Nahtoderfahrungen: Erklärungen, Beispiele und Erlebnisberichte

Dr. Utz Anhalt
Nahtoderfahrungen bezeichnen besondere Zustände des Bewusstseins, in denen Menschen glauben, dem Tod nahe gewesen zu sein oder die Schwelle zu Tod bereits überschritten zu haben. Tatsächlich befanden sich viele der Betroffenen in einer Situation, die unmittelbar ihr Leben bedrohte – zum Beispiel durch einen Kreislaufzusammenbruch.

Blick ins Jenseits?

„Schlagartig erkannte ich das Ganze und hatte das Gefühl: ‚Hier war ich schon mal‘. (…) Ich hatte das Gefühl, der Weg durch die Pforte würde meinen endgültigen körperlichen Tod bedeuten. Im Bewusstsein, nun die Chance zu haben, mit der Einsicht zurückzukehren, dass dieser Seinzustand eine Realität ist, die realer erlebt wird als alles, was wir hier darunter verstehen, und mit dem Gedanken an meine junge Frau und meine drei kleinen Kinder entschloss ich mich zurückzukehren“ (Aus: Pim von Lommel / Endloses Bewusstsein).

Viele Nahtod-Betroffene berichten von einem hellen Licht am Ende eines Tunnels. (Bild: brueggerart/fotolia.com)

Andere jedoch, die von ähnlichen Erfahrungen berichten, befanden sich nicht in der Nähe des Todes, sondern hatten einen epileptischen Anfall, erlitten eine traumatische Erfahrung oder führten dieses veränderte Bewusstsein aktiv herbei – durch Meditation.

Esoterische Autoren sehen Nahtoderfahrungen als Beweis für ein Leben nach dem Tod und picken sich bestimmte Merkmale dieser Erlebnisse heraus, die sie als Beleg dafür sehen: Den eigenen Körper von außen sehen, Wesen, die erscheinen, ein Tunnel, den die Betroffenen sehen und ein „überirdisches Licht“.

Kritische Forscher betonen aber, dass weder diese Wesen noch der Blick in einen Tunnel oder das überwältigende Licht bei den meisten Menschen erscheinen, die diese Erfahrungen machen und interpretieren diese Bilderwelten als selbst produziert. Neurobiologen betrachten Nahtoderfahrungen nüchtern als Symptome dafür, dass bestimmte Funktionen des Gehirns kurzfristig still liegen.

Demnach sind Nahtoderfahrungen mit einem Schock, einer posttraumatischen Belastungsstörung, einer Trance oder einer Narkose vergleichbar.

„Interviews mit Sterbenden“

Elisabeth Kübler-Ross machte sich in der deutschen Klatschpresse einen Namen, seit sie 1969 in „Interviews mit Sterbenden“ „Nahtodberichte“ veröffentlichte. Sie behauptete, viele der Menschen an der Grenze zum Tod hätten ähnliche Erfahrungen gemacht: die Trennung vom Körper, den Rückblick auf das eigene Leben, eine Reise durch einen Tunnel und ein erfüllendes Licht.

Der Christ Raymond A. Moody schickte mit „Leben nach dem Tod“ 1975 eine ähnliche Heilsbotschaft in die Welt: Nach dem Tod geht es weiter, und das Sterben ist schön.

Moody und Kübler-Ross waren beide Gläubige und suchten sich genau das heraus, was in ihren religiösen Kram passte. Hubert Knoblauch, ein Soziologe untersuchte so genannte Nahtoderfahrungen ohne diese esoterisch-ideologische Brille.

Er interviewte über 2000 Menschen nach Erlebnissen in Todesnähe. Die Ergebnisse waren gänzlich anderes als die der beiden religiösen Heilsverkünder: Sie ließen sich nicht verallgemeinern. Immerhin 60 % der Ostdeutschen und 30 % der Westdeutschen machten schreckliche Erfahrungen.

Wie das Jenseits erlebt wird, hängt dem Soziologen Hubert Knoblauch nach davon ab, welchen kulturellen Hintergrund der Betroffene hat. (Bild: sunnychicka/fotolia.com)

Den schönen Tod, der sich an gewisse Regeln hält, konnte Knoblauch nicht bestätigen. Knoblauchs Fazit war eindeutig: „Die ganze Bauart des Jenseits, die bei der Nahtod-Erfahrung angetroffen wird, ist natürlich aus dem Diesseits“. Mit anderen Worten: Wie ein Mensch diesen Zustand erlebt, hängt von der Kultur ab, in der er aufgewachsen ist.

