Wandelnde Tote in der Kulturgeschichte

Dr. Utz Anhalt
Auch bei den Zombies der Realgeschichte kann es sich sowohl um einen auferstandenen Toten wie auch um einen seelisch Toten handeln, also um einen Menschen, der zwar biologisch am Leben ist, psychisch jedoch zerstört, um einen Menschen ohne Selbst, um einen Automaten für Andere. In jedem Fall fehlt diesen körperlichen Zombies der freie Wille oder auch das individuelle Motiv des Vampirs. Das gilt auch für den Zombie des Films und der Literatur. Interessanterweise ähneln die Zombies der frühen Filme den Vorstellungen in Haiti am meisten.

Zombies mit Bezug zum haitianischen Glauben

„White Zombie“ von 1932 mit Bela Lugosi zeigt die Zombies als unterwürfige Instrumente ihres Herrn, eines uralten Magiers, der die seelenlosen Körper seiner Feinde der Jahrhunderte versklavt. Gedreht im Stil der frühen Vampirfilme, setzt der Film sich doch ernsthaft mit dem Thema auseinander. Zombies werden geschaffen, indem Schwarzmagier die Leichname entwenden, nicht die Anhänger des Voodoo selbst sind diese Nekromanten, sondern fürchten deren üble Taten. Der Zombie wird im Vergleich zum Vampir des Schwarz-Weiß-Films eine eigenständige Figur. Die schöne weiße Frau wird durch den Schwarzmagier in Körper und Seele getrennt. Er macht ihrem Verehrer das Angebot, dass dieser ihren Körper behalten darf; die Seele beherrscht der Nekromant. Interessant daran ist, dass der Film, ob bewusst oder nicht, an die tradierten Elemente des Voodoo anknüpft. Beide Zombies sind in der Figur erhalten, die körperlose Seele und der seelenlose Körper. Und dem Bokor wird im Voodoo tatsächlich die Macht zugesprochen, sich der Seele oder des Körpers zu bemächtigen, aber eben nicht beidem in einem.

Auch die moderne Vorstellung von Zombies lässt Zusammenhänge mit dem haitianischen Glauben erkennen. (Bild: Elisanth/fotolia.com)
Auch die moderne Vorstellung von Zombies lässt Zusammenhänge mit dem haitianischen Glauben erkennen. (Bild: Elisanth/fotolia.com)

Jacques Tourneurs „I walked with a Zombie“ von 1943 bezieht sich ebenfalls direkt auf den Glauben der Haitianer. Erst 1974 wurde er im deutschen Fernsehen gezeigt. Hier ist der Zombie ein Opfer; Betsy, die weiße Braut eines Plantagenbesitzers auf einer Karibikinsel trifft auf Jessica Holland, eine Verwandte ihres Bräutigams, die sich im Zustand geistiger Apathie befindet. Das Hausmädchen Alma erklärt, dass ein Voodoo-Priester ähnliche Fälle heilen könnte. Sie nehmen an einem Ritual in einem Houmfort teil. Doch die Haitianer prüfen mit einem Schwert, ob Jessica ein Zombie ist und beurteilen ihre Lage als nicht heilbar, denn die Betroffene blutet nicht. Paul Hollands Mutter Mrs Rand hat Jessica mit Voodoo-Praktiken in einen Zombie verwandelt, weil Jessica Paul mit seinem Bruder Wesley untreu geworden war. Wesley tötet Jessica und geht mit seiner toten Geliebten in das Meer. Das Thema ist, ob es sich um eine natürliche Krankheit oder ein übernatürliches Phänomen handelt, gerade diese Diskussion über psychische Grenzzustände war in den USA damals populär. Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit, die im American Weekly Magazine besprochen wurde. Valton Lewton, der Produzent, nahm diesen Artikel zum Anlass, Voodoo-Praktiken in Haiti zu recherchieren, und den Zusammenhang zwischen realen Erkrankungen und spirituellen Heilmethoden in eine Storyline umzusetzen.

Die Geschichte lebt nicht vom Splatter, sondern von der bedrückenden Stimmung und der Angst, selbst zu einem solchen Opfer gemacht werden zu können, von einer düsteren Ästhetik und der verunsichernden Vorahnung, dass es neben der materiellen Welt eine andere Welt geben könnte. Jessica wirkt wie eine Schamanin, die nur noch mit einem Bein in der uns bekannten Wirklichkeit existiert, während ihr anderes Ich einen neuen Raum erschlossen hat. Diese frühe Annäherung an die wirklichen Hintergründe der Zombiefigur liegt auch an der Besetzung Haitis durch die USA von 1915 bis 1934. Ähnlich wie der Vampirglaube zu Stokers Zeiten in Osteuropa lebendig war, glaubten die Haitianer an die wandelnden Toten und Filmemacher fanden ein Motiv, mit dem sie in „I walked with a Zombie“ außergewöhnlich respektvoll umgingen. Im Unterschied auch zu heutigen Klischees über den Voodoo fehlen die kulturellen und rassistischen Abwertungen. Die Täterin ist eine weiße Plantagenbesitzerin, kein Schreckbild vom schwarzen Mann; die Zombies sind Opfer und der Voodoo selbst zeigt Möglichkeiten, sie zu heilen – wie in Wirklichkeit. Erst 1988 kehren diese an den karibischen Ursprüngen orientierten Zombies mit Wes Craven wieder auf die Leinwand zurück. „Die Schlange im Regenbogen“ spielt in Haiti, wo ein amerikanischer Anthropologe den Vaudou erforscht.

