27 Jahre nach Tschernobyl Krebsfolgen bilanziert

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Fabian Peters

Tschernobyl: Langzeitstudie zeigt hohe Überlebensrate bei Schilddrüsenkrebs

26.04.2013

Jahrzehnte nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl leiden immer noch zahlreiche Menschen an den Folgen. Eine nun veröffentlichte Langzeitstudie des Forscherteams um Professor Dr. Christoph Reiners vom Universitätsklinikum Würzburg zeigt jedoch, dass zumindest die Schilddrüsenkrebserkrankungen bei Kindern nach dem Atomunfall – trotz ihrer Schwere – oft relativ gut therapierbar waren.

Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Minsk (Weißrussland) hatten die Würzburger Forscher „229 Kinder und Jugendliche mit Schilddrüsenkrebs von 1992 bis 2012 beobachtet“, so die Mitteilung des Universitätsklinikums Würzburg. Sämtliche Kinder erhielten in Deutschland eine Radiojod-Therapie, nachdem ihre Tumoren zuvor in Weißrussland operativ entfernt wurden. „ Alle Studienteilnehmer galten als Hochrisiko-Patienten, weil sie im Zuge des Tschernobyl-Unfalls sehr hohe Strahlendosen abbekommen hatten“, schreiben die Forscher.

27 Jahre nach der Katastrophe
Vor genau 27 Jahren, am 26. April 1986, ereignete sich in dem Atomkraftwerk von Tschernobyl in der Ukraine eine Explosion, bei der große Mengen radioaktiver Stoffe in die Umwelt abgegeben wurden. Die Kontamination reichte bis in die Nachbarländer. So traten in den Jahren nach der Atomkatastrophe bei Kindern und Jugendlichen in der Ukraine, in Weißrussland und im Westen von Russland vermehrt Schilddrüsenkrebs-Erkrankungen auf. Obwohl diese häufig besonders schwer verliefen, haben die meisten der Betroffenen jedoch bis heute überlebt, so das Ergebnis der Untersuchung von Prof. Dr. Reiners und Kollegen.

Schilddrüsenkrebs bei den Meisten geheilt
„Bei den meisten Betroffenen entwickelte sich eine Tumorform, die bei Kindern scheinbar aggressiver verläuft als bei Erwachsenen“,doch schlug „die Therapie bei fast allen Patienten gut an“, berichtet das Universitätsklinikum in seiner Pressemitteilung. Ihre Studie haben die Forscher in dem Fachmagazin „Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism“ veröffentlicht. Dort kommen sie zu dem Schluss, dass selbst wenn ein „strahleninduziertes Schilddrüsenkarzinom bereits weit fortgeschritten ist und zunächst suboptimal behandelt wurde, die Ergebnisse einer anschließenden Radiojod-Therapie meist günstig sind.“ Trotz des hohen Risikos hätten sich bei 64 Prozent der Studienteilnehmer die Tumoren komplett zurückgebildet und bei weiteren 30 Prozent habe die Radiojod-Therapie zu einer fast kompletten Rückbildung geführt. Dank der ohnehin erforderlichen Nachbehandlung mit Schilddrüsenhormonen sei auch bei ihnen bis heute der Krebs nicht erneut aufgetreten. Ein Patient starb an einer Nebenwirkung der Krebstherapie, der sogenannten Lungenfibrose, und Rückfälle traten lediglich bei zwei Patienten auf, berichten die Forscher.

Hoffnung für Strahlenopfer in Fukushima
Obwohl „viele der Patienten am Anfang ihrer Krankheit keine optimale Behandlung bekamen, haben sie sich trotzdem von weit fortgeschrittenen Tumoren erholt“, erläutertet der Nuklearmediziner Professor Christoph Reiners. Als weit fortgeschritten sei dabei zu verstehen, dass der Krebs bereits die Lymphknoten befallen hatte (bei 97 Prozent der Betroffenen) und bei knapp der Hälfte der Betroffenen Metastasen in der Lunge bestanden. Dennoch konnten fast alle Patienten gerettet werden. Diese Erkenntnisse seien ermutigend für andere Strahlenopfer, wie beispielsweise aktuell in Fukushima (Japan). Dort wurde im Zuge der Kernschmelze mehrerer Reaktoren im Jahr 2011 eine noch höhere Strahlendosis freigesetzt als in Tschernobyl. Zudem ist die Region deutlich dichter besiedelt als das Umfeld von Tschernobyl. Hier sei mindestens mit ähnlich vielen Krebsfällen zu rechen, wie damals in der Sowjetunion, so die Einschätzung des Experten.

Lehren aus Tschernobyl?
Allerdings könnten in Japan „die schnelle Evakuierung und andere Gegenmaßnahmen, wie die Kontrolle der Lebensmittel, das Risiko für Kinder und Jugendliche rund um Fukushima stark verringert haben“, erläuterte Professor Reiners. Hier müsse die Lehre aus Tschernobyl sein, dass die gefährdeten Kinder und Jugendlichen besonders sorgfältig auf Schilddrüsenkrebs hin beobachtet werden, „denn die Heilungschancen sind besser, wenn die Krankheit möglichst früh erkannt wird.“ Dem Experten zufolge sind entsprechende Screening-Programme in der Region von Fukushima bereits angelaufen. (fp)