Narkose – Geschichte, Methoden und Risiken

Dr. Utz Anhalt

Opium und Äther: Die Entwicklung der Anästhesie

Anaisthìsía bedeutete im Altgriechischen Betäubung im Wortsinn, nämlich einen Zustand herbei zu führen, in dem ein Mensch taub ist, also an einer bestimmten Stelle seines Körpers keine Schmerzen empfindet. Es konnte aber auch bedeuten, seelisch taub zu werden, also dem Stumpfsinn zu verfallen. Diesen Zustand löste ausdrücklich ein Mensch an einem anderen Menschen aus, und zwar mit Absicht.

Diverse Mittel, um Schmerzen von Kranken zu lindern, sind seit dem Altertum und weltweit überliefert. Die Kulturen im Andenraum nutzten dazu lange v. Chr. die Blätter des Kokastrauches, allerdings wissen wir nicht, ob in der Inka Medizin die umfangreichen Schädeloperationen ebenfalls unter Coca-Betäubung durchgeführt wurden.

Quacksalber und Scharlatane

In Europa diente bis weit in das Mittelalter vor allem Alkohol dazu, das Leiden erträglicher zu machen, aber auch Opium diente diesem Zweck in diversen Varianten; die Menschen aßen es, mischten es mit Wein oder rauchten es. Die von Jahrmarkt zu Jahrmarkt ziehenden Quacksalber verdienten sich mit diesem „Theriak“ bisweilen eine goldene Nase.

In früheren Zeiten nutzen die Menschen unter anderem Opium, um Schmerzen zu lindern. (Bild: Miroslav Beneda/fotolia.com)

Sie betrogen die Kranken, indem sie ihnen ihre „Wundermedizin“ gaben, die nicht die Ursache ders Leidens beseitigte, aber die Betroffenen kurzfristig von den Schmerzen befreite und in einen Glückszustand versetzte. Klang dieser ab, und kehrten die Schmerzen wieder, war der Scharlatan längst über alle Berge.

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Zauberpflanzen

Die Volksmedizin kannte diverse „magische Pflanzen“, um die Sorgen zu vergessen und Hunger wie Schmerz zu betäuben. Je besser allerdings die Wirkung, umso größer war die Gefahr: Herzstillstand, Psychosen, Schockzustände und „Horrortrips“ ließen sich kaum vermeiden, und die „besten“ Mittel der süßen Träume führten schnell in den ewigen Schlaf.

Tollkirsche und Bilsenkraut, Schierling und Stechapfel waren nur einige der Mittel aus der Volksapotheke, die stark paralysierten und Halluzinationen erzeugten. Eine These lautet sogar, dass das deutsche Reinheitsgebot den Zweck hatte, den „Bilsen“ aus dem Bier zu entfernen, denn, ähnlich wie noch heute beim Absinth, verstärkten die Menschen die Wirkung des Alkohols in Wein und Bier mit Bilsenkraut und noch gefährlicheren Substanzen.

Bis in die Neuzeit verwendeten die Ärzte natürliche Substanzen, um Schmerzen zu lindern: Opium, Alkohol, Cannabis oder Kokain. Hypnose war seit der Antike bekannt, ebenso nutzten Mediziner auf der ganzen Welt Techniken, die keine chemischen Mittel voraus setzten: Kälte, Druck oder Aderlass. Auch Akupunktur erwies sich als erfolgreich, nicht wegen vermeintlichen „Akupunkturpunkten“ im Körper, sondern weil der Schmerz in der angestochenen Stelle den großen Schmerz umleitete.

Akupunktur wurde angewandt, um die eigentlichen Schmerzen „umzuleiten“. (Bild: Africa Studio/fotolia.com)

Am Anfang stand ein Fisch

Narkose leitet sich ebenfalls aus dem Griechischen ab, nárkì bezeichnete den Zitterrochen, der elektrische Ladungen ausstößt. Narkáo bedeutete betäuben und bezeichnete die Handlung, mit der die Zitterrochen Lebewesen lähmten.

Die Griechen kannten Elektrizität, und sie wussten um die Stromschläge elektrischer Fische. Die alten Ägypter kannten zuvor ebenfalls den elektrischen Strom des Zitterwelses, der im Nil lebt. Das Wort nár als Stamm von nárki übernahmen die Griechen von den Ägyptern.