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Der moderne Zombiefilm

Der moderne Zombiefilm orientierte sich aber nicht an Haiti und auch nicht an diesen frühen Glanzlichtern, sondern an George Romeros „Night of the Living Dead“ von 1964. Hier erst werden die lebenden Toten zu geistlosen Wesen, die von Mordlust und Hunger auf Menschenfleisch getrieben sind. Hier erst wird der Zombie zum Kannibalen. Die Vorstellung, dass die wandelnden Toten Menschenfleisch fressen hat ihre Wurzeln in den arabischen Erzählungen über Ghule, nicht im Voodoo. Romeros Tote wandeln durch die USA. Und der Film nimmt explizit die amerikanische Gesellschaft ins Visier.

In „Night of the living dead“ führt Romero den Weißen als Zombie ein. Gleich zu Beginn attackiert ein steifer, puppenhaft wirkender Mann zwei Geschwister auf einem Friedhof an. Die Schwester flieht in ein Farmhaus, außer ihr haben sich fünf andere dort versteckt. Zu ihnen stößt der Schwarze Ben. Der hat ähnlich merkwürdige Figuren getroffen; die Untoten attackieren das Haus. Harry Cooper, ebenfalls im Haus streitet sich mit Ben. Der Feigling will sich verstecken, während der Schwarze versucht, die anderen zu retten. Harry denkt nur an sich. Im Rundfunk erfahren die Eingeschlossenen, dass die Toten aufgestanden sind und die Lebenden fressen und nur durch die Zerstörung des Gehirns endgültig sterben. Ben versucht mit Tom und Judy zu fliehen, Judy und Tom sterben, er flieht zurück in das Haus. Der Feigling Harry und Ben werden handgreiflich, und Ben schießt auf ihn. Im Keller frisst Harrys in einen Zombie verwandelte Tochter ihn auf. Der Zombie killt die Mutter mit einer Maurerkelle. Der Schwarze schießt den Zombies in den Kopf und bleibt allein im Haus.

Ein Zombielynchmob, eine reaktionäre Bürgerwehr, hat sich inzwischen in Bewegung gesetzt. Ben zeigt sich am Fenster und wird erschossen. Der Lynchmob, der loszieht, um die Zombies zu vernichten, ist ebenso entsetzlich wie die Zombies selbst. Die rassistische Gesellschaft selbst zeigt sich als Monster. Die einzige positive Identifikationsfigur ist ein Schwarzer, der von diesem Lynchmob am Ende selbst erschossen wird. Auch wenn Romero sich über die politische Aussage bedeckt hält, ist seine Kritik an der amerikanischen Gesellschaft unübersehbar. Die Zombies spiegeln die Studentenbewegung gegen den Vietnam-Krieg, die Bürgerwehr das Amerika der Rednecks und weißen angelsächsischen Protestanten. Die Verkehrung der Rollen, in der der Held gegen die Zombiehorde ein Schwarzer ist, bezeichnet Romero aber als nicht gewollt. Ihm sei es egal gewesen, ob der Schauspieler schwarz oder weiß ist.

In „Night of the living dead“ werden Romeros Qualitäten deutlich: Die einzelnen Einstellungen könnten Standbilder, Gemälde sein. Das Haus als Fluchtburg, der Schmelztiegel von Menschen, die unfreiwillig zusammen kommen, dieses klassische Strukturelement des Romans, inszeniert Romero meisterhaft. Die guten Eigenschaften des Tatmenschen Ben und des Feiglings Harry stoßen in diesem Schmelztiegel zusammen. Und hier ist fraglich, ob der politisch linke Romero tatsächlich zufällig einen schwarzen Schauspieler einbrachte. Allerdings ist die Schwärze hier als Kennzeichen des Außenseiters zu verstehen, denn Romeros Kritik geht weiter, als nur einen Film über Rassismus zu drehen. Denn Harry ist der Prototyp eines weißen Spießers aus der Mittelschicht, eines autoritären Kleinbürgers, der bei aller proklamierten (schein-) heilen Familie nur an sich denkt und Hilfe von außen und oben erwartet. In einer anderen Situation hätte er hervorragend in die Bürgerwehr gepasst.

