1,5 Millionen Menschen Medikamentenabhängig

Sebastian

Verbände warnen vor Medikamentenmissbrauch und Wechselwirkungen von Arzneien

03.11.2011

Die Medikamentensucht in Deutschland wird von Gesundheitskreisen, Politik und Behörden noch immer weitestgehend ignoriert. Dabei sind nach Angaben des „Jahrbuches Sucht 2011“ rund 1,5 Millionen Menschen von Arzneimitteln abhängig. Die meisten der Betroffenen sind laut der Auswertungen der Jahrbuch-Initiatoren von Schlafmitteln süchtig. Die einhergehenden Gesundheitsgefahren durch die fortlaufende Medikamenteneinnahme wird von den meisten Patienten meist ignoriert.

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Über 1,5 Millionen Menschen sind in Deutschland von Arzneimitteln abhängig. Nicht mit eingerechnet ist der stetig wachsende Missbrauch von vermeintlichen Mitteln gegen Angst, Stress, Übergewicht oder Schmerzen. Viele verwenden Medikamente auch zur Leistungssteigerung oder zur Aufhellung der Stimmungslage. Der überwiegende Teil der Konsumenten macht sich kaum Gedanken über auftretende Nebenwirkungen und ignorieren mögliche Gefahren für die Gesundheit. Den meisten sind anscheinend die Gefahren schlichtweg unbekannt.

16 Millionen Deutsche greifen täglich zum Glimmstängel, 2,5 Millionen sind Cannabis Konsumenten, etwa 1,1 Millionen Menschen sind von Schlafarzneien abhängig und weitere 400.000 Menschen sind von anderen Medikamenten wie Beruhigungs-, Aufputsch- oder anderen Mitteln abhängig. Das ermittelte das „Jahrbuch Sucht 2011“ und beruft sich dabei auf offizielle Angaben u.a. aus dem Bundesgesundheitsministerium. Um das Problem öffentlichkeitswirksam zu thematisieren, hat sich eine Initiative aus unterschiedlichen Verbänden gegründet. Mit dabei ist der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), der Automobilclub ADAC sowie die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Ziel ist den Medikamentenmissbrauch in allen Auswirkungen und Facetten darzustellen, damit Gegenmaßnahmen getroffen werden. Denn ein regelmäßiger Medikamentenkonsum kann schwerwiegenden Auswirkungen auf die Gesundheit bedeuten.

Medikamente und Straßenverkehr
Eine bedeutende und ebenfalls oft verkannte Gefahr ist die Medikamentenwirkung und das Führen eines Fahrzeugs. Bereits harmlos wirkende Arzneien gegen Erkältungskrankheiten können im Straßenverkehr gefährliche Folgen haben. Einige Wirkstoffe lösen eine Verminderung der Reaktionsfähigkeit aus und das relative Unfallrisiko steigt. Nach Angaben der Experten steht jeder vierte Unfall im Straßenverkehr im Zusammenhang mit einer Arzneimitteleinnahme.

Professor Dr. Frank Mußhoff von der Bonner Universität (Institut für Rechtsmedizin) erläuterte, dass ihm beispielsweise ein Fall bekannt wurde, nachdem ein Patient von einem Arzt eine geringe Dosis Methadon gegen Rückenschmerzen verabreicht bekam. Etwas später erhielt der Betroffene in einem Krankenhaus ein weiteres Medikament zur Beruhigung und Muskelentspannung. Kurze Zeit nach der Einnahme verursachte der Mann als Autofahrer einen Verkehrsunfall. Der Mediziner warnt in diesem Kontext vor den zum Teil unvorhersehbaren Wechselwirkungen von Arzneimitteln. Ärzte müssen daher Patienten besser und eingehender vor der Verabreichung informieren. „Von 400 Verkehrsteilnehmern, die ohne Alkohol einen alkoholtypischen Fahrstil zeigten, standen 360 unter Arzneimitteleinfluss.“

Apotheken können Medikamentenausgabe verweigern
In der Bundesrepublik sind Apotheken dazu gesetzlich verpflichtet, einem Missbrauch von Medikamenten entgegenzuwirken. Bereits beim Verkauf von nicht rezeptpflichtigen Mitteln müssen die Verbraucher über mögliche Nebenwirkungen und/oder Wechselwirkungen aufgeklärt und gewarnt werden. Kommt der Verdacht von Medikamentenmissbrauch auf, können Apotheker den Erwerb des Arzneimittels gegenüber dem Kunden verweigern. Das gilt jedoch nur, wenn das Mittel ohne ärztliches Rezept verkauft wird. Wie Ursula Sellberg vom Apothekerverband sagte, muss bei Rezeptpflichtigen Arzneien bei Verdacht eine Rücksprache mit dem behandelnden Arzt getroffen werden. Dann wird entschieden, ob das Mittel dennoch ausgegeben wird. Inwieweit diese Vorgaben in der Praxis umgesetzt sind, darüber gibt es genauen Kennzahlen. Ein Hauptproblem ist für Apotheker das Erkennen von missbräuchlichen Absichten. Der Betroffene kann außerdem einfach zu der nächsten Apotheke und dort „sein Glück“ versuchen.

Leistungsarzneien nehmen deutlich zu
Nach Angaben des Bundesverbands der gesetzlichen Krankenkassen nimmt etwa jeder 20. Arbeitnehmer Arzneimittel zur Leistungssteigerung ein. In Zahlen ausgedrückt würden etwa rund 800.000 Angestellte, Schüler oder Studenten zu Leistungssteigern greifen. Viele erhoffen sich eine verbesserte Konzentration sowie eine gesteigerte Leistungsfähigkeit. Etwa sieben Prozent aller Unfälle am Arbeitsplatz werden nach Angaben des rheinischen Gemeindeunfallversicherungsverbands durch solche sogenannten „happy pills“ verursacht. Zum Vergleich: Etwa 13 Prozent der Arbeitsunfälle werden unter Alkoholeinfluss begangen.

Leistungsmittel im Freizeitsport
Nicht nur im professionellen Leistungssport sondern auch im Freizeitsport nehmen immer mehr Menschen Pillen ein, um höhere Sportziele zu erreichen. Nach Meinung einiger Experten würden rund eine Million Menschen in Deutschland zu Dopingmitteln oder anderen Leistungsarzneien greifen. Der DOSB-Vizepräsident Breitensport/Sportentwicklung, Walter Schneeloch, warnte jedoch davor, das Problem als ein „Sportproblem“ anzusehen. Vielmehr seien Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und Zielgruppen betroffen. Mit dem Symposium soll deshalb eine umfassende Aufklärung vorangetrieben werden. Was nützt der gesundheitsfördernde Sport, wenn Wirkstoffe die Gesundheit des Konsumenten akut gefährden? (sb)