Pilze in der Kultur: Verwendung, Wirkung und Bedeutung für den Menschen

Dr. Utz Anhalt
Pilze und Menschen: Mythologie und Mykologie
Pilze sind keine Tiere und auch keine Pflanzen, sondern ganz eigenartige Lebewesen. Viele Pilze enthalten Gifte, die Menschen töten können, andere verändern die Sinne. In vielen Kulturen galten sie deshalb als Träger geheimnisvoller Kräfte; sie waren Zutaten für Zauber, und Schamanen nutzten sie, um in die „andere Wirklichkeit“ einzutreten.

„Seind weder Kräuter noch Wurzeln, weder Blumen noch Samen, sondern nichts anders dann ein oberflüssige feuchtigkeit des Erdtrichs, der Bäume, der Hölzer und fauler ding, darumb sie auch eine kleine zeit wären, dann in sibentagen wachsen sie, unnd vergehen auch, sonderlich aber kriechen sie herfür wann es dondert.“ Adam Lonitzer (1538-1586)

Historische Annahmen über Pilze

Bereits in der Antike trennte der griechische Arzt Dioscurides essbare von giftigen Pilzen. Er vermutete, die Genießbarkeit hinge vom Standort ab. So seien Pilze giftig, die an Bäumen mit giftigen Früchten wüchsen oder in der Nähe von Schlangenhöhlen, auf rostigem Eisen oder faulender Kleidung. Allerdings könnte auch der übermäßige Verzehr von essbaren Pilzen Magenbeschwerden auslösen.

Lange Zeit bestand die Annahme, dass Pilze, die von Tieren gegessen werden, auch für den Menschen keine Gefahr darstellen. Ein gefährlicher Irrtum, wie sich am Beispiel des Eichhörnchens zeigt. Dieses frisst Pilze, die für uns giftig sind. (Bild: geertweggen/fotolia.com)

Lange hielt sich der Glaube, dass Pilze, die Tiere essen, auch für Menschen genießbar seien. Fälschlich gingen unsere Vorfahren davon aus, dass Menschen alles verzehren könnten, was andere Tiere essen.

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Miasmen sollten in der frühen Neuzeit das Entstehen von Pilzen erklären, also Ausdünstungen der Erde ebenso wie Fäulnis im Boden. Viele Wissenschaftler glaubten an eine spontane Entstehung, weil die Sporen vor der Erfindung des Mikroskops unsichtbar waren.

Hexenringe

Ihre Andersartigkeit rückte Pilze von jeher in die Welt der Geister und Dämonen, der Teufel und Hexen. Ihre seltsamen Formen brachten die Menschen in Verbindung mit Elfen und Gnomen, Zwergen und Feen.

So genannte Hexenringe bezeichnen Gruppen von Pilzfruchtkörpern, die in Kreisen wachsen. Das Schwammgewebe braucht die Nährstoffe auf und muss sich in Ringen ausbreiten, um weitere Nährstoffe zu beziehen, während das alte Gewebe abstirbt. So können symmetrisch geformte Ringe entstehen, die keine unterirdischen Ausläufer mehr nach innen haben.

In Hexenprozessen der frühen Neuzeit sahen die Hexenverfolger hier die Spuren eines Hexentanzes beim nächtlichen Hexensabbat. Auch Schlangen, die im Kreis krochen oder Hexen, die auf Fohlen im Kreis ritten, galten als Urheber. Oder Rauch aus der Unterwelt würde auf die Erde kommen und sich ringförmig ablagern. Oder aber der Teufel sollte hier Butter in einem Fass herstellen.

Ein anderer Begriff für die „Hexenringe“ lautete „Elfenhof“, weil die Menschen glaubten, dass sich an diesen Stellen in der Nacht der Hofstaat des Elfenkönigs zum Fest versammelte, und die Pilze als Sitzplätze nutzten.