In jede Szene eine politische Bedeutung hinein zu interpretieren, wäre wohl zu weit gedacht. In jedem Fall nutzt Romero elementare psychische Bindungen für den Horror. Harrys Frau stirbt, weil sie nicht von ihrer Tochter ablassen kann, die ein Zombie geworden ist. Auch dass sich, wie bei Harry, die im Kapitalismus kannibalisierenden Individuen selbst innerhalb der Familie auffressen, lässt sich als Metapher deuten; jedes magische Element fehlt – „Night of the living dead“ ist die künstlerische Umsetzung des Marxschen Diktums, dass sich im Kapitalismus die Menschen als Masken der sozioökonomischen Verhältnisse gegenüberstehen. Ben, der einzige, der wirklich handelt und der einzige, der auf sich zurückgeworfen handeln kann, wird kein Opfer der Zombies – gegen die reaktionäre Bürgerwehr ist er aber machtlos. Hier erscheint der Zombie als Metapher für gesellschaftliche Verhältnisse, eine Rolle, die er bis heute nicht verloren hat. Der Regisseur unterstreicht die gesellschaftliche Dimension durch den dokumentarischen Charakter der Aufnahmen, der in dieser Form für einen Spielfilm neu war. Romeros Werk fehlt eine bürgerliche Moral. Es bleibt unklar, warum die Zombies aufstehen. Sie sind das Verdrängte, das Ausgestoßene, das aber Teil der Gesellschaft ist. Und hier zeigt sich die Verbindung zum Schreckbild, das der Westen vom Vaudou entwirft. Denn die Assoziation des Vaudou auf schwarze Magie und wandelnde Tote lässt sich psychologisch als Zerrspiegel des im Christentum und der bürgerlichen Moral verdrängten eigenen Unbewussten erklären. Im Kontrollverlust des besessenen Vaudouisten wird der Puritaner mit seiner eigenen Sinnlichkeit konfrontiert, da er diese versucht, abzutöten, muss er dieses Eigene im Anderen als teuflisch verurteilen. Ob Romero diese Verbindung bewusst war, sei dahingestellt: Der Scheiterhaufen, auf dem die Zombies im Film verbrannt werden, ist aber eine brillante Metapher für diesen Verdrängungsprozess.

Die Zombies sind die an den Rand gedrängten, die Minderheiten. Ihre Ausgrenzung führt zu einem bewusstlosen Aufstand, einem Aneignungsprozess, den das bürgerliche Kollektiv nur mit Gewalt zerschlagen kann. Statt sich mit den Problemen auseinander zu setzen, werden die Zombies auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Bedrohung ist aber nicht außen, die von den Zombies Bedrohten bringen sich gegenseitig um – die Ausnahme ist der Außenseiter Ben, eine Figur wie John the Savage in „Brave New World“.

Romeros Gesellschaftskritik zeigt sich als Dekonstruktion amerikanischer Mythen. Harry, der von seiner „Supremacy“ überzeugte Familienvater der Konservativen, rechthaberisch und arrogant, entlarvt sich als erbärmlicher Asozialer. Ben hingegen, der sich auf sich und nicht auf die Gesellschaft, seinen Status oder tradierte Normen verlässt, handelt als Individuum sozial verantwortlich und überlebt. Aber auch er ist ein Außenseiter wie die Zombies, und die Normgesellschaft behandelt ihn eben so. Sie löst die Probleme nicht, sondern zerschlägt ihren Ausdruck mit Gewalt. Dass Ben die Zombies bekämpfte, ist egal. Wenn sich etwas regt, wird es platt gemacht. Er ist ebenso ausgegrenzt wie die Zombies und landet wie sie auf dem Scheiterhaufen. Wer sich an Situationen wie die Chaostage in Hannover 1995 erinnert fühlt, in denen nicht nur die bewusstseinslosen Gewalttäter, sondern auch die, die die Gewalttaten verhinderten, den Polizeiknüppel zu spüren bekamen, liegt richtig. Wer bei einer Drogenrazzia im Gefängnis landet, weil er eine dunkle Hautfarbe hat, ebenfalls.

Eine Qualität von Romero liegt in seinem Kulturpessimismus, darin den späteren Punks näher als den Hippies seiner Zeit: „Wir sind nicht die von Lenin beschriebenen neuen Menschen, wir sind die kranken Kinder der Verhältnisse.“ Denn die Ausgegrenzten verkörpern gerade nicht die Utopie einer kommenden idyllischen Welt. Sie sind seelenlose Kinder der Verhältnisse, tot und doch nicht tot, der Schatten der gesellschaftlichen Gewalt und nicht ihre Überwindung. Die Alternative, die Ben zeigt, sich selbst zu vertrauen, kann sich nicht durchsetzen. Die Menschen in der Extremsituation reagieren nicht etwa solidarisch, sondern zerfleischen sich gegenseitig, im Wortsinn. Es ist die amerikanische Gesellschaft, die sich zerfleischt. Die Menschenfresserei der Untoten ist die Menschenfresserei des Spätkapitalismus.

Roy Frumges, der Biograf von George Romero, erklärt: „Er dachte sie in „Night of the living dead“ 1968 nicht als Zombies. Aber das Konzept überzeugte und zehn Jahre später, bei „Dawn of the dead“ waren seine Schöpfungen als „Zombies“ akzeptiert. (…) Der zweite wurde dann mehr ein Action- und Abenteuerfilm, eine Art Kriegsfilm mit einem starken Unterton. Damals standen die Zombies für die bewusstseinslosen Wanderer der „Einkaufscenter-Generation“. Im Rückblick ist der Film eine der intelligentesten Inneneinsichten in Konsumgewohnheiten der 1970er Jahre.“

Merkmale des modernen Zombies

Der Zombie in der modernen Kulturindustrie lässt sich schwer einordnen. Durch Außerirdische erweckte Leichen, von einem Virus Infizierte, von bösen Zauberern geschaffene Sklaven, entfremdete Körpermaschinen wie die Borgs, Menschen ohne Bewusstsein fallen alle unter Zombies. Die Fremdbestimmung und der Verlust der individuellen Persönlichkeit scheint alle Zombies auszuzeichnen. Untot sind sie in der Moderne entweder körperlich oder aber als Metapher. Dabei gibt es aber im Rollenspiel auch Zombies, Zombieherren, die Heere von Leichen gegen die Zivilisation führen. Die wandelnden Toten, eine uralte menschliche Angst, kommen immer wieder im Zombiefilm. Der Kontrollverlust, die westliche Hauptangst vor dem Voodoo, ist ebenfalls Kernelement der modernen Zombies.

