Zombies – Die wandelnden Toten in der Kulturgeschichte und im Horrorfilm

Liegen die Wurzeln der europäischen Vorstellung von Zombies im Voodoo? (Bild: Tabthipwatthana/fotolia.com)
Dr. Utz Anhalt
„Die Erzählung eines alten Menschen ist sein letzter Zeugungsakt. So wie sein stofflicher Körper einst neue Körper hervorgebracht hat, ist nun sein Geist (…) mit der Kreation eines neuen Geistes beschäftigt. Die Menschen führen Einweihungsriten durch, mittels derer die Metamorphose vom physischen zum geistigen Menschen vollzogen wird, die Entwicklung eines tiefen inneren Sinnes in den Körpern (…), den Kindern ihres Fleisches.“ Maya Dere.

Zombies, die geistlosen Toten, sind seit „The Night of the Living Dead“, George Romeros Klassiker von 1968, ein fester Bestandteil des Horrorfilms. Die Toten erheben sich aus den Gräbern, von Hunger nach Menschenfleisch und Mordlust getrieben. Im Unterschied zu Vampiren verlieren die Zombies die Intelligenz, die sie als Menschen hatten.

Zombies und Voodoo

Zombies, als europäischer Inbegriff des Voodoo (Vaudou), sind das Resultat einer physischen oder psychischen Methode der Persönlichkeitszerstörung, im religiösen Verständnis körperlose Seelen oder seelenlose Körper. Der Begriff leitet sich, einer These zufolge, ab vom indianischen Wort Zemi, was in der indianischen Religion der Karibik sowohl den seelenlosen Lebenden und den Geist des Toten bezeichnete, als auch einen Talisman, der nötig war, um Zauber zu wirken. Eine andere Theorie führt den Ursprung auf den Begriff nzumbe zurück, der in der afrikanischen Sprache Kimbundu einen Untoten bezeichnet. Auch Laien setzen diese Wesen vage mit dem Voodoo der Karibik in Verbindung, wobei hier die Assoziation zum Schadenszauber mittels Nadelpuppen im Vordergrund steht. Die Verbindung zum Voodoo ist nicht falsch, nur das in Europa und den USA verbreitete Schreckensbild dieser Religionskultur entspricht nicht der Wirklichkeit. Der Voodoo in Haiti, aber auch im Südosten der USA oder an der Küste Venezuelas verschmilzt afrikanische Religionen, Katholizismus und indianische Glaubensvorstellungen.

Liegen die Wurzeln der europäischen Vorstellung von Zombies im Voodoo? (Bild: Tabthipwatthana/fotolia.com)
Liegen die Wurzeln der europäischen Vorstellung von Zombies im Voodoo? (Bild: Tabthipwatthana/fotolia.com)

Der Voodoo auf Haiti

Voodoo bedeutet Erkenntnis und Wissen, vau heißt übersetzt „Hineinsehen“ und dou „In das Unbekannte.“ Seinem Wesen nach ist er Offenbarung, die von den Eingeweihten in einer mystischen Stadt in der Nähe von Port-au-Prince, der Hauptstadt von Haiti, erfahren werden kann. Orthodoxe Anhänger des Voodoo vermuten diese Stadt dagegen in Nigeria: Der Voodoo ist eine Sonnenreligion, seine Archetypen entstammen der Sonne.

Die haitianische Kultur des Voodoo wird in Europa und den USA noch heute verzerrt durch die Ideologie der ehemaligen Sklavenhalter wahrgenommen. Bis heute werden mit Haiti Diktatoren, materielles Elend, irrationale Ekstase und ständig wechselnde korrupte Regierungen assoziiert. Voodoo gilt dem „westlichen“ Blickwinkel als Inbegriff von schwarzer Magie, Schadenszauber, Zombies und der Vernichtung von Menschen durch das Spicken von Puppen mit Nadeln. Ignoriert wird dabei, dass es kaum eine Bevölkerung auf der Welt gibt, die sich von ihren Diktaturen immer wieder so selbstbewusst und militant befreit hat wie die haitianische. Die dunkelmagischen Praktiken sind grausige Randphänomene des Voodoo und werden von der haitianischen Bevölkerung als Schaden bringend bekämpft. Die Kultur der haitianischen Bevölkerung wird in der euroamerikanischen Wahrnehmung mit den Handlungen der Feinde der haitianischen Unterschichten gleichgesetzt.

Diese Umkehrung der kulturellen Wirklichkeit ist erklärbar durch die reale Bedrohung, die im 18. Jahrhundert für die französisch-katholischen Sklavenhalter von der Befreiungskultur der schwarzen Sklaven ausging. Der Voodoo ermöglichte geschlossene Widerstandsstrukturen der Schwarzen in der Kolonie und somit eine eigene kollektive Identität, die der französischen Herrenklasse nicht zugänglich war. In den Riten des Voodoo manifestierte sich ein für die französischen Plantagenbesitzer nicht durchschaubares System, in dem sich die Sklaven eine eigene Organisation aufbauten, welche von den herrschenden Formen gesellschaftlicher Sicherheit abstrahiert war. Noch heute ist der Voodoo die Religion der haitianischen Unterschichten, während sich die (schwarzen und farbigen) Mittel- und Oberschichten fast ausschließlich zum römischen Katholizismus bekennen.

