Adipositas: Je dicker, desto mehr fühlen sich Betroffene diskriminiert

Sebastian
Schwere Last: Adipöse Menschen fühlen sich diskriminiert
Je höher das Übergewicht ist, desto stärker fühlen sich Menschen diskriminiert. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie aus Leipzig. Die Forscher bestätigten damit Untersuchungen aus den USA und Großbritannien in Bezug auf gewichtsbedingte Diskriminierung auch in Deutschland. Davon betroffen sind vor allem Frauen.

Adipositas mit körperlichen und psychischen Folgen
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat vor kurzem gewarnt: Die Europäer werden immer dicker. Demnach leiden immer mehr Menschen in den europäischen Ländern an Übergewicht oder gar Adipositas (Fettleibigkeit). In der Region drohe eine „Übergewichts-Krise enormer Ausmaße“ bis zum Jahr 2030. Betroffene haben nicht nur mit den körperlichen Folgen zu kämpfen. Übergewicht erzeugt auch psychische Erkrankungen, wie Forscher des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums (IFB) Adipositas-Erkrankungen der Universität Leipzig Anfang des Jahres berichteten. Wissenschaftler des IFB untersuchten nun ein Phänomen, auf das bereits Studien aus den USA und Großbritannien hingewiesen hatten: Diese kamen zu dem Ergebnis, dass Menschen mit starkem Übergewicht auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt diskriminiert werden. Auch die deutschen Forscher stellten nun fest: Viele Menschen mit Adipositas in Deutschland haben Diskriminierung erfahren.

Um so dicker ein Mensch ist, um so mehr erlebt die Diskriminierung. Bild: viperagp - fotolia
Um so dicker ein Mensch ist, um so mehr erlebt die Diskriminierung. Bild: viperagp – fotolia

Diskriminierung kein Einzelphänomen
Die Wissenschaftler, die ihre Ergebnisse im Fachmagazin „International Journal of Obesity“ veröffentlichten, berichten in einer Pressemitteilung, dass je größer das Übergewicht ist, umso stärker erfahren die Betroffenen Diskriminierung. Während bei Übergewicht 5,6 Prozent der 3.000 Befragten von Diskriminierung berichten, sind es bei leichter bis mittlerer Adipositas zehn bis 18 Prozent und bei schwerer Adipositas sogar fast 40 Prozent. Den Angaben zufolge beruhen die Zahlen auf den Selbstauskünften der Erhebungsteilnehmer auf die Frage, ob sie schon einmal Benachteiligung aufgrund ihres Körpergewichts erlebt haben. Die Leiterin der IFB-Forschungsgruppe „Stigmatisierung bei Adipositas“, Dr. Claudia Luck-Sikorski, hob hervor, „dass in dieser Studie zum ersten Mal das Ausmaß gewichtsbedingter Diskriminierung in Deutschland deutlich wurde. Es handelt sich also nicht nur um ein Einzelphänomen, sondern betrifft vor allem Frauen mit höherem Gewicht. Während 7,6 Prozent der Männer mit Adipositas über gewichtsbedingte Diskriminierung berichten, ist dieser Wert bei Frauen mit 20,6 Prozent ungleich höher.“

Adipositas als Krankheit definieren
Den Experten zufolge bestehe rechtlicher Handlungsbedarf. Voraussetzung wäre, Adipositas als ernstzunehmende Krankheit zu definieren. Die WHO erkennt sie seit dem Jahr 2000 als chronische Erkrankung an. In Deutschland definiert die Bundesärztekammer Adipositas lediglich als Risikofaktor für weitere Erkrankungen. Das Team aus Leipzig kooperierte mit der Juristischen Fakultät der Universität Kopenhagen. Die dänische Rechtswissenschaftlerin Prof. Mette Hartlev erklärte: „Diskriminierung ist die Benachteiligung einer Gruppe von Menschen mit bestimmten Merkmalen. Dazu zählen zum Beispiel Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Alter oder Behinderung. Die aktuelle Untersuchung zeigte nun für Deutschland, dass auch Adipositas dazu gehört. Ähnlich wie in den Bestrebungen zur rechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau, Behinderten und Nicht-Behinderten, müssten wir heute über gesetzliche Regelungen für adipöse Menschen nachdenken“

Stigmatisierung führt zu Diskriminierung
Die Diskussion dazu wurde in Dänemark durch den Fall eines adipösen Tagesvaters bereits angestoßen. Dem Mann, der Kleinkinder betreute, wurde nach 15-jähriger Tätigkeit gekündigt. Da er dies als Diskriminierung aufgrund seines Übergewichts empfand, klagte er dagegen. Das dänische Gericht wendete sich an den Europäischen Gerichtshof (EuGH). Weil es im EU-Recht kein Diskriminierungsverbot aufgrund von schwerer Adipositas gibt, müsse im Einzelfall geprüft werden, ob die Berufsausübung beeinträchtigt ist. Im Einzelfall könne starke Adipositas als Behinderung anerkannt werden, so der EuGH. In so einem Fall greift dann die EU-Richtlinie über die Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf. „Solche Fälle wie in Dänemark kommen auch in Deutschland vor. Sie sind aber nur die Spitze des Eisbergs“, sagte Luck-Sikorski. „Das zugrundeliegende Problem ist die negative Meinung und ablehnende Haltung gegenüber Menschen mit Adipositas. Diese Stigmatisierung führt letztlich zu Diskriminierung. Ziel unserer Forschung ist, diese Phänomene besser zu verstehen und Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Wir sehen aber auch den Gesetzgeber in der Pflicht.“ (ad)

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