Der moderne Zombie

Es gibt keinen Schwarzmagier, der die Zombies zum Leben erweckt, sie stehen einfach aus ihren Gräbern auf. „Dawn of the Dead“ von 1978 von Romero schuf die Zombies, wie sie der Horrorfilm bis heute kennt. Die Infektion, bis heute der populärste Weg, ein Zombie zu werden, hat hier seinen Ursprung. Wer mit den Körpersekreten der Untoten in Berührung kommt, wird selbst zu einem Monster, das weder Intellekt noch Moral, sondern nur Hunger kennt. Während „Night of the living dead“ die Selbstzerfleischung des modernen Amerikas abstrakt behandelt, ist „Dawn of the dead“ eine bissige Abrechnung mit der Konsumgesellschaft. Eine Shopping Mall ist der Schauplatz der Schlacht zwischen den Zombies und den Menschen. Das Gemetzel findet nicht nur zwischen Zombies und Eingeschlossenen statt, sondern auch eine Rockerbande will als dritte Partei das Einkaufzentrum erobern.

Romeros Brillanz zeigt sich wieder darin, einen Plot, der trocken in Soziologieseminaren behandelt werden könnte, als dramatischen und bitterbösen Horrorfilm zu inszenieren. Entfremdung des Individuums, der marxsche Fetischcharakter der Ware, die Kritik der neuen Linken am Konsumterror verspricht gewöhnlich keine spannende Unterhaltung. Die Zombies, die die Mall stürmen, könnten auch die Plünderer in Tottenham sein. Wer bei der Rockerbande an die Söldner denkt, die im von der Flut verwüsteten New Orleans oder in Bagdad die Häuser besetzten und auf die Einheimischen schossen, dürfte richtig liegen. Der Kapitalismus in der Krise erweist sich als anarchische Gewalt, in der jeder gegen jeden kämpft.

Diese Romero-Zombies fanden Nachfolger, denen die Tiefe und auch der subversive Ansatz Romeros fehlt. Denn Romero badet sich geradezu in den Abgründen der kaputten Gesellschaft der USA und zelebriert genüsslich deren Selbstzerstörung. Das entspricht nicht unbedingt den Interessen der an Computeranimation gewöhnten Fans. Roy Frumges erwähnt, dass Romero sich dessen bewusst war: „Tatsächlich sind sie an den untergründigen Themen nicht interessiert und es auch niemals gewesen. In Georges frühen Filmen reichte das Budget, die Handlung mit Zombies und Gore zu füllen. Aber, als die Jahre verstrichen, interessierte sich George erstens mehr für die Charaktere und die Erzählung, und zwangen ihn zweitens die steigenden Kosten (…), entweder das Zombiekino aufzugeben oder Computertechnik einzusetzen, was Puristen brüskierte (…). Die Fans tendieren zum unsinnigen Stoff (…).“

Bereits 1979 schwappte nicht nur der Western, sondern auch der Zombiefilm nach Italien über. Lucio Fulci drehte „Die Schreckensinsel der Zombies“. Zusammen mit „Ein Zombie hing am Glockenseil“, wurden dieser Splatterfilm neben „Evil Dead“, „Zombie-Holocaust“ und Kannibalenfilmen zum Inbegriff jugendgefährdenden Horrors und der Diskussion um verschärfte Zensur – ein Muss bei Videonächten unter Teenagern und ein Grund, sich ins Kino zu schleichen. Die Geschichten Fulcis dienen nur als Rahmen für explizit gezeigte Gewalt- und Menschenfressereiorgien; seine Filme gehören aber dennoch in das Regal jedes Horrorfans. Allerdings ist auch George Romero kein politisch korrektes Marx-Seminar. Bull Schreiber kommentierte: „Früher wechselten die Spießer die Straße, weil sie dachten, dass wir ihre Katze dem Teufel opfern. Heute sind wir die Clowns der Zivilgesellschaft.“ Der Aufschrei des pädagogischen Spießbürgers, der die „schlimmen Horrorfilme“ wie von George Romero für zunehmende Verrohung verantwortlich macht, verwechselt aus Prinzip Ursache und Wirkung. So zerstörten Erfurter rituell CDs des Computerspiels „Resident Evil“, das der örtliche Amokläufer gespielt hatte und buhten eine Journalistin aus, die die sozialen Verwerfungen nach der Wende recherchiert und mit dem Amoklauf in Verbindung gebracht hatte. Ähnlich ging es Nietzsche, Marquis de Sade oder Machiavelli, denen der angepasste Doppelmoralist niemals verzeihen wird, dass sie die Menschen gezeigt haben, wie sie sind – nicht, wie sie sein sollen. Schuld hat, wer die schlechte Nachricht überbringt.

