Krebs aus reinem Zufall? Wer an Krebs erkrankt hat wahrscheinlich Pech

Alfred Domke
Die Entwicklung einer Krebserkrankung hängt stark vom Zufall ab
Jedes Jahr erkranken weltweit rund 14 Millionen Menschen an Krebs, etwa 8,8 Millionen Personen versterben daran. Fachleute verweisen immer wieder darauf, wie wichtig es ist, einen gesunden Lebensstil einzuhalten, um das persönliche Krebsrisiko zu reduzieren. Forscher berichten nun jedoch, dass Pech bei der Entstehung der Krankheit eine deutliche größere Rolle spielt, als bislang angenommen.

Zahl der Krebsneudiagnosen in Deutschland verdoppelt
Experten zufolge erkranken weltweit jährlich rund 14 Millionen Menschen an einer Krebserkrankung und etwa 8,8 Millionen Menschen versterben daran. Auch in Deutschland gibt es immer mehr Krebsneuerkrankungen. Die Zahl der Neudiagnosen hat sich hierzulande seit 1970 fast verdoppelt. Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) wird etwa jeder zweite Bundesbürger früher oder später daran erkranken.

Forscher haben festgestellt, das es bei manchen Krebsarten zu einem großen Teil vom Zufall abhängt, ob wer erkrankt. Ein gesunder Lebensstil ist dennoch ein wichtiger Beitrag zur Krebsprävention. (Bild: liukovmaksym/fotolia.com)

Viele Erkrankungen wären vermeidbar
Ein großer Teil aller Krebserkrankungen gelten als vermeidbar. Durch einen gesunden Lebensstil kann das Krebsrisiko deutlich reduziert werden. US-amerikanische Wissenschaftler berichten nun jedoch, dass Menschen, die an Krebs erkranken, häufig einfach nur Pech haben.

Dass die Gene und der Lebensstil eine Rolle dabei spielen, ob jemand an Krebs erkrankt, dürfte weitgehend unwidersprochen sein. Doch auch der Zufall hat hier großen Einfluss. Und zwar offenbar einen größeren als bislang angenommen wurde.

Laut einer Analyse von US-amerikanischen Forschern beruhen zwei Drittel aller Krebsmutationen auf zufälligen Fehlern bei der Teilung von Stammzellen.

Zwei Drittel der Krebserkrankungen auf DNA-Kopierfehler zurückzuführen
Wie die Wissenschaftler von der Johns Hopkins University in Baltimore in der Fachzeitschrift „Science“ berichten, legt ihre Studie nahe, dass 66 Prozent der Mutationen, die Krebs auslösen, auf DNA-Kopierfehler zurückzuführen sind, 29 Prozent auf Umwelteinflüsse und fünf Prozent auf erblich bedingte Mutationen.

Allerdings variiert die Zusammensetzung der drei Faktoren stark von Krebsart zu Krebsart. So beruhen bei Tumoren von Prostata, Gehirn und Knochen 95 Prozent der Mutationen auf zufälligen Fehlern, bei der Bauchspeicheldrüse 77 Prozent.

Bei Lungenkrebs hingegen entscheiden demnach Umweltfaktoren – vor allem das Rauchen – über etwa 65 Prozent der Mutationen.

Laut den Autoren müssen mehrere Mutationen zusammenkommen, ehe ein Tumor entsteht. Ein Großteil der Veränderungen in der DNA hat keine Folgen.

Rauchen vermeiden
Es werde aber nicht angezweifelt, dass rund 40 Prozent aller Krebsfälle vermeidbar seien. „Unsere Studien widersprechen der klassischen Epidemiologie nicht, sie ergänzen sie eher“, berichtet das Team.

„Es ist bekannt, dass wir Umweltfaktoren wie Rauchen vermeiden müssen, um das Krebsrisiko zu senken“, erklärte der Biostatistiker Cristian Tomasetti in einer Mitteilung seiner Universität.