Zudem waren die indianischen und afrikanischen Religionen sich in ihren Grundaussagen sehr ähnlich. Die Beziehung zwischen Mensch und Natur wurde bei beiden durch eine metaphysische Gestaltveränderung (Tiermenschen) ermöglicht, beide hatten Ahnenkulte und verehrten die Elemente, beiden war die absolute Trennung von Menschen und anderem Leben des Christentums fremd. Bei beiden wurden die metaphysischen Kräfte äußerlich im Rahmen von Ritualen und nicht innerlich durch Meditation beschworen. Die westafrikanischen Religionen waren auf Stabilität und Kontinuität aufgebaut, auf Passivität, die karibischen Indianerreligionen auf Lebendigkeit und Aggressivität, auf Krieg, auf Aktivität und Handlung. Letzteres entsprach den Bedürfnissen der schwarzen Sklaven auf Haiti. Indianer und Schwarze, deren Kulturen sich in den Bergen Haitis miteinander vermischten, waren sich einig in ihrem Hass auf die weißen Kolonialherren. Durch das magische Element des indianischen Schamanismus war die Möglichkeit zum Handeln in der materiellen Welt gegeben. Biblische und katholische Traditionen flossen in den haitianischen Voodoo ein, unter anderem die Bezeichnung von Geistwesen mit den Namen von christlichen Heiligen und Elemente der christlichen Messen. Die französischen Sklavenhalter konnten keine katholischen Gottesdienste verbieten.

Karibische Kultur und afrikanische Ursprünge

Haiti liegt im westlichen Drittel der zweitgrößen Insel der großen Antillen. Bis 1804 war Haiti französische Kolonie. Das Wirtschaftssystem beruhte auf der Ausbeutung afrikanischer Sklaven, die mit fast 90% einen höheren Anteil der Bevölkerung stellten als in jedem anderen lateinamerikanischen Land. Nach der Unabhängigkeit wurde die Landwirtschaft verstaatlicht. Diese Agrarreform revidierten Militärs und Staatschefs bereits wieder in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Deren Feudalregime geriet nach 1883 zunehmend in eine Krise, verbunden mit Rebellionen der landlosen Bauern. 1915 bis 1934 hielten die USA das Land besetzt und leiteten eine Modernisierung ein, die Herrschaft der Militäroligarchie blieb jedoch unangetastet. Heute stehen dieser hauptsächlich aus Mulatten bestehenden Oligarchie ca. 90% Bauern, Landlose und Marginalisierte gegenüber – es existiert keine nennenswerte Mittelschicht. 80% der Bevölkerung sind Schwarze, 15-20% Mulatten, einige Tausend sind weiße Amerikaner. Die französischen Plantagenbesitzer wurden nach der Revolution von 1804 fast gänzlich aus dem Land gejagt, die Oberschicht spricht jedoch weiterhin Französisch, achtet auf „französische“ Lebensart und Kultur und sieht sich selbst in der Rolle der von Julius Nyere beschriebenen „schwarzen Weißen“, also Schwarzen (und Mulatten), die die Kolonialstruktur nach der Unabhängigkeit zu ihrem Nutzen weiter aufrechterhalten. Abgesehen von einer kurzen Periode von Dezember 1990 bis Oktober 1991, als der Befreiungstheologe Jean Bertrand Aristide zum Staatspräsidenten gewählt wurde, waren die Herrscher Haitis Plünderer, selbsternannte „Kaiser“, größenwahnsinnige Diktatoren und Tyrannen wie die Duvaliers, die die Menschen bis zum sozialen Bankrott des Landes ausbluten ließen.

Die Zersplitterung der einzelnen Stämme in Haiti wurde von den französischen Sklavenhaltern gezielt betrieben, um massenhafte gesellschaftliche Organisation der Sklaven und somit Widerstand zu verhindern. Jede Kultur, jede Religion entsteht aus vielfältigen Einflüssen, die Religionen, wenn sie einen Anspruch auf absolute Wahrheit beanspruchen, regelhaft verleugnen. Der Voodoo, Vaudou ist eine besonders synkretistische Kultur, aus afrikanischen, europäischen und karibischen Elementen, die ihrerseits heterogen waren. Die schwarzen Sklaven im vorrevolutionären Haiti stammten aus unterschiedlichen westafrikanischen Ethnien und Staaten, aus Yoruba, Dahomey, Loango, Aschanti und Mandingo. Diese hatten alle eigene Glaubensvorstellungen, Namen für ihre Orte, ihre Tänze, Rituale, ihre Sprache. Die Zersplitterung der einzelnen Stämme in Haiti wurde von den französischen Sklavenhaltern gezielt betrieben, um massenhafte gesellschaftliche Organisation der Sklaven und somit Widerstand zu verhindern. Bestimmte Glaubensvorstellungen waren in Westafrika jedoch allgemein verständlich. Dazu gehörte die Ahnenverehrung, ritualisierter Tanz, Trommeln und die Besessenheit von Gläubigen durch Götter. Aus der Vielfalt der einzelnen Stammesgottheiten fand eine Integration von deren Hauptgöttern in eine Gesamtreligion statt.

Während die Gottheiten in Westafrika einen defensiven und bewahrenden Charakter hatten, wurden die Glaubensvorstellungen der Karibik, bedingt durch die auseinander gebrochenen und zerrissenen sozialen Strukturen härter, aktiver und kriegerischer. In dieses religiöse Bezugssystem flossen, neben animistischen Elementen westafrikanischer Kulturen, katholische und indianische Symbolwelten ein. Der Kern der Riten und Glaubensvorstellungen des Vaudou blieb jedoch afrikanisch. Der physische Körper eines jeden Menschen wird von seinem esprit oder Gros bon ange beseelt, dem großen guten Engel, der der Seele, dem Geist oder der Psyche entspricht. Diese Seele kann in verschiedenen Stufen den Stand eines Archetyps bin hin zu einem Geistwesen (eines Loas / Iwas) erlangen.

