30 Jahre Aids: Noch immer keine Heilung in Sicht?

Fabian Peters

30 Jahre Aids: Noch immer keine Heilung in Sicht?

06.06.2011

Vor 30 Jahren wurde erstmals öffentlich über die Immunschwächekrankheit Aids berichtet. Der Immunologe Michael S. Gottlieb aus Los Angeles, USA schrieb im „Morbidity and Mortality Weekly Report“ des Centers for Disease Control am 5 Juni 1981 über die besondere Infektionsanfälligkeit, die bei fünf Patienten zu auffällig seltenen Erkrankungen geführt hatte. Da die fünf betroffenen Männer alle homosexuell waren, vermutetet der Immunologe einen Zusammenhang. Am 1 Dezember 1981 wurde Aids schließlich als eigenständige Krankheit nachgewiesen.

Rund 25 Millionen Menschen sind den Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge seit der erstmaligen wissenschaftlichen Erwähnung der Aids-Erkrankungen vor dreißig Jahren an den Folgen der Immunschwächekrankheit verstorben. Auch heute noch infizieren sich täglich tausende Menschen mit dem Humanen Immundefizienz-Virus (HIV), wobei insbesondere in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara und in den Osteuropäischen Staaten besorgniserregend viele HIV-Neuinfektionen zu verzeichnen sind. Obwohl Aids als unheilbar gilt und die Folgen potenziell tödlich sind, können die Betroffenen mit Hilfe von Medikamenten ein einigermaßen normales Leben führen, doch diese stehen längst nicht allen Bedürftigen zur Verfügung.

Aids wurde vor 30 Jahren entdeckt
Als der US-Immunologe Michael S. Gottlieb 1981 erstmals über Aids berichtetet, war weder die Ursache noch der Ansteckungsweg der untersuchten Patienten klar. Auffällig schien jedoch, dass alle fünf Männern im Alter zwischen 29 und 36 Jahren, an äußerst seltenen Krankheiten litten. Zum Beispiel wiesen alle fünf eine Lungenentzündung auf, welche durch Erreger bedingt wurde, die in erster Linie Menschen mit einem schwachen Immunsystem befallen. Auch litten sie an einer besonderen Herpesvirus-Infektion, wobei das entsprechende Herpesvirus eigentlich durch ein gesundes Immunsystem abgewehrt werden sollte. Für die untersuchten Männer hatte die Herpesvirus-Infektion jedoch erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigungen zur Folge. Außerdem wiesen die Mundschleimhäute der Probanden die Hefepilzinfektion Soor auf, die sich in gelblich-weißen Flecken auf den Schleimhäuten äußerte. Da alle fünf Männer homosexuell waren, vermutete Michael S. Gottlieb einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten der Erkrankungen und dem Sexualleben der Probanden. Nachdem Aids Ende 1981 als eigenständige Krankheit erkannt wurde, intensivierte sich die Suche nach den Ursachen und den möglichen Übertragungswegen erheblich. Bald darauf wurde das HI-Virus entdeckt und als Übertragungsweg die Körperflüssigkeiten bestimmt. Sowohl mit dem Blut als auch durch Scheidensekret, Sperma und Muttermilch kann HIV übertragen werden. Neben dem ungeschützten Geschlechtsverkehr wird HIV vor allem durch die Verwendung verunreinigter Spritzbestecke unter den Drogenabhängigen verbreitet.

Ausbreitung der Aids-Pandemie
Anfang der achtziger Jahre starben immer mehr Menschen in Folge einer HIV-Infektion und schnell verbreitetet sich die neue Krankheit über den Globus. 1982 wurde auch in Deutschland die erste Aids-Erkrankung beim Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldet. Heute leiden dem RKI zufolge rund 70.000 Menschen hierzulande an einer HIV-Infektion, wobei im vergangenen Jahr 3.000 Neuinfektionen zu verzeichnen waren. Rund 550 Personen sterben jährlich deutschlandweit in Folge einer Aids-Erkrankung. Weltweit haben sich UNAIDS (Gemeinsames Programm der Vereinten Nationen zu HIV/AIDS) zufolge im Jahr 2009 rund 2,6 Millionen Menschen mit HIV infiziert, 1,8 Millionen Menschen sind an den Folgen einer Aids-Erkrankung verstorben. Insgesamt leben demnach derzeit rund 33 Millionen Menschen weltweit mit einer HIV-Infektion. Doch obwohl die Forschung sich in den letzten Jahrzehnten verstärkt um die Entwicklung möglicher Behandlungsmethoden bemüht hat und weitreichende Erfolge in Bezug auf die Lebenserwartung und Lebensqualität der Betroffenen erreicht werden konnten, ist eine Heilung der Immunschwächekrankheit bisher nicht möglich.

