Abgespeckte Elektronische Gesundheitskarte

Sebastian

Sehr abgespeckte Elektronische Gesundheitskarte

07.12.2011

Derzeit sind die gesetzlichen Krankenkassen dabei, die elektronischen Gesundheitskarten an die rund 70 Millionen Versicherten in Deutschland zu verteilen. Doch bislang können die neuen Karten nur sehr wenig, eine Anbindung ans Internet soll nur abgespeckt funktionieren. Eine flächendeckende Verteilung mit voller Funktionstüchtigkeit ist erst für das Jahr 2015 geplant. Die Gesundheitskarte heute können fast nicht mehr als die alten Krankenkassenkarten.

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Alle Krankenkassen sind dazu aufgefordert, die neuen elektronischen Gesundheitskarten an ihre Mitglieder zu verteilen. Eigentlich sollte die neue Kassenkarte bereits vor vier Jahren flächendeckend ausgegeben sein. Immer wieder gab es technische und datenschutzrechtliche Bedenken, die die Einführung weiter verzögerten. Bis heute schätzen Experten die Entwicklungskosten auf rund 600 Millionen Euro. Ob die Kosten wieder eingespielt werden können, steht noch in den Sternen.

Nur Basis-Funktionen bei der elektronischen Gesundheitskarte umgesetzt
Nun soll die neue Gesundheitskarte möglichst schnell mit zusätzlichen Online-Funktionen ausgestattet werden. Einen entsprechenden Plan für die Internetanbindung hat die Gesellschafterversammlung des Entwickler-Konsortiums „Gematik“ vorgelegt. Auffällig ist, dass einige angedachte Funktionsweisen zunächst verschoben werden, um weitere zeitliche Verzögerungen durch eine Vielzahl von Vorgaben zu vermeiden. So werden die neuen Karten zunächst nur mit Online-Basisfunktionen an den Start gehen. Demnach ist nur der Abgleich der Personenbezogenen Daten des Kassenpatienten zwischen Arzt und Krankenkasse sowie eine elektronische Signatur zur verbindlichen Unterzeichnung von beispielsweise Arztbriefen möglich. Mehr wird die neue Karte technisch nicht bewerkstelligen können.

Bei ersten Testdurchläufen traten immer wieder Fehler auf. So waren zeitliche Verzögerungen bei Abruf der Daten zu beobachten, weil das Auslesen der Daten nur sehr schleppend funktionierte. Daraufhin reagierte die Ärzteschaft zurückhaltend bis kritisch auf die Einführung der Gesundheitskarte. Laut einer damaligen Erhebung der Techniker Krankenkasse gaben zwei Drittel der befragten Mediziner ab, dass das System zunächst stabil gestaltet werden sollte, bevor die neuen Karten eingeführt werden. Die Befürchtungen waren groß, dass ansonsten das blanke Chaos in den Praxen ausbrechen könnte, wenn es immer wieder Datenabbrüche passieren. Vor allem deshalb werden die Karten nun in einer sehr abgespeckten Version ausgestattet.

Patientenakte und Medikamentenrezepte noch Zukunftsmusik
Weitergehende Anwendungsmöglichkeiten wie elektronische Arzneimittelrezepte, Patientenakten oder elektronische Arztbriefe werden zunächst nicht umgesetzt. Durch das „stufenweise Vorgehen“ würde zunächst eine „Planungssicherheit für alle Beteiligten“ geschaffen werden, erläuterte Carl-Heinz Müller, Vorsitzender der Gesellschafterversammlung und Vorstand des Bundesverbandes der Kassenärzte. "Durch die Flexibilität der Lösung können aber auch unabhängig voneinander weitere medizinische Anwendungen eingeführt werden, sobald diese die notwendige Reife erreicht haben.", sagte Müller.

Zunächst sollen augenscheinlich die Datenverbindungen in den Arztpraxen eingerichtet werden und geprüft werden, ob der Standard für die Datenübertragungen sich in der Praxis als sicher bewährt. Vor allem in diesem Punkt gab zahlreiche Kritikpunkte in der Vergangenheit. Die Gesellschafter gehen anscheinend davon aus, dass die Hersteller der Praxissoftware dann eher bereit sind, die Basics für die Online-Patientenakten zu schaffen. Letztere sollen auch kritische Ärzte überzeugen, dass eine Internetanbindung nicht nur für die Krankenkassen von Vorteil sind, sondern auch den Arztpraxen zahlreiche Erleichterungen verschaffen. Aus dem gleichen Grund wurde auch die elektronische Signatur im ersten Schritt des Online-Rollouts miteinbezogen.

Vertreter der Ärzteschaft zeigten sich nach der Gesellschaftsversammlung zufrieden. Gematik plant nunmehr eine neue Ausschreibung für die technische Realisierung Online-Anbindung zu veröffentlichen. Anfang 2013 sollen im Anschluss erste Testreihen unternommen werden, um die Online-Technik zu verbessern. Sind die Testungen abgeschlossen und treten nicht wieder Probleme auf, könnte die vollständige Gesundheitskarte im Jahre 2015 bundesweit online gehen.

Mehrheit der Arztpraxen und Krankenhäuser mit Terminals ausgestattet
Mittlerweile verfügt ein Großteil der Arztpraxen und Kliniken über Karteneinlesegeräte. Über 85 Prozent haben laut Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Fördergelder für die Anschaffung beantragt. Anhand der erteilten Zulassungen könne erkannt werden, dass die Versorgung von über 95 Prozent der Kassenpatienten nunmehr abgedeckt ist, wie die Gesellschaft Gematik erklärte. Das Bundesgesundheitsministerium hatte im Oktober den Kassen vorgegeben, mindestens 10 Prozent der Versicherten mit neuen Krankenkassenkarten zu versorgen. Eigens hierfür hatten die Krankenkassen Onlineportale eröffnet, damit Versicherte beispielsweise ihre Passbilder hochladen konnten. Aufgrund dieser und anderer Maßnahmen kann die Quotenvorgabe der Bundesregierung bis zum Jahresende erfüllt werden. (sb)