Besessenheit

Diese Loas können, laut Maya Dere, den Gros bon ange eines menschlichen Individuums verdrängen und dessen Körper beherrschen. Die Besessenheit, im Westen als exotistisch-unheimliches Faszinosum phänomenologisch aus dem Zusammenhang gerissen, ist Teil der kulturellen Alltagsrealität und in religiöse Rituale eingebunden. Alles, was ein Mensch während dieser Besessenheit tut, sind die Handlungen des Loas, der den Körper übernommen hat. Dieser Vorgang ist weder per se negativ oder positiv bewertet, sondern ist ein normaler Bestandteil des Vaudou. Deshalb ist sie auch nicht mit der Besessenheit durch Dämonen oder Teufel im katholischen Denken gleich zu setzen, denn es gibt im Vaudou kein reines gutes oder böses, sondern Energien, die im besten Fall in einem Gleichgewicht stehen.

Der Serviteur führt diese Besessenheit bewusst und gewollt herbei. Die Loas sind weniger abstrakte Gottheiten im Sinne des Christentums oder Islams, sondern vielmehr Verkörperung von Kräften wie Liebe, Wut, Trauer oder Hass, mit denen das Individuum in der Phase der Besessenheit eins wird. Loa kommt vom französischen lois, Gesetz, und bezieht sich auf die Schöpfungsgesetze. Der Gros bon ange ist Ausdruck der nicht-sichtbaren Eigenschaften eines Menschen, seines Lebensprinzips, seines „Charakters“. Im Unterschied zum Christentum oder Islam ist die Praxis des Hougan, des Priesters, nicht zentralistisch oder hierarchisch organisiert – es gibt keinen Klerus und kein Dogma. Zu den Aufgaben eines Hougan in Haiti zählt neben dem religiösen Ritual auch die Medizin. Der Hougan versteht sich nicht als Gläubiger, sondern als Wissender, der Zusammenhänge vermittelt, nicht die Chronik, sondern die innere Bedeutung der Dinge, so Maya Dere. Damit ist er dem Schamanen, der selbst in die Geisterwelt reist, nahe. Sie schließt: „Aus dem Stoff seiner Erfahrungen entwirft er rückblickend den Plan für die Abenteuerfahrt des Geistes – und diese Reise nennen wir den Mythos.“

Eine Religion der Sklavenbefreiung

Der Vaudou ermöglichte die Geschlossenheit der Sklaven, durch die deren siegreiche Revolte 1791 und die Unabhängigkeit des schwarzen Haitis von Frankreich 1804 möglich wurden – der Sklavenaufstand begann mit einer Vaudou-Zeremonie am 14.08.1791.

Der Vaudou ist in zwei Richtungen geteilt, den auf der afrikanischen Tradition basierenden Rada-Kult, der hauptsächlich in den Städten praktiziert wird und den Petro-Kult, der aggressiver und gewalttätiger ist. Im Petro-Kult wird das indianische Erbe deutlicher. Dieser ist nicht bösartig, sondern die Antwort auf die Deportation in die Sklaverei und die Peitsche des Sklavenhalters. Die Wut im Petro-Kult zeigt auch dessen Ersatzfunktion für die verlorene afrikanische Heimat, die Sehnsucht nach Rache und die Hoffnung auf ein besseres Leben als aggressiven Ersatz für die geraubte Geschichte. Der Vaudou ermöglichte die Geschlossenheit der Sklaven, durch die deren siegreiche Revolte 1791 und die Unabhängigkeit des schwarzen Haitis von Frankreich 1804 möglich wurden – der Sklavenaufstand begann mit einer Vaudou-Zeremonie am 14.08.1791.

Ein Antrieb der Revolution war die Ansicht, dass die Seelen der Gefallenen nach Afrika zurückkehren würden. Hier gibt es Überschneidungen des Vaudou mit der Rastafarikultur. Die afrikanischen Elemente breiteten sich in ganz Amerika aus; Spielarten sind neben Haiti auf Kuba mit der Santeria und in Brasilien im Candomblé ausgebildet.

Der Petro-Kult des Vaudou stellte sowohl die Organisationsstruktur als auch die moralische Stärke der haitianischen Revolution. Eine Loa, die Marinette-Bois-Chéche gilt als die unsichtbare Kraft, die die Kanonen auf die Franzosen abfeuern ließ. Dessalines, der Revolutionsgeneral und spätere Kaiser von Haiti soll von einem ogoun, einem Geistwesen, besessen gewesen sein. Nicht das mystische Element des Vaudou, sondern dessen weltliche Basis – ein einheitliches Bestreben nach Befreiung von Herrschaft – war ausschlaggebend dafür, dass Haiti nach den USA als zweite Kolonie unabhängig wurde. Die Revolution in Haiti war der erste und bisher einzige Sklavenaufstand, der zur politischen Unabhängigkeit eines Staates führte. Da das Bestreben nach Befreiung niemals eingelöst wurde, ist der Vaudou noch heute als Kultur der haitianischen Unterschichten höchst lebendig.

