Ärzte befürchten schlechteres Gesundheitssystem

Nina Reese

Befragung zeigt generelle Zufriedenheit – aber düstere Prognosen

02.04.2014

Wie zufrieden ist die deutsche Bevölkerung mit der Gesundheitsversorgung? Diese Frage stand im Zentrum des neuen „Gesundheitsreports 2014“, den das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Finanzdienstleisters MLP durchgeführt hat. Demnach bewerten 79% der Bürger das Gesundheitswesen hierzulande grundsätzlich als „gut“ bzw. „sehr gut“ – trotz deutlicher Befürchtungen und Skepsis in Hinblick auf zukünftige Entwicklungen.

Wie das Institut für Demoskopie Allensbach mitteilt, sind die Menschen hierzulande größtenteils mit der bestehenden Gesundheitsversorgung zufrieden. So hatte eine Repräsentativbefragung unter 2.088 Männern und Frauen ab 16 Jahren für den „MLP Gesundheitsreport 2014“ ergeben, dass 79% der Befragten das Gesundheitssystem sowie die Gesundheitsversorgung als „gut“ oder „sehr gut“ einschätzen (2012: 82%), 18% bewerteten diese hingegen als „weniger gut“ bzw. „gar nicht gut“.

69% der Bürger rechnen mit „Zwei-Klassen-Medizin“
Trotz der generell positiven Bewertung gab es aber auch deutliche Kritik und Skepsis seitens der Bevölkerung. Ein wichtiges Thema dabei: Wartezeiten. Hier hatten nach Angaben der MLP AG mehr als die Hälfte der befragten Männer und Frauen (54%) langwierige Terminvergaben und zu lange Aufenthalte im Wartezimmer (66%) beklagt – wobei die Unzufriedenheit bei den gesetzlich Krankenversicherten (57 Prozent) deutlich größer war als bei privat Versicherten (33%). Auch die Prognosen würden dem Finanzdienstleister nach bei Weitem nicht so positiv ausfallen wie der wahrgenommene Status Quo: So würden 74% davon ausgehen, dass es in den kommenden zehn Jahren zu steigenden Beiträgen in der gesetzlichen Krankenversicherung komme, 69% der Bürger würden zudem mehr und mehr mit einer „Zwei-Klassen-Medizin“ rechnen. Hinzu kommt die Befürchtung, dass Kassen zukünftig nur für die medizinische Grundversorgung aufkommen würden (63%), Ärzte weniger Zeit für die Patienten haben (61%) und generell mehr Eigenleistung bei Operationen und Arztbesuchen erbracht werden müssten (61%).

Ärzte befürchten noch stärkere Einschränkungen
Doch nicht nur die Bürger sehen mit Sorge in die Zukunft, auch unter Ärzten seien der MLP AG nach Befürchtungen und Sorge deutlich präsent. Das eder vierte Mediziner (24%) davon ausgehe, dass sich die Gesundheitsversorgung innerhalb der kommenden zehn Jahre „deutlich verschlechtern“ wird. Hier fielen die Prognosen sogar noch düsterer aus als unter den befragten Bürgern – so lag der Anteil derer, die befürchten, nicht mehr genug Zeit für die Patienten zu haben bei 78 Prozent, 75% rechnen mit einer Zwei-Klassen-Medizin.

Sorge vor finanziellen Schwierigkeiten in Kliniken
Nichts desto trotz hatten auch die Mediziner das derzeitige System bzw. die Gesundheitsversorgung mit großer Mehrheit (90%) als „gut“ bzw. „sehr gut“ bewertet. Auch die finanzielle Situation wird von den meisten Klinikärzten (58%) gegenwärtig als positiv betrachtet – hier hatte jedoch laut dem Finanzdienstleister bereits jeder Dritte auch von Schwierigkeiten berichtet, jeder zehnte Befragte sogar von sehr großen Problemen. Kein Wunder also, dass 71 Prozent der Mediziner davon ausgehen, dass sich die Situation in den kommenden 10 Jahren verschlechtern wird.

Klinikärzte wünschen sich bessere „Work-Life-Balance“
Im Bereich „Work-Life-Balance“ brachte der Gesundheitsreport die Unzufriedenheit vieler Klinikärzte zu Tage. Hier seien laut dem Institut für Demoskopie Allensbach Klagen über eine mangelnde Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf weit verbreitet, jeder zweite Arzt habe demnach von Problemen berichtet. Dabei seien Ärzte mehrheitlich der Ansicht (61%), dass die Chancen für eine gute Vereinbarkeit für niedergelassene Mediziner besser stünden, nur jeder Fünfte geht von besseren Möglichkeiten für eine gute Work-Life-Balance bei einer Anstellung im Krankenhaus aus.

Forderung nach mehr politischem Engagement
Angesichts der eher düsteren Prognosen sei laut dem Gesundheitsreport aus Sicht der Befragten die Politik in besonderem Maße gefragt: 62 Prozent der Bevölkerung sowie 79 Prozent der Ärzte fordern in der Gesundheitspolitik mehr Engagement – auch wenn die konkreten Maßnahmen aus dem Koalitionsvertrag bei beiden Gruppen offenbar auf Zustimmung stoßen. Wie die MLP AG berichtet, hatten beispielsweise 86% der befragten Bürger sowie 90% der Ärzte angegeben, es zu begrüßen, dass Patienten zukünftig grundsätzlich das Recht haben sollen, vor Operationen auf Kosten ihrer Krankenkasse eine zweite Fach- oder Krankenhausarzt-Meinung einzuholen. Dennoch gäbe es hier laut dem Vorstandsvorsitzenden von MLP, Dr. Uwe Schroeder-Wildberg noch deutlichen Aufholbedarf: „In die Debatte um die künftige Qualität im Gesundheitswesen ist zwar nicht zuletzt durch den Koalitionsvertrag etwas Bewegung gekommen. Aber unsere Ergebnisse zeigen, dass Bevölkerung und Ärzte in der angebrochenen Legislaturperiode noch deutlich mehr von der Regierung erwarten.“ (nr)

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