ADHS: Verschreibung von Ritalin wird eingeschränkt

Fabian Peters

Gemeinsamer Bundesausschuss will die Verschreibung von ADHS Arzneimitteln wie Ritalin einschränken.

(20.09.2010) Unruhige und zappelige Kindern werden all zu häufig als Störfaktor im Schulbetrieb wahrgenommen – die schnell getroffene Diagnose lautet dann meist ADS bzw. ADHS. Anschließend werden die betroffenen Kinder meist mit Arzneimitteln behandelt, die „Methylphenidat“ enthalten. Der Gemeinsame Bundesausschuss will dieses Vorgehen jetzt jedoch unterbinden, da die Nebenwirkungen der Arzneien zu gravierend sind und mit der Verschreibung in der Vergangenheit zu leichtfertig umgegangen wurde.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist das höchste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten, Zahnärzten, Psychotherapeuten, Krankenhäusern und Krankenkassen. Hier wird anhand von Richtlinien der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) festgelegt, d. h. bestimmt für welche medizinischen Leistungen eine Erstattung durch die GKV erfolgt. Darüber hinaus ist der G-BA zuständig für Maßnahmen zur Qualitätssicherung im ambulanten und stationären Bereich des Gesundheitswesens.

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Dass der G-BA jetzt die Abgabe der methylphenidat-haltigen Psychoanaleptika für Kinder und Jugendliche wegen möglicher Risiken reduzieren will, hat mehrere gute Gründe. Zum Einen sind die Nebenwirkungen der Präparate erheblich, so dass die gängige Dauermedikation in Augen des Ausschusses mehr als fahrlässig erscheint. Zum Anderen wurden in den vergangenen Jahren immer mehr derartiger Arzneimittel verschrieben, wobei die Verabreichung von Ritalin und Co. nach Ansicht des G-BA relativ häufig auf einer Falschdiagnose beruhte. So sind Allgemeinärzte ohne zusätzliche Ausbildung nach Einschätzung des G-BA nicht in der Lage, eine sinnvolle Entscheidung über die Verschreibung von methylphenidat-haltigen Arzneimitteln zu treffen. 2007 erhielten nach Schätzungen der Fachleute rund 407.000 Patienten in Deutschland Arzneimittel mit dem Wirkstoff Methylphenidat, 2008 waren es gut 5 Prozent mehr. Jahr für Jahr steigt die Zahl der ADS- bzw. ADHS-Patienten, die mit derartigen Präparaten behandelt werden, wobei über 50 Prozent der methylphenidat-haltigen Arzneimittel von Kinderärzten verschrieben wurden.

Um der besorgniserregenden Entwicklung entgegen zu wirken, sollen in Zukunft nur noch Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen (Kinder- und Jugendpsychiater mit Sozialpsychiatrie-Vereinbarung) den umstrittenen Wirkstoff verschreiben können. Dabei muss eine eindeutige Diagnose vorliegen und die Betroffenen sollten über psychologische, pädagogische und heilpädagogische Angebote als Alternativen zum Methylphenidat -Einsatz aufgeklärt werden. Auch muss nach Auffassung des G-BA jedem ADS- bzw. ADHS-Patienten klar sein, dass Präparate wie Ritalin, Concerta, Medikinet oder Equasym lediglich die Symptome des „Zappelphilippsyndroms“ einschränken, aber nicht die Ursachen der Erkrankung bekämpfen. In keinem Fall sollte eine Dauermedikation ohne Unterbrechungen erfolgen. Vielmehr ist die Verabreichung der Arzneimittel regelmäßig auszusetzen, um die Auswirkungen auf den gesundheitlichen Zustand der Kinder zu prüfen, betonte der unparteiische Vorsitzende des G-BA, Dr. Rainer Hess. Um Gültigkeit zu erlangen, müssen die neuen Arzneimittel-Richtlinien noch vom Bundesgesundheitsministerium bestätigt und im Bundesanzeiger veröffentlicht werden.

Die Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) bzw. die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sind seit über 100 Jahren in der Medizin bekannt. Die Zahl der Diagnosen hat jedoch erst in den letzten Jahrzehnten massiv zugenommen, so dass die Krankheit bisweilen als Phänomen der modernen Industriegesellschaft gilt. Es können nicht nur Kinder und Jugendliche sondern ebenso Erwachsene betroffen sein. ADS- bzw. ADHS-Patienten sind in ihrer Konzentrationsfähigkeit stark beeinträchtigt und haben Schwierigkeiten ihre Impulse zu kontrollieren. Viele der rund 500.000 in Deutschland betroffenen Kindern sind zudem hyperaktiv, wobei Jungen im Schnitt etwa drei mal so häufig an ADS / ADHS leiden wie Mädchen.

Da der Organismus bei Heranwachsenden noch besonders empfindlich auf die Verabreichung von Psychoanaleptika reagiert, ist die kontinuierliche Behandlung mit methylphenidat-haltigen Arzneimitteln bei ihnen besonders kritisch zu bewerten. Hinzu kommt, dass in den USA mehrere Studien durchgeführt wurden, die den Schluss nahe legen, dass dort rund eine Millionen Kinder mit einer falschen ADHS Diagnose leben. Ähnlich dürfte es nach Einschätzung der Experten auch mit der Anzahl der falsch erstellten ADHS-Diagnosen in Deutschland aussehen, wobei alleine die Betrachtung der gängigsten Kriterien zur Ermittlung einer ADHS-Erkrankung verdeutlicht, wie es zu derartig vielen Falschdiagnosen kommen kann. Denn Aussagen wie „beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei der Arbeit oder bei anderen Tätigkeiten“ bzw. „hat Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben aufrechtzuerhalten“ oder „lässt sich oft durch äußere Reize leicht ablenken“, treffen auf relativ viele Kinder zu. Wer sein Kind nach einer entsprechenden Diagnose nicht dem dauerhaften Medikamente-Konsum aussetzen will, dem bieten sich aus naturheilkundlicher Sicht verschieden Varianten der Psychotherapie sowie alternativ das Neurofeedback als Spezialform des Biofeedback-Trainings an. (fp)