Synkretismus und Lebenspraxis

Die westafrikanischen Religionen verbanden sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf Haiti mit indianischen Glaubensvorstellungen. Entflohene schwarze Sklaven vermischten sich in den Wäldern und Bergen mit Indianern, die sich in diese Gebiete aus Angst vor den Massakern des weißen Mannes zurückgezogen hatten. Die indianischen und afrikanischen Religionen waren sich in ihren Grundaussagen sehr ähnlich. Die Beziehung zwischen Mensch und Natur wurde bei beiden durch eine metaphysische Gestaltveränderung (Tiermenschen) ermöglicht, beide hatten Ahnenkulte und verehrten die Elemente. Beide konnten in direkten Kontakt zu Geistwesen treten, auch im Schamanentum ist die Grenze zwischen Geistenr und Menschen durchlässig. Bei beiden wurden die metaphysischen Kräfte äußerlich im Rahmen von Ritualen in der Welt ausgedrückt und nicht innerlich durch Meditation. Beide Religionssysteme vertraten keinen Absolutheitsanspruch, waren undogmatisch und reizten zur Verschmelzung. Durch das indianische Element, dessen Symbolwelten in der Karibik verankert waren, wurde der Vaudou zu einer amerikanischen Kultur, dessen revolutionäres und gewalttätiges Moment eine andere Dynamik zu entfesseln erlaubte als die Religionen der westafrikanischen Monarchien. Der Schamanismus der karibischen Indianergesellschaften bot aber, im Vergleich zu den zentralistischen Königtümern Westafrikas die für die Befreiung notwendige dezentrale Struktur. Die westafrikanischen Religionen waren auf Stabilität und Kontinuität aufgebaut, auf Passivität, die karibischen Indianerreligionen auf Lebendigkeit und Aggressivität, auf Krieg, auf Aktivität und Handlung. Letzteres entsprach den Bedürfnissen der schwarzen Sklaven auf Haiti. Indianer und Schwarze, deren Kulturen sich in den Bergen Haitis miteinander vermischten, waren sich einig in ihrem Hass auf die weißen Kolonialherren. Durch das magische Element des indianischen Schamanismus war die Möglichkeit zum Handeln in der materiellen Welt gegeben. In den Geistern des Petrokultes lebten die indianischen Götter weiter. Maya Dere schreibt, dass die Indianer so gewissermaßen ihre Rache am weißen Mann mittels der Schwarzen vollzogen.

Noch heute ist das „Vive la liberte“ Lied der Revolution neben dem Bad in Coca-Cola Bestandteil der Vaudou-Zeremonien. Auch biblische und katholische Traditionen flossen in den haitianischen Vaudou ein, unter anderem die Bezeichnung von Geistwesen mit den Namen von christlichen Heiligen und Elemente der christlichen Messen. Die französischen Sklavenhalter konnten keine katholischen Gottesdienste verbieten.

Der Vaudou als Befreiungskultur ist in der eigenen spirituellen Gesellschaft keinesfalls hierarchielos. Loahierarchien gründen sich als Abbild der irdischen Gesellschaft um Priester, symbolisierte Kaiser und Kaiserinnen, die in den diktatorischen Perioden durch Präsidenten, Generäle, Minister, Senatoren etc. ersetzt wurden. Inwieweit sich hier eine Anerkennung weltlicher Hierarchien abbildet oder eine Art „spirituelles Theater“ stattfindet, kann schwer aus europäischen Wirklichkeitsbegriffen heraus erklärt werden. Der hougan übt allerdings als irdischer Richter eine enorme Macht auch in weltlichen Fragen aus.

Nadelpuppen und wandelnde Tote

Schwarze Magie, also zum Beispiel einen Menschen durch das Spicken einer Puppe mit Nadeln zu verletzen oder zu töten oder Zombies, wandelnde Tote zu schaffen, gehört im Voodoo zu den größten Verbrechen. Es ist keinesfalls eine gängige Praxis der Anhänger dieser Religion, sondern das, wovor die Voodooisten am meisten Angst haben. Das Prinzip des Voodoo bedeutet, Schaden von der Bevölkerung abzuwenden und Ausbeutung zu verhindern. Die Bokors, die Schwarzmagier in Haiti waren nicht nur die weißen Sklavenhalter vor der Revolution, sondern auch die schwarzen Diktatoren und Massenmörder, deren Terrorherrschaft sich bis heute wie ein endloser Blutstrom durch die postkoloniale Geschichte Haitis reißt. Die Schlächter Duvalier, Papa und Baby Doc, stellten sich bewusst in die Tradition der Bokors und der dem Tode verbundenen Figuren des Voodoo. Die Schergen der Geheimpolizei der Duvaliers wurden in Haiti als tontons macoute, als “Onkel Menschenfresser” bezeichnet und als Schwarzmagier betrachtet. Der Antikommunist Francois Duvalier, der 1957 durch die USA an die Macht gebracht wurde, orientierte sich an Hitler und identifizierte sich mit der Gottheit des „Baron Samedi“, dem Herren der Friedhöfe. Baby Doc ließ später das Mausoleum seines Vaters von einem der “Menschenfresser” rund um die Uhr bewachen.

Zombies und psychische Zerstörung

Dem Glauben nach kann ein Bokor Menschen mit einem Fluch belegen, worauf dieser in einen todesähnlichen Zustand verfällt. Wenn er aus diesem Zustand wieder erwacht, hat er seine menschliche Intelligenz verloren und ist zu einem willenlosen Werkzeug des Schwarzmagiers geworden. Dieser Zustand kann auch durch ein Zauberpulver ausgelöst werden, das der Zauberer seinem Opfer auf die Haut streicht.