Die von Moody untersuchten Patienten kamen sämtlich aus dem gleichen christlich-fundamentalistischen Milieu wie er, außerdem waren seine Fragen suggestiv. Mit Wissenschaft hatte sein „Forschung“ also nichts zu tun, sondern mit Glaubensverkündung.

Was sind die Ursachen?

Die Ursachen für das veränderte Bewusstsein sind schon länger Gegenstand der Forschung. In den 1990er Jahren prüften Wissenschaftler in einer Studie mögliche Veränderungen der Sauerstoff- und Kohlendioxid-Menge im Gehirn.

Ärzte der Virchow-Klinik ließen 1994 Probanden hastig atmen und versetzten sie danach in Ohnmacht. Bei den gesunden Klienten zeigten sich ähnliche Bilder wie bei Nahtod-Erfahrungen: Sie sahen ihr Leben „wie im Film“ vorbei ziehen und meinten, ihren Körper zu verlassen.

Die psychische Erfahrung, den Körper zu verlassen, ist auch eine Kernerfahrung der schamanischen Reise, die ein Schamane in einem nicht alltäglichen Bewusstseinszustand antritt. Er begibt sich mittels Fasten, Trommeln, Drogen oder Tänzen in eine Trance.

Ein Kernelement dieser psychischen Reise ist das Erlebnis eines Tunnels, hinter dem sich der Eingang zu einer unsichtbaren Welt verbirgt, die ebenso voller Wunder wie schrecklich sein kann. Auch Schamanen glauben, dass ihr Körper gewissermaßen „stirbt“, während sie sich in dieser „anderen Welt“ befinden.

Schamanen befinden sich allerdings sehr wohl in einem Zustand, in dem Gehirnfunktionen sich ändern, in aller Regel hingegen nicht in einer Situation, die nahe am körperlichen Tod ist.

Für die Nahtoderfahrung ist indessen wichtig, dass auch Schamanen glauben, auf ihrer Reise in ein Jenseits, sprich eine Welt der Toten, einzudringen und mit den Geistern der Ahnen in Kontakt zu kommen.

Die Neurobiologie fand inzwischen heraus, dass es sich bei diesen Erfahrungen nicht um Spinnereien handelt, sondern dass die Trance, ähnlich wie Halluzinogene, tatsächlich visuelle Welten produziert, die denen eines Traums ähneln. Der Unterschied zum Drogenrausch ist indessen, dass der Schamane seine Erlebnisse im Detail erinnert. Genau das gilt auch für Nahtoderfahrungen.

Sauerstoffmangel war bei Patienten mit Herzstillstand nicht die Ursache der Erfahrungen, sondern sieben der Betroffenen, die von einem Nahtod-Erlebnis berichteten, wiesen sogar höhere Sauerstoffkonzentrationen auf als Patienten ohne ein solches Erlebnis.

Die detaillierten Erinnerungen der Betroffenen zeigen laut einer Studie, dass es sich bei Nahtoderlebnissen nicht um Halluzinationen handelt. (Bild: vchalup/fotolia.com)

Die Nahtod-Imaginationen ließen sich auch nicht als Halluzinationen erklären. Der leitende Arzt, Dr. Parnia betonte: „Alle Patienten konnten sich sehr genau und sehr detailliert an das Erlebte erinnern. Das deutet nicht auf Halluzinationen hin.“

Körpereigene Stoffe beeinflussen offensichtlich die Nahtod-Erfahrungen – allerdings nicht nur im Angesicht des realen Todes. Sterbende berichten oft von einem überwältigenden Glücksgefühl. Was aber Christen und Esoteriker als „Beweis“ für ein Leben nach dem Tod darstellen, erweist sich in Wirklichkeit als Push des Organismus, um zu überleben.

Die gleichen Glücksgefühle erleben nämlich Menschen in Extremsituationen, wenn sie am Rande ihrer körperlichen Belastung stehen. Mehr noch: Für viele Marathonläufer ist die Euphorie, die sich nach vielen Kilometern Lauf einstellt, der Grund, warum sie diese Strapazen auf sich nehmen.

Menschen, die bei einem Autounfall lebensgefährlich verletzt werden, die kurz davor sind, zu erfrieren, Freeclimber, die einen Überhang erklimmen, Bungee-Jumper oder Ertrinkende, berichten alle von einem Zustand der Glückseligkeit, der sich gerade auf dem Höhenpunkt der Belastung einstellt.