John Carpenter schuf 1980 mit „The Fog – Nebel des Grauens“ einen weiteren Klassiker. Hier lässt sich die Grenze zwischen Zombies und anderen wenig oder nicht intelligenten Untoten kaum ziehen: Untote Seemänner erscheinen in einem Nebel in einem Küstendorf und bringen den Tod mit sich. Die Handlung ist Nebensache, die Stimmung gruselig. Ungewöhnlich, aber Teil des Genres ist der Videoclip „Thriller“ von Michael Jackson von 1983. Er selbst inszeniert sich als eine Art Totengott. Die Trennung von Zombies und anderen Mutanten in den vor- und postapokalyptischen Filmen im Zeitgeist der Atombedrohung und dem Bewusstsein über die Ökokatastrophe in den 1980ern wäre akademisch. Gift, Radioaktivität, genetische Experimente sind Erklärungen für die Existenz von zombieartigen Kreaturen in einer Reihe von Filmen. Toxic Zombies von 1984 zeigt den Umbruch der Hippie- zur Punkgeneration. Hippies, die vergiftetes Marikuana rauchen, mutieren zu Menschenfleisch fressenden Zombies. In „Redneck Zombies“ 1987 nutzen Hillbills die von einem Truck gefallene Flüssigkeit in einem Container, um sich zu betrinken und werden deshalb zu Zombies.

Die Schlange im Regenbogen drehte Wes Craven 1988. Er knüpfte wieder an die Mythen in Haiti an und nahm reale Studien von Wade Davis zum Vorbild. Ein Ethnobotaniker kommt in den Karibikstaat, um den Zombiemythos zu erforschen. Während er aber Substanzen vermutet, die zu dem Zustand der vermeintlich Toten führen, gerät er in einen Alptraum, in dem schwarze Magie und psychische Suggestion nicht trennbar sind, Tiervisionen vom großen Jaguar erscheinen ihm. Ein Offizier des Geheimdienstes ist der Bokor und scheint in seine Träume einzudringen, behauptet, Seelen eingefangen zu haben. Der Wissenschaftler gerät mitten in eine Revolution.

„Army of Darkness“ von 1992 bringt den Humor in das Zombiegenre ein. Ein Durchschnittsamerikaner liest das Necronomicon und reist dadurch in eine Art Mittelalter, springt in einen Brunnen und muss dort ganze Haufen von Untoten mit einer Kettensäge erlegen. Danach brachten das neue Jahrtausend und die gewachsenen Möglichkeiten der Computeranimation neue Zombies in das Kino. 2002 kam mit „28 Days Later“ eine neue Art von Zombies auf die Welt – eine Art Raubtierspezies. Sie torkeln nicht mehr umher und sind auch nicht völlig unintelligent, sondern schnelle und effiziente Killer. Roy Frumges erörtert: „Normalerweise ist das Ende in Sicht, wenn ein Trend sich über sich selbst lustig macht. „Shaun of the dead“ von 2004 und „Zombieland“ von 2009 schienen anzuzeigen, dass das Subgenre implodierte. Aber das passierte nicht. Die Zombiemythologie, die George schuf, bietet unendliche Möglichkeiten, sie zu erforschen.“ 2005 übertrumpfte Altmeister Romero mit „Land of the Dead“ diese Modernisierung des Zombiefilms. „Land of the dead“ glänzt vor allem durch apokalyptische Bilder der Zerstörung einer typischen amerikanischen Stadt, und auch hier sind die Untoten schnelle Bestien.

Resident Evil von 2002 ist die Verfilmung eines Computerspiels. Wie auch in Underworld liegt der Schwerpunkt auf Action nicht auf Stimmung. Wer die Gothic-Atmosphäre von White Zombie oder Nosferatu liebt, wird von dem Film enttäuscht sein. Die verrücktesten Zombies kommen derzeit aus Japan, wo insbesondere die politisch besonders unkorrekte Mischung aus Porno und Zombies beliebt ist. Auch besonders skurille Geschichten wie Zombies, denen Geweihe wachsen, und die in einem Zoo gehalten werden, um aus den Geweihen Liebespulver herzustellen, bringen ungewohnte Einblicke.

Literarische Zombies

„I am legend“ von 1954 war ein wichtiger Roman, der sich dem Thema widmete. Die Untoten sind hier im engen Sinne zwar eher Vampire, weil sie Blut trinken. Ihr Hunger, ihr Instinkt treibt sie aber in Horden durch zerstörte Städte; sie stürzen sich auf Lebende. Hier erscheint der Untote als die Metapher für eine kaputte Zivilisation, in der nur noch das Überlebensgesetz zählt.

