit sich bringt.

Auch die indianischen Kulturen kennen nur zu gut Menschen, die die Navajos als „Verlorene“ bezeichnen, die in der psychedelischen Wirkung des Mescalins gefangen sind. Für die Natives ist der Rausch hingegen kein Selbstzweck, sondern es geht um den Inhalt und die Interpretation der mit Hilfe von Mescalin gemachten psychischen Erfahrungen.

Brave New World und Esoterik-Kitsch

Der Verfasser von Brave New World, Aldous Huxley, war ebenso ein Fan von Mescalin wie der Kriegsschriftsteller Ernst Jünger. Auch der Verfasser von „Der Yaqui-Weg des Wissens“, Carlos Castaneda widmete sich der Wirkung des Mescalins und schrieb diverse Erzählungen über angeblich schamanische Erfahrungen, die er mit einem Don Juan genannten Lehrer zu machen behauptet hatte.

Seine Bücher wurden in der Esoterikszene zum Kult, vermutlich, weil er hier ein Bild einer psychedelischen „anderen Welt“ entwarf, das den Bedürfnissen der „liberalen“ amerikanischen Mittelschicht entsprach. Elder Ones der Yaqui distanzierten sich von Castanedas Ausführungen und vieles weist darauf hin, dass es sich um fiktive Literatur handelt und nicht um reale Begebenheiten.

Legal oder illegal?

Mescalin unterliegt in Deutschland seit 1967 dem Betäubungsmittelgesetz. Die UN führt es seit 1971 als verbotene psychotrope Substanz. In den USA können Menschen aufgrund des Besitzes dieser fünf Jahre ins Gefängnis wandern. Ohne Sondergenehmigung ist der Gebrauch und Besitz von Mescalin grundsätzlich strafbar.

In den USA drohen bei Besitz von Mescalin mehrere Jahre Gefängnis. (Bild: Brian Jackson/fotolia.com)

Das gilt aber ausdrücklich nicht für den Besitz der lebenden Kakteen, die Mescalin enthalten. Voraussetzung ist, dass die Besitzer die Kakteen ausschließlich aus botanischem Interesse haben.

Der Peyote-Kult

Der Peyote-Kult ist unter amerikanischen Natives verbreitet. Im Zentrum dieses psychisch-religiösen Rituals steht eine Selbstreinigung und geistige Reise, welche durch die Kakteenart gefördert wird. In Mexiko und Mesoamerika diente Peyote seit vielen Jahrhunderten als schamanische Pflanzen, welche indianische Lehrer bei Ritualen einsetzten, die in ihrer Vorstellung dem Kontakt mit den Geistern der Verstorbenen und der Natur dienten.

Im Unterschied zu populären Klischees entwickelte sich der Kult in Nordamerika erst, als die dortigen Indigenen militärisch besiegt und in Reservate eingepfercht wurden. Der Kaktus ist also keine alte indianische Lehrerpflanze Nordamerikas.

Die Wirkung der Gewächse öffnet die Teilnehmer dafür, über psychische Probleme und ihre Gefühle zu reden, sie hebt insofern die Entfremdung auf. Folgerichtig ist die Beichte ein zentraler Bestandteil des Rituals. Diese kann sowohl vor wie nach dem Schlucken der Peyote-Knöpfe erfolgen.

Im Peyote-Kult gilt es als schädigend, begangene Sünden für sich zu behalten. Im Ritual sollen die Beteiligten gerade Verfehlungen offen benennen.

Mescalero-Apatschen

Der Peyotekaktus wächst in einem kleinen Gebiet im trockenen Süden von Texas und dem angrenzenden Norden Mexikos. Die Mescalero-Apatschen tragen ihren Namen von der Substanz im Kaktus, die Komantschen kannten ihn als Wokoni, die Kiowa als Seni und die Tarahumara als Hikari.

Die Komantschen und Kiowa hatten, als sie in Freiheit lebten, wenig Verwendung für die halluzinogene Pflanze. Beide lebten bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts als Reiterkrieger und Bisonjäger, die auf ihren Überfällen weit nach Mexiko vordrangen.

Eine alte Lehrerpflanze

In Zeremonien benutzten damals die Caddo, Carrizo, Mescalero- und Lipan-Apatschen, die Karankawa und Tonkawa Peyote. Omer Stewart schreibt „Innerhalb dieser sechs Stämme in den Vereinigten Staaten finden wir den Ursprung der Peyote Zeremonie. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts sind dies die Stämme, die in oder in der Nähe des natürlichen Vorkommens von Peyote lebten. Alle waren mit seinem rituellen Gebrauch vertraut.“ Es gibt Hinweise darauf, dass vielen dieser Stämme, insbesondere den Mescalero, Peyote seit Jahrzehnten bekannt war.