Auch Folteropfer kennen das Erlebnis, dass sich ihr Geist vom Körper löst und sie die Schmerzen nicht mehr wahrnehmen. Agenten schulen sich sogar darin, solche Zustände bewusst zu lernen.

Statt in ein Jenseits zu blicken, geht es dem Körper demnach knallhart um das Diesseits: Das Gehirn schüttet verstärkt Glückshormone aus, damit Menschen in Not die gefährliche Situation überleben.

Wissenschaftler sehen so genannte Nahtoderfahrungen nicht als eine Erscheinung, sondern als unterschiedliche Erfahrungen, die unterschiedlich erklärt werden müssen, aber alle dazu führen, dass das Gehirn besondere Stoffe in hohem Ausmaß ausschüttet und andere blockiert.

Zu den Elementen der Nahtoderfahrung gehört aus christlich-esoterischer Sicht das Gefühl, den eigenen Körper zu verlassen. (Bild: Spectral-Design/fotolia.com)

Christlich-esoterische Perspektiven

Einer der Bestseller der religiös inspirierten NTE-Literatur ist der fundamentalistische Christ Raymond Moody aus Amerika. Er teilt die Nahtoderfahrungen systematisch in zwölf Elemente auf:

1. Das Unaussprechliche der Erfahrung.

2. Ein Gefühl des Friedens und der Ruhe. Der Schmerz ist verschwunden.

3. Die Erkenntnis, tot zu sein. Manchmal ist danach auch ein Geräusch zu hören.

4. Ein Verlassen des Körpers oder eine außerkörperliche Erfahrung (AKE). Die eigene Reanimation oder Operation wird von einer Position außer- und oberhalb des eigenen Körpers aus wahrgenommen.

5. Aufenthalt in einem dunklen Raum, an dessen Ende sich ein kleiner Lichtfleck befindet, zu dem es den Sterbenden hinzieht: das Tunnel-Erlebnis. Sie werden mit hoher Geschwindigkeit zum Licht gezogen, das sehr hell aber nicht blendend ist.

6. Wahrnehmung einer außerweltlichen Umgebung, einer wundervollen Landschaft mit herrlichen Farben, schönen Blumen und manchmal auch Musik.

7. Begegnung und Kommunikation mit Verstorbenen.

8. Begegnung mit einem strahlenden Licht oder einem Wesen aus Licht. Die Erfahrung vollkommener Akzeptanz und bedingungsloser Liebe. Man tritt mit tiefem Wissen und Weisheit in Kontakt.

9. Lebensschau, Lebenspanorama oder Rückblick auf den Verlauf des Lebens seit der Geburt. Alles wird noch einmal durchlebt. Man überblickt das ganze Leben in einem einzigen Augenblick, es gibt weder Zeit noch Distanz, alles ist gleichzeitig, man kann tagelang über diese Lebensschau sprechen, die nur einige Minuten dauerte.

10. Vorausschau. Man hat das Gefühl, einen Teil des Lebens, der vor einem liegt, zu überblicken und zu betrachten. Auch hier gibt es weder Zeit noch Distanz.

11. Das Wahrnehmen einer Grenze. Man erkennt, dass nach dem Überschreiten dieser Grenze keine Rückkehr in den eigenen Körper mehr möglich ist.

12. Die bewusste Rückkehr in den Körper. Es erfordert große Anstrengung, diese schöne Umgebung wieder zu verlassen. Nach der Rückkehr in den kranken Körper empfindet man tiefe Enttäuschung darüber, dass einem so etwas Herrliches genommen wurde.

Moody schildert: „Ein Mensch liegt im Sterben. Während seine körperliche Bedrängnis sich dem Höhepunkt nähert, hört er, wie der Arzt ihn für tot erklärt. Mit einemmal nimmt er ein unangenehmes Geräusch wahr, ein durchdringendes Läuten oder Brummen, und zugleich hat er das Gefühl. daß er sich sehr rasch durch einen langen, dunklen Tunnel bewegt.“

Der christliche Autor erläutert, wie die Seele den Körper zu verlassen scheint: „Danach befindet er sich plötzlich außerhalb seines Körpers, jedoch in derselben Umgebung wie zuvor. Als ob er ein Beobachter wäre, blickt er nun aus einiger Entfernung auf seinen eigenen Körper. In seinen Gefühlen zutiefst aufgewühlt, wohnt er von diesem seltsamen Beobachtungsposten aus den Wiederbelebungversuchen bei.“

Bei einigen Betroffenen läuft das gesamte Leben in Zeitraffer vor dem inneren Auge ab. (Bild: okunsto/fotolia.com)

Reizverarbeitung?