Vermutlich machten die Ägypter eigene Erfahrungen, wenn sie den Zitterwels (Malapterus electricus) anfassten. Der Raubfisch wird circa sechzig Zentimeter lang und kann bis zu 30 Stromschläge in einer Stärke bis zu 100 Volt abgeben. Für eine Lähmung von Menschen reichen diese nicht aus. Schmerz lokal zu betäuben wäre möglich, wenn der Fisch direkt aus dem Wasser genommen und unmittelbar auf die entsprechende Körperstelle gelegt wird.

Der Zitterrochen lebt im Mittelmeer, und seine Stromstöße erreichen bis zu 200 Volt. Die Griechen nutzten ihn vermutlich, um Kranke vor Operationen örtlich zu betäuben, belegt ist das aber nicht.

Akupunktur als Narkose?

Die chinesische Medizin setzte bereits vor 4000 Jahren Akupunktur ein, also in einer Zeit des Dämonenglaubens. In der Akupunktur reizen die Ärzte angenommene Hauptbahnen im Körper mit Nadeln, um die gedachte Lebenskraft Chi zu steuern. Wesentlich ist dafür das Metall der Nadeln, nämlich Gold oder Silber, und die Richtung, in der sie gedreht werden. In der Antike hatte das Stechen mit der Nadel den Zweck, den Dämon aus dem Körper zu treiben.

In der Neuzeit diente Akupunktur als Narkose-Ersatz. Das hat mit der chinesischen Tradition vermutlich nichts zu tun.

Schlafschwamm und Schierlingsdampf

Die frühen Christen verboten es, Schmerzen zu betäuben, da Gott wolle, dass die Betroffenen leiden. Doch in der Praxis nutzten Ärzte im Früh- und Hochmittelalter verschiedene Techniken, um Schmerzen zu betäuben.

Sie drückten zum Beispiel auf die Blutgefäße des Halses, bis die Patienten das Bewusstsein verloren oder schnürten Nerven ab. Der verbreitete Aderlass konnte ebenfalls zur Narkose dienen, wenn die Betroffenen durch den Blutverlust bewusstlos wurden.

Im Früh- und Hochmittelalter wurde zum Beispiel der hoch giftige Schierling zur Betäubung eingesetzt. (Bild: Oleksandrum/fotolia.com)

880 ist aus Bamberg ein Schlafschwamm überliefert, und ein Kodex vom Monte Cassino aus der gleichen Zeit überliefert, woraus ein solcher Schwamm bestand. Der Arzt tauchte einen (Natur-)Schwamm in einen Sud aus Opium, Hyoscyamin, Maulbeersaft, Salat (?), Schierling, Mandragora und Efeu. Dann ließ er den Schwamm trocknen, befeuchtete ihn wieder und der Patient atmete die entstehenden Dämpfe ein.

1200 berichtete der Herzog von Lucca von seinem Schlaftrunk aus Opium, Schierling. Bilsenkraut und Alraune. Er tränkte damit einen Schwamm und nutzte ihn, um kleine Operationen durchzuführen. Damit die Betroffenen auch wieder aufwachten, hielt er ihnen ein Schwamm mit Weinessig unter die Nase.

Holzhammer und Opium

Meist banden die Ärzte die Patienten auf einem Stuhl fest, oder starke Männer fixierten sie mit Körperkraft. Oft genug benutzten sie auch die „Holzhammermethode“. Sie polsterten den Schädel der Patienten mit Wolle oder einem Helm, dann schlugen sie den Betroffenen so oft auf den Hinterkopf, bis dies das Bewusstsein verloren. Diese Form der Narkose führte oft zu einer Gehirnerschütterung mit Langzeitfolgen.

Arabische Mediziner drückten die Halsschlagader ab oder gaben den Patienten Opium. In die westliche Medizin sickerten diese Methoden nur bröckchenweise ein, obwohl die Kreuzfahrer sich nach Europa brachten.

Operationen am menschlichen Körper bedeuteten im Mittelalter für die Patienten Schmerzen, die wir uns kaum vorstellen können. Den besten Ruf hatten die Chirurgen, die am schnellsten arbeiteten, um die unvermeidbaren Schmerzen abzukürzen. Ärzte operierten nur im äußersten Notfall.

Der süße Schlaf

Seit der Antike sind Nachtschattengewächse als Narkotika bekannt. Die Alraune (Mandragora) galt sogar als Zauberpflanze. Wie Tollkirsche und Stechapfel wirkt auch die Wurzel der Alraune hochtoxisch, und die Kunst lag seit jeher in der Dosierung.