In Deutschland munkelte man, diese Ringe würden in der Walpurgisnacht wachsen, wenn sich die Hexen zum Tanz versammelten, in Holland schuf der Teufel sie – deshalb sollte die Milch einer Kuh verderben, die an dieser Stelle graste. In Frankreich lebten innerhalb dieser Hexenringe Kröten mit großen Augen. Die Assoziation zwischen Kröten und Pilzen liegt vermutlich daran, dass beide Feuchtigkeit und Dämmerlicht lieben und beide über Gifte verfügen.

In einem Hexenring sollte Zaubermacht entstehen. Diese konnte entweder Glück oder Unglück bringen. So durften sich junge Mädchen nicht mit Tau aus dem Inneren eines Hexenringes benetzen, da die dort lebenden Feen und Elfen eifersüchtig auf ihre Schönheit seien, und den Tau nutzten, um die menschlichen Frauen zu verunstalten.

Morcheln und Trüffeln galten als potenzfördernd. (Bild: Robert Schneider/fotolia.com)

Faltenhaut und Erdpenis

Die Schlesier glaubten, der Teufel habe eine alte Frau gepackt und in Stücke gerissen. Aus diesen Körperteilen seien die Morcheln gewachsen, deren Struktur einer „faltigen Haut“ ähnelt. In manchen Teilen Deutschlands dachten die Menschen hingegen, die Morcheln wüchsen an den Brunftplätzen der Hirsche: Ihre Form erinnerte vermutlich an einen erigierten Penis, und ihr Geruch (Stinkmorchel) an die ungewaschenen Genitalien eines Mannes. Als vermeintliches Potenzmittel war sie eine Zutat bei Liebestränken.

Auch der botanische Name spielte auf die Ähnlichkeit mit einem Penis an. Carl von Linné, der erste systematische Biologe, führte die lateinische Bezeichnung mit Gattungs- und Artnamen ein, die noch heute geläufig ist. Er nannte die Stinkmorchel „Phallus impudicus“.

Die unterirdischen Fruchtkörper der Trüffeln galten ebenfalls als potenzfördernd. Unsere Vorfahren assoziierten ihre Form mit den männlichen Hoden. Allerdings bilden Trüffeln tatsächlich Androsterone, also Sexuallockstoffe aus. Sie fördern also wirklich den Sexualtrieb.

Wachstum durch Geisterhand

Das Volk in der Steiermark glaubte, Geister würden das Pilzwachstum auslösen, die „Schwammazwergeln“. Diese Geister waren den Menschen wohl gesonnen, die nicht getauft waren, und darum fanden diese besonders viele Pilze.

Wer regelmäßig viele Pilze finden wollte, der sollte den ersten gefundenen Pilz hinter sich werfen, um die Waldgeister ruhig zu stimmen. Wer immer nur an sich dachte, dem würden sie dieses Geschenk nicht noch einmal machen.

Die Schwammuhr

Einen Grashalm, der etwas länger als ein Nagel des linken Daumens war, legten die Menschen sich mit Speichel auf den Fingernagel, und dann sollte der in die Richtung von reichen Pilzvorkommen weisen. Wischte man sich dann mit dem ersten gefundenen Pilz über die Augen, sollte man die Pilze besser entdecken können.

Götter und Heilige

Auf Pilzsuche ging man am besten nach einem Donner, und der beste Tag für die Pilze war der Donnerstag. Der germanische Gott Donar (Thor), von dem sich der Donnerstag ebenso ableitet wie der Donner, war der Gott der Bauern – im Unterschied zu Odin, dem Gott des Adels. Pilze sollten wachsen, wenn er seinen Hammer durch die Luft geschleudert hatte.

In christlicher Zeit galten der heilige Veit und der heilige Petrus als Pilzpatrone. Veit sollte in der Nacht auf den 15. Juni auf einem blinden Schimmel über die Welt reiten und „Pilzsamen“ aussäen.