Richard Kinseher sieht NTEs hingegen nicht als Sterbeprozess, sondern als Reizverarbeitung des Gehirns.

Er schreibt:

  • Im Rahmen von NTEs werden auch ‚außerkörperliche Erfahrungen‘ mit detaillierter Wahrnehmung der Umgebung berichtet: Um Sinneswahrnehmungen haben zu können müssen zuerst einmal die Sinnesorgane funktionsfähig sein, damit Sinnesreize registriert werden können. Dann müssen diese Reize per Nervenleitung an das Gehirn zur Weiterverarbeitung geleitet werden. Und erst dann – im Gehirn – entsteht die Sinneswahrnehmung.
  • Nach meinem Erklärungsmodell wird bei NTEs bewusst erlebbar, wie ein einzelner Reiz vom Gehirn verarbeitet wird – ein einzigartiges Phänomen. Damit kann man nachvollziehen, wie das Gehirn Reize verarbeitet, wie Erfahrungen gespeichert und erinnert werden. Hierbei könnte man grundlegende Arbeitsweisen des Gehirns verstehen lernen.
  • Nach meinem Erklärungsmodell wird bei NTEs erkennbar wie Erinnerungsvorgänge ablaufen bzw. wie eine virtuelle Simulation vom Gehirn erstellt wird (OBE). In der seit 2008 laufenden ‚The AWARE Study‘ will man NTEs als Sterbevorgänge erforschen – d.h. an Patienten wird sinnlose Forschung betrieben. Wird dadurch eine Behandlung verzögert, dann wäre dies Körperverletzung durch fragwürdige Forschung.
  • Bei NTEs wird deutlich erkennbar, wie Erinnerungsvorgänge ablaufen. Weil die Menschen immer älter werden und dadurch an Krankheiten leiden, bei denen das Erinnerungsvermögen beeinträchtigt wird (Demenz, Alzheimer), sollte jede Möglichkeit genutzt werden, um die Arbeitsweise des Gehirns zu verstehen – damit eventuell brauchbare Therapien gegen das Vergessen entwickelt werden können.

Wann treten Nahtoderfahrungen auf?

1.) Herzstillstand bei Patienten mit einem Herzinfarkt oder bei schwerwiegenden Herzrhythmusstörungen
2.) Koma durch Gehirnschädigung bei einem Verkehrsunfall oder einer Gehirnblutung
3.) Koma, wenn Menschen fast ertrinken
4.) Bei Atemstillstand oder Zuckerkoma
5.) Bei Bewusstlosigkeit infolge niedrigen Blutdrucks – Schock
6.) Bei Allergien
7.) Bei einer schweren Sepsis
8.) Während einer Narkose
9.) Während eines Stromschlags

Nahtoderfahrungen können beispielsweise während einer Narkose auftreten.

In allen diesen Situationen sind Gehirnfunktionen vorüber gehend außer Betrieb.

Nahtoderfahrungen treten aber auch auf, ohne dass die Gehirnfunktionen beschädigt sind:

1.) Bei Krankheiten mit hohem Fieber
2.) Bei Austrocknung und Unterkühlung
3.) Bei Depressionen und psychischen Kriesen
5.) Bei Meditation, Trance und Ekstase
6.) Spontan ohne erkennbare Ursache
7.) In Situationen von Todesangst – nicht notwendig realer Todesnähe, zum Beispiel, wenn ein LKW bei Aquaplaning vor das Auto fährt, oder wenn wir beim Bergsteigen abrutschen

Eine Betroffene berichtet

„Vor ein paar Wochen suchte ich nach einem harmlosen Verkehrsunfall wegen Nackenschmerzen und HWS-Syndrom die Ambulanz eines Krankenhauses auf. Dort wollte ich mich trotz des Rates einer Pflegekraft nicht hinlegen obwohl mir schwindelig war, was leider einen Sturz und die Verletzung einer Arterie in der Nase zur Folge hatte. Was dann folgte, kam erst in den letzten Wochen langsam Stück für Stück ins Gedächtnis zurück.“

