Abgelaufene Medikamente länger wirksam

Heilpraxisnet

Abgelaufene Medikamente länger wirksam

07.07.2014

Wie Untersuchungen andeuten, sind Medikamente viel länger wirksam als von den Herstellern angegeben wird. Doch eine Garantie, dass noch alle Inhaltsstoffe wirken, gibt es nach Ablauf des Verfallsdatums nicht. Diese Arzneimittel werden daher – als Sondermüll – entsorgt.

Ende Juni und Ende Dezember sind Stichtage
Vor wenigen Tagen hat das große Ausmisten wieder begonnen. Ständig kommen nun Tablettenpackungen von den Stationen der Charité zurück zu Matthias Nordmann, wie die „Berliner Morgenpost“ berichtet. Er arbeitet als stellvertretender Leiter in der Apotheke des Klinikums in Berlin und muss nun billige und teure Arzneimittel wie Infusionslösungen oder Schmerztropfen entsorgen lassen – viele davon noch verpackt wie neu. Da letzten Dienstag der Juli begann, wurden viele der Medikamente, die am Vortag noch an Patienten hätten verteilt werden dürfen, zu Sondermüll. Wie Nordmann erklärte, seien Ende Juni und Ende Dezember die Stichtage, an denen die meisten Medikamente verfallen. „Es tut weh, zu sehen, was dann an Müll anfällt“, so Nordmann laut der „Berliner Morgenpost“. Doch die rechtliche Lage sei nun mal so.

Keine Garantie für Wirksamkeit
Von den Medikamenten-Herstellern wird nach Ablauf des Verfallsdatums nicht mehr garantiert, dass noch alle Inhaltsstoffe wirken und dass die Tabletten oder Lösungen noch rein sind. Die Charité hat sich streng daran zu halten. Doch offenbar gäbe es in manchen Fällen auch andere Möglichkeiten. So war etwa Ende vergangenen Jahres in Mecklenburg-Vorpommern bei einem großen Teil der vorgehaltenen Grippe-Notfallmedikamente für 342.000 Patienten das Haltbarkeitsdatum abgelaufen. Doch ein Sprecher des Sozialministeriums erklärte damals gegenüber der Nachrichtenagentur dpa, dass die Medikamente weiterhin verwendet werden könnten. Dies hätten Prüfungen der Wirkstoffe ergeben.

Untersuchungen deuten längere Haltbarkeit der Wirkstoffe an
Bei der Charité werden die abgelaufenen Arzneimittel von einem Unternehmen abgeholt und verbrannt. Doch ob dies immer nötig wäre, ist fraglich. So lasse beispielsweise die Aufsichtsbehörde in den USA untersuchen, ob man die Verfallsdaten von Medikamenten nicht verlängern kann. Forscher untersuchten dort in einer Studie Tabletten, die schon seit Jahrzehnten verfallen waren. Die Wirkstoffe seien fast in allen noch vollständig enthalten gewesen, wie die Zeitung schreibt. Die Hersteller verweisen hingegen auf die eigenen, aufwendigen Tests zur Haltbarkeit, die sie vor der Zulassung einer Arznei durchführen müssen. Die Ablaufdaten seien keineswegs willkürlich gesetzt.

Hausapotheke regelmäßig kontrollieren
Der Leiter des Bereichs Pharmazie beim Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie, Thomas Brückner, erklärte, dass er zugeben müsse, seinen privaten Arzneimittelschrank nicht so regelmäßig nach abgelaufenen Packungen zu durchforsten, wie man das sollte. Er würde aber niemals eine Tablette einnehmen, nicht mal Ibuprofen gegen Kopfschmerzen, deren Verfallsdatum überschritten sei. „Es gibt keine Garantie mehr, dass die Medikamente dann noch so wirken wie vorgesehen.“, so der Apotheker. Experten raten dazu, die eigene Hausapotheke mindestens ein- bis zweimal im Jahr zu kontrollieren und abgelaufene Präparate und solche, die bereits seit über sechs Monaten angebrochen sind, zu entsorgen. Zur Grundausstattung jeder Hausapotheke gehören neben Verbandszeug unter anderem auch Wunddesinfektionsmittel sowie Arzneien gegen Schmerzen, Fieber, Verdauungsbeschwerden, Bauchschmerzen, Sodbrennen oder Durchfall.

Tests vor Zulassung
Bevor ein Medikament zugelassen wird, müssen unter anderem Stabilitätsstudien durchgeführt werden. So werden drei Klimazonen simuliert, wobei es beim Stresstest 40 Grad warm ist. Es wird untersucht, ob der Wirkstoff abbaut und ob die „galenische Formulierung“ stabil bleibt. Gemeint ist damit die Form, in der ein Wirkstoff verpackt ist. Die Tests werden nach drei Monaten zum ersten Mal und nach 36 Monaten zum letzten Mal wiederholt. Dann werden die Ergebnisse den Zulassungsbehörden vorgelegt, die das Verfallsdatum festlegen. Doch auch, wenn die Haltbarkeit nicht über den Zeitraum von drei Jahren hinaus getestet werde, gebe es Mittel, die erst nach fünf Jahren verfallen. „Aber mehr als fünf Jahre schafft kaum eine Arznei. Es können etwa Wechselwirkungen mit der Verpackung auftreten. Und wenn die Medikamente im Bad lagern, bei feuchter Wärme, beschleunigt das die Verfallsprozesse noch“, so Brückner. (ad)

Bild: I-vista / pixelio.de