Teuflische Vergiftungen

Mutterkorn führt zu Vergiftungen, die mit schweren Wahnzuständen einhergehen können. (Bild: Martina Berg/fotolia.com)
Fabian Peters

Vergiftung durch Mutterkornrückstände im Brot

Der Teufel steckte für die Menschen im Mittelalter hinter vielerlei Unglück. Verhalten, das sich als psychische Störung erklärt wie Schizophrenie, galt als Besessenheit durch Dämonen.

Vergiftete Satan das Essen? Eine Fäulnis suchte die Menschen in Xanten 857 n. Chr. heim. In Veitstänzen brachen Menschen in Krämpfen zusammen. Das St. Antoniusfeuer, auch Kribbelkrankheit genannt, beginnt mit Durchblutungsstörungen. Gliedmaßen sterben ab, Schreckensbilder plagen die Betroffenen. Der Antoniter-Orden behandelte die Erkrankten in 370 Hospizen, im 15. Jahrhundert bis zu 3000 Menschen. Antonius (gest. 356) gewann seine Heiligkeit, weil er in der Einsamkeit Höllenvisionen ausgesetzt war und galt darum als Schutzpatron der von Alptraumbildern geplagten. Seine Glaubenskraft ließ den Heiligen die Versuchungen Satans bezwingen. Psychologisch betrachtet setzte er sich mit Projektionen seines Unbewussten auseinander. Die zu reflektieren kann einen Heilungsprozess auslösen.

Mutterkorn führt zu Vergiftungen, die mit schweren Wahnzuständen einhergehen können. (Bild: Martina Berg/fotolia.com)
Mutterkorn führt zu Vergiftungen, die mit schweren Wahnzuständen einhergehen können. (Bild: Martina Berg/fotolia.com)

Schlauchpilz Ursache von Wahnzuständen

Die Wellen der Hexenverfolgung gingen teilweise mit Wahnzuständen einher, in denen Menschen glaubten, verhext worden zu sein, nach Schuldigen suchten und diese in den vermeintlichen Hexen fanden, die unter der Folter einen Pakt mit dem Teufel gestanden und den Tod auf dem Scheiterhaufen erlitten. Eine Welle von Hexenprozessen fällt in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts. Diese Phase ist als kleine Eiszeit bekannt. Die Temperatur sank. Eine solche Abkühlung bietet hervorragende Bedingungen für das Mutterkorn, Claviceps purpurea, einen Schlauchpilz, der als Parasit Roggen, anderes Getreide und Gras befällt. Die Symptome, Ergotismus, Krämpfe und Lähmungen folgen auf das Essen von Getreide, das der Pilz verseucht. Halluzinationen zählen zu den Begleiterscheinungen, ähneln den Horrorbildern des Hexenwahns. Massenepidemien des Mittelalters lassen sich mit Mutterkorn erklären. Brot, aus vergiftetem Mehl gebacken, Claviceps im Stroh und Heu, der Schlafstätte und dem Viehstall – der Giftpilz gehörte zum Alltag. Wie Heroin entfaltet der Pilz seine Wirkung durch Inhalieren. Mähen und Dreschen verteilten den Parasiten, die Dörfler atmeten Claviceps ein. Agrarhistoriker gehen davon aus, dass ein Drittel des Getreides von Mutterkorn befallen war.

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Dauerrausch durch vergiftetes Brot?

Gegen die Theorie spricht, dass mythische Vorstellungen sich nicht aus klimatischen Bedingungen ableiten lassen. Die Menschen glaubten nicht an Gott oder den Teufel, weil sie eine Pilzvergiftung erlitten. Die Umstände, unter denen Angst in Hysterie umschlägt, könnten durch Mutterkorn beeinflusst sein. Der Literaturhistoriker Piero Camporesi sieht die einfachen Menschen der frühen Neuzeit in einem Dauerrausch durch vergiftetes Brot. Eine ständige Zufuhr von Mutterkorn in kleinen Dosen führt zu einer Psychose, die den Fantasien des Hexenwahns entspricht, denn die Höllenvisionen der Teufelsgläubigen und der Horrortrip bei LSD ähneln sich nicht nur; LSD wurde aus dem Pilz entwickelt.

Hexenhysterie infolge der Mutterkorn-Vergiftungen

Die Psychologin Linda Carporael vermutet Mutterkorn hinter der Hexenhysterie und untersuchte die Hexenprozesse in Salem, Massachusetts 1692. Acht Mädchen erzählten damals, sie seien Tiere und Monster. Sie bezichtigten Einheimische, sie verhext zu haben. Neunzehn der Denunzierten erlitten die Todesstrafe. Dann hörten die Symptome auf. Carporael erklärte das Klima zur Zeit des Hexenprozesses als ideal für die Verbreitung des Pilzes. Roggen, sein Hauptwirt, war das wichtigste Getreide in Neuengland. Die Mädchen spielten im Winter verrückt, nachdem die Bauern das Korn gedroschen hatten.

Wie der Pilzwahn sich auswirkt, zeigte ein Fall 1951 in Pont-Saint-Esprit in Frankreich. 200 Einwohner vergifteten sich an verseuchtem Mehl; mehrere dutzend mussten in die Psychiatrie. Sie sahen Tiger und Schlangen angreifen. Ein Junge würgte seine Mutter, eine Frau sprang aus dem Fenster, weil sie glaubte, zu fliegen. Ein Priester exorzierte die Bäckerei. Der Ergotismus erklärt nicht den Hexenglauben, er könnte aber ein Brandbeschleuniger gewesen sein für Massenpsychosen, die mit dem Hexenwahn einhergingen. (Dr. Utz Anhalt)