In der OP erlitt die Patientin einen Herzstillstand: „Da ohnehin aber massiver Schock und Kreislaufprobleme bestanden und ich tatsächlich allergisch reagierte, folgte ein Herzstillstand mit Reanimation, die Gott sei Dank !! erfolgreich war. Ich habe aus dieser Phase vieles mitbekommen, das Zählen bei der Herzdruckmassage, das Auflegen des Defibrillators und Stimmen. Teilweise wie im Traum, teilweise total distanziert, teilweise total sachlich. Mir wurde kalt, und ich ging durch den so oft beschriebenen Tunnel zum Licht, sah tote Verwandte.“

Sie beschreibt ein Erlebnis, dass Esoteriker als Beleg für die Existenz eines Jenseits ansehen: „Ich hörte aber auch eine Stimme, die mich aufforderte, zurück zu kommen. Die mir sagte, was ich noch alles im Leben machen will, wie toll das Leben doch ist. Wie ich im Nachhinein erfuhr, war das der Notarzt, der im Schockraum noch anwesend war.“

Sie kehrte aktiv ins Leben zurück: „Es gab einen Moment, in dem mir klar wurde (so klar es denn eben unterbewusst geht), dass ich an der Grenze stehe und wie sehr ich leben will. Und es ging mit Hilfe der Ärzte zurück.“

Wie viele andere Betroffene war diese Grenzerfahrung für sie ein Einschnitt, um das Leben ernster zu nehmen als zuvor: „Das Leben ist ein Geschenk. Ich habe auch vorher gerne gelebt, aber wie stark mein Lebenswille wirklich war, habe ich erst jetzt gesehen. Die Ärzte sagten mir hinterher, dass ich ziemlich gekämpft habe. Schmeißt es nicht leichtfertig weg, es lohnt sich immer.“

Die erlebte Grenzerfahrung führt bei vielen Betroffenen dazu, anschließend bewusster und intensiver zu leben. (Bild: Denis Rozhnovsky/fotolia.com)

Mystische Erfahrungen

Nahtoderfahrungen zeigen viele Elemente, von denen auch Menschen berichten, die mystische Erfahrungen machten: Eine positiv-sakrale Stimmung, ein Gefühl intensiver Wirklichkeit, das Erleben eines Einheitsgefühls, die Transzendenz von Zeit und Raum, eine Flüchtigkeit der Erfahrung, Sprachlosigkeit über die Empfindungen und paradoxe Geschehnisse.

Mystischen und Nahtoderfahrungen ist außerdem gemeinsam, dass viele der Betroffenen danach Sinnfragen einen höheren Stellenwert geben als zuvor und sich intensiv mit religiösen und philosophischen Fragen beschäftigen.

Wissenschaft und Religion beantworten diese Überschneidungen zwischen Nahtod und Mystik unterschiedlich. Religiöse Autoritären sehen einen Beleg dafür, dass die Mystiker in das Jenseits schauen und Nahtod-Erfahrene einen Einblick in das Leben nach dem Tod bekommen. Mit anderen Worten: Sie betrachten solche Erlebnisse als unabhängig vom Gehirn und Körper.

Agnostiker sehen diese Erfahrungen hingegen als subjektiv an und erklären die Deutungen durch Sozialisation und Kultur bedingt.

Psychologie, Psychiatrie und Neurophysiologie kennen klassische Elemente der Nahtoderfahrung wie das Heraustreten aus dem Körper ebenfalls und sehen diese Depersonalisation als biologischen Vorgang. So gibt es autoskopische Halluzinationen, bei denen jemand ein Bild von sich selbst außerhalb des eigenen Körpers sieht. Ein Grundmuster optischer Halluzinationen ist der Tunnel, den Nahtod-Erlebnisse ebenso wie schamanische Reisen belegen.

Außerkörperliche Erfahrungen

Außerkörperliche Erfahrungen sind Nahtoderfahrungen in vielerlei Hinsicht ähnlich, von unterschiedlicher Länge und Dauer. Die Betroffenen meinen, losgelöst von ihrem Körper zu sein, eine Einheit ihres Körpers, auch wenn sie gelähmt sind oder Gliedmaßen amputiert wurden.

Sie fühlen keine Schmerzen, glauben, sie könnten schweben und durch die Luft gleiten, fühlen sich unsichtbar und meinen im 360 Grad Winkel zu sehen. Sie glauben, durch Mauern, Menschen oder Decken gleiten zu können.