Im Mittelalter diente Wein mit Alraunenextrakten zur Narkose. Patienten tranken das Gemisch „vor dem Schneiden und Brennen, dem Stechen und Punktieren eines Gliedes, um die Empfindung und das Gefühl bei solchen außergewöhnlichen Praktiken auszulöschen.“

Paracelsus gilt als Begründer der modernen Medizin. Er prägte den Satz: „Allein die Dosis macht das Gift“. (Bild: tauav/fotolia.com)

Drogenfreund Paracelsus

Paracelsus (1493-1541), Arzt und Alchemist zugleich, entdeckte kurz vor seinem Tod die narkotisierende Wirkung des Äthers, den er als süßes Vitriol bezeichnete. Er beobachtete, dass Hühner das Vitriol aufpickten, einschliefen und ohne Schaden wieder aufwachten.

Paracelsus gilt als Begründer der modernen Medizin und brachte auf den Punkt, was vermutlich Heiler seit der Steinzeit aus Erfahrung wussten: „Dosis facit venenium“, „die Dosis macht das Gift“.

Er erläuterte: „Wenn ihr jedes Gift richtig erklären wollet, was ist denn kein Gift? Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift, nur die Dosis bewirkt, dass ein Ding kein Gift ist.“

Hätte Paracelsus gewusst, dass Opiate im Unterschied zu Alkohol in westlichen Ländern geächtet sind, hätte er sich vermutlich gewundert. Denn Opium nannte er „Laudanum“, das Lobenswerte.

Lachgas

Der englische Chemiker Joseph Priestley entdeckte 1772 das Stickoxidul, besser bekannt als Lachgas. Es euphorisiert die Konsumenten und bringt sie, wie der Name sagt, dazu, unkontrolliert zu lachen.

Seine Bedeutung für die Medizin blieb Jahrzehnte verborgen; das Lachgas verbreitete sich vorerst als Partydroge. Varietekünstler und Jahrmarktschreier setzten es ein, um die Zuschauer zu belustigen.

Der Bostoner Zahnarzt Horace Wells besuchte 1844 eine Show des Entertainers Gardner Quincy Colton und erkannte, dass das vom Lachgas berauschte Publikum keine Schmerzen empfand. Seine Erkenntnis stimmte, doch sein erster Versuch, das Gas zur Narkose einzusetzen, schlug fehl. 1845 wollte er seine Entdeckung der wissenschaftlichen Öffentlichkeit präsentieren und gab einem Patienten Lachgas. Doch der Betroffene schrie, die anwesenden Ärzte hielten Wells für einen Spinner, und der Zahnarzt nahm sich kurz danach das Leben.

Äther

Äther war zwar seit Paracelsus bekannt, doch erst 1845 unternahm ein Arzt eine chirugische Operation unter Äthernarkose. Robert Liston (1798-1847) amputierte einem derart betäubten Patienten in nur 28 Sekunden ein Bein. Amputationen bedeuteten zuvor grausame Schmerzen, und viele Patienten starben am Schock, den diese Schmerzen auslösten.

Der Zahnarzt William Morton lernte sein Handwerk beim unglücklichen Horace Wells. Zwei Jahre nach Wells öffentlicher Blamage ließ er einen Patienten Schwefeläther aus einem Glaskolben inhalieren und entfernte danach erfolgreich einen Tumor im linken Unterkiefer.

Damit war Äther als Narkotikum etabliert und wurde neben Chloroform das wichtigste Betäubungsmittel der Moderne.

Es unterbricht den Prozess, in dem das Gehirn die Schmerzinformation weiterleitet und hemmt außerdem die Reflexe der Muskeln, hilft also bei Operationen gleich doppelt. Das Mittel wirkt ähnlich wie Alkohol, jedoch viel schneller und effektiver.

Im 19. Jh. war Äther auch als Droge beliebt, denn die Blockade der Großhirnrinde dämmt die Selbstkritik und führt zu Euphorie. Diese vorüber gehende Hochstimmung kann zu einer psychischen Abhängigkeit führen. Äthersucht spielt heute in Deutschland aber keine Rolle mehr.

Ungefährlich ist das Betäubungsmittel nicht. Auf die Narkose folgt, ähnlich wie bei Alkohol ein „Kater“, verbunden mit Übelkeit und Erbrechen. Äther zu trinken, kann eine Gastritis auslösen. Auch deshalb setzten Mediziner heute andere Narkotika ein, die weniger Nebenwirkungen verursachen.

