560.000 Deutsche sind internetsüchtig

Sebastian

560.000 Deutsche sind abhängig vom Internet

26.09.2011

Mehr als eine halbe Million Menschen sind in Deutschland süchtig nach dem Internet. Eine Studie bracht zu Tage, dass Mädchen offenbar ein stärkeres Suchtpotenzial für Internetsucht entwickeln, als Jungen. Sie spielen, chatten und surfen soziale Netzwerke wie Facebook an. In zahlreichen Fällen vernachlässigen Süchtige reale emotionale Beziehungen, schwänzen die Schule oder gehen kaum mehr zur Arbeit.

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Längst ist das Internet nicht nur eine riesige Wissensdatenbank, um sich zu informieren oder um einfach nur Emails zu versenden. Immer mehr Menschen entwickeln mit der Zeit eine regelrechte Internetabhängigkeit, wie eine neu vorgestellte Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums ermittelte. Demnach haben bereits 560.000 Junge wie Alte eine Internetsucht entwickelt. Den Studiendaten zufolge sind rund 1,0 Prozent der 14- bis 64 Jährigen Bundesbürger abhängig vom Surfen im Internet, Chatten oder Spielen, wie die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Mechthild Dyckmans (FDP) heute in Berlin bei Vorstellung der Studienergebnisse erklärte. 4,6 Prozent aller Altersklassen (2,5 Millionen) zeigten darüber hinaus bereits ein problematisches Nutzerverhalten im Web. Das bedeutet, die gefährdeten Menschen weisen Indizien oder Anzeichen für eine Onlinesucht auf.

Internetsucht soll mehr erforscht werden
In diesem Kontext kündigte die Politikerin an, die PC- und Internetsucht mehr in den Fokus ihrer künftigen Arbeit zu setzen. Um vor allem Kinder und Jugendliche besser vor den Suchtpotenzialen zu schützen, wolle Dyckmans einen erweiterten Arbeitsschwerpunkt setzen. Mit Psychologen, Sozialarbeitern und Fachkundigen will die Drogenbeauftragte nun klären, in welchem Maße eine Suchtgefahr von besonders gefährlichen Onlinespielen ausgehe und wie eine Altersbeschränkung vor den Suchtpotenzialen schützen könnte.

Jugendliche sind laut der Untersuchungen der Universitäten Lübeck und Greifswald besonders von der Onlinesucht gefährdet. In der Studie mit dem Arbeitstitel: "Prävalenz der Internetabhängigkeit (PINTA I)“ wird beschrieben, dass die Internetabhängigkeit im besonderen Maße junge Menschen zwischen 14 und 24 Jahren träfe. Hier liegt die Abhängigkeitsquote bereits bei 2,4 Prozent. Einen problematischen Umgang mit dem Internet zeigen schon 13,6 Prozent der Jugendlichen. Die Anzahl der Internetabhängigen sei vergleichbar mit der Zahl der Cannabis-Süchtigen, sagte die FDP-Politikerin.

Junge Frauen und Mädchen besonders von Internetsucht gefährdet
Während das Web noch vor einigen Jahren eine männliche Domäne war, sind immer mehr Frauen und Mädchen regelmäßig online unterwegs. Mittlerweile zeigen junge Frauen und Mädchen eine Suchtgefährdung im besonders hohen Maße, wie die Studienautoren erklären. Den Datenerhebungen zufolge, zeigen 14- bis 16 Jährigen Mädchen ein höheres Potenzial von Internetsucht, als Jungen. Gegenüber den Jungen (3,1 Prozent) sind Mädchen zu 4,9 Prozent internetsüchtig. Besonders das ständige und lange Verweilen in sozialen Netzwerken ist für diese Entwickelung nach Meinung der Forscher hauptverantwortlich. „Wir vermuten, dass Mädchen und junge Frauen besonders empfänglich sind für die Bestätigungen, die man in sozialen Netzwerken findet“, sagte der Forscher Hans-Jürgen Rumpf von der Universität Lübeck. 77,1 Prozent der suchtgefährdeten Mädchen nutzen die sozialen Online-Netzwerke bereits exzessiv. Bei den gleichaltrigen Jungen sind vor allem Onlinespiele (33,6 Prozent) sehr beliebt. Für die abhängigen Mädchen spielen diese Online-Angebote mit nur 7,2 Prozent eine untergeordnete Rolle.