In der Literatur sticht insbesondere David Wellington im Zombie-Bereich hervor. Er wuchs in Pittsburgh auf, wo Romero seine Filme drehte und nahm sie mit der Muttermilch auf, geht in vielerlei Hinsicht über sie hinaus. Der neueste Teil seiner Untoten-Trilogie erschien auf Deutsch im August 2010 „Welt der Untoten“. Zombieartige Wesen und intelligente Leichenherren haben die Erde übernommen. Einige wenige Menschen kämpfen in den entlegenen Orten des Planeten um ihr blankes Überleben. Und auch sie verhalten sich wie Monster, entgegen aller Normen und entgegen jeder Ethik einer halbwegs zivilisierten Gesellschaft. Es ist die Welt nach ihrem Untergang, und Wellington stößt den Leser in einen Abgrund hinein, in eine Hölle auf Erden. So schlimm kann es in der Hölle nach dem Tod gar nicht sein. Er gibt einen Einblick, in das, was der klassische Zombiefilm offen lässt. Das Leben nach der Apokalypse geht weiter, eine ekelhafte Dystopie. Unsterblichkeit erscheint möglich, als vertrocknete und verweste Leiche. Folterszenen und Grausamkeiten sind nur allzu realistisch beschrieben, kurz, knapp und klinischer als bei Romero. Wellington arbeitet als Archivar der Vereinten Nationen und der Blick in die Wirklichkeit von Kriegen und Krisengebieten bietet mehr Stoff als eine noch so blühende Fantasie.

Neue Zombieromane wie „Das Reich der Siqqusim“ von Brian Keene 2007 verschmelzen die narrativen Strukturen von Roman, Film, Comic und Computerspiel. Keene sieht „postmoderner Archetyp verschiedener Stile“ als treffende Bezeichnung an. Den Einfluss Romeros gibt er gerne zu, fügte bewusst neue Elemente hinzu. Seine Zombies sind intelligent, es gibt auch Tierzombies. Mit den Tierzombies wird auch die Wildnis, wo es keine Menschen gibt, bedrohlich. Seinen Ansatz fasst er zusammen: „Indem man über fiktive Monster liest oder schreibt, kann man den echten Monstern und Schrecken eine Zeitlang entkommen.“

Deutsche Zombies

Auch in Deutschland ist das Zombiegenre längst angekommen. Die üblichen Verdächtigen wie Christian von Aster und Thomas Plischke widmen sich nach wie vor den Untoten. Plischke verfasste mit „Die Zombies“ den literarischen Rundumschlag. Die Hauptfigur ist klug gewählt, denn die Doktorandin Lily beschäftigt sich mit den Mythen um wandelnde Tote, ein guter Rahmen, um die verschiedenen Aspekte des Zombie-Mythos einzubringen. Ähnlich wie Wes Cravens „Schlange und Regenbogen“ verlässt Plischke so die ausgetreten Klischees des Horrorzombies von Pseudo-Voodoo bis zu Vireninfektion. Wie es sich gehört, wird sie selbst zu einem Zombie, als ein verwesender Typ in einem Londoner Underground Club sie beißt. Thomas Plischke bringt die diversen Ausformungen des Genres ein, den karibischen Glauben, die Untoten der nordischen Kulturen, das nach Gehirn und Fleisch gierende bewusstlose Monstrum, die entfremdete Konsummonade der Postmoderne. Plischke zeigt hier, wie die Zombies die Welt sehen. Das ist eine gute Idee, aber auch ein großes Problem: Die Verwandlung Lilys von einer Intellektuellen zu einem Wesen, das nur noch Hunger kennt und nicht nur eine Taube, sondern auch den Cocker-Spaniel ihrer Eltern zerreißt, gehört zu den Glanzlichtern des Genres – über Zombies zu forschen und selbst einer zu sein, ist nur eine brüchige Grenze. Den Geist durch das Essen von frischem Menschenfleisch aufhalten zu können, erinnert doch zu sehr an den Vampir Louis, der seine Menschlichkeit versucht, zu bewahren. Nicht nur ein Problem von Plischke; denn der bewusstseinslose Tote eignet sich nicht für einen personalen Charakter.

Create Fm aus Hannover brachten die Chaostage, das Punkertreffen und den Lokalkolorit in ihre „Zombies in Linden“ ein. Bast erwacht nach einer durchzechten Nacht und merkt, dass sein Kater stärker ist als gewöhnlich. Linden, ein Stadtteil Hannovers, entwickelt eine kleine, aber feine Fantasy-Horror-Ecke: Das create.fm Studio in der Ungerstraße 14 hat im Mai 2011 den zweiten Teil des Hörspiels „Zombies in Linden – Chaostage“ herausgebracht. Create.fm besteht aus Oliver Rieche, Sascha Maaß, Jan Koppens, Alec Kuehn und Sebastian Heidel.

In den 1980er und 90er Jahren wurde die Stadt am ersten Augustwochenende mehrfach zum Ort des größten unorganisierten Punktreffens Europas. Und moderne Zombies stehen mit der Punkkultur in engem Zusammenhang. Junge Menschen am Rand ohne Job und ohne Ziel sind, laut dem Partner von George Romero, ein Vorbild für den Zombie der 1990er Jahre. Nur konsequent, Chaostage, Hannover und Zombies zusammen zu denken.