Justus Liebig entdeckte Mitte des 19. Jahrhunderts das Chloroform. Das Betäubungsmittel erlangte einen hohen Bekanntheitsgrad, nachdem es im Jahr 1853 Königin Victoria von England während einer Geburt erhalten hatte. (Bild: Zerbor/fotolia.com)

Chloroform

Justus Liebig entdeckte 1831 das Chloroform. Der Frauenarzt James Young Simpson testete es 1847 am eigenen Leib und setzte es kurz darauf ein, während er dem Kind einer Schwangeren in die Welt half. Das Baby taufte die Mutter „Anästhesia“. Der amerikanische Arzt Oliver Wendell Holmes (1809-1894) bezeichnete dann mit Anästhesie die Methode, und seitdem hat sich der Begriff gehalten.

Zum Durchbruch kam Chloroform endgültig, als Queen Victoria von England es 1853 bei der Geburt ihres Sohnes Leopold einnahm. Ihr Arzt, John Snow, wurde der erste hauptberufliche Anästhesist.

Chloroform und Äther waren keineswegs ungefährlich. Besonders alte und schwache Patienten spielten russisches Roulette, wenn sie sich unter Narkose durch diese Mittel operieren ließen. Bei schweren Operationen starben bis zu 90 % aller Patienten an den Narkotika.

Der erste Anästhesist: Gott

Christliche Fundamentalisten hielten die Anästhesie bei der Geburt für Gotteslästerung und beriefen sich auf die Vertreibung aus dem Paradies. Dort sagt Gott zu Eva: „Ich will dir viel Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit Schmerzen Kinder gebären.“

Kluge Ärzte beriefen sich jedoch ebenfalls auf die Bibel. Denn die enthält die erste überlieferte Narkose der Menschheit durch Gott persönlich. Die Genesis II, 21 berichtet über die Erschaffung Evas: „Und da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf auf den Menschen (Adam) fallen, so dass er einschlief, nahm ihm eine seiner Rippen und verschloss darüber das Fleisch.“

Wer die Bibel nicht wörtlich, sondern als historische Quelle nimmt, erkennt in diesem Zitat, dass die antiken Chronisten des Nahen Ostens den Vorgang der Narkose kannten, nämlich jemanden bewusst in „Schlaf zu versetzen“, um eine Operation am Körper durchzuführen.

Lokale Anästhesie

Die Risiken waren enorm, und viele Patienten brauchten keine Vollnarkose. Die Ärzte kannten seit langem auch lokale Betäubung bei kleineren Eingriffen, zum Beispiel durch Eiswürfel.

Eine Perspektive bot Kokain. Siegmund Freud nahm es ein, und sein Freund Carl Koller, ein Augenarzt aus Wien, nutzte es erfolgreich, um die Hornhaut eines Patienten zu betäuben. Ein New Yorker Neurologe, James Leonard Cocain, experimentierte mit Kokain am Rückenmark von Hunden und erfand die Spinalanästhesie. Der Chirurg Karl August Bier (1861-1846) schließlich spritzte Kokainlösungen in den Rückenmarkskanal ein und prägte so die Lumbalanästhesie.

Durch die Entwicklung der Anästhesie können heute Operationen durchgeführt werden, die noch vor hundert Jahren nicht denkbar gewesen wären. (Bild: Herjua/fotolia.com)

Moderne Anästhesie

1904 erfolgte die erste Operation am offenen Brustkorb, ohne dass der Patient aufhörte, zu atmen. Franz Kuhn entdeckte die Überdruckbeatmung.

1932 verwendete Helmut Weese Evipan. Diese „Schlafspritze“ ließ die Patienten die Angst vor der Narkose vergessen. Ab 1950 schließlich setzten Ärzte diverse neue Anästhetika ein, die sich besser dosieren lassen, gezielter wirken und deren Wirkungsdauer sich berechnen lässt: 1952 Morphin, 1956 Halothan, 1960 Fentanyl, 1966 Enfluran, später Sufentanil, Alfentanil und Atracurium.

Seit den 1960er Jahren gibt es in vielen deutschen Krankenhäuser eigene Anästhesieabteilungen, die eng mit der operativen Intensivmedizin zusammen arbeiten. Anästhesisten gehören untrennbar zur Notfallmedizin, und Chirugen können heute dank Narkose Operationen durchführen, die vor hundert Jahren unmöglich gewesen wären.

Heutige Narkosemittel sind sehr sicher; jede Operation birgt Risiken, doch selbst Patienten mit schweren, lebensbedrohlichen körperlichen Leiden haben nur noch ein Risiko von 5,5 pro 10 000 Anästhesien. (Dr. Utz Anhalt)

Literatur:
Kretz, Schäffer: Anästhesie Notfallmedizin Schmerztherapie, Springer 2008
Striebel: Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin für Studium und Ausbildung, Schattauer 2013