Und hier vermischt sich der Zauberglaube mit einem naturwissenschaftlich denkbaren Hintergrund. Denn der Bokor verabreicht dem „Toten“, wenn er aufwacht, ein Mittel, das zum Beispiel Atropin enthält und dem Opfer das Bewusstsein zerstört. Auch körperliche Gewalt oder psychischer Druck, um den Erwachten gefügig zu machen, gehört zu den gängigen Methoden. Diese Wesen werden dafür geschaffen, Schwerstarbeiten auf den Plantagen zu verrichten. Die physische Methode besteht in der Verabreichung von Giften, durch die ein Mensch in einen katatonischen Zustand versetzt und, für die Allgemeinheit als tot geltend, begraben und heimlich aus dem Grab zurückgeholt wird. Da auch nach dem Erwachen aus der körperlichen Starre die geistigen Funktionen zerstört bleiben, dienen diese „seelenlosen Menschen“ dem Giftmischer als körperlich aktive, aber willenlose Arbeitssklaven. Der als Bocor bezeichnete Schwarzmagier ist demnach ein Ausbeuter, ein Sklavenhalter. Der Zombie ist ein psychisch zerstörter Mensch. Diese Vorstellung von Zombies ist nicht unbedingt mystisch, sondern sehr rational und der Verfolgung eines Verbrechens geschuldet, das in der Leidenserfahrung einer Bevölkerung, die aus den Nachfahren von Sklaven besteht, tiefe Wurzeln hat. Vaudou hat ein sehr weltliches Element. Da die haitianische Gesellschaftsstruktur nach wie vor feudal-cliquenkapitalistisch organisiert ist und sich die Abhängigkeitsverhältnisse von 90% der Bevölkerung von denen der Sklaven kaum unterscheiden, ist die Furcht der haitianischen Unterschichten vor den Erschaffern von Zombies sehr verständlich. Ebenso nachvollziehbar ist, dass die Militärs, Herrscher und Tyrannen der Oberschicht Mittel und Wege suchten, um „lebende Tote“ zu erschaffen. Die historisch versierte Anne Rice siedelte in „Hexenstunde“ eine Hexendynastie als französische Sklavenhalter auf Haiti an – eine bemerkenswerte Abkehr von rassistischen Stereotypen, in denen die Gefahr im Voodoo von den Schwarzen ausgeht.

Ein weltlicher Kern lässt sich unschwer erkennen. Jede Sklavenhaltergesellschaft, jedes Terrorsystem versucht, seine Sklaven mittels solcher Methoden von Gehirnwäsche und Gewalt zur Willenlosigkeit abzurichten. Aus der Stalin-Zeit ist bekannt, dass Andersdenkenden durch das Verabreichen von Giften Gehirnzentren zerstört wurden, und das Ruhigstellen von Patienten mittels Neuroleptika kennen wir aus jeder Psychiatrie. In Haiti gibt es belegte Fälle von Menschen, die viele Jahre nach ihrem Verschwinden in ihren Dörfern auftauchten – als psychisch Debile. Es stellte sich heraus, dass sie die Jahre auf Plantagen gearbeitet hatten und wohl noch irgendeinen Rest ihres Bewusstseins bewahrt hatten, der sie in ihr Zuhause zog. Zombies sollen sich in Haiti schleppend fortbewegen und statt artikulierter Sprache nur ein Krächzen von sich geben. Sie sollen nicht reagieren, wenn sie angesprochen werden. Ihre Augen sind seltsam starr. Das alles kennzeichnet auch Geisteskrankheiten. Schwere Alkoholiker können in den Zustand des nicht mehr umkehrbaren Delirium Tremens geraten, in dem sie zu komplexen Gedankenleistungen nicht mehr in der Lage sind. Und Menschen, die von Metaamphetaminen, dem so genannten Crystal Ice, abhängig sind, ähneln sehr den Kreaturen der Romero Filme – die Zähne und Haare fallen aus, sie sind zu logischen Gedankengängen nicht mehr fähig, biologisch lebendig, psychisch und intellektuell tot. Sie verfallen bei lebendigem Leib innerhalb weniger Jahre. Eine Theorie geht davon aus, dass die Methode, Zombies durch Gift zu erschaffen aus Westafrika in die Karibik kam. Ursprünglich soll es sich um Kriminelle gehandelt haben, die durch das Verabreichen von Giften bestraft wurden.

Spiritueller Scheintod

Spirituelle Praktiker, aber auch Kranke können in eine Art von Scheintod geraten. Die Trance des Schamanen, die Besessenheit des Voodoo-Anhängers basiert auf solchen Zuständen, verstärkt durch Opium, Tollkirsche, Bilsenkraut oder Fliegenpilz. Bilsenkraut kann zu Starre führen, in der das Unbewusste lebendig ist. Schamanen betrachten ihre geistige Reise in die Welt der Ahnengeister unternehmen, als Tod. Ihr Körper liegt reglos da, während ihr anderes Ich die unsichtbare Dimension bereist. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Grundmotiv des Schneewittchen-Märchens auf solchen Ritualen basiert: Die Dosis macht das Gift. Schneewittchen bekommt den Apfel von einer Hexe, einer Schamanin. Ersetzen wie den Giftapfel durch Fliegenpilz oder Opiummohn und begrenzen wir den Schlaf auf einen Tag, erkennen wir den kleinen Tod des Schamanen. Für Menschen, die die Geister als Realität ansehen, stellt sich die Frage, ob so ein kleiner Tod symbolisch zu betrachten ist, nicht. Der Tod ist der Eintritt in eine Dimension des Lebens und kein absoluter Zustand, so kann der Schamane auch sterben und wiederkehren, da die Grenze fließend ist.

