330 Millionen für fast nutzloses Grippemittel

Heilpraxisnet

Deutschland: 330 Millionen Euro für fragwürdige Grippemittel

15.02.2015

Schon seit längerem ist bekannt, dass Wissenschaftler die Wirksamkeit des Grippemittels Tamiflu anzweifeln. In Deutschland wurde das Medikament lange massenhaft für einen möglichen Pandemie-Fall gebunkert. Transparency International hat nun aufgedeckt, wie viel Geld Bund und Länder für eine weitgehend nutzlose Arznei ausgaben.

Medikament verkürzt Erkrankung um maximal einen Tag
Wie der „Spiegel“ online berichtet, wurden zwischen 2005 und 2009 in Deutschland zwei Medikamente für den möglichen Fall einer Epidemie eines neuen Influenza-Erregers eingelagert. Es handelte sich dabei in erster Linie um Tamiflu und teilweise zusätzlich um Relenza. Diese Arzneien sollten im Notfall für 20 Prozent der Bevölkerung reichen. Die Bevorratung entsprach den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem Nationalen Pandemieplan. Doch schon früh war bekannt, dass Tamiflu offenbar nicht so wirkt, wie der Hersteller Roche behauptete. So hatten Forscher im vergangenen Jahr im „British Medical Journal“ darauf hingewiesen, dass sich zeigte, dass der Wirkstoff die Dauer der Erkrankung um maximal einen Tag verkürzt und keinen Effekt auf das Risiko drohender Komplikationen oder die Wahrscheinlichkeit einer Krankenhauseinweisung gezeigt habe. Dafür würden die Patienten jedoch einem erhöhten Risiko von Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Nierenprobleme, Übelkeit und Erbrechen ausgesetzt.

„Enorme Verschleuderung von Steuergeldern“
Transparency International Deutschland (TI) hat nun, unterstützt von der deutschen Gesellschaft für Informationsfreiheit, die Kosten ermittelt, die für den Kauf der Medikamente anfielen. Demnach haben der Bund und die einzelnen Bundesländer in der Zeit von 2002 bis 2009 zusammen insgesamt 330 Millionen Euro ausgegeben. Bei der Vorstellung der Daten, sagte Angela Spelsberg von TI: „Beide Mittel sind für eine Pandemiebekämpfung nicht geeignet.“ Sie meinte weiter: „Die Fehleinkäufe bei der Pandemievorsorge im Detail aufzudecken und die enorme Verschleuderung von Steuergeldern sichtbar zu machen, ist für die Öffentlichkeit äußerst wichtig.“ Bereits bei der Erstzulassung durch die US-amerikanische Arzneimittelbehörde sei umstritten gewesen, ob Tamiflu im Pandemiefall das richtige Mittel ist.

Zuständige Kommissionen durch unabhängige Experten besetzen
Tamiflu solle nach Forderungen der Nichtregierungsorganisation sofort von der Liste der unentbehrlichen Medikamente der WHO gestrichen werden. Zudem solle für den Fall eines erneuten Pandemieplans eine wissenschaftlich neutrale Untersuchung einschätzen, welche Mittel eingelagert werden sollen. Die Pandemie, die von der WHO 2009 ausgerufen wurde, erfolgte laut TI durch Gremien, deren Mitglieder „mannigfaltige Verflechtungen zu Medikamentenherstellern“ aufwiesen. Deshalb fordern sie, dass die zuständigen Kommissionen bei WHO und in den Ländern ab sofort mit unabhängigen Experten besetzt werden.

Pandemieplan wird zurzeit überarbeitet
Wie der „Spiegel“ schreibt, wird der Pandemieplan derzeit vom das Robert-Koch-Institut (RKI) überarbeitet. Offen ist, ob die Behörde den staatlichen Grippemitteleinkauf weiterhin empfehlen wird. In zahlreichen Studien wurde der Einkauf von Tamiflu zuvor kritisiert. Dies und dass dem Medikament in verschiedenen Untersuchungen kaum ein Nutzen zugesprochen wurde, dürfte die Entscheidung des RKI beeinflussen. Von dem eingelagerten Tamiflu wird ohnehin bald nichts mehr übrig sein. Bei vielen der Medikamente ist das Mindesthaltbarkeitsdatum bereits abgelaufen oder wird bald ablaufen. In manchen Bundesländern wurden bereits große Chargen vernichtet. (ad)

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