Über Petrus kursierte folgende Geschichte: „Eines Tages kam er mit Jesus in ein Dorf, und eine Bäuerin schenkte beiden ein Brot. Petrus biss hinein, Jesus fragte ihn etwas, und Petrus antwortete mit vollem Mund, wobei er die Brotstücke ausspuckte. Damit diese noch einen Nutzen hatten, verwandelte Jesus sie in die ersten Pilze, genauer gesagt in Steinpilze. Bei einigen Brotstücken aber hatte Petrus geflucht, als er diese ausspuckte. Daraus entstanden die Giftpilze.“

Der Hallimasch wurde früher als wirksames Hausmittel bei Verstopfungen empfohlen. (Bild: Eileen Kumpf/fotolia.com)

Am Tag des Heiligen Petrus, dem 29. Juni zogen die Steirerinnen nach Graz und baten Petrus um Schwammerlsamen. Regnete es an diesem Tag viel, dann „regnete es Schwammerl“.

Bisweilen rückte der Volksmund Pilze indessen aus sehr weltlichen Gründen in die Nähe des Teufels und der Hölle. So diente der Hallimasch in Österreich als Abführmittel, und sein Name soll von „Höll im Arsch“ herrühren. Sicher belegt ist das freilich nicht.

Mykologie

Mykologie leitet sich vom altgriechischen Mykos gleich Pilz ab und bezeichnet die Wissenschaft von den Pilzen, also mit Schlauchpilzen, Ständerpilzen, Jochpilzen, Töpfchenpilzen und arbuskulären Mykorrhizapilzen.

Der Begriff besteht seit dem 18. Jh. Der Begründer der modernen Pilzforschung war der Ungar David Gruby, der den Hefepilz Candida albicans, den Hautpilz Trichophyton schoenleinii und den Schlauchpilz Ctenomyces metagraphytes entdeckte.

Die Plizforschung steht heute an einem ähnlichen Punkt wie die Zoologie Ende des 18. Jahrhunderts. Da nur ein Bruchteil aller Pilzarten untersucht ist, geht es erst einmal darum, die Pilzarten zu systematisieren. Dazu dient heute neben der Molekularbiologie auch die Analyse der DNA-Sequenzen.

Pilze als Pflanzenschädlinge

Pilzforscher beschäftigen sich in besonderem Ausmaß mit Pilzen, die Krankheiten bei Pflanzen auslösen, da dies eine enorme Bedeutung für die Landwirtschaft, Holzwirtschaft und Lebensmittelindustrie hat.

Müllbeseitigung

Ein weiterer Schwerpunkt der Forschung ist die Rolle von Pilzen als Abfallbeseitiger. Im natürlichen Kreislauf spielen Pilze eine zentrale Rolle, um Holz zu zersetzen. Sie sorgen so in weiten Teilen der Landfläche dafür, dass Menschen und Tiere diese überhaupt nutzen können.

Medizin

In der Medizin gehört die Pilzforschung zur Mikrobiologie und untersucht Pilzgifte wie Pilzinfektionen beim Menschen. Darunter fallen Krankheiten wie Fuß- und Nagelpilz, Candidosen oder Allergien gegen Schimmelpilze. Pilze produzieren aber auch Antibiotika gegen bakterielle Infektionen von Mensch und Tier.

Im Bereich der Medizin beschäftigt sich die Pilzforschung unter anderem mit Erkrankungen wie Nagelpilz. (Bild: toscana/fotolia.com)

Die industrielle Produktion von Penicillium-Pilzen liefert zum Beispiel solche Antibiotika, die Aspergillus-Pilze liefern Vitamin C und die Hefepilze B-Vitamine. Außerdem bauen manche Pilze Gifte ab.

Arbeitsfelder

Pilzwissenschaftler sind für folgende Bereiche von Bedeutung:

1) Recycling. Pilze helfen dabei, Industriestoffe zu „verwandeln“ und aus dem Material neue Produkte herzustellen. Oder sie wandeln Holzabfall in Kompost um.

2) Pilzforscher arbeiten in der Biotechnologie, sei es, dass sie Pflanzen mit Pilzen „impfen“ und so zu einem besseren Wachstum sorgen oder dass sie untersuchen, wie Pilze in der Medizin und Technik einsetzbar sind.