Nun ist der Voodoo keine durch und durch Naturwissenschaft nach den Begriffen des europäischen Positivismus, sondern eine Religionskultur. Und der Voodoo kennt auch den Astralzombie. So lässt sich eine Seele vom Körper trennen und in einem Gefäß aufzubewahren. Der Zauberer erhält dadurch Macht über den Körper des Toten. Diese sind nur für den Bokor sichtbar. Und die Pulver sind nicht nur Gifte, die auf das Gehirn wirken könnten, sondern sollen auch aus Friedhofserde und zerstoßenen Totenknochen bestehen. Die Bokors sollen düstere Totenmagie betreiben. Der Bokor kann auch einer Leiche die Kleidung des Opfers seines Schadenszaubers anziehen, das dadurch verhext wird. Ein Glaube an solche Schadenszauber kann schlimmste psychische Folgen haben; nachgewiesenermaßen können Menschen, die an die Wirkung von Flüchen glauben, an Flüchen sterben. Im Voodoo kann ein Mensch auch die Seelen von Verwandten an einen Bokor verkaufen. Er erhält vom Schwarzmagier dafür Vergünstigungen wie Reichtum oder Gesundheit. Die Seelen der Verwandten müssen dann dem Bokor als Zombies dienen. Der Bokor kann auch die Seele eines frisch Verstorbenen aufsaugen.

„Den Tod selbst erkennen wir (…) anhand des Umstandes, dass er nicht das Leben ist“, so Maya Dere. Und weiter: „Wenn wir einen Leichnam ansehen, ist uns klar, dass es sich um einen Toten handelt, weil wir wissen, was es heißt, lebendig zu sein.“ Zombie, oder das, was ein Zombie im Voodoo ist, lässt sich, laut Astrid Reuter, nur innerhalb der Initiationsrituale erklären. Der Gwo Bonanj, der große gute Engel verschmilzt rituell mit dem Iwa met te, mit seinem Geistwesen. Jeder Mensch steht einem Geist, einem Iwa (Loa) nahe. Dieser hat als erster Besitz von ihnen ergriffen und erscheint regelmäßig. Das Krafttier im Schamanismus hat eine ähnliche Bedeutung, nur wird der Schamane nicht von diesem Geist in Tierform besessen. Vorstellungen von Werwölfen und anderen Gestaltwandlern lassen sich von der Besessenheit im Vaudou aber nur „akademisch“ trennen.

Ähnlich wie in schamanischen Kulturen und anders als in der Trennung des Monotheismus zwischen Diesseits und Jenseits gilt die Initiation als Tod und Wiedergeburt, auch der körperliche Tod ist ein geistiger Zustand, bei dem die Persönlichkeit des Menschen in die Welt der Geister eintritt. Der Tod beendet diese Verbindung nicht automatisch, sondern die Persönlichkeit muss rituell in die Geisterwelt geleitet werden. Der große gute Engel geht direkt zu Gott; der Ti Bonanj, der „ti bon ange“ reinigt sich erst einmal in der Geisterwelt. Ein Jahr und einen Tag nach dem Tod wird er rituell in die Welt der Ahnen geleitet und diese Energie kann zu einem Loa werden, die wiederum aus dieser Energie entstehen. Wird dieses Ritual gestört, kann ein Bokor den Ti bin ange in einen Zombie verwandeln. Maya Dere erörtert: „Das Sterben ist die Herauslösung einer Figur aus der Form, in der sie sämtliche Elemente ihrer speziellen Zusammensetzung übertragen hatte. Wird die Form (…) durch diesen Trennungsvorgang zerstört, stirbt der Körper. Die Figur jedoch, in die diese Form hineingegossen worden war, ist immateriell und daher unsterblich. Sie ist eine Persönlichkeit, die zwar unsichtbar, aber real ist, die einen Namen trägt und die man unter diesem Namen kennt.“ Die körperlosen Wesen entsprechen keineswegs den seelenlosen Untoten des Horrorfilms, sondern erinnern an Geister. Sie haben nicht ihre Seele, sondern ihren Körper verloren, sind versklavte Seelen, die gefangen gehalten werden.

Dabei ist der Gwo Bonanj auch keine Seele im christlichen Sinne, er ist eher dem Begriff der Psyche ähnlich, also der psychologischen Grundstruktur, dem Charakter eines Menschen. Auch die Besessenheit lässt sich nicht als ein von außen in den Menschen einfahrendes sehen, denn in der Initiation ist er mit dem Loa verschmolzen. Der Begriff von C.G, Jung, der seelische Archetyp kommt den Loas nahe.

Bei den seelenlosen Körpern, die intellektuell tot von Bokors als Sklaven eingesetzt werden, ist das Gegenteil der Fall. Der Gwo Bonanj hat sich im Grab bereits vom Körper befreit; nur der Körper wird belebt ohne Persönlichkeit und Individualität. Diese innerlich leeren Toten sind durch ihre Seelenlosigkeit unterwürfig und willenlos. Ihre krächzenden Laute entsprechen denen von Gede, dem Geist der Toten. Die Trennung der Einheit von Geist und Körper ist im Voodoo das Entsetzlichste an der Zombifikation: „Die physische Substanz und der Geist des Menschen (…) sind ewig voneinander abhängig: der stoffliche Körper von der Göttlichkeit, die in ihm wirkt, und die göttliche Kraft von dem materiellen Körper, aus dem heraus sie entstanden ist“, so Maya Dere.