Diese Übereinstimmungen lassen vermuten, dass bei Nahtoderfahrungen gleichermaßen bestimmte Gehirnareale aktiviert und andere lahm gelegt sind. Außerkörperliche Erlebnisse kommen mitnichten nur in Erfahrungen von Todesnähe vor, sondern beim Meditieren, bei Migräne und vaskulären Hirnschädigungen, aber auch in der „Aura“, die einem epileptischen Anfall voraus geht.

Nahtod-Erfahrene berichten von diesen AKEs, ebenso aber Hypnotisierte und Ekstatiker, LSD-Konsumenten ebenso wie Menschen unter dem Einfluss von Psilocybin oder Meskalin. AKEs bewusst herbei zu führen, gilt in vielen Kulturen als „Handwerkszeug“ des Schamanen.

Meditation ermöglicht außerkörperliche Erlebnisse. (Bild: Coka/fotolia.com)

Erfahrungsberichte

Ein Betroffener schildert eine außerkörperliche Erfahrung, die er nicht mit dem Tod in Verbindung brachte:

„Als ich etwa 10 Jahre alt war, lebte ich zusammen mit meinem älteren Bruder im Haus meines Onkels, der Major im medizinischen Corps der U.S. Armee war. Eines abends lag ich wach auf meinem Bett und betrachtete die Deckenbalken des alten spanischen Gebäudes, in dem sich die Wohnräume befanden. Ich stellte mir einige Fragen darüber, was ich dort tat und wer ich war. Plötzlich stehe ich vom Bett auf und gehe ins nächste Zimmer. Da fühlte ich ein seltsames Gefühl von Gewichtslosigkeit und eine merkwürdige glückliche Gefühlsmischung. Ich drehte mich auf der Stelle, um zurück ins Bett zu gehen, als ich mich zu meinem Erstaunen in meinem Bett liegen sah. Diese überraschende Erfahrung in diesem jungen Alter gab mir eine Art Ruck, der mich sozusagen in meinen Körper zurück erschütterte.“

Sowohl das Glücksgefühl als auch das „seinen Körper von außen sehen erlebte er wie in den Berichten über Nahtoderlebnisse.

Ein anderer Betroffener erzählt noch deutlicher, wie er seinen Körper verließ:

„Ich wachte so gegen 3 Uhr Nachts auf. Ich meditierte kurz im Liegen und schlief dann wieder ein. Schon kurze Zeit später, noch während des Einschlafvorgangs, fühlte ich deutlich und voll bewusst eine Art Ablösung meines Körpers. Es fühlte sich wie ein sanftes Hin- und Herschweben an. Ich weiß noch, dass ich von der Leichtigkeit der Ablösung überrascht war. Ich schwebte auf dem Rücken liegend von meinem Bett über das meiner Frau und drehte mich dann langsam um und schaute auf mein LEERES Bett hinunter.“

Ganz ähnlich liest sich die außerkörperliche Erfahrung bei einer NTE: „Ich sah das Zimmer der Kinderstation von oben: die Kinderbetten, meine Mutter an meinem Bett und meine Gestalt (undeutlich). (…) Es schien mir, als sollte ich meine Kraft und Kreativität zurückhalten. – Tatsache war, dass ich nach diesem klaren Erleben den Kontakt zu meinem Körper wieder aufnahm. Eine Weile fühlte ich mich im Umkreis und Körper gleichzeitig. Ich erlebte das Krankenzimmer wie meinen eigenen „Körper.“. Und als ich den Schmerz einer anderen weinenden Mutter wahrnahm, die als Begleitung bei ihrem todkranken Kind übernachtete, tat es mir überall weh.“

Außerkörperliche Erfahrungen gehen auch mit so genannten Wahrträumen einher. Eine Betroffene berichtet:

„Dann änderte es sich plötzlich wieder als mein Sohn 1,5 Jahre alt war. Er war ziemlich krank und ich habe mir immer Sorgen gemacht, dass ich ihn trotz Babyphone vielleicht nachts nicht hören würde wenn etwas mit ihm ist. Es war ganz merkwürdig fast wie beim ersten mal, mein Sohn fing an zu weinen und ich war plötzlich in seinem Zimmer, er saß in seinem Bett. Ich wollte ihn trösten doch es ging nicht und dann „wachte“ ich plötzlich auf und hörte übers Babyphone, dass er wirklich weinte und ging in sein Zimmer. Er saß genauso in seinem Bett wie ich in kurz zuvor gesehen hatte. Da wurde mir bewusst, dass es doch kein Traum gewesen sein kann.“

Außergewöhnliches Erleben

Die Bilderwelten von Nahtoderfahrungen stimmen teilweise überein mit Klarträumen, dem illusionären Bewusstsein (Oneiroid-Syndrom) und einem Bewusstseinsverlust, den die Fliehkraft auslöst.