Millenniumsziel: Ausbreitung von Aids stoppen
Die internationale Staatengemeinschaft hat sich mit den Millenniumsentwicklungszielen vorgenommen, die Ausbreitung der HIV-Infektionen bis zum Jahr 2015 aufzuhalten. Doch angesichts der Millionen Neuinfektionen jährlich scheint das gesetzte Ziel mehr als gefährdet. Insbesondere in den Entwicklungs- und Schwellenländern Osteuropas und in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara infizieren sich auch heute noch täglich tausende Menschen mit HIV. Und während den Aids-Patienten in den Industriestaaten mit Hilfe der verfügbaren Medikamente ein relativ normales Leben gewährleistete werden kann, gleicht eine Infektion mit HIV in den besonders armen Staaten häufig einem Todesurteil. In den wohlhabenderen Industrieländern konnte hingegen die Lebenserwartung nach einer HIV-Infektion mit Hilfe der entwickelten Medikamente deutlich verbessert werden. Bereits 1987 kam das erste Aids-Medikament auf den Markt. Das Präparat „Azidothymidin“ , welches vorher erfolglos bei der Behandlung von Krebserkrankungen erprobt wurde, zeigte bei den HIV-Infektionen eine äußerst positive Wirkung. Dabei setzte „Azidothymidin“ am Vermehrungsmechanismus der HI-Viren an.

Aids-Medikamente konnte weitreichende Erfolge erzielen
Normalerweise dringen HI-Viren in bestimmte Abwehrzellen des Immunsystems, die sogenannten T-Lymphozyten ein und nutzen deren Umfeld um ihre einsträngigen Erbinformation (Ribonukleinsäure, RNA) mit Hilfe des Enzyms der reversen Transkriptase in zweisträngige Desoxyribonukleinsäure (DNA) umzuschreiben. Diese neue Viren-DNA kann anschließend mit Hilfe eines weiteren Enzyms in die DNA der T-Lymphozyten integriert werden und die T-Lymphozyten dienen fortan den HI-Viren zur eigenen Vermehrung. Der Wirkstoff „Azidothymidin“ setzt an dem Prozess der Umschreibung von einsträngigen zu zweisträngigen Erbinformationen an und blockiert die Umwandlung von RNA in DNA. Damit konnten die HI-Viren zwar noch in die T-Lymphozyten eindringen, sich anschließend jedoch nicht weiter vermehren. Allerdings entwickelten die Viren relativ schnell Resistenzen gegen dieses eine zur Verfügung stehende Präparat. Daher war die Kombinationstherapie mit der Verwendung von zwei Arzneimittel verschiedener Wirkungsweise ein weiterer Meilenstein in der Aids-Therapie. Schließlich konnte 1996 mit der hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART), bei der drei verschiedene antiretrovirale Medikamenten zum Einsatz kamen, die Behandlung der Aids-Patienten noch einmal maßgeblich verbessert werden. Heute leben Menschen mit einer HI-Infektion hierzulande laut Aussage der Experten durchschnittlich lediglich rund zehn Jahre kürzer als der Rest der Bevölkerung.

UNICEF warnt: Millenniumsziel ist gefährdet
Zwar haben sich die Behandlungsmöglichkeiten bei einer HIV-Infektion in den letzten dreißig Jahren maßgeblich verbessert und nach Einschätzung der Experten bestehen durchaus gute Aussichten in Zukunft die Immunschwächekrankheit mit Hilfe von Medikamenten zu heilen. Doch das UN-Kinderhilfswerk UNICEF hatte jüngst vor der dramatischen Ausbreitung der HIV-Infektionen unter Kindern und Jugendlichen in den Entwicklungs- und Schwellenländern gewarnt. 2,5 Millionen Heranwachsende sind laut UNICEF mit HIV infiziert. Die meisten von ihnen leben unter widrigen Umständen in ärmlichen Verhältnissen, wodurch eine adäquate Versorgung mit Medikamenten nahezu unmöglich erscheint. Täglich kommen dem UN-Kinderhilfswerk zufolge 2.5000 HIV-Neuinfektionen unter den Heranwachsenden hinzu. Dabei nannte der UNICEF-Exekutivdirektor Anthony Lake „Vernachlässigung, Ausschluss und Gewalt“ als wesentliche Ursachen der HIV-Infektionen unter Jugendlichen. Vor allem in Osteuropa spielen laut UNICEF Drogensucht und Prostitution ebenfalls eine wesentliche Rolle, wobei „Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit sowie fehlende Unterstützung durch ihre Familien und Gemeinden“ die häufigsten Ursachen dafür seien, „dass Jugendliche zu Drogen greifen oder sich prostituieren“, erklärte Anthony Lake. Das UN-Kinderhilfswerk warnte davor, dass angesichts der aktuellen Infektionszahlen das Millenniumsziel, die Ausbreitung von Aids bis zum Jahr 2015 zu stoppen, ernsthaft gefährdet sei. (fp)

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