Kontrollverlust und die Angst des Westens

Positivistische Erklärungen religiöser Vorstellungen sind meist mit Vorsicht zu genießen. Wie jemand, der an Vampire glaubt, nicht erst deswegen an sie glaubt, weil er lebendig aussehende Leichen findet, glauben auch die Voodouisten nicht deshalb an Zombies, weil Plantagenbesitzer psychisch Debile versklaven oder Giftmischer Pulver aus Kugelfischen und Aga-Kröten herstellen. Die Verbindung ist wegen einer Eigenart des Voodoo trotzdem vorhanden. Die Haitianer im Armenhaus Lateinamerikas sind durch ihren Überlebenskampf zu einem pragmatischen Umgang mit ihren Mythen gezwungen. Der Voodoo ist weniger mystische Spekulation oder theologische Debatte; die Loas sind eine Lebenspraxis und kein Dogma, wie auch die Rolle eines Schauspielers oder die Romanfigur eines Schriftstellers kein Wesen aus einem diffusen Jenseits, sondern ein Imago im Diesseits ist. Die Menschen glauben nicht abstrakt an die Geister, sondern binden sie direkt in den Alltag ein, hier den polytheistischen Kulturen vergleichbar, in denen die Götter eine Art, zu handeln darstellten, hier auch dem Schamanentum der Jäger und Sammler vergleichbar, das immer an die natürliche Welt gebunden ist.

Maya Dere betont, dass die Ganzheit der kulturellen Form es verhindert, die Rituale des Voodoo auseinander zu reißen, um die einzelnen Stücke zu katalogisieren: „Jeder dient den Loas auf seine Art und Weise“, vergleichbar vielleicht mit einem Künstler, dessen schöpferischer Prozess sich nicht mit der biochemischen Substanz der Farbe erklären lässt, die er verwendet. Um das Ritual und die Praxis des Vaudou einzuordnen, ist nicht nur und nicht einmal zuerst der akademische Anthropologe und erst recht nicht der christliche Theologe zu fragen, sondern der Theaterwissenschaftler, der Tanzlehrer, der Bildhauer, der Filmregisseur und der Drehbuchautor.

Die Voodoo-Anhänger dienen den Loas und erwarten dafür eine Gegenleistung; Transzendenz spielt im Alltag kaum eine Rolle. Deshalb ist auch die körperlich greifbare Wahrnehmung von Zombies, nämlich als willenlosen Arbeitssklaven, der Lebensgestaltung mit den Loas verbunden. Zombies und Schadenszauber sind auch deswegen Inbegriff des Angstbildes Voodoo im Westen, weil die Besessenheit selbst den europäischen Mythos, sich selbst kontrollieren zu können, in Frage stellt. Eben dieser Ausdruck des Unbewussten war im Christentum Inbegriff der Macht des Teufels, in der dualistischen Denkschablone der vermeintlich kirchenkritischen Ideologie des Bürgertums primitiv und wild. Die Ekstase des Anderen spiegelt das eigene Verdrängte, das Ausgegrenzte des vermeintlich Zivilisierten. So erörtert Maya Dere mit dem Blick der Künstlerin: „Da ein Mensch nur die Geister anziehen kann, die seinem Charakter entsprechen, gewinnt man bei einem Besessenen nicht nur den Einblick in das Wesen desjenigen Archetyps, der sich manifestiert hat, sondern auch in den Charakter der Person, von welcher er Besitz ergriffen hat – jenseits aller Masken, die wir für so wichtig halten. Je stärker sich jemand an diesen Schutzschild klammert, desto größer ist seine Angst, ihn fallen zu lassen. Die Haitianer sind daran gewöhnt; dementsprechend fürchten sie sich auch nicht davor.“ Die Methoden, sich vor solchen erschaffenen Zombies zu schützen, ähneln denen vor Untoten weltweit. Mal bewachen die Hinterbliebenen das Grab, mal drücken sie dem Leichnam ein Messer in die Hand, damit es den Bokor abwehren kann. Auch ein schwerer Grabstein kann den Schwarzmagier fernhalten. Salz essen kann einen Zombie von seinem Fluch befreien.

Die heutige Bedeutung des Vaudou in Haiti

Bertrand Aristide erkannte 2003 den Vaudou offiziell als Religion an. Die Haitianer sind aufgrund ihrer erbärmlichen Lebensbedingungen (die Arbeitslosigkeit betrug laut GEO 12/2000 80%, die Lebenserwartung liegt bei 38 Jahren, das Pro-Kopf-Einkommen beträgt 270 US-$ jährlich) notwendigerweise sehr realistische Menschen. Der Lebensstandard in Haiti ist vergleichbar mit dem in den ärmsten Ländern Schwarzafrikas. Auf makabre Art hat sich so die Rückkehr nach Afrika erfüllt. Als Test für die Wirksamkeit metaphysischer Kräfte dienen pragmatische Erfolgserlebnisse. So ist die Symbolwelt des Vaudou auf Beobachtungen und fassbaren Tatsachen aufgebaut. Glauben ist eng an Denken, an folgerichtige Geschehnisse geknüpft. Die Loas werden nicht verehrt, sondern mit ihnen wird verhandelt, wenn das Ergebnis negativ ausfällt, liegt das an Meinungsverschiedenheiten mit den Loas oder daran, den eigenen Standpunkt nicht überzeugend genug vertreten zu haben.