Trance und Dissoziation

In einer dissoziativen Trance verlieren die Betroffenen das Gefühl der persönlichen Identität, ihr Bewusstsein engt sich auf bestimmte Reize ein. Bewegungen und Sprache reduzieren sich darauf, die immer gleichen Handlungen zu wiederholen.

Besessenheitstrance führt dazu, dass die Akteure zeitweise eine andere Identität annehmen, die sie einem Geist oder Gott zuschreiben.

Psychologen beschreiben die Wahrnehmung, dass die Persönlichkeit vom Körper abgelöst wird als dissoziative Erfahrung.

Sauerstoffmangel

Untersuchungen ergaben, dass bei manchen Nahtoderlebnissen ein Mangel an Sauerstoff oder ein Überschuss an Kohlendioxid im Gehirn herrschte. Künstlich induzierte Ohnmacht führte in sehr vielen Fällen außerkörperliche Erlebnisse herbei, außerdem Gefühle von Frieden und Glück, Schmerzlosigkeit, Lichterscheinungen, eine Anderswelt, Fabelwesen und Tunnelerfahrungen.

Die Deutung ist kulturabhängig

Der Soziologe Knobloch legte eine umfassende Studie über Nahtoderfahrungen an und fand heraus, dass die von christlichen Esoterikern wie Moody behaupteten Jenseitserlebnisse überhaupt kein gemeinsames Kennzeichen waren – die Berichte spiegelten vielmehr vielfältige biografische, kulturelle und soziale Prägungen.

Keine direkte Todesgefahr

Nahtoderlebnis ist ein Begriff, der leicht in die Irre führt, denn Knoblauch fand heraus, dass weniger als die Hälfte der Betroffenen wirklich in Todesgefahr schwebten. Umgekehrt berichteten die wenigsten der von ihm Befragten, die tatsächlich an der Grenze zum Tod standen, von einem solchen Erlebnis. Die Soziologie spricht deshalb von Todesnähe-Erfahrung.

Knoblauch betont: „Entgegen der gängigen Behauptung einer gleich bleibenden Struktur zeigte sich eine sehr große Vielfalt, was die inhaltlichen Elemente angeht.“

Fazit: Allgemein gültige Elemente gibt es kaum. Im Gegenteil zeigen sich typische kulturbedingte Muster: Engel oder Sensenmänner.

Der Ethnologe Hans Peter Duerr erläutert: „Zu glauben, dass solche Fähigkeiten oder Zustände sich mitunter von dem Organismus ablösen und sich beispielsweise durch einen Tunnel irgendwohin begeben könnten, ist so sinnlos wie die Vorstellung, man könne mit einem Hammer einen Gedanken flach klopfen.“

Was sagt die Hirnforschung?

Hirnforscher halten Erfahrungen der Todesnähe für die Fähigkeit des Gehirns, in chaotischen Prozessen einen Sinn zu schaffen.

Was sagen die Religionen?

Schamanische Kulturen halten es für selbstverständlich, dass die Seele sich vom Körper löst. Jakob Ozols fasst das so zusammen: „Nach dem Tode trennt sich die Seelengestalt von dem Körper und führt ihr eigenes, weitgehend vom Körper gesondertes Leben weiter. Sie kehrt jedoch immer wieder zu dem Skelett und insbesondere zu dem Schädel zurück, um sich auszuruhen. Bei Lebenden verläßt sie den Kopf nur nachts oder in außerordentlichen Situationen, wie plötzlichem Erschrecken, schwerer Krankheit oder bei besonderen Zuständen wie in der Trance und Ekstase. Die Seelengestalt darf aber nicht lange ausbleibe. Wenn sie nicht bald zurückkehrt, wird der Mensch krank, er ist in vielen Gefahren ausgesetzt, und bei längerer Abwesenheit der Seelengestalt muss er sogar sterben.“