„Weniger bekannt ist, dass eine normale Zelle, die sich teilt und ihre DNA kopiert, jedes Mal mehrere Fehler macht“, so der Wissenschaftler.

Patienten sind nicht immer an ihrer Erkrankung schuld
Bereits vor zwei Jahren hatte eine Veröffentlichung derselben Forscher für viel Diskussionsstoff gesorgt. Einer der Hauptkritikpunkte damals lautete, dass der Einfluss zufälliger Mutationen zu sehr in den Vordergrund gerückt worden sei.

Zudem wurden den Autoren methodische Fehler vorgeworfen. Damals wurden nur Daten aus den USA und häufige Krebsarten wie Brust- oder Prostata-Krebs miteinbezogen.

Der aktuellen Studie liegen nun Zahlen zur Häufigkeit von 32 unterschiedlichen Krebserkrankungen aus 69 Ländern vor, in denen zwei Drittel der Weltbevölkerung leben.

Manche Krebsarten können demnach auftreten, „egal wie perfekt die Umwelt ist“, sagte der Onkologe Bert Vogelstein.

Für Patienten, die trotz gesunder Lebensführung an Krebs erkranken, könne dies ein kleiner Trost sein. „Es ist nicht ihre Schuld“, betonte der Mediziner. „Hinter der Krankheit steckt nichts, was sie getan oder nicht getan haben.“

Zwei Formen der Krebsprävention
Die Studienautoren empfehlen zwei Formen der Krebsprävention: Bei Tumorarten, bei denen die Umwelt eine wichtige Rolle spielt, solle man Tipps zur Vorbeugung geben. Bei den Tumoren, die insbesondere vom Zufall abhängen, sei dagegen eine gute Früherkennung gefragt.

Wenn es um Maßnahmen zur Krebsvorbeugung geht, wird vor allem der Kampf gegen das Rauchen genannt.

Eine weitere Möglichkeit zur Reduzierung des persönlichen Krebsrisikos ist, den Alkoholkonsum einzuschränken. Denn Alkohol kann laut wissenschaftlichen Erkenntnissen Auslöser von sieben verschiedenen Krebsleiden sein.

Des Weiteren wird empfohlen, auf eine gesunde Ernährung zu achten, sich regelmäßig zu bewegen und Übergewicht zu vermeiden. Letzteres erhöht laut einer aktuellen Studie die Risiken bei elf Krebs-Krankheiten.

Die meisten Mutationen spielen vermutlich keine Rolle
„Ein Verständnis des Krebsrisikos, das Pech ignorieren würde, wäre ebenso unangebracht wie eines, das Umwelt- und Erbfaktoren nicht berücksichtigen würde“, meinte Martin Nowak von der Harvard University in einem „Science“-Kommentar.

„Die erste Analyse von Tomasetti und Vogelstein hat bereits viele Diskussionen verursacht, und die neuen Resultate werden das ebenfalls tun. Die Ergebnisse zeigen einen eindeutigen Bedarf, Krebs mathematisch präzise zu verstehen.“

Andreas Trumpp vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg sieht das offensichtlich ähnlich. „Mathematisch verstehen wir die Entwicklung eines Tumors im Detail noch nicht“, erläuterte der Experte laut einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa. „Dazu ist die Datenlage bisher zu dünn.“

Die Studie weise jedoch darauf hin, dass die Zahl der Stammzellteilungen das Krebsrisiko stark beeinflusst. „Die allermeisten Mutationen spielen wahrscheinlich keine Rolle“, so Trumpp.

„Aber wenn die Mutation einer Stammzelle ein wichtiges Gen betrifft, wird sie möglicherweise an Milliarden Nachkommen lebenslang weitergegeben und kann die Saat für eine Krebserkrankung bilden.“

Letztlich hänge es von der Tumorart ab, wie groß die Rolle von Umwelt, Erbfaktoren und Zellteilungen sei. (ad)

Advertising