In diesem in Bruchstücke zersplitterten Land, in dem ähnlich wie in Liberia, dem anderen Hoffnungsträger der afrikanischen Sklaven, der Versuch der Selbstbestimmung nach einer gelungenen Revolution scheiterte, ist der Gesang der hougans oft die einzige Form verbindlicher sozialer Organisation. Während die Intellektuellen, Schriftsteller, Maler und Musiker im Chaos der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts nach dem Sturz von Baby Doc das Land Richtung USA verließen und auch Aristide sich primär am Machterhalt interessiert zeigte, pflügen die Bauern im verlassenen Land weiterhin ihre kümmerlichen Felder mit Holzstöcken, sehen die herrschenden Familien Haiti nach wie vor als Plündergut an, existiert eine politische Infrastruktur nicht auch nur ansatzweise. Im Unterschied zur Periode der französischen Sklaverei gibt es heute für eine Sozialrevolte kaum Angriffsflächen und auch keine Alternativvorstellungen. Auch wenn die Reichen heute aus dem Land gejagt würden, gäbe es in dem ausgehungerten Land kaum mehr etwas zu holen. So bleibt nur noch der Vaudou, der das irdische Elend der meisten Haitianer nicht erlösen, aber zumindest Hoffnung auf dessen Überwindung geben kann.

Und, als ob Armut, Gewalt und der tägliche Kampf um das materielle Überleben zur Hoffnungslosigkeit nicht reichen würden, demonstrierte die Natur, dass es noch schlimmer kommen konnte. Das Erdbeben machte das Chaos vollkommen. Westliche Hilfsorganisationen besetzten das Land, die Bereitschaft zu spenden, war groß – ein zweischneidiges scharfes Schwert. Denn hilflose Schwarze, „weinende Negerbabies“ im „Abendland“ paternalistische Gefühle auslösen: Der „gute Herr“ kümmert sich um seine Sklaven; eben damit legitimiert er seine Herrschaft. Es war so sicher wie das Amen in der Kirche, dass die christliche Rechte Profit aus der Katastrophe ziehen würde. Evangelikale in den USA erkannten im Erdbeben eine Strafe Gottes für die vaudouistischen Teufelsanbeter. Ähnlich, wie Islamisten ihre Anhänger durch Sozialfürsorge gewinnen, mobilisierten christliche Organisationen verschiedener Couleur nach Haiti, um den Erdbebenopfern zu helfen. Während die christliche Rechte das Erdbeben als Strafe Gottes für die „Teufelsanbetung“ ansieht, erkennt der vermeintlich aufgeklärte westliche Blick die Irrationalität des Vaudou als Blockade des gesellschaftlichen Neuanfangs.

Der Vaudou selbst bietet aber Möglichkeiten, die Katastrophe zu händeln. Da es keinen Klerus und keine totalitäre Kirchenhierarchie gibt, ist jeder Mensch handlungsfähig. Der Vaudouist muss nicht auf den Segen des Bischofs warten, um in Kontakt zu seinen Geistern zu treten. Die basisdemokratische Ausrichtung und dezentrale Interpretation der Rituale ermöglicht eigenständig und vor Ort zu handeln, was im Chaos nach dem Beben lebenswichtig war. Der Besessene tritt in Kontakt zu den Loas, die ihm in der Situation entsprechen, die Heilungen und schöpferischen Ausdrucksformen sind der Welt zugewandt, Handlungsoptionen.

Der Einfluss christlicher Fundamentalisten wuchs durch die Katastrophe; wieder einmal zeigte sich aber, dass der Vaudou durch den paternalistischen Übergriff nicht tot zu kriegen ist. Die historische Erfahrung von Sklaverei, Revolutionen und Terrorherrschaft ließ die Haitianer im Angesicht des Zusammenbruchs nicht unvorbereitet. Der Vaudou, nicht als religiöses Dogma, sondern als Überlebenskonzept, grenzt die unangenehmen Seiten der Existenz nicht aus, sondern betrachtet sie als Aspekte des kosmischen Dramas von Leben und Tod. Auch Vaudou-Anhänger erkannten im Erdbeben eine spirituelle Dimension, die von ihrem sozialen Befreiungskampf nicht zu trennen ist. Die Naturkatastrophe ist in dieser Lesart Ausdruck eines kosmischen Ungleichgewichts. Das Erdbeben zerstörte zentrale Symbole der Unterdrückung wie die großen Kathedrale von Port-au-Prince, den Präsidentenpalast und das UN-Hauptquartier und bestätigte die Vaudouisten, die Armen und die Ausgebeuteten darin, dass die soziale Ungerechtigkeit und die Ausbeutung der Natur das spirituelle Gleichgewicht beschädigt hatten. Diese spirituelle Wahrnehmung lässt die Serviteurs nicht verzweifeln: Denn in der Zerstörung manifestiert sich bereits die neue Schöpfung.

Die Massengräber für die hunderttausenden von Erdbebenopfer stellen aus Sicht der Vaudouisten jedoch ein großes Problem dar. Da sie die entscheidenden Todesrituale nicht durchliefen, sind unzählige Seelen gefährdet, zu Zombies zu werden. (Dr. Utz Anhalt)
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