Zwangsweiser Austausch

In den 1870er Jahren deportierte die amerikanische Regierung diverse Stämme sowohl aus dem Südwesten wie südlichen Mittelwesten und sogar aus dem Osten der USA in das heutige Oklahoma, das sogenannte Indianerterritorium, in eine Art Sammelreservat. Jetzt kamen Völker aus dem Peyote-Gebiet in Kontakt mit anderen, die von dem Kaktus noch nie gehört hatten. Der Gebrauch der Pflanze verbreitete sich so in den Reservaten.

Der durch Völkermord und Zwangsumsiedlung geschaffene Austausch war jedoch nicht der einzige Grund, warum der Peyote-Kult entstand. Die Kiowa und Komantschen zum Beispiel kannten die Pflanze schon lange, hatten ihr jedoch nie eine größere Bedeutung zugemessen.

Die Komantschen und Kiowa lebten in der Prärie, gemeinsam mit unzähligen Tieren wie z.B. Gabelböcken, Bisons und Wölfen. (Bild: Chris/fotolia.com)

Als freie Menschen hatten sie ein aufregendes Leben geführt. Sie lebten in einer Serengeti Amerikas inmitten von Bisonherden, die Millionen Tiere zählten. Sie lebten inmitten von Wapitihirschen, Gabelböcken, Pumas, Wölfen, Kojoten, Füchsen, Dachsen, Präriehühnern wie Präriehunden, Klapperschlangen und Adlern und die Jagdbeute war so überreich, dass Kriegergruppen die Muße hatten, tausende von Kilometern auf Raubzügen bis in das zentrale Mexiko vorzudringen.

Kurz gesagt: Wer im Juni durch mannshohe Prärieblumen ritt, unter den bizarren Felsformationen der Chisco-Mountains sein Lager aufschlug, sich mit einer Fußschlaufe unter den Bauch seines Pferdes abrollte, ohne Gewalt wilde Mustangs zähmte und im Zentrum der südlichen Plains nahezu unangreifbar ein Terrain von der Größe Mitteleuropas durchstreifte, der brauchte wenig zusätzliche Substanzen, um außergewöhnliche Erfahrungen zu erleben.

Ein Ersatz für die Freiheit

1874 ergaben sich die letzten Kwahadi-Komantschen der US-Army, und die letzten Überlebenden der „Herren der Plains“ wurden in erbärmlichen Freiluftgefängnissen dem Hunger ausgesetzt. Der Komantschen-Chief Quanah Parker erwies sich jedoch auch nach der militärischen Niederlage als brillanter Politiker. Er bildete die Bisonjäger zu Viehzüchtern aus und propagierte den Peyote-Kult.

Quanah hatte genau erkannt, dass die einst stolzen Komantschen mehr noch als unter dem Hunger unter der Langeweile des Reservatslebens litten. Der Kaktus brachte aber sanfte und friedliche Visionen, die zumindest einen gewissen Ersatz für die verlorene Freiheit lieferten.

Den Kult im engeren Sinne erfand der Delaware John Wilson, nachdem er Peyote zu sich genommen hatte und begeistert von den Visionen wahr.

Die Native American Church

In Oklahoma entstand die Native American Church, offiziell gegründet 1918. Ihr erster Träger waren die Kiowa. Im Unterschied zu dem Verbot von Mescalin in den USA generell, dürfen die Mitglieder der Native American Church die Pflanze in ihren Ritualen seit 1978 verwenden, allerdings für „ausschließlich traditionelle und zeremonielle Zwecke im Zusammenhang mit der Ausübung einer traditionellen indianischen Religion.“

Die Mitglieder der Native American Church selbst lehnen den Konsum von Peyote außerhalb des Rituals strikt ab. In indianischen Kulturen Nordamerikas war der Konsum von bewusstseinsverändernden Substanzen Teil eines ganzheitlichen Weltbildes, in dem der Mensch nur ein Element im Wechselgefüge der Tiere, Pflanzen, Steine und Geister darstellte.

Der geringste Fehler in einem Ritual konnte und kann in dieser Vorstellung schlimmste Folgen haben. Einen exzessiven Konsum von Lehrerpflanzen zum Selbstzweck des Drogenrausches lehnen sie rigoros ab und betrachten Substanzabhängige als Menschen, die den existentiellen Bezug zur Geisterwelt verloren haben – als kranke Menschen, die geheilt werden müssen. (Dr. Utz Anhalt)