3) Pilze spielen eine große Reihe im biologischen Pflanzenschutz, da viele von ihnen Krankheitserreger und Schädlinge bei Pflanzen vertreiben wie abtöten.

4) Pilzforscher arbeiten häufig als offizielle Berater. Im Unterschied zu Laien, die Pilze sammeln, können sie auch Doppelgängerarten sicher unterscheiden und verhindern dadurch, dass sich Menschen Pilzvergiftungen zuziehen, die tödliche enden können.

5) Die Pilz-Experten sind zunehmend in der Zucht tätig. Neben der etablierten Kultivierung von Champignons oder Shiitakepilzen versuchen sie, weitere Pilzarten industriell zu züchten.

6) Ein neues Feld ist die Holzveredelung durch Pilze.

Die Geschichte der Pilzforschung

Unsere Vorfahren nutzten Pilze bereits in der Steinzeit zur Heilung als Nahrung und als Rauschmittel. Theophrastos von Eresos (371-288 v. Chr.) machte sich als erster daran, diese wissenschaftlich zu klassifizieren. Er sah sie als primitive Pflanzen an.

Plinius, der Ältere (23-79 n. Chr) unterteilte die Pilze in fungus, den Hutpilz, agaricum, den Lärchenpilz, suillus, den Steinpilz, tuber, die Trüffel und boletus, den Kaiserling. Zur gleichen Zeit differenzierte der Grieche Pedanios Pilze nach ihrem Standort in oberirdische Hutpilze, unterirdische Trüffeln und Porlinge an den Bäumen.

Der Grieche Pedanios grenzte Porlinge an den Bäumen von Hutpilzen und unterirdischen Trüffeln ab. (Bild: Martin Debus/fotolia.com)

Ärzte des frühen Mittelalters assoziierten Pilze mit den ebenfalls schwammigen Moosen und nannten sie „mussiriones“ vom lateinischen Wort „muscus“, für Moos. Daraus leitete sich das französische „mocheron“, das angelsächsische „muscheron“ und der heutige englische „mushroom“ ab.

Albertus Magnus (1193-1280) riet dringend davon ab, Pilze zu essen, das diese aus Fäulnis entstünden. Er sah sie als eine Art verkrüppelte Pflanzen an, denen Blätter und Zweige fehlten.

Die frühe Neuzeit

Pietro Andrea Mattioli (1501-1577) wich von der Vorstellung ab, dass Pilze spontan entstünden oder gar „aus sich selbst heraus“, sondern vermutete richtig, dass der Sporenstaub der Pilze so etwas wie Samen enthielte.

Joseph Pitton de Tournefort (1656-1708) beschrieb Pilze richtig als Auslöser für Krankheiten bei Pflanzen. Carl von Linné (1707-1778) schließlich stellte sie in eine Klasse mit Farnen, Moosen und Algen.

Pilzforschung heute

Die technischen Möglichkeiten der Pilzforschung zeigten im Umbruch zum 21. Jahrhundert mit Mikrobiologie, Genetik und Molekularbiologie, dass wir über Pilze verschwindend wenig wissen. In die Zukunft weisen die arbuskulären Mykorrhizapilze, die für 90 % aller Pflanzenarten das Wohlbefinden und Wachstum ermöglichen.

Sie können eine zentrale Rolle in zukünftigen Naturschutz- und Landwirtschaftsmodellen spielen, und heute laufen bereits Versuche, Nutzpflanzen mit solchen Pilzen „aufzurüsten“, um in Wüstenregionen der Sahelzone Landwirtschaft zu ermöglichen. (Dr. Utz Anhalt)

Literatur
H. Dörfelt (Hg.): Lexikon der Mykologie. Stuttgart, New York 1989
E. Müller, W. Loeffler: Mykologie, Grundriss für Naturwissenschaftler und Mediziner. Stuttgart, New York 1992
Georg Schön: Pilze – Lebewesen zwischen Pflanze und Tier. München 2005
H.O. Schwantes: Biologie der Pilze. Stuttgart 1996