Die mythischen Religionen der Antike verweisen bereits auf die paradiesischen Elemente, die in manchen Nahtoderfahrungen auftreten. So erzählt der sumerische Mythos von Gilgamesch: „Nach einer langen Zeit gelangt er hinter den Meeren am Ende der Welt zum Fluß Chubur, der letzten Grenze vor dem Totenreich. Gilgamesch verließ die Welt und kroch durch einen endlosen dunklen Tunnel. Es war ein langer, unbequemer Weg… aber zum Schluss sah er Licht am Ende der dunklen Röhre. Er kam zum Ausgang des Tunnels und sah einen prächtigen Garten. Die Bäume trugen Perlen und Juwelen und über allem strömte ein wundervolles Licht seine Strahlen aus. Gilgamesch wollte in der anderen Welt bleiben. Aber der Sonnengott schickte ihn durch den Tunnel zurück in sein Leben.“

Platon schrieb über eine Erfahrung an der Grenze zum Tod: „Nachdem er den Köerper verlassen hatte, gelangte er an einen jenseitigen Ort, der von vier gewaltigen Höhlen durchzogen war… (Dann) erblickte er am Ausgang aus der Unterwelt `unreine und besudelten Seelen´; an dem Weg aber, der vom Himmel herabführte, reine und geläuterte Seelen. Sie alle lagerten sich auf einer Wiese und berichteten einander ihre Erlebnisse an dem jeweiligen Ort, von dem sie kamen… (jene,) die vom Himmel herabgestiegen waren sprachen von der unermesslichen Freude und Glückseligkeit, die ihnen dort zuteil wurde.“

Lichtvisionen können auch unabhängig von Nahtod-Erfahrungen auftreten. (Bild: sdecoret/fotolia.com)

Was sagt die Neurobiologie?

Der Neurologe Dr. Birk Engmann aus Leipzig, sagt eindeutig: „Solche Erlebnisse gibt es nicht nur nach einem überstandenen klinischen Tod, sondern auch im Alltag, bei Krankheiten wie Epilepsie oder wenn jemand Drogen missbraucht. Im Gehirn können also verschiedene Dinge die gleichen Reaktionen auslösen. Ich hatte einen Klienten, der über Lichtvisionen sprach und meinte, eine Nahtod-Erfahrung gehabt zu haben. Es stellte sich heraus, dass er niemals in seinem Leben klinisch tot gewesen war.“

Der Begriff ist, laut Engmann, im allgemeinen Sprachgebrauch falsch: „Von Nahtod spricht man, wenn jemand einen klinischen Tod überlebt hat. Es ist nicht genau geklärt, was speziell im klinischen Tod diese Erscheinungen hervorruft. Man kann Nahtod-Phänomene nicht genau in dem Moment untersuchen, während sie wahrscheinlich auftreten, also beim gerade eingetretenen Hirntod.“

Der Neurologe erklärt: „Wenn jemand klinisch tot ist, also das Herz stillsteht, dann zirkuliert kein Blut mehr durch den Körper. Deswegen werden alle Organe nicht mehr mit genügend Sauerstoff und Nährstoffen, vor allem Zucker, versorgt. Das Gehirn kann nur zirka fünf Minuten ohne Sauerstoff auskommen, danach sterben Nervenzellen ab. Dann kommt es zu unumkehrbaren Schäden und schließlich zum Hirntod. Wenn beim Nahtod das Gehirn zu wenig Sauerstoff bekommt, dann kann es nicht mehr richtig funktionieren: Signale werden nicht mehr richtig übertragen.“

Was sagt das aber über die Erlebnisse aus, die die Betroffenen in schillernden Farben erzählen. Engmann erklärt: „So können beispielsweise Lichtvisionen im Hinterhauptslappen entstehen, der visuellen Input verarbeitet, obwohl gar kein Licht da ist. Außerkörperliche Erfahrungen wiederum dürften im Bereich des Scheitel- und Schläfenlappens entstehen, denn diese Hirnregionen sind wichtig für das Selbsterleben des eigenen Körpers und seiner Verortung im Raum. Das hört aber auf, wenn man den Nahtod überstanden hat und wieder genügend Sauerstoff im Gehirn ankommt.“

Der Neurologe Prof. Dr. Dr. Wilfried Kuhn aus Schweinfurt kennzeichnet NTEs durch sieben Kennzeichen: Bewusstsein in Todesnähe, Erfahrung, Tunnelphänomen, Lebensrückschau, außersinnliche Wahrnehmungen, spirituelle Transformation, Unterschied zu Halluzinationen.

Birk Engmann ist sicher: Nahtoderlebnisse sind neurobiologisch zu erklären und geben keinen Hinweis auf ein Leben nach dem Tod. (Dr. Utz Anhalt)