Kennzeichen einer beginnenden Internetabhängigkeit
So jung wie das Internet noch ist, so unklar ist noch die Internetsucht durch die Wissenschaftler gekennzeichnet. Meist ist die Sucht durch eine Reihe von weiteren Auffälligkeiten im Verhalten der Betroffenen definiert. Beim Surfen oder Nutzen verlieren zum Beispiel die Betroffenen jegliches Zeitgefühl. Sie nutzen daher das Web quasi dauerhaft und zeigen Entzugserscheinungen, wenn einmal kein Onlineanschluss verfügbar ist. Demnach wird eine Person als „Onlinesüchtig“ eingestuft, der „nur noch in der virtuellen Onlinewelt lebt“. Probanden, die Entzugserscheinungen aufwiesen, zeigten sich Aggressiv, Lustlos, Gelangweilt und Reizbar, wenn eine Verbindung mit dem Internet nicht möglich war. Weitere Attribute könnten auch von einer Drogensucht rühren. So verwendeten die Süchtigen vielmals das Web als Flut vor realen negativen Gefühlen. Manche zeigten Fehlzeiten am Arbeitsplatz oder in der Schule. Andere vernachlässigten Freundschaften in der realen Welt.

Die Drogenbeauftragte sagte, sie werde nun die Entwickelung von Standartverfahren zur besseren Diagnostik in Auftrag geben, um den Weg für therapeutische Behandlungsmöglichkeiten zu ebnen. Daher habe das Bundesgesundheitsministerium bereits eine weitere Studienarbeit in Auftrag gegeben, um detailreicher Daten zu ermitteln. So könne man rechtzeitige Erkennungsmöglichkeiten schaffen und frühzeitig therapeutisch intervenieren. Eins steht bereits jetzt fest, eine Therapie muss fest mit einer Stärkung des emotionalen Selbstwertgefühls verankert sein. Denn in der virtuellen Welt finden viele abhängige User ihre Anerkennung und Erfüllung, die ihnen in der normalen Welt vielmals verwehrt bleibt.

Hinweise für betroffene Eltern
Während der Studienvorstellung präsentierte Dyckmans eine Offline-Broschüre für Eltern, deren Kinder offenkundig Probleme mit der Verweildauer im Internet haben. „Wie immer kommt es darauf an, welche Angebote Eltern zum Ausgleich ihren Kindern unterbreiten können“, sagte Gritli Bertram, Sozialarbeiterin aus Hannover. Viele Kinder wissen nicht mehr, wie viel Spaß auch ein Brettspiel bereiten kann. Zumindest bei den jüngeren Kindern kann es Sinn machen, sie zum Spiel zu animieren. Wichtig ist, dass man dabei ist.“ Insgesamt sollten die Internetzeiten beschränkt werden. Ein völliges Verbot hält die Sozialpädagogin aber für übertrieben. „Handeln Sie mit ihren Kindern eine Zeit aus und geben Sie ihnen das Gefühl, mit entscheiden zu dürfen“.

An der repräsentativen Umfragestudie der Universitäten nahmen mehr als 15.000 Menschen zwischen 15 und 64 Lebensjahren teil. Die Studie ist bislang die einzige im Gebiet der Internetsucht, die jemals in Deutschland durchgeführt wurde. Bislang waren die unterschiedlichen Datenerhebungen noch zu gering, um tatsächliche Aussagen zu treffen. (sb)