Im ersten Teil „Zombies in Linden“ wacht der dreißigjährige Basti morgens auf mit seinem Schlüsselbund in der Stirn, fühlt sich wie nach einer durchzechten Nacht, giert aber nach Gehirn. Nun gut, untot erscheint ihm besser als tot. Er geht auf die Straße, eine alte Frau beißt einer Leiche Fleisch aus dem Körper. Überall irren Untote umher, beim Kioskbesitzer trifft Basti seinen Kumpel Frank, ebenfalls ein Zombie. Beide machen sich auf den Weg, um zu verstehen, was mit ihnen passiert ist. Nur soviel wissen sie, ein Virus geht um. War es die Frau hinter dem Tresen bei der Party, die Basti in die Unterlippe gebissen hat? Die sah doch so gut aus, aber das hat er sich anscheinend schön getrunken. Im zweiten Teil, den „Chaostagen“ marodieren wie auf Punkcovern hunderte von Untoten durch die Stadt. Doch ein Ungeheuer leitet den massiven Einsatz gegen die Zombies, Christian Werwolf, der an einen ehemaligen Ministerpräsidenten Niedersachsens erinnert. Auf dem Fährmannsfest, einem Stadtteilfest, das die Polizei bei den Chaostagen 1995 mit Gewalt auflöste, kommt es zum finalen Showdown.

Teil 2, die Zombie-Chaostage könnten sogar ein größeres Publikum ziehen, denn die Chaostage sind ein Mythos. Verdient haben es Oliver Rieche und Co. Denn mit „Zombies in Linden 1 und 2“ schaffen sie Eigenes. Mit Witz zitieren sie Klassiker des Genres in einem allzu menschlichen Zombie-Setting. So sucht das Kino in Hannover Darsteller für den neuen Romero Film „Love of the dead“. Basti und Frank diskutieren darüber, was die richtige Bezeichnung für sie wäre: Untot wäre politisch korrekt, aber langweilig, Frank bevorzugt Zombie. So etwas dürfen aber nur Zombies zu Zombies sagen, so wie sich nur Schwarze Neger nennen dürfen, Biomade, ein Getränk aus Biomaden, und Zombiebräute, an denen wenig dran ist würzen die Geschichte.

Das besondere liegt darin, dass die Zombies, vor allem Basti und Frank, sehr menschlich erscheinen. Sie sind keine Vampire mit überwältigendem Charisma, sondern liebe Kerle mit Handicaps und unappetitlichem Aussehen. Diese Kreaturen am Rand werden zu Helden, die ihren Stadtteil retten. Zombies stehen als Metapher für Entfremdung, als Identifikationsfiguren sieht man sie selten. Bei allem Humor vermitteln die Jungs von create.fm eine konsequent humanistische Botschaft: Die inneren Werte zählen, und die Monster verhalten sich menschlich: „Auf die Innereien kommt es an!“

Zombies in der Musik

Die Filmzombies inspirierten Musiker. Die Rockband White Zombie benannte sich nach dem Klassiker, ihr Sänger Rob Zombie drehte anständigen Horror. Punkbands wie Misfits und Gothic Bands wie Alien Sex Fiend inszenierten eine Untoten-Ästhetik. Das Plattencover „Troops of Tomorrow“ von „The Exploited“ zeigt Punkleichen, die in den Städten umhergehen. Songs wie „The island of zombie women“, Bands wie Voodoo Zombie kennzeichnen eine Subkultur, die seit den 1980er Jahren stetig wächst. Film und Musik, Computerspiel und Roman lässt sich dabei kaum trennen. Gothic hat seine Wurzeln im Punk, Horrorpunk und Dark Wave war Ausdruck des kritischen Teils einer Generation, für die die Bedrohung durch den Atomkrieg und der Niedergang des Industriekapitalismus Lebensrealität war; heute sind Zombies fast Mainstream. Es wurde höchste Zeit, dass die Berliner Band „Die Untoten um David A. Line und Greta Zsatlos sich den Zombies widmeten. Ihre CDs Zombie I und Zombie II von 2011 zitieren ausgiebig Romero und Fulci. Wie nicht anders zu erwarten, erzählen die Untoten eine Geschichte, deren Tiefgang literarisch umgesetzt werden kann: Ein Überlebender telefoniert mit einem Mädchen; als er sie trifft, stellt er fest, dass auch sie ein Zombie ist.

Der Zombie heute

Zombie-Walks erfreuen sich wie Halloween-Parties weltweiter Beliebtheit, in Mexiko-Stadt mit zehntausend Teilnehmern, in Hannover mit immerhin 400. Das Klischee vom typischen Horrorfan als vereinsamten, ledigen und sexuell unerfüllten Mann, der sich ein Ventil sucht und kurz vor dem Amok steht, erweist sich als Schwachsinn. Mehr als die Hälfe der Zombies in Hannover waren Frauen, darunter im Normalleben auffallend gut aussehende.

Es scheint, als ob der Zombie eine Möglichkeit ist, aus Körpernormen auszubrechen. Gerade in den USA, wo sich 14jährige die Brüste verkleinern lassen, Botok und Silikon ein Barbie-Ideal vorgeben müssen, bedeutet die Untotenästhetik einen Bruch mit dieser Entfremdung. Der Zombie, der seine Wunden offen zeigt als Spiegel des kosmetischen Zombies. Kaum jemand hat dieses Motiv des Zombiestars besser verarbeitet als Clive Barker in Coldheart Canyon, wo ein alternder Star nach einer Schönheitsoperation verunstaltet, das Reich der Toten kennen lernt.

Untote, die ein breites Publikum in den USA und Europa anziehen und unter „Zombies“ fallen, haben mit dem Glauben der Vaudou-Anhänger sehr wenig zu tun. Und die Filme, die sich an den Mythen Haitis orientieren, sind keine Massenware. Woran liegt also die Faszination? Da spielt zum einen die Angst mit, dass die Toten wiederkehren, eine Angst wohl so alt wie die Menschheit. Das scheint aber nur ein Nebenaspekt zu sein. Denn die Richtung der modernen Zombies geht eher in die Verwandlung von Menschen in Wesen, die von Tötungsdrang und der Gier nach Menschenfleisch gesteuert sind, eher eine eigene Spezies als Untote. Diese Monster waren aber einmal Menschen.

Anders als beim modernen Vampir ist es das Moment der Bewusstseinslosigkeit in der postmodernen Gesellschaft, das die Zombies auszeichnet. Nicht von ungefähr spielen Zombiefilme in heutigen Großstädten, in Supermärkten, auf Tekknoparties. Und die Kontrolle über seinen Geist und Körper zu verlieren, unter die Kontrolle eines Anderen zu geraten, sei es ein Leichenherr oder ein Virus ist ein Abbild der postindustriellen Gesellschaft. Die Menschen schlagen sich in der Wirklichkeit dieser Gesellschaft als „Humankapital“ durch, müssen sich immer wieder neu verwerten und verwerten lassen, ohne einen Zugang dazu zu haben, warum und für wen sie arbeiten. Zunehmend lösen sich soziale Bindungen. Das menschliche Miteinander verschwindet und damit das Bewusstsein, in einer Gemeinschaft mit anderen zu leben. Und in diesem täglichen Kampf um die materielle Existenz ist die Angst, zu einem „Zombie“ zu werden, groß – zu etwas zu werden, das sich selbst nicht mehr spürt, nicht mehr weiß, was es ist, kein Gefühl für den eigenen Körper mehr hat. Dazu kommt die von Romero ausgedrückte Lust vieler, dass „das alles“ endlich vorbei ist, die Zerstörung der Fiktion der heilen Mittelschichtswelt, die in ihren Einfamilien-Siedlungen amerikanischer Städte das Elend der Ghettos draußen hält.

Roy Frumges bringt es auf den Punkt: „Vampire sind Sexsüchtige, Werwölfe manisch-depressiv. Zombies, im Licht ihrer großen Popularität in den letzten Jahrzehnten (nicht in den 60er, 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, wo Georges Arbeit dominierte) stehen für die „Schlaffigeneration“. Sie baden nicht, sie haben keine Jobs, wandern ziellos umher und haben keine wirklichen Interessen. Meine Studenten lieben es, sich als Zombies anzuziehen und sich als Zombies zu versammeln. Ich sage nicht, dass sie kein Interesse an Studium und Karriere haben, aber da gibt es etwas, das sie aufnehmen.“

In „Night of the living dead” blicken wir in den Abgrund einer Provinzgegend irgendwo in den USA. In späteren Zombiefilmen sieht der Betrachter die Zerstörung von Gesellschaften oder sogar der Menschheit. Liegt das daran, dass das Kino krassere Szenen zeigen musste? Oder war es ein Ausdruck des jeweiligen Zeitgeists? 1968, bei „Night of the living dead“ kämpfte die Studentenbewegung gegen die konservative Herrschaft. In den 1980er fürchteten die Menschen sich vor dem Atomkrieg, das Gefühl war apokalyptisch. Heute, im Turbokapitalismus, verändert sich die Gesellschaft in einen Kampf jeder gegen jede. Zeigen Zombiefilme diese Entwicklung? Roy Frumge beantwortet dies: „Mit einem Wort: Ja! Tatsächlich sieht „Land of the dead“, ein liebliches, elegisches Werk, die Zombies als Terroristen, die unsere Küsten überfallen, etwas, was die Menschen für undenkbar hielten.“

Zu der Angst kommt auch die Lust an der Selbstzerstörung derjenigen, die in diesen kaputten Verhältnissen leben und nur zu genau wissen, dass ihre heile Welt eine Wunschvorstellung darstellt. Es ist also die Lust an der Apokalypse, die den Zombiefilm auszeichnet und es sind nicht die Gesellschaften in Haiti oder Westafrika, die Vaudou-Traditionen anhängen. (Dr. Utz Anhalt)
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Zombies – Die wandelnden Toten in der Kulturgeschichte und im Horrorfilm

Literatur:
Maya Dere. Der Tanz des Himmels mit der Erde. Die Götter des haitianischen Vaudou. Wien 1992.
Astrid Reuter: Voodoo und andere afrikanische Religionen. München 2003.
Imogen Sager: Wenn die Geister wiederkehren. Weltdeutung und religiöses Bewusstsein in primitiven Kulturen. München 1982.
Tankred Koch. Geschichte und Geschichten vom Scheintod. Leipzig 1990.
Mircea Eliade: Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen. Köln 2008.
Piers Vitebsky: Schamanismus. Reisen der Seele. Magische Kräfte. Ekstase und Heilung. Köln 2007.
Ole Chistiansen und Thomas Plischke: Filmübersicht Zombies. In: Nautilus – Magazin für Abenteuer & Phantastik. August 2007. Nr.41.
Chas. Balum (Hg.): The deep red horror handbook. Albany 1989.